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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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59. Kapitel.

Ich habe gesagt, daß noch an demselben Tage, wo man in London die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs des Sechzehnten erhalten, die englische Regierung dem französischen Gesandten andeutete, daß er das Land zu verlassen habe. Das war eine Beschimpfung, die das stolze Frankreich nicht ertragen konnte. So wie es Österreich den Krieg zuerst erklärt, so erklärte es auch neun Tage nach der Ausweisung seines Gesandten England und Holland den Krieg. Darauf hatte England nur gewartet. Ich hörte, wie Sir William und die Königin die Kräfte der beiden Mächte berechneten und mit Freude die Überlegenheit der materiellen Kräfte Großbritanniens über die Frankreichs konstatierten. Frankreich war ohne Geld, ohne Waffen, fast ohne Heer; seine ganze Seemacht bestand in sechsundsechzig Linienschiffen und achtzig Fregatten oder Korvetten. England war in finanzieller Hinsicht in einem so blühenden Zustand, daß Mr. Pitt sagte, daß er, wenn er soviel Geld hätte, um die Nationalschuld abzutragen, doch dies nicht tun, sondern das Geld lieber in die Themse werfen würde. Was die Seemacht Englands betraf, so bestand diese aus hundertundachtundfünfzig Linienschiffen, aus zweiundzwanzig Schiffen von fünfzig Kanonen, aus fünfundzwanzig Fregatten und hundertundacht Kuttern. Also besaß England ungefähr viermal soviel Schiffe als Frankreich. Wenn man nun noch die hundert Kriegsschiffe Hollands dazurechnet, so wird man sehen, daß die beiden verbündeten Mächte fünfhundertunddrei Kriegsschiffe gegen zweiundsechzig aussenden konnten. Diese Rechnung, welche man dem König Ferdinand wohl zehnmal wiederholen mußte, gab ihm endlich den Mut, sich mit England zu verbünden und am 20. Juli 1793 unterzeichnete die neapolitanische Regierung, ohne, daß man Frankreich irgend etwas von dem Bruche mitgeteilt, einen geheimen Vertrag mit England.

In diesem Vertrag ward bedingt, daß der König von Neapel zwölf Schiffe, darunter vier Linienschiffe und ebensoviel Fregatten zu dem Geschwader schicken sollte, mit welchem England im Mittelmeere kreuzen wollte, wie auch sechstausend Mann zu dem Landungsheer dieses Geschwaders. Der König hatte nach und nach den Vorsitz im Staatsrate aufgegeben und die Königin wohnte stets den Verhandlungen bei, die sie mit der Wut des Hasses betrieb. In zwei Monaten waren Soldaten und Schiffe ausgerüstet und ein Teil stieß zu der anglo-spanischen Flotte, welche vor Toulon kreuzte. Durch einen royalistischen Agenten, den die Königin in dieser Stadt hatte, wurden mir von allem unterrichtet, was vorging. Toulon hatte Teil an dem großen Aufstand genommen, welcher sich im Süden Frankreichs gegen den Konvent gebildet. Die Stadt war in drei Parteien geteilt: in die Jakobiner, die konstitutionellen Royalisten und die entschiedenen Royalisten. Wir wußten, daß die konstitutionellen und die anderen Royalisten, durch die Hinrichtungen erschreckt, die ihre Zahl zu vermindern begannen, sich vereinigt hatten, und daß es sich um nichts Geringeres, als um die Überlieferung der Stadt an die Engländer handelte.

