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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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62. Kapitel.

Marie Karoline war eine Zeitlang durch Nelsons Anwesenheit in Neapel von den furchtbaren Plänen, welche die Anklage gegen ihre Schwester ihr eingegeben, abgelenkt worden, sobald Nelson aber abgereist war, kehrten ihr Geist und Herz wieder nach der Conciergerie zurück, gleichwie die Magnetnadel, nachdem sie einen Augenblick und durch Zufall von ihrem Punkt abgewichen, unveränderlich zu dem Pol zurückkehrt. Unterdessen hatte der Prozeß gegen Marie Antoinette einen schnellen und verhängnisvollen Verlauf genommen. Vor das Revolutionstribunal verwiesen und am 1. August nach der Conciergerie gebracht, hatte Marie Antoinette am 12. Oktober ein Verhör gehabt und war am 16. zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Obgleich die Königin von Neapel sich wohl dachte, daß der Konvent Marie Antoinette, den Hauptgegenstand seines Hasses, nicht schonen würde, so war doch der Schlag nicht weniger furchtbar für sie, als sie die Hinrichtung ihrer Schwester erfuhr. Sie fiel in Krämpfe, die sie mit Drohungen und lautem Geschrei begleitete, und ihr Gesicht verzerrte sich dabei auf solche Weise, daß es sehr zu bezweifeln war, ob es je seine frühere Schönheit wieder erhalten würde. Wie bei dem Tode Ludwig XVI. befahl man öffentliche Trauer, Gebete in allen Kirchen und Totenprozessionen auf allen Straßen. Die Königin schloß sich in ihr Zimmer ein und wollte außer mir niemanden bei sich empfangen. Während der ersten acht Tage, welche den verhängnisvollen Nachrichten folgten, verließ ich die Königin keine Stunde. Ich schlief bei ihr, aß bei ihr, sie aber schlief weder, noch aß sie. Endlich vermochte sie zu weinen und fühlte sich durch die Tränen etwas erleichtert. Während dieser acht Tage aber hatte sie tausend Racheschwüre ausgesprochen, wie auch ich es tun mußte. Wie wollte sie sich rächen? Das wußte sie nicht. Wodurch sollte ich sie in ihrer Rache unterstützen? Das wußte sie ebensowenig. Wie Hamilkar es aber mit dem jungen Hannibal getan, so legte sie auch meine Hand auf den Altar und schrie: »Rache! Rache!« Was den König betraf, so schien er den ersten und zweiten Tag sehr erschüttert und besonders sehr erschreckt zu sein; am dritten Tag aber ging er unter dem Vorwand, sich zerstreuen zu wollen, auf die Jagd und kam unter einer Woche nicht wieder zum Vorschein. Jetzt war es, wo der Haß die Königin Karoline dem Minister Acton näher brachte. Dreimal des Tages ließ sie ihn holen, fragte ihn um Nachrichten über den Krieg und wenn sie ihn entließ, rief sie aus: »Sie, der Sie ein Mann sind, könnten doch ein Mittel zur Rache für mich finden.« Dann pflegte Acton sie so gut zu trösten, wie sie sich eben trösten ließ, indem er sagte, in welchen blutigen Zuckungen Frankreich seine Kräfte erschöpfe.

Eines Tages aber sah ich ihn bleich, mit zusammengekniffenen Lippen und vor Wut am ganzen Körper bebend eintreten. Als die Königin ihn bemerkte, wußte sie sogleich, daß er der Überbringer irgendeiner verhängnisvollen Nachricht war.

