Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
Schließen

Navigation:

46. Kapitel.

Die Königin hatte mir, wie ich schon gesagt, mein Kleid abverlangt, um sich ein ähnliches fertigen zu lassen. Ich schickte es ihr noch denselben Abend. Drei Tage darauf kam ihr Kammerdiener, um mir zu melden, die Königin sei im königlichen Palast und ließe mich rufen, indem sie mich zugleich ersuchte, meinen blauen Kaschemir mitzubringen. Sie war kaum seit zehn Minuten von Caserta angekommen und damit ich sie nicht warten lassen möchte, ließ sie mich in einer ihrer Equipagen holen. Ich benachrichtigte Sir William von meinem Fortgehen und begab mich sofort zur Königin. Die Gemächer der Königin befanden sich in dem nach dem Meere zu gelegenen Flügel des Palastes und gingen auf eine ganz mit Orangen- und Zitronenbäumen bedeckte Terrasse. Ich fand die Königin, mit dem neuen Kleide angetan, welches sie sich nach dem meinigen hatte fertigen lassen. Sie trug eine einzige weiße Feder im Haar und ihr blauer Kaschemir war über einen Sessel geworfen. Ich wollte sie mit dem gewöhnlichen Zeremoniell begrüßen, sie umarmte und küßte mich aber und sagte: »Rasch, rasch zur Toilette!« – Ich wußte anfangs nicht recht, was diese Aufforderung heißen sollte; die Königin zeigte mir aber mein auf einem Sessel liegendes Kleid und ich begriff nun, daß sie sich die Grille in den Kopf gesetzt, uns eine wie die andere gekleidet sehen zu wollen. Es war dies auch wirklich ihre Absicht. Ich fragte sie nun, ob sie mir erlauben wolle in ein Nebenkabinett zu gehen, um hier das Kleid zu wechseln. Sie zuckte die Achseln: »Wozu dergleichen Zeremonien zwischen uns?« fragte sie. Dann, als sie meine Verlegenheit sah, setzte sie hinzu: »Lassen Sie mich nur machen. Ich werde Ihre Zofe sein und Sie werden sehen, daß ich meinen Dienst ganz gut verstehe.«

Ich war so verlegen, daß ich nicht wußte, was ich tat. Ich stammelte, ich zitterte, ich stach mir meine Nadeln in die Finger, ich versuchte mich den Händen der Königin zu entziehen. »Sind Sie denn toll?« rief sie. »Werden Sie mich wohl machen lassen? Ich befehle es Ihnen!« Und dann, um mir zu beweisen, daß dieser Befehl, obschon mit gebieterischer Stimme gesprochen, eine neue Gunst war, faßte sie mich, indem sie mir ihn erteilte, um den Leib und küßte mich auf die Schulter. Ein Schauer durchrieselte meinen ganzen Körper. Ich war so weit entfernt, dergleichen Vertraulichkeiten von einer Königin zu erwarten, die für die stolzeste und gebieterischeste Frau ihres Königreiches galt, daß ich zu träumen glaubte. Ich fragte mich, ob dies wirklich die Tochter der Kaiserin Maria Theresia, und ob ich wirklich die Tochter einer armen Bauernmagd sei. Ich war gewissermaßen moralisch geblendet. Ich mußte, wohl oder übel, die Königin gewähren lassen. Sie half mir das Kleid ablegen, in welchem ich gekommen war, dann zog sie mir mein weißes Atlaskleid an und steckte mir eine weiße Feder ins Haar. Hierauf näherte sie unsere beiden Köpfe dem Spiegel und schaute einen Augenblick lang hinein. In halb schmollendem Tone sagte sie dann: »Meiner Treu, ich treibe da ein einfältiges Handwerk. Ganz gewiß. Mylady Hamilton, Sie sind schöner als ich.«

