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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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49. Kapitel.

Die Nachricht, welche seit dem gestrigen Tage über dem Haupte der Königin geschwebt hatte, war die von der Einnahme der Bastille. Nichts hätte Karoline mit größerer Bestürzung erfüllen können. Es war, als ob man ihr gemeldet, daß die Neapolitaner das Kastell San Elmo erstürmt hätten. Diese Nachricht hatte – obschon, soviel man wußte, kein anderer Bote aus Frankreich gekommen war, als der, welcher diese Nachricht gebracht und obschon man diesen im Palast zurückgehalten und eingeschlossen – sich dennoch in Neapel verbreitet und hier eine eigentümliche Sensation erweckt. Als einige Jahre vorher die Freimaurer in Frankreich, die Illuminaten in Deutschland, die Swedenborgianer in Schweden geheime Gesellschaften zu bilden begannen, hatte die Freimaurerei auch in Italien und besonders im südlichen Teile einige Fortschritte gemacht. Diese maurerische Invasion hatte zur Zeit der Liebschaft der Königin mit dem Fürsten Caramanico stattgefunden und die Königin, welche jede Gelegenheit aufsuchte, mit ihrem Geliebten zusammenzutreffen, hatte ihn heimlich aufgefordert, sich als Maurer aufnehmen zu lassen. Er hatte dies ohne Zögern getan und sie hatte, das Gesetz benutzend, welches die Gründung von Frauenlogen gestattete, sich zur Großmeisterin einer Loge erklärt, welcher mehrere neapolitanische Damen beigetreten waren. Was den König betraf, so hatte er seinen Beitritt immer aufgeschoben, namentlich wegen der physischen und moralischen Proben, denen er sich nicht unterwerfen wollte, weil er nicht überzeugt war, daß er sie rühmlich bestehen würde. Allmählich hatte die Königin sich immer freier gemacht. Nach dem Tode des Ministers Tannucci konnten die Liebenden einander sehen, sooft sie wollten. Man hatte die Freimaurerlogen sich versammeln und ruhig an ihrem Werke arbeiten lassen. Dieses Werk bestand, wie man sich erinnert, damals in nichts anderem, als in einer umfassenden Verschwörung gegen das Königtum. Zu jener Zeit waren mehrere merkwürdige Männer aufgetreten und hatten in Italien ihre Schule gemacht. Es waren dies die Erben und Nachfolger der Vico, Genovesi, Beccaria, Filangieri, Pagano, Cirillo, Conforti, mit einem Worte aller derer, welche den Triumph derselben Prinzipien wollten, das heißt, den Fortschritt der Welt bis zum Lichte jener Philosophie, welche in Frankreich sich in eine Feuersbrunst verwandelt hatte.

Alles, was im südlichen Italien das Auge auf Frankreich geheftet, wußte im voraus, daß die Bewegung von Paris ausgehen würde und erbebte vor Freude bei der Nachricht von der Einnahme der Bastille. Man kann sich denken, daß der Hof von Neapel ein ganz entgegengesetztes Gefühl empfand. Die Bastille war genommen worden ohne Belagerung in einem Tage, in drei Stunden durch ein Volk, welches gestern waffenlos gewesen, und heute dreißigtausend Musketen besaß. Die weiße Kokarde, dieses Emblem der Lilien, war in die dreifarbige, das Emblem der Revolution, verwandelt. Ludwig der Sechzehnte hatte dieses Emblem, angenommen und selbst an seinem Hute befestigt. Alles dies waren unerhörte, unerwartete, unglaubliche Dinge, welche den Hof von Neapel mit Bestürzung erfüllen mußten und ihn auch wirklich damit erfüllten. Die politischen Beziehungen waren, dank dem Hasse des Ministers Acton gegen Frankreich und dem Einflusse, den er im Kabinettsrat gewonnen, zwischen den beiden Königreichen kalt und förmlich geworden. Die Familienbeziehungen zwischen Marie Karoline und ihrer Schwester waren dagegen so zärtlich geblieben wie je und es vergingen selten vierzehn Tage, ohne daß Briefe gewechselt worden wären, in welchen die beiden Erzherzoginnen einander ihre Freuden, ihre Schmerzen und ganz besonders ihre ehelichen Enttäuschungen erzählten. Sei es nun, daß der Minister Acton in dem Instinkt seines Hasses die Ereignisse, welche in Frankreich im Anzuge waren, erriet, sei es, daß er nur jenem rachsüchtigen Gefühl folgte, welches sein Herz erfüllte, kurz, er steigerte die Unruhe des Königs Ferdinand mehr, als daß er dieselbe beschwichtigt hätte und stellte ihm eine bewaffnete Intervention in Aussicht, bei welcher Neapel eine Rolle zu spielen oder eine Mission zu erfüllen hätte. Einen mächtigen Bundesgenossen fand er nach dieser Seite hin in Sir William Hamilton, welcher die Liebe zu seinem Milchbruder, dem König Georg, und zu England, seinem Vaterland, bis zum Fanatismus trieb.