Karoline richtete sich hoch auf, und indem sie meine Hand, die sie bei dem Eintritt des Generals gefaßt hatte, heftig drückte, sagte sie: »Was ist denn wieder?« – »Die Republikaner haben Toulon wiedergenommen, Madame,« sagte Acton. – »Toulon!« rief die Königin, indem sie erbleichte, »sie haben Toulon wiedergenommen und vor ungefähr acht Tagen sagten Sie mir noch, daß Sie vom General Hood einen Brief empfangen hätten, in welchem er Ihnen geschrieben: »Wenn die Jakobiner mir Toulon wiedernehmen, so werde ich selbst Jakobiner.« – »Nun, es bleibt ihm jetzt weiter nichts übrig, als sich die rote Mütze bis über die Ohren zu ziehen.« – »Wie ist dies denn aber möglich? Ihrer Aussage zufolge waren die Belagerer Toulons ja Blödsinnige. Carteaux, der General Carteaux, sagten Sie, wäre unfähig, selbst eine Stadt dritten Ranges zu belagern.« – »Und ich sage es noch, Madame, nur hat man unglücklicherweise Carteaux abgerufen und Dugonnier an seine Stelle geschickt. Die Generale aber sind es nicht, die Toulon wiedergenommen haben; es ist vielmehr allem Anschein nach ein junger, vollkommen unbekannter Offizier, der zum ersten Male ins Feld gezogen.« – »Und wie heißt er?« – »Bonaparte.« – »Wer ist das, Bonaparte? Ist er ein Italiener?« – »Ja und nein.« – »Woher ja und nein?« – »Er ist ein Korse.« – Die Königin stampfte mit dem Fuße. »Toulon ist wiedergenommen!« wiederholte sie. Sie schwieg einen Augenblick, indem sie die Stirn runzelte und die Arme ausstreckte. »Und weiter weiß man nichts von diesem Bonaparte?« – »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich von ihm weiß, Madame. Die Nachricht ist von einer Handelsbrigg, die man im Hafen blockiert und die denselben zugleich mit der englischen und unserer Flotte verlassen, gebracht worden. Nur hat sie, da sie ausgezeichnet segelte, die beiden Flotten überholt und von einem kleinen Sturm unterhalb der Insel Elba gepackt, ist sie in drei Tagen von Pinosa bis hierher gekommen.« – »Wen haben Sie befragt?« – »Den Kapitän.« – »Kann ich diesen Mann nicht sprechen?« – »Nichts ist leichter, nur hat er mir bereits alles gesagt, was er wußte.« – »Wann hoffen Sie weitere Nachrichten zu erhalten?« – »Diesen Abend, diese Nacht, spätestens morgen früh.« – Jetzt blickte der General unwillkürlich nach der Küste. »Ah, sehen Sie, Madame,« sagte er, »dort kommt ein Schiff mit vollen Segeln auf uns zu und es ist mir, als ob ich am Horizonte noch mehr Schiffe auftauchen sähe.« – »Bringe das Fernrohr, Emma,« sagte die Königin.

Die Königin hatte wirklich vom Kapitän Nelson ein gutes Fernrohr verlangt, und dieser hatte ihr das beste, was es auf dem »Agamemnon« gab, gesandt.

Der General nahm es, und nachdem er es gestellt, richtete er es auf das Schiff, welches am Horizont erschien.

Und während er die Rohre wieder ineinanderschob, sagte er:

»Wenn ich mich nicht sehr irre, so werden wir noch vor zwei Stunden die genauesten Nachrichten und zwar von einem Mann erhalten, der sich von dem ganzen Vorgang nichts wird haben entgehen lassen.«

»Sie haben das Schiff also erkannt?« fragte Karoline.

»Ja, ich glaube, es ist die »Minerva«, deren Kapitän Francisco Caracciolo ist.« – »Ah,« sagte die Königin, »wenn er es ist, so teilen Sie ihm doch mit, daß ich ihn zu sprechen wünsche und zwar zuerst. Wenn Sie wollen, General, so begleiten Sie ihn; zuerst aber soll er hierherkommen.« – Der General verneigte sich und ging. Wir blieben allein. Die Königin nahm das Fernrohr wieder zur Hand und folgte der Korvette mit den Augen, bis diese in den Hafen eingelaufen war. Die Korvette aber hatte, noch ehe sie in den Hafen einlief, Signale mit dem Kastell d'Uovo gewechselt, so daß der Kapitän nicht einmal wartete, bis der Anker den Meeresgrund berührte, um in seine Jolle zu steigen und sich nach dem Hafendamme rudern zu lassen. In der Ferne sah man sechs bis acht andere Schiffe, die mehr oder minder beschädigt zu sein schienen, und je nach den Schäden die sie erlitten, mehr oder minder langsamer segelten.

Seitdem die Königin die Schaluppe, welche der Kapitän der Korvette bestiegen, aus den Augen verloren, blickte sie unverwandt auf die Tür.