Ich errötete, ganz verlegen, bis über die Ohren und wußte, nicht, wo ich mich verbergen sollte. »Ew. Majestät,« sagte ich zu ihr, »werden mir erlauben, nicht Ihrer Meinung zu sein. Ich bin vielleicht hübsch, aber Sie – o Sie, Sie sind schön!« – »Finden Sie das wirklich, und sagen Sie mir es ohne Schmeichelei?« – »O, ich schwöre es Ihnen!« rief ich mit dem Ausdrucke der ungeheucheltsten Aufrichtigkeit. – »Also,« sagte sie, indem sie einen Blick auf ihre prachtvollen Schultern warf, »wenn Sie ein Mann wären, liebe Lady, so würden Sie sich in mich verlieben?« – »Ich würde noch mehr tun als dies, Madame; ich würde Sie auf den Knien anbeten.« Sie schüttelte den Kopf und lächelte wehmütig. – »Geliebt zu werden ist schon etwas Seltenes,« sagte sie dann, »besonders für eine Königin. Verlangen wir nicht das Unmögliche und dennoch –« Sie stockte und seufzte.

Ich betrachtete sie mit einer Teilnahme, in der sie sich nicht irren konnte. »Und dennoch?« wiederholte ich. Sie schlang einen ihrer Arme um meinen Hals und ließ mich an ihrer Seite auf einem Sofa Platz nehmen.»Wie viel Liebschaften haben Sie gehabt?« fragte sie mich dann. – »Fragen mich Eure Majestät, wie vielmal ich geliebt habe oder wie vielmal ich geliebt worden bin?« – »Sie haben recht; es ist nicht dasselbe. Ich frage also, wie vielmal Sie geliebt worden sind.« – »Einmal mit zärtlicher Freundschaft und einmal mit tiefer Liebe.« – »Und welches von diesen beiden Gefühlen hat Sie am vollständigsten glücklich gemacht?« – »Die zärtliche Freundschaft, glaube ich.« – »Und Sie?« – »Ich?« – »Ja, Sie. Wer ist von allen Ihren Anbetern der, den Sie am meisten geliebt haben?« – Ich lächelte. »Soll ich freimütig antworten?« fragte ich. – »Wir sollen Sie dies stets.« – »Einen dritten, der mich nicht liebte.« – Die Königin machte eine Bewegung mit dem Kopfe, seufzte abermals und sagte: »Und dennoch war dies der Wahre! So sind wir Frauen! Auch ich, meine arme Emma, habe eine wahre und echte Liebe einer erheuchelten und ehrgeizigen geopfert und ich leide nun die Strafe dafür. Ich habe einen Gemahl, den ich nicht liebe, und soll ich es Ihnen gestehen? den ich nicht lieben kann, und einen Geliebten, den ich verachte. Sie wundern sich, daß ich Ihnen dies mit solcher Freimütigkeit sage, aber was wollen Sie? Ein gewisser Instinkt zieht mich zu Ihnen hin. Übrigens spricht man von diesen Dingen in Neapel schon so laut, daß das Verdienst des Vertrauens kein großes ist und Sie aller Wahrscheinlichkeit nach schon längst wissen, was ich Ihnen heute mitteile.«

»Aber das, was Sie, mir sagen, Majestät, rührt mich deswegen nicht weniger.«

– »Meine Majestät ist eine traurige Majestät, was nämlich das Glück betrifft. Als ich den Fuß auf den Boden von Neapel setzte, als ich den Mann erblickte, für den man mich bestimmt, da fühlte ich, daß mein Urteil gesprochen war.«

– »Ja, in der Tat, welch ein Unterschied zwischen dem König und Ihnen!« rief ich.

– »Da hast du meine einzige Entschuldigung auf dich genommen, liebe Emma. Du, ein zartfühlendes Gemüt, kannst dir von meiner Enttäuschung einen Begriff machen. Ich war jung, ich zählte kaum fünfzehn Jahre. Man hatte mir gesagt, daß ich über das Land herrschen solle, in welchem Virgil gestorben, in welchem Tasso geboren war. Ich sollte einen jungen Prinzen von achtzehn Jahren, einen Enkel Ludwigs des Vierzehnten, einen Urenkel Heinrichs des Vierten heiraten. Ich kam, sozusagen, mit der Aeneide in der einen, mit dem »befreiten Jerusalem« in der andern Hand. Ich kam mit allen Hoffnungen eines jungfräulichen Herzens, mit allen Träumen eines mit den Balladen unseres alten Deutschlands genährten Geistes. Ich sah ihn. Du kennst ihn. Ich brauche dir nicht erst sein Porträt zu entwerfen – eine Art unwissender Bauer, der keine andere Sprache redet als sein neapolitanisches Patois, ein Lazzarone vom Hafendamm, der in der königlichen Loge seine Makkaroni speist, ein Fischer der Mergellina, welcher unter den gemeinsten Ausdrücken seine Fische verkauft; ein roher Jäger ohne Poesie, ein Dorfsultan, der sich einen Harem von Kuhmägden geschaffen! Ach, ich versichere dir, die Illusion dauerte nicht lange. Einmal glaubte ich, noch glücklich werden zu können. Ich war auf meinem Wege einem Manne begegnet, der mit allen Eigenschaften begabt war, welche dem König fehlten. Er war jung, schön, elegant, geistreich, obendrein Fürst, was seinen übrigen Vorzügen keinen Eintrag tat.«

