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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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61. Kapitel.

Man wird sich der Antwort erinnern, die Desdemona auf die Frage des Senats von Venedig gab:

»Wie habt Ihr, die Ihr jung, schön und edel seid, den Mann lieben können, der weder edel, noch schön, noch jung ist?« – Desdemona erwidert: »Er erzählte mir von seinen Reisen, seinen Gefahren, Kämpfen und stundenlang hing meine Seele an seinen Lippen.« – Ungefähr ebenso war es, ich will nicht sagen mit dem ersten Gefühl der Liebe, sondern mit dem ersten Gefühl von Sympathie, welches mir Nelson einflößte. Er war ein rauher Seemann, eine Art John Bull, der symbolische Typus des englischen Volkes. Von den ehrgeizigsten Wünschen beseelt, ward er, da er fern von den Thronen geboren worden, bei der ersten Annäherung derselben, von dem Glanz geblendet, der von ihnen ausging. Hier ist seine Geschichte, wie er sie eines Abends der Königin und mir erzählte.

Er war am 29. September 1758 in einem kleinen Dorfe der Grafschaft Norfolk geboren. Demnach war er zu der Zeit, wo ich ihn kennen lernte, fünfunddreißig Jahre alt.

Er hatte Teneriffa noch nicht belagert und auch den korsischen Feldzug noch nicht mitgemacht; daher hatte er auch noch weder den rechten Arm, noch das linke Auge verloren. Er war der Sohn eines einfachen Geistlichen. Das Dorf, wo er geboren ward, hieß Burnham-Thorpes. Seine Mutter starb jung und hinterließ der Fürsorge des armen Dorfgeistlichen elf Kinder. Der Vater erzog sie sparsam und mit der milden Liebe, welche die Glieder einer armen und zahlreichen Familie miteinander verbindet. Er unterrichtete sie alle selbst, Knaben wie Mädchen, richtete aber seine Gesundheit dabei zu Grunde, und um dieselbe wieder herzustellen, war er genötigt, die Bäder von Bath zu brauchen. Der älteste Sohn, William Nelson, übernahm in der Abwesenheit des Vaters die Leitung der kleinen Kolonie. Die arme Familie hatte einen Verwandten, einen Bruder der Mutter, welcher mit der Familie Walpole verwandt war. Dieser Onkel war Schiffskapitän und hieß Morris Suckling. Eines Tages wollte der Zufall – wovon hängt oft das Schicksal der Menschen, selbst der gekrönten Häupter ab! – eines Tages wollte der Zufall, daß der kleine Horace Nelson während des Osterfestes in einer Zeitung las, daß sein Onkel den Oberbefehl über den »Reasonable«, ein Schiff von vierundsechzig Kanonen, erhalten hatte. »Bruder,« rief er, indem er sich an William wendete, »schreibe sogleich, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, an den Vater, und bitte ihn, meinen Onkel Morris zu fragen, ob ich mit ihm zur See gehen dürfte.« – Noch an demselben Tage ward der Brief abgeschickt. Als der Vater denselben las, rief er aus: »Ich glaube, Horatio ist dazu berufen. Ich würde nicht erstaunen, wenn er die höchste Mastspitze erkletterte!« Wirklich tat Nelson das auch. Suckling nahm den Vorschlag an, und der kleine Nelson, der so schmächtig wie eine Weidenrute war, ward an Bord des »Reasonable« aufgenommen. Horatio Nelson machte auf diesem Schiffe zwei Reisen, eine dritte auf dem »Triumph«, und nachdem das letztere desarmiert worden, schiffte er sich auf einem Kauffahrteischiffe ein. Bei seiner Rückkehr nach London fand er seinen Onkel als Direktor einer praktischen Seemannsschule auf demselben »Triumph«, auf dem er gesegelt, wieder. Er trat in diese Schule ein, da ihm aber dieses Leben auf süßem Wasser unerträglich, so ließ er sich freiwillig zum Teilnehmen an einer Entdeckungsexpedition nach dem Nordpol anwerben. Demgemäß begab er sich an Bord des »Race-Corse«. Nachdem das Schiff die äußersten Grenzen des Ozeans erreicht, blieb es zwischen den Eisbergen festsitzen. Bei einer dieser Expeditionen auf dem in Eis verwandelten Meere begegnete der junge Horatio einem Bären und griff diesen zuerst an, obgleich er weiter keine Waffe als ein Messer besaß. Von seinem furchtbaren Gegner fest umschlungen, wäre er beinahe zwischen den Armen des Ungeheuers erstickt, als einer seiner Gefährten den Bären ins Ohr schoß und tötete.