Am 10. September signalisierte man ein englisches Schiff, welches auf den Hafen von Neapel zusegelte und von Frankreichs Küsten zu kommen schien. Seit einigen Wochen schon entfernten wir uns nur sehr wenig aus Neapel, da wir wichtige Nachrichten erwarteten. Man unterrichtete also die Königin von dem Ereignis und sie ließ uns, Sir William und mich, davon benachrichtigen. Ich sage von dem Ereignis, denn in den Umständen, in denen wir uns befanden, war die Ankunft eines englischen Schiffes ein Ereignis. Wir begaben uns sogleich in den Palast. Die Königin befand sich auf der Terrasse, mit einem Fernglas in der Hand und erforschte das Schiff, welches nach und nach seine Segel reffte, um langsamer segeln zu können, und jetzt in den Hafen einlief. An den Signalen sah man schon, daß dieses Schiff der »Agamemnon«, ein Linienschiff des Königs von England, war, und daß es von Toulon kam. Das wenige, was man soeben erfahren, war soviel, daß der König und Sir William es nicht erwarten konnten, die Nachrichten, welche das Schiff brachte, zu hören, und dieselben daher selbst holen wollten. Beide stiegen in ein Boot der königlichen Marine und alle Gesundheitsrücksichten verachtend begaben sie sich an Bord. Kaum waren sie daselbst angelangt, als man eine Ehrensalve abfeuerte und der »Agamemnon« in einer Rauchwolke verschwand. Nach Ablauf einer halben Stunde kamen der König und Sir William wieder ans Land zurück. Sir William hatte sich sogleich in das Gesandtschaftshotel begeben, und ließ mir sagen, zu ihm zu kommen, da er meiner bei dem Empfang eines unerwarteten Gastes bedürfte. Ich überließ es dem König, der Königin die Nachrichten mitzuteilen, die zu erfahren, sie so begierig war, und da ich dachte, daß Sir William alles ebensogut wie der König wissen würde, da er bei der Unterredung des Königs mit dem Kapitän des »Agamemnon« als Dolmetsch gedient, so nahm ich Abschied von der Königin und stieg in den Wagen, indem ich dem Kutscher befahl, nach dem Hotel zu fahren. Sir William erwartete mich.

»Liebe Emma,« sagte er, als er mich erblickte, »ich werde dir bald einen kleinen Mann vorstellen, der sich nicht rühmen kann, schön zu sein, der meiner Meinung nach aber eines Tages einer der größten Kriegshelden sein wird, die England jemals besessen.« Ich mußte über Sir Williams Enthusiasmus lachen. »Und woher weißt du das?« fragte ich. – »Aus den wenigen Worten, die wir miteinander gewechselt haben, und ich wollte wetten, daß dieser Mann die Welt in Erstaunen setzen wird. Du weißt, daß ich nie einen englischen Offizier bei mir habe empfangen wollen, aber ich bitte dich, diesem gegenüber aus Liebe zu mir diese Honneurs des Hauses zu machen. Gib also deine Befehle, daß man ein Zimmer für ihn bereit halte, und daß es ihm an nichts fehle.« – »Und wann kommt denn dein zukünftiger großer Mann?« fragte ich. – »Er muß jeden Augenblick kommen. Wir dinieren alle zusammen bei dem König und morgen werden wir alle den ganzen Tag in Portici verbringen.« – »Du kannst mir aber wenigstens sagen, wie dein Held heißt.« – »Horace Nelson, liebe Freundin. Vergiß diesen Namen nicht; er wird einmal berühmt werden.« – Ich hatte keine Bemerkung zu machen und machte auch keine.

Das Gesandtschaftshotel war ungeheuer groß. Vor einiger Zeit war das Gerücht gegangen, daß der Prinz von Wales – derselbe Prinz, den ich eines Abends durch die offenen Fenster bei Miß Arabella im vollen Glanze der Jugend und Liebe gesehen – nach Neapel kommen würde und bei dieser Nachricht hatte Sir William eiligst ein Zimmer für ihn herrichten lassen. Der Prinz war aber nicht gekommen, dies Zimmer war zum Empfang eines Prinzen bereit geblieben und ich dachte, daß es weder zu gut, noch zu schön für den zukünftigen großen Mann Sir Williams sei. Ich bestimmte also das Zimmer des Prinzen von Wales für den Kapitän Nelson. Der Zufall wollte, daß eines der schönsten Bilder, die Romney von mir gefertigt, sich in diesem Zimmer befand. Als ich wieder in den Salon trat, war Sir William nicht mehr allein. Ein Offizier, der die Uniform der englischen Marine trug, war bei ihm. Sobald ich eintrat, erhoben sich beide und kamen auf mich zu. Sir William stellte mir den Kapitän Nelson vor. Wenn man an Ahnungen glauben dürfte, so würde ich hier erwähnen, daß ich, sei es infolge instinktiver Anziehung oder infolge der Eingenommenheit, die sich meiner nach dem, was Sir William mir mitgeteilt, bemächtigt, eine gewisse Bewegung empfand, als ich den Gruß des Kapitän Nelson erwiderte. Dennoch war, wie Sir William mir erzählt hatte, der Kapitän Nelson weit entfernt, ein schöner Mann zu sein. Achtzehn Jahre sind seitdem verflossen und doch sehe ich ihn gerade noch so vor mir, wie an dem Tage, wo er mir vorgestellt ward und wo der Krieg ihn noch mit den Verstümmelungen verschont hatte, die er später erlitt.