Nach Ablauf von zehn Minuten hörten wir schnell näherkommende Schritte, die Tür öffnete sich und der General Acton selbst meldete: »Der Kapitän Caracciolo.« – Der Kapitän trat ein, machte eine tiefe Verbeugung, die es mir freistand als auch für mich geltend anzusehen, und erwartete die Fragen der Königin. »Nun, mein Gott! mein Herr!« sagte sie. »Ich habe soeben gehört, diese schändlichen Jakobiner hätten Toulon wiedergenommen! Ist das wahr?« – »Es muß wohl wahr sein, Madame,« erwiderte Caracciolo mit traurigem Lächeln, »da ich hier bin!« – »Und man hat Toulon also übergeben, ohne sich zu verteidigen?« – »Man hat sich verteidigt, Madame, denn von den unsern sind zweihundert Mann getötet und vierhundert zu Gefangenen gemacht worden.« – »Dann erklären Sie mir diese Niederlage, mein Herr, denn das ist doch eine Niederlage, nicht wahr?« – »Jawohl, Madame, und zwar eine Niederlage in der ganzen Bedeutung des Wortes und der ganzen Wirklichkeit der Sache.« – »Wer hat es denn aber vermocht, in wenigen Tagen den ganzen Stand der Dinge zu verändern?« – »Ein Mann von Genie, Madame.« – »Dieser Bonaparte?« – »Ja, dieser Bonaparte.« – »Was hat er denn getan?« – »Er hat den einzigen Punkt entdeckt, an welchem Toulon angreifbar war. Er hat diesen Punkt mit dem Bajonett genommen, und von demselben aus die Stadt beschießen lassen.« – »Und dann? Weiter, weiter! Sie sehen wohl, daß ich höre, mein Herr.« – »Nun, Madame, dann ... als man gesehen, wie die Haubitzen die Stadt einäscherten, als man die Kugeln durch die Straßen pfeifen hörte, als man gesehen, wie die Forts von Eguilette und Balagnier sich mit Klein-Gibraltar vereinigten, um Toulon zu zerstören, brach Streit zwischen den Engländern, Spaniern und Neapolitanern aus. Die Engländer, welche sich fest vorgenommen hatten, die Stadt zu räumen, ohne weder den Spaniern, noch uns etwas davon zu sagen, legten im Zeughaus, in den Magazinen der Marine und in den französischen Schiffen, die sie nicht mit fortnehmen konnten, Feuer an, begannen sich unter dem Feuer der französischen Batterien einzuschiffen und verließen diejenigen, die ihretwegen Frankreich verraten und die sie nun ihrerseits verrieten. Von jetzt an, Madame, entstand Verwirrung, Flucht und Unordnung! Die Engländer ließen auf die Royalisten schießen, die sich an den Seiten ihrer Schiffe anklammerten, um der Rache der Patrioten zu entrinnen. Ich hielt es für meine Pflicht, das Beispiel der Engländer nicht nachzuahmen, sondern habe ungefähr zwanzig Royalisten an Bord aufgenommen und unter anderen auch den Gouverneur der Stadt, den Grafen Mandes. Ich bringe die Unglücklichen mit hierher. Ob sie nun hier vor Hunger umkommen, wenn der König sich ihrer nicht erbarmt, oder ob sie dort erschossen oder guillotiniert werden, so ist dies ja einerlei.« – »Sie haben recht gehandelt, mein Herr,« rief die Königin, »und Ihre Royalisten werden nicht vor Hunger umkommen, das sage ich Ihnen, denn wenn der König sich weigert, ihnen Brot zu geben, so werde ich meine Diamanten verkaufen und den Armen Brot verschaffen.« Caracciolo verbeugte sich. »Ich weiß nicht, mein Herr,« fuhr die Königin fort, »ob mein Einfluß so weit geht, daß ich Sie zum Admiral ernennen lassen kann. Auf alle Fälle aber werde ich den König und Monsieur Acton um diese Gunst bitten, und wenn ich mich nicht täusche, so wird man Ihnen diese Belohnung gern gewähren.« – Karoline machte eine Handbewegung, Caracciolo verbeugte sich und ging. »Was meinen Sie denn zu der Sache, mein Herr?« fragte die Königin den General Acton. – »Ich meine, Madame, daß der Fürst Caracciolo die Engländer nicht leiden kann. Daher kommt ohne Zweifel die häßliche Rolle, die er meine Landsleute in dieser Angelegenheit spielen läßt.« – »Sie wollen hiermit also sagen, daß Sie, mein Herr, nicht meiner Meinung sein werden, wenn man im Staatsrat erörtern wird, ob der Grad, den ich für den Kapitän Caracciolo fordern werde, bewilligt werden soll?« – »Eure Majestät weiß,« sagte Acton, indem er sich verneigte, »daß ich stets Ihrer Meinung bin. Würde die Königin es jetzt nicht für gut finden, wenn ich schleunigst Order gäbe, daß die Schiffe und Menschen, die soeben in den Hafen gekommen, der Gegenstand der Pflege und der Sorge der Regierung sein sollen?« – »Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie! Lassen Sie die Verwundeten verbinden, die Kranken pflegen, und denen, die sich ausgezeichnet haben, Belohnungen erteilen, denn wir sind keine solche Großmacht, daß wir das Recht hätten, undankbar gegen unsere Verteidiger zu sein.« – Acton verließ uns.