Was mich betraf, die ich außerhalb jeder politischen Frage stand, und mit den Rechten der Völker und der Macht der Könige sehr unbekannt war, so gehorchte ich natürlich dem Impulse, der mir gegeben ward, besonders wenn derselbe von einem Manne wie Sir William kam, dessen überlegener Geist von einem jeden anerkannt ward, und von einer Frau wie Marie Karoline, welche schon von dem ersten Tage an, wo ich sie gesehen, eine große Gewalt über mich ausgeübt hatte. Von diesem Augenblicke an huldigte ich also dem Hasse und den Sympathien der Personen, welche mich umgaben, ohne mir Rechenschaft von diesem Hasse und diesen Sympathien zu geben, welche bei mir mehr instinktartige Gefühle als irgendeiner Regel oder einer Berechnung unterworfen waren. Man begreift übrigens, daß diese Gefühle sich nur in den Personen entwickelten, deren Widerspiegelung ich anfangs war, um später unglücklicherweise ihr Werkzeug zu werden. Die Nachrichten aus Frankreich blieben nicht bei der Einnahme der Bastille und dem Wechsel der Kokarde stehen. Man erfuhr nach und nach die bei dem königlichen Bankett der königlichen Garde stattgehabten Vorfälle, wo die Nationalkokarde mit Füßen getreten und die schwarze aufgesteckt worden war, so wie die Tage des 5. und 6. Oktobers, während welcher die Gemächer des Palastes von Versailles geplündert, zwei Leibgardisten getötet und der König und die Königin mit Gewalt nach Paris zurückgeführt worden waren. Diese letzte Nachricht machte die Königin Maria Karoline sehr traurig. Sie zeigte mir einen Brief von ihrer Schwester Antoinette, worin diese ihr ein Projekt mitteilte, welches darin bestand, aus Frankreich zu entfliehen oder die von der Krone seit dem Monate Juli verlorene Gewalt vollständig wieder zu erobern. Dieses Projekt mußte ganz Europa in Flammen setzen, und gefiel schon deshalb der Königin, welche, indem sie den Kampf gegen die Revolution begann, damit in ihr eigentliches Element eintrat. Dieses Projekt war folgendes. Aus der Darlegung, die ich in wenigen Zeilen davon geben werde, wird man sehen, daß dies die erste Idee zur Flucht nach Varennes war. Man wollte neuntausend Mann von dem, was man das »Haus des Königs« nannte, um Versailles zusammenziehen. Von diesen neuntausend Mann gehörten zwei Dritteile dem Adel an und bestanden demzufolge aus treuergebenen Leuten. Man wollte sich der ungefähr zwanzig Lieues von Paris entfernten Stadt Montargis bemächtigen, in welcher der Baron von Viomesnil kommandierte. Derselbe war Lafayettes Kriegsgenoß in Amerika gewesen, aber nur aus Eifersucht gegen Lafayette, welcher zu den Konstitutionellen übergegangen war, seinerseits Kontrerevolutionär geworden. Achtzehn aus den Karabiniers und Dragonern, das heißt aus den beiden royalistischen Waffengattungen ausgewählte Regimenter, sollten die Wege abschneiden und jeden nach Paris bestimmten Lebensmitteltransport anhalten. Der König und die Königin sollten sich nach Montargis zurückziehen und hier überlegen, was weiter zu tun sei. Wahrscheinlich wollte man Paris aushungern und dieses dadurch zwingen, zu tun, was man wollte. An Geld würde es nicht gefehlt haben. Außer dem, welches der König von Paris mitnehmen könnte, zählte man auf freiwillige Gaben. Ein einziger Prokurator der Benediktiner hatte hunderttausend Taler angeboten. Maria Karoline rief: »Ich gebe eine Million, sollte ich auch meine Diamanten verkaufen!« Hinter dieser königlichen Gabe bot ich bescheiden in Sir Williams Namen und dem meinigen fünfzigtausend Franks, welche auch angenommen wurden. Die Tage des 5. und 6. Oktobers machten jedoch die Ausführung des eben erwähnten Projektes unmöglich.