»Der Fürst von Caramanico!« rief ich, ohne zu bedenken, wie unpassend diese Unterbrechung von meiner Seite war. –

»Dann kennst du also seinen Namen?« fragte die Königin. Ich errötete. »O, erröte nicht,« sagte sie zu mir. »Zu diesem Manne konnte eine Königin sich bekennen. Er liebte mich wahrhaftig, der arme Giuseppe! Nicht wie der andere, weil ich Königin war, und ich weiß, er liebt mich immer noch.«

»Aber wer hindert dann Euer Majestät, ihn wiederzusehen?«

– »Man hat Sorge getragen, ihn von mir zu entfernen.«

– »Lassen Sie ihn wiederkommen – rufen Sie ihn zurück. O, wenn ich Königin wäre, wenn ich einen Mann liebte und meinen Gemahl verabscheute, dann sollte nichts auf der Welt mich abhalten, den, welchen ich liebte, in meiner Nähe zu haben.«

– »Auch nicht die Furcht, durch seine Zurückberufung seinen Tod herbeizuführen?« fragte mich die Königin in düsterem Tone. Ich stutzte.

»Und wer könnte ein solches Verbrechen begehen?« fragte ich.

– »Der, welcher seine Stelle eingenommen hat und fürchten könnte, sich durch jenen wieder daraus verdrängt zu sehen.«

– »Diese Überzeugung haben Sie, Majestät!« rief ich, »und dennoch behalten Sie diesen Mann in Ihrer Nähe?«

– »Was willst du! In den Regionen, welche wir bewohnen, gibt es polititische Fallstricke. Wird man einmal darin gefangen, so ist man es für immer. Zu weinen ist verboten. Ein ganzes Volk hört uns und ruft dann lachend: ›Das ist schon recht so!‹ Klagen können wäre allerdings ein großer Trost, aber dazu bedarf man einer Freundin. Du siehst, daß ich Klage, selbst ohne zu wissen, ob ich eine Freundin habe.«

– »O, Sie haben eine, Madame; Sie haben eine Freundin, welche Sie lieben wird, nicht weil Sie Königin sind,« rief ich, und war nahe daran, ihr wie meinesgleichen um den Hals zu fallen. Ich unterdrückte noch diese Bewegung.

»Die sich aber von mir entfernen wird, weil ich Königin bin,« sagte Karoline mit wehmütigem Lächeln. »Ach, meine arme Emma, die Regionen des Thrones sind, wie die Gipfel der Alpen, von einer gewissen Höhe an kahl und unfruchtbar. Es gedeiht hier nichts mehr, weder Freundschaft noch Liebe.«

– »Sie sehen wohl, daß Sie sich irren, Madame, da ja jener Mann Sie geliebt hat, da Sie sagen, daß er Sie noch liebt und da endlich ich –«

»Nun du?«

– »Da ich, ermutigt durch das, was Sie mir sagen, Ihnen zu gestehen wage, daß ich Sie auch liebe.«

– »O, ich habe das oft geträumt – eine Freundin! Ich habe aber nur gefällige Dienerinnen gefunden, wie zum Beispiel die San Marco und die San Clemente, welche unaufhörlich etwas von mir für sich erbitten; die, wenn sie dies nicht für sich selbst, es für ihre Liebhaber, oder, wenn nicht für diese, für ihre Männer tun. Sind dies Freundinnen?«