Am Abend kehrte der König von der Jagd zurück. Gegen elf Uhr erkundigte sich die Königin nach allem, was er gesagt und getan. Er hatte ganz ruhig soupiert, hatte sich während seines Soupers die Ereignisse, von denen man soeben Kunde erhalten, erzählen lassen und war dann, ohne ein Wort zu sagen, zu Bett gegangen. Um Mitternacht bat mich die Königin, sie zu begleiten. Ich sah mit Erstaunen, daß sie einen Dolch und einen schwarzen Bleistift nahm, und als ich sie fragte, was sie zu tun im Begriff sei, sagte sie: »Komm nur mit und du wirst es sehen.« – Ich folgte ihr durch den stets einsamen Korridor, auf welchem der König gewöhnlich zu ihr kam. So gelangten wir an ein kleines Zimmer, welches sich vor dem des Königs befand. Hier blieb Karoline stehen und horchte, ob sich nirgends ein Geräusch vernehmen ließe. Es herrschte jedoch das tiefste Schweigen sowohl in dem Zimmer des Königs, der in tiefem Schlafe lag, als auch in dem Zimmer des diensttuenden Hofkavaliers. Die Königin näherte sich dem Schlafzimmer ihres Gatten, stieß den Dolch in die Tür und indem sie mir den schwarzen Bleistift gab, sagte sie: »Da der König deine Schrift nicht kennt, so schreibe hier um diesen Dolch die Worte, die ich dir sagen werde.« Ich setzte den Bleistift auf das Holz der Tür. – »Schreibe: Alle Moden kommen aus Frankreich.« Ich schrieb es. – »Jetzt komm,« sagte Karoline, »wir werden ja sehen, ob der König morgen früh ebenso gut frühstücken wird, wie er heute abend soupiert hat!«