Nelson war sechzehn Jahre alt und noch so schwächlich, daß man ihn kaum für zwölf alt hielt. »Warum hast du bei deiner geringen Kraft,« fragte ihn der Kapitän, »einen solchen Gegner angegriffen?« »Ich wollte sein Fell meinem Vater und meinen Schwestern mitbringen,« erwiderte Nelson. Die rauhen Proben, denen das Meer die Seefahrer unterwirft, verdoppelten später Nelsons Kräfte und befestigten seine Gesundheit. Nachdem das Schiff aus den Eisfelsen befreit worden, befand es sich dann wieder im offenen Meere. Hierauf begab sich Nelson auf das Schiff »Sea Horse«, ein Schiff von zwanzig Kanonen, und befuhr den indischen Ozean. Nachdem er zwei Jahre an den Küsten desselben verweilt, wo die Luft vergiftet ist, kehrte der junge Seemann in einem Zustand solcher Kränklichkeit zurück, daß man glaubte, er würde sterben. Sechs Monate genügten jedoch, um ihn wieder herzustellen. Er benutzte die Zeit seiner Genesung dazu, um sich für seine Examina vorzubereiten, aus denen er siegreich und mit dem Grade eines Marineunterleutnants hervorging. Hierauf kämpfte er gegen Amerika, als es den Unabhängigkeitskrieg begonnen, verteidigte Jamaika gegen den Admiral Estaing, ging nach Südamerika und erneuerte hier die Heldentaten jener Küstenbrüder, deren Geschichte mit dem Zauber eines Romans bis zu uns gedrungen ist. Eines Tages schlief er bei einem seiner Streifzüge in den Wäldern von Peru am Fuße eines Baumes ein. Eine Schlange kroch in den Mantel, in den Nelson sich eingewickelt hatte.

Eine Bewegung, welche der Schlafende machte, störte die Schlange, welche ihn biß. Es war eine schwarze Schlange von der gefährlichsten Gattung. Das Gegengift, welches die Eingeborenen noch rechtzeitig innerlich und äußerlich bei ihm anwendeten, rettete den jungen Seemann, zum zweiten Male aber kam er todkrank nach England zurück. Er genas jedoch wieder, wenn auch nicht vollständig, und sein ganzes Leben hindurch fühlte er die Nachwirkung dieser Vergiftung. Drei Monate nach seiner Rückkehr erhielt er auf die Empfehlung des Lord Cornwallis den Oberbefehl über eine Brigg von 26 Kanonen, mit der er in der Nordsee kreuzte und die Küste Dänemarks kennen lernte. Im Frühling ward Nelson nach Nordamerika geschickt. Von vier französischen Fregatten verfolgt und umringt, entkam er dadurch, daß er mit seiner Brigg durch einen bis dahin für unzugänglich gehaltenen Paß segelte. Er berührte Kanada. Hier war es, wo Nelson zum ersten Male liebte, und an der Heftigkeit dieser ersten Leidenschaft konnte man sehen, welchen Einfluß die Liebe auf sein Leben haben würde. Um sich nicht von der Frau zu trennen, die er liebte, wollte er seine Entlassung einreichen, seinem Beruf entsagen und sein Schiff nach England zurückschicken, selbst aber zurückbleiben. Seine Untergebenen, die ihn anbeteten, behandelten ihn wie einen Tollen und beschlossen, ihn von seiner Tollheit zu heilen. Sie taten nämlich, als ob sie seinen Befehlen gehorchten, entfernten sich, kamen die Nacht zurück, drangen bis in sein Zimmer, fesselten ihn an Händen und Füßen, und nachdem sie ihn so in ihrer Gewalt hatten, schleppten sie ihn an Bord, lichteten die Anker und gaben ihm die Freiheit erst dann wieder, als man sich auf dem offenen Meer befand. Diese Leidenschaft erlosch nur, um einer andern das Feld zu räumen. Bei seiner Rückkehr nach England verliebte er sich in Mistreß Nisbett, eine junge Witwe von neunzehn Jahren und heiratete sie. Er nahm seine junge Frau und einen reizenden kleinen Knaben, namens Josua, einen Sohn aus ihrer ersten Ehe, mit in das Haus seines sterbenden Vaters und zum zweiten Male glaubte man ihn für den Seemannsberuf verloren. Und wirklich bedurfte es der Kriegserklärung Frankreichs gegen England, um ihn dem angenehmen Dunkel zu entreißen, in welches er sich geflüchtet. Die Admiralität suchte ihn in seinem Hause auf und übertrug ihm den Oberbefehl über den »Agamemnon«, mit dem er zum Geschwader des Admirals Hood im Mittelmeere zog. Er kam gerade noch zeitig genug, um an der Einnahme von Toulon teilzunehmen, nach welcher man ihn, wie man bereits gesehen, nach Neapel schickte, wo er Verstärkung holen sollte. Ich habe gesagt, wie er von dem König und der Königin empfangen ward. Einmal zum Kriege entschlossen, konnte Ferdinand nicht bessere Nachrichten wünschen, als wie Nelson sie ihm brachte. Man hatte offen und vollständig mit Frankreich gebrochen. Auf die Klage des Bürgers Mackau hatte man den Dieb der Papiere des französischen Gesandten festgenommen, vor ein Tribunal gestellt und freigesprochen, obgleich die Beweise seiner Strafbarkeit offenkundig vorlagen.