– »Ich, Madame,« rief ich, »ich habe nichts von Ihnen zu erbitten, weder für mich noch für meinen Gatten. Was einen Liebhaber betrifft, so habe ich keinen und fürchte sogar sehr, daß ich niemals einen haben werde.« – »Aber eben weil du weder für dich noch für andere etwas von mir zu erbitten hast, wirst du dir nicht die Mühe nehmen, meine Freundin zu sein,« sagte die Königin mit bitterem Lächeln. »O doch, doch!« rief ich und konnte nicht mehr dem Impuls widerstehen, der mich zu ihr hindrängte. Ich schlang meine Anne diesmal wirklich um ihren Hals und wiederholte: »O doch, doch! Ich schwöre es Ihnen.« – »Nun,« hob Karoline wieder an, »das ist eine gute Regung. Wohlan, ich will dich dafür belohnen, indem ich dir etwas zeige, was ich niemandem zeigen würde – sein Bildnis –« Sie schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Später vielleicht, in zehn Jahren, wirst du wissen, daß es in dem Leben eines jeden Weibes, sei sie nun Königin oder Wäscherin, stets eine Liebe gibt, welche eine tiefere Spur zurückläßt, als die andern. Diese Liebe ist oft die erste. Bei jedem Manne, der in der Wirklichkeit oder in der Erinnerung vor dem Spiegel welchen man das Herz nennt, vorübergeht, schüttelt man traurig den Kopf und sagt: »Der ist es nicht.« Dann trübt der Spiegel sich allmählich und wirft gar kein Bild mehr zurück. Dennoch, wenn man hinter den seine Fläche bedeckenden Nebel schaut, ist es immer noch jener Mann, den man hier wieder findet.« – Ich senkte das Haupt. Der einzige Mann, den ich geliebt oder zu lieben geglaubt, war Sir Harry und ich fühlte, daß keiner von denen, welche ich gekannt, in meinem Herzen die tiefe Spur zurückgelassen hatte, von welcher die Königin sprach. War ich also bestimmt, nicht mehr zu lieben? Oder hatte ich die eigentliche, wahre Liebe noch nie empfunden? Die Königin ging an ihren Sekretär, ein prachtvolles Geschenk von König Ludwig dem Sechzehnten, öffnete ein geheimes Schubfach und kehrte mit einer kleinen Kassette in der Hand zu mir zurück. Diese Kassette enthielt ein Medaillon in einem Etui, ein Paket Briefe und verwelkte Blumen und Blätter. Ich dachte an diese stolze, mächtige, absolute Königin, welche man beschuldigte, ein ehernes Herz oder gar keines zu haben, und die gleichwohl jetzt wie eine einfache schlichte Frau, wie eine Pensionärin, die ihre letzten Ferien beweint, wie eine Nonne, die ihre Freiheit betrauert, mir verwelkte Blumen und Blätter, Briefe und ein Porträt zeigte. Das Szepter kann die Hand vertrocknen lassen, die Krone kann die Stirne der Königin sengen, aber es gibt einen Winkel des Herzens, wo das Weib immer Weib bleibt. Ich lächelte über diesen neuen Beweis von unserer Kraft oder unsrer Schwäche, wie man will.