Am nächsten morgen um acht Uhr kam der König schreckensbleich im Schlafrock zur Königin hereingestürzt, zeigte ihr mit zitternder Hand den Dolch und wiederholte mit einer Stimme, die durch das Klappern seiner Zähne unterbrochen ward, die Worte, welche ich an die Tür geschrieben. Karoline schien nicht weiter erstaunt zu sein. – »Das beweist,« sagte sie, »daß sogar in unseren Palast bereits Jakobiner eingedrungen sind.« – »Was sollen wir aber tun?« rief der König verzweifelt. – »Gerade das Gegenteil von dem, was Karl I. und Ludwig XVI. getan haben,« erwiderte die Königin, »den Jakobinern vorgreifen und sie umbringen, damit wir nicht umgebracht werden.« – »Ja, das will ich auch,« sagte der König; »wen aber sollen wir töten? – »Die Jakobiner.« – »Wir wollen uns das einmal klar machen,« sagte der König, der mit seinem einfachen Menschenverstand nicht begreifen konnte, was die Königin unter den Jakobinern verstand. »In Frankreich sind allem Anscheine nach die Jakobiner Sansculotten mit roten Mützen, welche lästernde und mordbrennerische Journale schreiben, hier sind die Jakobiner anständige, unterrichtete, ja gelehrte Männer, die gute Bücher oder wenigstens solche schreiben, welche man für gute Bücher hält. In Frankreich heißen die Jakobiner Santerre, Collot, d'Herbois, Hubert, sie sind Bierhändler, ausgepfiffene Komödianten, Verkäufer von Kontremarken. Hier dagegen heißen die Jakobiner Hektor, Caraffa, Cirillo, Conforti, das heißt, sie gehören dem ersten Adel und den medizinischen und juristischen Wissenschaften an. Gibt es denn wie in so vielen anderen Dingen, auch unter den Jakobinern einen Unterschied?« – »Ja,« erwiderte die Königin, »es gibt auch unter den Jakobinern einen, und je unterrichteter, vornehmer und reicher die unsrigen sind, desto mehr muß man sie fürchten. In Frankreich ist das Volk schlecht und die Klasse der Gebildeten gut, hier ist im Gegenteil das Volk gut und die Klasse der Gebildeten schlecht.« – »Gut! Also heute ist das Volk gut! Warum haben Sie es denn da so verachtet, als es mir Beifall klatschte, als es mich Makkaroni essen sah und als es auf den Tritt meines Wagens stieg, um mich an der Nase zu zupfen und mich in die Ohren zu kneifen?« – »Weil ich es damals nicht kannte, heute aber kenne ich es und lasse ihm Gerechtigkeit widerfahren, ja ich habe bereits das vor Ihnen voraus, daß ich es bereits getan habe. Gewiß, das Volk hat seine guten Seiten, beim heiligen Januarius aber, es hat auch seine schlimmen. Der Mann aber, der heute nacht in den Palast eingedrungen ist, der den Dolch in die Tür Ihres Zimmers gestoßen und die Worte um denselben geschrieben hat: »Alle Moden kommen aus Frankreich «, ist kein Mann aus dem Volke gewesen, denn er hat es nicht im neapolitanischen Dialekt, sondern in schönem und gutem Italienisch geschrieben.« – »Das muß ich allerdings zugeben. Es ist dies so wahr, daß ich schon im Begriff war, den armen Riario Sforza, der heute nacht Dienst bei mir hatte, festnehmen zu lassen; als er aber den Dolch sah, ward er, glaubte ich, noch bleicher und erschrak noch mehr als ich.« Die Königin ging an das Fenster und öffnete es. »Sehen Sie,« sagte sie zum König, indem sie ihm die Schiffe zeigte, die man am vorhergehenden Abend in der Ferne hatte auftauchen sehen, und die der Reihe nach mehr oder minder beschädigt in den Hafen einliefen, wie Seevögel, denen das Blei des Jägers die Flügel zerschossen hat. »Ist das nicht ein trauriges Schauspiel für die Menschheit? Eine Schande für die Regierung! Unsere Soldaten sind entweder niedergeschossen oder gefangen, unsere Flotte ist entmastet! Es ist dies ein Unglück für das ganze Volk und sehen Sie, ganz Neapel ist auf den Kais, um diesem traurigen Schauspiel beizuwohnen. Nun, wenn Sie können, verkleiden Sie sich, mischen Sie sich unter diese Menge, ohne erkannt zu werden, und Sie werden sehen, daß alle, die in Tuch gekleidet gehen, daß alle Reichen, Gelehrten, Patrizier, daß alle sich über unser Unglück freuen werden, während im Gegenteil die Halbnackten, die Unwissenden, die Armen weinen, wehklagen und die Franzosen verwünschen werden. Wenn die Franzosen kommen, so werden alle Ihre Ärzte, Ihre Gelehrten, Ihre Fürsten sich ihnen anschließen. Wer wird ihnen entgegentreten? Das Volk! Wer wird sich für Sie, mein Herr, umbringen lassen? Die Lazzaroni!« – »Hm!« sagte der König, »die Narren sind sehr geistreich, daß sie für jemanden oder für eine Sache das Leben hingeben! Zum Teufel! Es ist ein so angenehmes Leben, mit dem Kopfe in dem Schatten und den Füßen in dem Sonnenschein dazuliegen und nur aufzustehen, um Polichinelle, Morra spielen oder Makkaroni essen zu sehen.« – »Wenn die Franzosen kommen, werden Sie es schon sehen!« – »Na!« sagte der König mit einer Gebärde, die nur ihm allein eigen war, »die sind noch weit, die Franzosen! Sie müssen zu Lande kommen, da das Meer von Engländern beherrscht wird, und die letzteren ihnen in Toulon zwanzig Kriegsschiffe verbrannt und fünfzehn mit fortgenommen haben. Dann sind doch auch, wenn Toulon auch wiedergenommen ist, Mainz und Valenciennes es noch nicht, und die Vendée macht dem Konvent viel zu schaffen. Die republikanische Armee hat die Schlacht bei Wattigny gewonnen; wo liegt denn nur Wattigny? Ich glaube in Frankreich, nach Lille zu. Es liegt auf dem Wege nach Flandern und nicht auf dem Wege nach Neapel. Von anderer Seite habe ich sagen hören, daß unsere Verbündeten, die Engländer, Sankt Domingo genommen hätten.« – »Ich sage ja auch nicht, mein Herr, daß die Jakobiner in Frankreich, sondern daß die Jakobiner in Neapel zu fürchten sind.« – »Nun, die Jakobiner von Neapel, meine liebe Schulmeisterin, können Sie ja durch Medici festnehmen lassen; Sie haben Vanni, Guidobaldi und Castelcicala, welche Sie verurteilen können, und den Maestro Donato, der die Verurteilten hängen kann. Ich überlasse sie Ihnen, machen Sie mit ihnen, was Sie wollen. Nur möchte ich gern Cottugno behalten, der ein guter Arzt ist, und mein Temperament genau kennt; für alle übrigen aber, für die Gelehrten, Juristen, die Adeligen, die Conforti, die Pagano, die Caraffa, würde ich keine Prise dieses guten spanischen Tabaks hingeben, den mir mein Bruder Karl IV. zum Geschenk gemacht.... Ah, da fällt mir ein, daß ich mein Jagdjournal mit dem seinigen verglichen und gefunden habe, daß ich seit letztem Januar bis heute, also in einem Jahre weniger einige Tage, ein Drittel mehr Wild als er erlegt habe.« – »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu,« sagte die Königin, indem sie die Achseln zuckte. »Es ist allerdings eine sehr interessante Beschäftigung, in den gegenwärtigen Verhältnissen vom Morgen bis zum Abend zu jagen.« – »Glauben Sie denn, Madame, daß es die Revolutionäre verhindert haben würde, Toulon wiederzunehmen, wenn ich nicht gejagt hätte?« – »Ich weiß wirklich nicht, mein Herr,« sagte Karoline mit Verachtung, »ob Sie mehr Philosoph als Logiker, oder mehr Logiker als Philosoph sind, und ich rate Ihnen daher, sich einer dieser Wissenschaften oder beiden zu widmen, wenn Sie wollen, während ich Ihre Erlaubnis, die Talente Medicis, Vannis, Guidobaldis, Castelcicalas und die Donatos zu benutzen, annehmen werde. Gehen Sie, mein Herr, vergessen Sie Ihren Dolch nicht, behalten Sie ihn im Auge, denken Sie über die Worte nach, die um ihn herum geschrieben standen, und es werden heilsame Reflexionen daraus für Sie erwachsen. Gehen Sie heute auf die Jagd?« – »Nein, Madame, ich fische.« – »Ah, der Augenblick ist wirklich gut dazu gewählt! Fischen Sie, mein Herr! Fischen Sie nur, und wenn Sie zurückkommen, teilen Sie mir etwas über Ihre Fische mit.«

