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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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56. Kapitel.

Nach den Bestimmungen des Königs und des Staatsrates konnte schon im voraus wissen, daß der Gesandte des französischen Admirals auf keine großen Schwierigkeiten bei seinen Unterhandlungen stoßen würde. Der König war auch wirklich entschlossen, Frankreich alles zu bewilligen, was es fordern würde, natürlich mit dem stillen Vorbehalte, sein Wort zu brechen, oder Frankreich zu verraten, falls England sich entschließen sollte, sich einzumischen. So hatte denn der König in der Sitzung mit lauter Stimme, wie auch schriftlich erklärt, daß er bereit sei, den Bürger Mackau zu empfangen und ihn wie den Gesandten einer befreundeten Macht zu behandeln. Er hatte versprochen, in den Kriegen Frankreichs mit Europa die vollständigste Neutralität bewahren zu wollen, kurz, er hatte sich verpflichtet, seinen Gesandten, welcher es bewirkt, daß Herr von Sémonville nicht vom Sultan empfangen worden, aus Konstantinopel zurückzurufen. Er hatte also in allen Punkten nachgegeben und Frankreich alle nur mögliche Satisfaktion gegeben.

So sahen wir denn noch an demselben Abende die französische Flotte absegeln und sich in der Dämmerung verlieren. Am folgenden Morgen war kein einziges Schiff mehr zu sehen. Vor der Abreise jedoch hatte der Admiral von Latouche-Tréville den französischen Gesandten in Neapel, wie auch den Gesandten am römischen Hofe, den Bürger Basseville, ans Land gesetzt. Wie der König bemerkt hatte, war die Menge, welche dem Schauspiel der Manöver einer französischen Flotte im Golfe von Neapel zusah, unermeßlich auf dem weiten Amphitheater, da aber, wo der Gesandte des französischen Admirals landete, hatte die Menschenmenge sich ärger und dichter gedrängt, als sonst wo. Die Trikolore, welche den Bug des Admiralsschiffes schmückte, hatte, da sie so dicht auf neapolitanischem Gebiete wehte, sehr verschiedene Empfindungen erweckt. Die Lazzaroni hatten sie mit einer Art stumpfsinnigen Hasses betrachtet, alle aber, die der aufgeklärten Jugend Neapels angehörten, wie auch die Männer, welche freisinnigen Berufszweigen angehörten, hatten ihr Herz klopfen hören, als sie dieses sichtbare Zeichen einer Revolution sahen, mit welcher die Fortschrittspartei sich eines Tages zu verbünden hoffte. Man berichtete alle diese Einzelheiten der Königin und versicherte ihr sogar, daß einige junge Männer, unter denen auch ein gewisser Emanuele de Deo sich befunden, ihren Enthusiasmus nicht hätten beherrschen können und in dem Augenblicke, wo der Gesandte des französischen Admirals in seinem republikanischen Kostüm an ihnen vorübergekommen, gerufen hätten: Es lebe Frankreich!« Als ich am Abend nach dem Palais der englischen Gesandtschaft, welche an der Ecke des Flusses und der Straße Chiaja lag, zurückkam, sah ich Gruppen in der Straße Chiatamone. Diese Gruppen waren durch die französische Trikolore, welche über einer Tür, der Tür des Bürgers Mackau, wehte, herbeigelockt worden.