Alle diese Nachrichten verfehlten nicht auf die Königin von Neapel ihre Wirkung zu äußern. Sie ahnte, daß eines Tages auch sie unter ähnlichen Umständen wie die, worin ihre Schwester sich befand, wie diese genötigt sein würde, entweder zu fliehen oder das Haupt unter den Volkswillen zu beugen. Sie glaubte, es sei dies der geeignete Augenblick, um die Familienbande mit Österreich fester zu knüpfen, und durch diesen Bund ihrer Schwester Marie Antoinette, die in Frankreich immer mehr an Popularität verlor, den einzigen Stützpunkt zu geben, den sie gegen ihr Volk anrufen konnte, nämlich die Familie. Die Königin bewies mir ein solches Vertrauen, daß sie nicht bloß die Güte hatte, mir alle Ereignisse mitzuteilen, von welchen mich übrigens auch Sir William unterrichtet haben würde, sondern mich auch über alle Dinge zu Rate zu ziehen. Zwei ihrer Töchter waren heiratsfähig. Es ward demgemäß zwischen dem Hofe von Neapel und dem von Österreich verabredet, daß sie die beiden Erzherzöge Franz und Ferdinand heiraten sollten, während der Kronprinz von Neapel, Franz, Herzog von Kalabrien, der damals kaum erst dreizehn Jahre zählte, sobald er das erforderliche Alter erreicht, die junge Erzherzogin Marie Clementine heiraten sollte, welche noch zwei Jahr jünger war als er. Marie Antoinette korrespondierte fleißig mit ihrem Bruder, Joseph dem Zweiten, durch Vermittlung ihrer Ratgeber. Diese waren der Abbé Vermond und der Graf von Breteuil. Der österreichische Gesandte in Paris, der Graf von Argenteau, empfing die Briefe von Wien und beförderte die von Paris nach Wien. Am 20. Februar 1790 starb Kaiser Joseph der Zweite, und einige Tage darauf erfuhr die Königin diesen Todesfall, auf den man übrigens schon längst gefaßt gewesen. Der Kaiser starb an einem Brustleiden. Er beklagte, daß er nach der ruhmreichen Regierung Maria Theresias ohne Ruhm regiert und sah von seinem Sterbebette aus im Geiste die Gefahren, welche seiner Familie drohten. Der Großherzog von Toskana Leopold, bestieg nun den Thron. Er stand im Rufe eines gelehrten Philosophen und großen Reformators. Die Königin Karoline fürchtete, daß die Philosophie ihres Bruders am Ende so weit ginge, daß er die Ereignisse, welche sich in Frankreich vorbereiteten, zur Entwickelung kommen ließe, ohne sich denen entgegenzusetzen.

Diese Erwägung bestimmte sie, mit ihrem Gemahl eine Reise nach Wien zu machen. Der angebliche Zweck war, mit dem neuen Kaiser, welcher seine Schwester Marie Karoline sehr liebte, die notwendigen Verabredungen wegen den Familienheiraten zu treffen. Der eigentliche Zweck aber war, Mittel zur Rettung der Königin Marie Antoinette zu ersinnen, sei es, indem man ihr zur Flucht behilflich wäre, sei es, daß man eine Contrerevolution in Frankreich hervorriefe, oder sei es, daß man mittels einer Koalition eine Intervention mit bewaffneter Hand versuchte. Die Königin konnte sich kaum entschließen, mich zu verlassen. Ich war, sagte sie, die einzige Person, welche sie in Neapel zurückließ. Ich mußte ihr versprechen, ihr dreimal wöchentlich zu schreiben. Ich hatte mich erboten, sie zu begleiten und sie hatte mein Anerbieten mit Dank angenommen. Meine Gegenwart am Hofe in Wien aber, als Gattin des englischen Gesandten in dem Augenblicke, wo in diesem selben Augenblicke eine Koalition gegen Frankreich sich vorbereitete, erschien Sir William allzu bedeutsam. Er setzte der Königin seine Gründe auseinander. Sie fand dieselben gerecht und war die erste, welche mir zu bleiben befahl. Mit wahrhafter Verzweiflung verließ sie mich einige Tage nach dem Tod ihres Bruders. Sie ließ mich schwören, in ihrer Abwesenheit niemanden zu empfangen als meinen alten Anbeter, den Grafen von Bristol, dem sie mich übergab, indem sie ihm befahl, ihren Schatz zu hüten. Sie ließ sich ein Porträt von mir fertigen, gab mir das ihrige, und bat mich, als höchsten Beweis des Vertrauens und der Freundschaft, ihre Kassette in Verwahrung zu nehmen. Endlich reiste sie ab. Überall, wo sie unterwegs verweilte, wußte sie es möglich zu machen, mir zu schreiben und während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes in Wien empfing ich jede Woche einen Brief von ihr. Sie erzählte mir die Krönungsfeierlichkeiten, welchen sie sowohl in Wien wie in Pest beiwohnte, weil der Kaiser, als König von Ungarn, nicht bloß die kaiserliche Krone in Wien, sondern auch die königliche Krone in Pest empfing. Was die politischen Dinge, das heißt die Maßregeln betraf, welche man zu treffen hatte, um Marie Antoinette zu retten oder Europa gegen Frankreich zu verbünden, so deutete eine einzige Zeile als Nachschrift darauf hin und enthielt bloß die drei Worte: »Alles geht gut.«