Der König, der sich bereits erhoben und einen Schritt nach der Tür gemacht hatte, blieb stehen. »Sie haben recht,« sagte er, »ich werde den Fischfang abstellen. Ich werde mich heute damit begnügen, einige Fasanen in Capodimonte zu schießen.« – Und er ging hinaus.

Karoline ließ den General Acton zu sich bescheiden und beide beschlossen:

»Daß noch an demselben Tage, zum Vorteil des Staatsschatzes, eine große Anzahl Kirchengüter veräußert werden sollten;

daß Neapel mit einer außerordentlichen Steuer von wenigstens hunderttausend Dukaten und der Adel mit einer Steuer von hundertundzwanzigtausend Dukaten zu belegen seien;

daß die Kirchen, die Klöster und die Kapellen von ihren goldenen und silbernen Gefäßen die hergeben sollten, die nicht durchaus gebraucht würden;

daß die Bürger ihre Kleinodien und Pretiosen verkaufen, dem Staatsschatz den Erlös derselben überliefern und dafür auf einen gewissen Termin ausgestellte Bankanweisungen erhalten sollten;

und daß endlich die Regierung, ohne sich an den etwaigen Lärm zu kehren, der daraus entstehen könnte, sich der öffentlichen Banken bemächtigen sollte.«

Zweihundertfünfzig Millionen waren das Ergebnis dieses Fischzuges.

Außerdem erhielt die Staatsjunta von der Königin selbst den Befehl, ihr Amt zu beginnen, was sie denn auch dadurch tat, daß sie auf Marie Karolinens Befehl hundert Personen festnahm.

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