Wie die Königin aus den Briefen des Gesandten ersehen, hatte Mackau alle Wortbrüchigkeiten des Hofes von Neapel erkannt. Er hatte die Flotte in See gehen, Nelson ankommen sehen, das Echo der Artigkeiten, welche der König, wie die Königin dem Seehelden erwiesen, war bis zur französischen Gesandtschaft gedrungen, kurz, eines Morgens erhielt der Gesandte von seiner Regierung den Befehl, Neapel zu verlassen und war, über die neapolitanische wie päpstliche Regierung aufgebracht, abgereist. Mit ihm reisten die Gattin und die Tochter Basseville's, den man in Rom ermordet. Die eine beweinte den Vater, die andere den Gatten. Von der Terrasse des Palastes aus sahen wir Mackau sich auf ein neutrales Schiff begeben und da er seinerseits eine Gruppe Frauen den königlichen Zimmern gegenüber sah, so glaubte er, die Königin sei auch da und streckte die Arme drohend nach uns aus. Ich hatte jedoch in dem Gefolge des Gesandten für nichts Augen, als für jene beiden schwarzgekleideten Frauen, deren Trauer lauter um Rache schrie, als die drohende Gebärde des Gesandten. Nelson war von dem Empfange, der ihm vom Könige, von der Königin und Sir William bereitet worden, berauscht. Als ein Kind des Volks, fern vom Hofe geboren, fühlte er gleich wie ich den Zauber, den ein königliches Lächeln ausübt, tiefer als die Personen, welche von Geburt einen höheren Rang besitzen.

Hier folgt der Brief, den er am 14. September 1793 an seine Gattin schrieb:

»An Mistreß Nelson. Die Nachrichten, die ich gebracht habe, sind mit der größten Zufriedenheit aufgenommen worden. Nachdem der König mir zuerst einen Besuch an Bord des »Agamemnon« abgestattet, hat er sich zweimal nach meinem Befinden erkundigen lassen. Er nennt die Engländer die Retter Italiens und besonders die Retter seines Reiches. Übrigens habe ich für Lord Hood mit einem Eifer gearbeitet, wie niemand denselben weitertreiben kann, und ich übersende ihm den herrlichsten Brief, den die Hand eines Königs je geschrieben. Ich habe diesen Brief durch die Verwendung Sir William Hamilton's und des Premierministers, der ein Engländer ist, erhalten. Lady Hamilton empfindet anbetungswürdige Teilnahme für Josua. Diese Lady Hamilton ist eine junge Frau von ausgezeichnetem Anstand, die dem Rang, zu dem sie erhoben worden ist, alle Ehre macht. Ich werde Lord Hood sechstausend Mann Verstärkung von hier zuführen. Grüße meinen lieben Vater, wie auch Lord und Lady Walpole. Ich bin wie stets dein Dich liebender

Horace Nelson.«

Solange Nelson sich in Neapel aufhielt, wohnte er in dem Gesandtschaftshotel. Ich habe bereits gesagt, welchen Eindruck er auf mich hervorbrachte. Später wiederholte er mir oft, daß er mich von dem ersten Augenblicke an, wo er mich gesehen, geliebt habe; während dieser ersten Reise jedoch sprachen nur seine Blicke und noch so wenig entschlossen, daß er abreiste und mich in dem Zweifel zurückließ, ob er mich liebte, oder nur einfach eine brüderliche Zuneigung für mich empfände. Bei mir galt das Gefühl, welches ich empfand, wenn es überhaupt die Grenzen der Freundschaft überschritt, gänzlich dem schönen Jüngling, dem Sohn der Mistreß Nisbett, der in einem Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren bereits die Uniform eines Marineoffiziers trug. Wenn ich, auf einem Divan liegend, den Arm um Josua's Hals geschlungen, der Erzählung von den Reisen, den Gefahren und den Kämpfen seines Stiefvaters lauschte, pflegte Sir William, der stets für das Altertum eingenommen war, mich mit der Königin von Karthago zu vergleichen, wie sie Ascanius liebkost und dabei den Erzählungen des Aeneas lauschte.

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