In der Tat bereitete während dieser Reise Karoline – im Bunde mit ihrem Bruder – die Flucht nach Varennes vor und man beschloß, daß eine Armee sich bereit halten sollte, den König und die Königin von Frankreich zu unterstützen, sobald dieselben die Grenze passiert haben würden. Der König Ferdinand soll nach seiner Rückkehr in Neapel seine Armee in geeigneten Stand setzen, um sie mit der österreichischen Armee gemeinschaftlich agieren lassen zu können. Endlich, in den ersten Tagen des Aprils, empfing ich von der Königin einen Brief, worin sie mir ihre bevorstehende Rückkehr meldete. Dabei wollte sie jedoch, da sie sich genötigt sah, mit dem Papst Pius dem Sechsten einige politische Angelegenheiten zu ordnen, dort eine Woche verweilen. Sofort nach ihrer Ankunft daselbst wollte sie mir wieder schreiben. In der Tat war sie auch kaum daselbst angelangt, so schrieb sie mir. Die Kälte, welche während einiger Jahre den Hof von Rom von dem Hofe von Neapel getrennt und deren Ursache in der Weigerung des Königs Ferdinand oder vielmehr des alten Ministers Tannucci, einen gewissen althergebrachten Tribut zu zahlen, bestand, war vor der gemeinsamen Gefahr verschwunden. Es ward zwar von den beiden Monarchen festgesetzt, daß dieser Tribut abgeschafft bleibe, und dagegen die Könige von Neapel bloß bei ihrer Krönung zum Zeichen ihrer Ehrfurcht vor den Aposteln Petrus und Paulus dem heiligen Vater eine gewisse Summe bezahlen sollten. In dem Brief, welcher mir die Abreise der Königin von Rom meldete, bestimmte sie den Tag und die Stunde ihrer Ankunft in Caserta, wohin sie mich einlud ihr entgegenzukommen und sie zu erwarten, damit wir uns sobald als möglich und zwar ohne Zeugen wiedersähen. Ich allein ward auf diese Weise von ihrer Rückkehr benachrichtigt; ihre Frauen und selbst ihre Kinder sollten sich erst den nächstfolgenden Tag bei ihr einfinden. Der König sollte seine Reise bis Neapel fortsetzen und während die Königin in Caserta ausruhte, sich mit dem Chevalier Acton und Sir William beraten, für welche der Hof von Neapel keine Geheimnisse hatte. Um meinerseits eine Ungeduld zu beweisen, welche der, deren Gegenstand ich war, gleichkäme, war ich schon lange vor der Stunde der Ankunft in Caserta und konnte, als man ihren Wagen auf der Straße von Capua erblickte, sie von weitem durch Winken mit meinem Tuche begrüßen. Die Königin sah mich und schwenkte zur Antwort das ihrige. Der königliche Wagen verdoppelte seine Schnelligkeit und ich hatte nur eben noch Zeit, die große Treppe hinabzueilen, um die Monarchin in meinen Armen zu empfangen. Der Verabredung gemäß setzte der König seinen Weg weiter fort und wir, die Königin und ich, blieben in Caserta zurück.

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