Nelson war ein Mann von fünfunddreißig Jahren, von kleiner Statur mit bleichem Gesicht, blauen Augen, einer Habichtsnase, wie sie das Profil der Männer des Krieges auszeichnet, und mit dem scharfausgeprägten Kinn, welches bis zur Hartnäckigkeit gesteigerte Zähigkeit andeutet. Sein Haar und Bart waren rotblond, das Haar dünn der Bart schlecht gewachsen. Nelson küßte mir die Hand ziemlich linkisch, aber ziemlich galant. Es war leicht, in jedem seiner Worte den Seemann in der ganzen Bedeutung des Wortes zu erkennen, und man würde vergebens in ihm den englischen Gentleman gesucht haben, von welchem meine ersten Bekanntschaften mir noch einige Erinnerung gelassen hatten. Man weiß bereits, welche Nachricht er brachte. Eine furchtbare Nachricht für Frankreich. Der erste Kriegshafen war den Engländern überliefert worden.

In Folgendem gebe ich kurz die Einzelheiten des Ereignisses, welches ich aus dem Munde des Kapitän Nelson selbst erfuhr.

Ich habe bereits gesagt, daß, wie wir wußten, drei verschiedene Parteien in Toulon existieren, die Jakobiner, die konstitutionellen Royalisten und die entschiedenen Royalisten. Die beiden letzteren, welche sich gegen die Jakobiner verbündet hatten, warteten nur auf eine günstige Gelegenheit, um mit ihren Gegnern einen Kampf zu beginnen. Diese Gelegenheit sollte sich bald bieten. Die Konstitution von 1793 war dekretiert worden und die Jakobiner hatten sie unter Pauken- und Trompetenschall in Toulon proklamieren lassen. Eine allgemeine Gährung verbreitete sich in der ganzen Stadt infolge dieser Proklamation und die Konterrevolutionäre beschlossen, sich der Annahme der Konstitutionsakte zu widersetzen. Die jakobinischen Behörden, welche voraussahen, was wohl geschehen würde, ließen ein Dekret anschlagen, in welchem man jedem mit der Todesstrafe drohte, der es wagen würde, die Eröffnung der Sessionen zu beantragen. Dieses Dekret brachte aber ganz die entgegengesetzte Wirkung von der, die man erwartet hatte, hervor. Jede der verbündeten Parteien strömte nämlich in Masse nach den Sektionen und der Eifer war so groß, daß man die Türen nicht öffnete, sondern einschlug. In einem Augenblicke war die Gegenrevolution vollendet, die Papiere des Jakobinerklubs wurden genommen, die Hauptchefs der Gesellschaft arretiert und in die Gefängnisse gesetzt, aus welchen man die Royalisten befreite, um ihnen Platz zu machen. Es war mit dem Schafott wie mit den Gefängnissen, die, nachdem sie den Royalisten gedient, jetzt den Jakobinern dienten. Weit entfernt davon, das Schafott einzureißen, ließ man es fortarbeiten, nur daß jetzt republikanische Häupter darauf fielen, wie vordem royalistische.

Eine dieser Hinrichtungen führte einen großen Tumult herbei und beinahe wäre alles verloren gewesen. Das neue Tribunal verdammte einen gewissen Alexander Lambert, einen sehr populären Mann in Toulon, zum Tode. Eine Verschwörung, ihn zu retten, bildete sich und wirklich stürzte sich in dem Augenblicke, wo man Lambert zum Tode führte, eine Unmasse Volks auf die Wache, welche ihn eskortierte. Der traurige Zug war in der Straße der Kupferschmiede angekommen, welche nun der Schauplatz eines schrecklichen Kampfes ward. Als ein Mann der Eskorte sah, daß das Volk siegen würde, schoß er auf den Gefangenen, welcher gefährlich, vielleicht aber nicht tödlich verwundet, obgleich die Kugel ihm durch den Leib gegangen war, zu Boden stürzte. Wie dem auch sein mag, endlich gelang es den Sektionen, die Oberhand zu gewinnen. Die Angreifer wurden in die Flucht geschlagen, Alexis Lambert, dessen Blutspur man wie der eines verwundeten Wildes folgte, fiel wieder in die Hände der Sektionäre, welche sich um die Beute stritten. Die einen wollten, daß man seine Hinrichtung aufschieben, die anderen, daß man dieselbe augenblicklich vollziehen sollte. Die Mehrzahl stimmte für die unmittelbare Hinrichtung und wirklich ward Alexis Lambert noch an demselben Tage enthauptet.