Am folgenden Tags des Nachmittags erfüllte sich die Prophezeiung des Kapitäns Caracciolo. Der Wind schlug nach Südwesten um und ein furchtbarer Sturm brach los. Wenn Neapel nur vierundzwanzig Stunden Widerstand geleistet hätte, so wäre die französische Flotte entweder gezwungen gewesen, das Weite zu suchen, also zu fliehen, oder sie wäre vom ersten bis zum letzten Schiff verloren gewesen. Als die Königin diesen Sturm sah, der ihr Begehren so vollkommen rechtfertigte, konnte sie sich nicht enthalten, dem König seine Feigheit vorzuwerfen. Doch war dies ein Vorwurf, der, mir müssen es gestehen, keinen großen Eindruck auf Ferdinand hervorbrachte. Anstatt sich wegen dieses Sturmes, welcher, ohne daß die neapolitanischen Kanonen etwas dabei zu tun brauchten, der Flotte des französischen Admirals schrecklichen Schaden zufügen konnte, Glück zu wünschen, beklagte er eine Jagdpartie, die am folgenden Morgen im Walde von Persano abgehalten werden sollte, und auf die er nun verzichten mußte. Er hatte jedoch die Königin einigermaßen beruhigt, indem er ihr die Theorie, nach welcher er die Treue, die man abgeschlossenen Verträgen schuldig ist, betrachtete, darlegte und ihr sagte, daß er sich mit Sir William bestimmt entschlossen habe, Frankreich den Rücken zu kehren, sobald die Engländer sich der Koalition anschließen würden. Mr. Pitt brauchte ihm nur ein Zeichen zu geben, und Soldaten und Schiffe würden England sofort zur Verfügung stehen. Am 20. Dezember, also vier Tage nach dem Verschwinden der französischen Flotte, ward ich durch lauten Ruf erweckt. Eine Menge Volks strömte lärmend über die Brücke von Chiaja und verbreitete sich bis in die Gärten der Villa. Ich klingelte und fragte, was für ein Ereignis diesen Auflauf verursachte. Man erwiderte mir, daß die französische Flotte wieder in den Hafen segle. Ich erhob mich und kleidete mich schnell an, denn ich dachte mir, daß die Königin mich holen lassen würde, und wirklich erhielt ich in dem Augenblicke, wo ich meine Toilette beendet, ein Billett von ihr, in welchem sie mich bat, in das Schloß zu kommen. Fast in demselben Augenblick trat Sir William bei mir ein. Er hatte soeben vom König dieselbe Einladung bekommen und erbot sich, sich mit mir zugleich in das Schloß zu begeben. Wir stiegen in den Wagen und befahlen dem Kutscher, durch die Straße Santa-Lucia zu fahren. Kaum waren wir auf dem Kai angekommen, so sahen wir, wie die ganze Flotte wieder in den Hafen segelte, nicht aber in der bewunderungswürdigen Ordnung wie vor einigen Tagen, sondern wie ein Schwarm verscheuchter Seevögel, deren jeder nach Kräften sich anstrengt, ein schützendes Obdach zu gewinnen. Wir erreichten das Schloß. Eilig hatte man den Staatsrat zusammenberufen, und als wir die große Treppe hinaufstiegen, begegneten wir demselben Kapitän Caracciolo, den herbeizurufen man für gut erachtet, obgleich er das erste Mal ganz anderer Meinung gewesen als der König.

Sir William begleitete mich bis zu dem Zimmer der Königin und begab sich in das Konseilzimmer. Als ich bei der Königin eintrat, erzählte ich ihr die Begegnung, die ich soeben auf der Treppe gehabt. Sie klingelte.

»Man soll den Kapitän Caracciolo bitten, zu mir zu kommen, ehe er sich in den Staatsrat begibt,« sagte sie, »ich habe mit ihm zu sprechen.«

Dann zog sie mich mit fort und sagte: »Verstehst du etwas von dem, was vorgeht? Wir, die wir glaubten, diese französische Flotte los zu sein! Was will denn dieser Admiral von Latouche-Tréville mit seinen dreifarbigen Bannern und Kokarden bei uns? Will er hier republikanische Propaganda machen, um auch bei uns Revolution zu erregen! O, sie mögen sich nur in acht nehmen! Wir sind noch zeitig genug gewarnt worden. Mit uns haben sie nicht so leichtes Spiel wie mit Ludwig dem Sechzehnten und Marie Antoinette. Was mich betrifft, so erkläre ich, daß ich erbarmungslos sein werde.«

Ich hatte noch nicht Zeit zum Antworten gefunden, als die Tür sich öffnete, und man den Kapitän Francois Caracciolo anmeldete. »Kommen Sie, kommen Sie, mein Herr!« sagte die Königin. »Sie sind der einzige, der neulich meiner Meinung war.« Caracciolo verbeugte sich. »Und das ist ein großes Glück für mich,« sagte er, »denn neulich sprachen Ew. Majestät im Namen der neapolitanischen Ehre.«

»Nun, heute sagen Sie einmal offen, was geht jetzt vor?«

»Das, was ich vorausgesehen habe, Madame. Die französische Flotte ist vom Sturm zerstreut und beschädigt worden. Wenn wir nun vierundzwanzig Stunden Widerstand geleistet hätten, so wären wir Herren der Situation.«