Toulon ward von dem Konvent außer dem Gesetz erklärt. Sonderbarerweise aber hatte Toulon, ungeachtet seines Aufstandes, alle republikanischen Einrichtungen beibehalten und die Trikolore wehte noch immer über der Stadt. Die Royalisten glaubten noch nicht genug getan zu haben. Als sie nach dem Meere blickten, sahen sie die anglo-spanisch-neapolitanische Flotte den Hafen blockieren. Sie beschlossen, Toulon den Engländern zu übergeben und durch diesen Verrat dem Banne des Nationalkonvents zu entrinnen. Man begann Unterhandlungen mit dem Admirale Hood anzuknüpfen, der jedoch nichts entscheiden wollte, so lange er nicht der Mitwirkung des Generals Grafen Maudés, Platzkommandanten, und des Admirals Trogof, des Kommandanten der Flotte, sicher wäre. Beide gingen auf den Plan ein, allein man konnte dem Kontreadmiral Saint-Julien, der ein unverbesserlicher Jakobiner war, nicht so leicht Vernunft beibringen. Kaum hatte er Kenntnis von dem Plane erhalten, so versammelte er, anstatt denselben zu unterstützen, seine Mannschaft, hielt eine feurige Rede und ließ die Offiziere und Matrosen schwören, nie zu dulden, daß die feindlichen Flotten in den Hafen von Toulon einliefen. Der Kontreadmiral Saint-Julien hatte zu dieser republikanischen Rede einen Augenblick benutzt, wo sein Vorgesetzter am Ufer war. Als Saint-Julien die Einmütigkeit nicht seiner Mannschaft allein, sondern auch die der anderen Schiffe sah, nahm er den Befehl über das Geschwader und manöverierte auf solche Weise, daß es ihm gelang, die Passage der Reede vollkommen zu sperren.

Wenn die Royalisten jetzt keinen verzweifelten Schlag führten, so waren sie verloren. Die Armee des Generals Carteaux, welcher soeben Marseille genommen, marschierte gegen Toulon und indem Saint-Julien die Reede sperrte, schnitt er ihnen den Rückzug ab. Die Royalisten versuchten diesen verzweifelten Schritt und er gelang. Sie schlossen mit den Engländern einen Vertrag, in welchem ausgemacht ward, daß, wenn sie in den Hafen von Toulon kämen, sie die Stadt im Namen und als Verbündete Sr. Majestät des Königs Ludwig des Siebzehnten in Besitz nehmen sollten. Nachdem dieser Vertrag geschlossen worden, erklärten sie die Flotte für eine Rebellin gegen den allgemeinen Willen der Einwohner und beschlossen, daß Gewalt gegen sie angewendet werde.

Demgemäß stellte man auf alle Posten, wo republikanische Offiziere standen, royalistische und besonders an den dicken Turm, dessen Kommandanten man auftrug, die glühenden Batterien zu heizen und beim ersten Signal auf die Flotte zu schießen, während der Admiral Hood sie von seiner Seite angreifen und den Eingang in den Hafen zu erzwingen suchen sollte. Diese Nachrichten wurden dem Kontreadmiral Saint-Julien mitgeteilt, der darauf erwiderte, daß er die Stadt bombardieren und alle Schiffe sich zum Kampf fertig machen lassen werde. Ein blutiger Bürgerkrieg war im Begriff auszubrechen und niemand kann sagen, wie die Sache hätte enden können, als die Fregatte »Die Perle«, welche der Leutnant Van Kempen befehligte, sich plötzlich von der Flotte trennte und für die Stadt erklärte. Der Admiral benutzte die Gelegenheit sogleich. Er ließ sich nach der Fregatte rudern und pflanzte auf derselben seine Kommandantenflagge auf, denn er wußte, welchen Zauber dieselbe auf die Matrosen ausübte. Wirklich verließ auch ein Teil des Geschwaders bei dem Anblick derselben den Kontreadmiral Saint-Julien. Da ihm bloß noch sieben Schiffe blieben, so beschloß er, sich in die Mitte der englischen Flotte zu begeben, ein Entschluß, den er mit unerhörtem Glück ausführte.

Von nun an aber war Toulon ohne Verteidiger und die nun herrschenden Royalisten ließen die Engländer herein. Obgleich die Erzählung dieser Ereignisse nicht zu den Memoiren einer Frau zu gehören scheint, so habe ich doch aus zwei Gründen dabei verweilt. Erstens hatten diese Ereignisse großen Einfluß auf andere, an denen ich später nur regen Anteil nahm, und Zweitens hat meine Vertrautheit mit der Königin von Neapel es mir möglich gemacht, Einzelheiten zu erfahren, die selbst Geschichtsschreibern, die über diese Epoche geschrieben haben, unbekannt geblieben sind.

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