»Können wir es nicht noch werden?«

»Inwiefern, Madame?« – »Ihrer Meinung nach kommt die französische Flotte nur wieder nach Neapel zurück, weil sie Schaden gelitten?« – »Nach dem, wie ich es beurteilen kann,« sagte Caracciolo, indem er nach dem Meere blickte, »ist kein einziges Schiff unbeschädigt geblieben.« – »Nun gut, wenn man die Situation nun benutzte und heute das versuchte, was man neulich nicht zu tun gewagt, würden Sie dann immer noch bereit sein, das Admiralschiff mit Ihrer Korvette anzugreifen?« – »Das ist unmöglich, Majestät.« – »Wie, unmöglich?« – »Ja, denn neulich schlug ich vor, einen Feind angreifen zu wollen.« – »Und jetzt?« – »Und jetzt ist dieser Feind unser Verbündeter geworden.« – »Unser Verbündeter?« – »Gewiß. Ein Wort ist gewechselt, ein Vertrag ist unterzeichnet worden. Neulich wollte der Admiral von Latouche-Tréville einer feindlichen Nation Gesetze vorschreiben, heute sucht er um die Hilfe eines verbündeten Königreiches nach. Neulich zu kämpfen, war meiner Meinung nach eine Pflicht, heute anzugreifen, wäre ein Verrat.«

»Und wenn der König Ihnen dennoch Befehl dazu gäbe?« – »Anzugreifen?« – »Ja.« – »Ich hoffe, Madame, daß der König mir keinen solchen Befehl geben wird.« – »Wenn er Ihnen aber dennoch einen solchen gäbe?«

»Dann würde ich den Kummer haben, meine Entlassung bei ihm einzureichen.« – »Du hörst es, Emma!« rief die Königin, indem sie sich nach mir herumdrehte. »Beurteile die andern nach ihm; dies ist ihre Ergebenheit für uns!« Und zu Caracciolo gewendet fuhr sie fort: »Es ist gut, mein Herr, ich habe alles von Ihnen erfahren, was ich wissen wollte; ich halte Sie nicht länger zurück.« Caracciolo verneigte sich und ging hinaus.

»Jetzt erklärt sich alles,« fuhr die Königin fort. »Die Flotte hat Schaden gelitten und in Neapel will man sie wieder ausbessern. Warum nicht? Ist Neapel denn nicht, wie der Bürger Caracciolo«–sie betonte das Wort Bürger – »gesagt hat, mit dieser französischen Republik, welche soeben den Königen den Krieg erklärt hat, und meinen Schwager enthaupten will, verbündet?« Ich blieb stumm.

»Nun,« fragte die Königin, »du antwortest mir nicht? Du hast mir nichts zu sagen?«

»Ich würde, fürchten die Königin zu verletzen, wenn ich ihr meine Meinung offen sagte.«

»Mich zu verletzen, du? Du bist wohl toll! Inwiefern könntest du mich denn verwunden?«

»Wenn ich mich der Meinung dieses Mannes anschlösse.«

»Welches Mannes?«

»Des Fürsten Caracciolo, und Gott weiß, daß dies nicht aus Entzücken über ihn geschieht.«

»Du findest also, daß diese Franzosen recht haben, wenn sie uns den Fuß auf den Nacken setzen?«

»Ich finde, Madame, daß man unrecht getan hat, mit ihnen zu unterhandeln.«

»Und, daß wir jetzt, wo man einmal unterhandelt hat, auch die Folgen unseres gegebenen Wortes tragen müssen. Vielleicht hast du recht. Wir wollen Sir William hierüber zu Rate ziehen.« Unterdessen war die französische Flotte in den Hafen gesegelt, wie man in einen befreundeten Hafen kommt und hatte daselbst geankert. Eine Stunde darauf erfuhren wir, daß alles, was der Kapitän Caracciolo vorausgesehen, auch geschehen war. Kaum auf dem offenen Meere, war die französische Flotte von einem furchtbaren Sturm ereilt von elf Schiffen waren sieben arg beschädigt worden und der Admiral von Latouche-Tréville verlangte, mit feinem Vertrag in der Hand, einem Vertrag, welcher ihm die Vorteile der begünstigsten Nationen sicherte, seine beschädigten Schiffe ausbessern, seinen Vorrat an süßem Wasser erneuern und mit dem Hafen unterhandeln zu dürfen, um Lebensmittel, Tauwerk und Segel zu kaufen. Alle diese Bitten wurden ihm gewährt. Man tat noch mehr. In der Eile, welche die neapolitanische Regierung hatte, um sich diese gefährlichen Gäste vom Halse zu schaffen, tat man sein möglichstes, um dem Admiral Arbeiter, Materialien und Lebensmittel herbeizuschaffen; durch einen provisorischen Kondukt leitete man die Wasser von Carmignano, die hellsten und gesündesten Wasser von Neapel, bis an die Spitze des Hafendammes.

Was die Königin betraf, so zog sie sich, um nicht fortwährend diese verhaßten Uniformen, und abscheulichen Trikoloren vor Augen zu haben, nach Caserta zurück, obgleich es im ärgsten Winter, das heißt im Januar war, und nahm mich mit sich.

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