»Du lachst,« sagte die Königin, »und du findest, daß ich sehr töricht bin, nicht wahr? Wohlan, lache immer zu, wenn du willst. Ein Teil meines Herzens ist da, wo er ist; der andere ist bei diesen Briefen, diesen Blumen und diesem Porträt. Oft wenn ich einen ganzen Tag einen Gatten, den ich hasse, und einen Geliebten, den ich verachte, ertragen habe, schließe ich mich allein in dieses Zimmer ein. Ich nehme meine teure Kassette aus meinem Sekretär, ich öffne sie und sage: ›Dieses Lorbeerblatt haben wir eines Abends an Virgils Grabe gepflückt.‹ Der Mond, welcher prachtvoll hinter dem Berge Sant Angelo aufging, warf breite Schatten auf den Pausilippo. Wir waren beide in eine dieser dunklen Ecken begraben und gleichsam abgeschnitten von der Welt der Lebenden, die unter uns brauste. Auf der Uhr des Klosters St. Antonio schlug die elfte Stunde. Er lag auf seinen Knien vor mir wie ein Schäfer Theokrits oder Geßners und blickte bittend zu mir empor. Wir hatten uns gesagt, daß wir einander liebten, aber ich hatte ihm noch nichts gewährt als die Jungfräulichkeit meines Herzens. Beim letzten Schlage der elften Stunde pflückte ich dieses Blatt. Ich drückte es auf meine Lippen und senkte mein Haupt zu ihm herab. Sein Mund preßte sich auf die andere Seite des Blattes, welches nun noch die einzige Scheidewand zwischen seinen Lippen und den meinigen war. Plötzlich zog ich das Blatt rasch hinweg und unsere Lippen berührten sich. Er stieß einen Schrei aus, als ob ihm ein glühendes Eisen in das Herz gedrungen wäre. Ich sah ihn erbleichen, die Augen schließen und zurücksinken. Ich faßte ihn in meine Arme, ich drückte ihn an mein Herz. Es war an einem schönen Abend des Monats Mai, am siebenten; das Meer glänzte wie ein See von flüssigem Silber. Der Jupiter stand über dem Vesuv, rot, als ob er aus dem Krater desselben emporgestiegen wäre: Ach, armes welkes Blatt! Es sind nun vierzehn Jahre her, daß du gepflückt wurdest, und du siehst gleichwohl, daß ich nichts vergessen habe. Jede dieser Pflanzen oder dieser Blumen ist ein Merkzeichen unserer Liebe und hat seine Geschichte wie dieses Lorbeerblatt. Mit ihnen könnte ich das ganze Gedicht meines Glückes und meiner Jugend wieder zusammensetzen. Dieses Heidekrautreis trug ich in einer Nacht des Wahnsinnes an meiner Seite. Der König hatte ein bevorrechtetes Regiment, welches er seine Liparioten nannte, weil es wenigstens zum größten Teil aus Leuten bestand, welche von den liparischen Inseln stammten. Giuseppe war Kapitän dieses Regiments. Zu jener Zeit ward ich von dem alten Tannucci, der mich verabscheute und den ich verachtete, scharf überwacht und wir konnten uns daher nur unter tausend Gefahren sehen. Ich brachte den König auf die Idee, seinem Regimente ein Fest zu geben. Wir kamen überein, uns zu verkleiden, er sich als Gastwirt, ich mich als Wirtin, und die Offiziere des Regiments zu bedienen. Man schlug zwei riesige Zelte auf. In dem einen präsidierte der König in weißer Mütze mit an dem Gürtel aufgesteckter Küchenschürze und dem Messer an der Seite. Seine Kellner waren die vornehmsten Herren des Hofes. Ich trug das Kostüm der Frauen von Procida, ein rotes Tuch um den Kopf, ein um die Taille herum fest anschließendes gesticktes Mieder, einen kurzen scharlachroten Rock, welcher den untern Teil des Beins unbedeckt ließ, und meine Mägde waren die zwölf vornehmsten Hofdamen. Caramanico setzte sich an eine meiner Tafeln und ich konnte mich mit ihm beschäftigen, indem ich mich zugleich mit den andern beschäftigte. Mit welcher Freude war ich seine Magd. Als er auf die Gesundheit der Königin trank, wußte ich, daß er die Marie Karolinens, aber nicht die der Königin meinte. Ich ging dicht an ihm vorüber, mein Kleid streifte sein Knie, mein Arm seine Schulter. Ich ging unaufhörlich hin und her und hatte stets auf diesem schmalen Wege zu tun, den er mir so schmal als möglich machte. Die Musik gab das Signal zum Tanz. Als einer der ersten Offiziere des Regiments hatte Caramanico das Recht, mich aufzufordern und wir tanzten dreimal miteinander. Er hatte das Bukett gesehen, welches ich am Gürtel trug. Er benutzte einen Augenblick, wo er nicht tanzte, um ein ähnliches zusammenzusetzen. Er gab es mir. Ich gab ihm das meinige. Dies hier ist das seinige– dieses Heidekraut mit wilden Nelken umgeben. Willst du den Brief sehen, den er mir den nächstfolgenden Tag schrieb. Hier ist er– lies!«

Ich nahm den Brief aus den zitternden Händen der Königin und las:

»O meine geliebte Karoline! Nun bin ich wieder aus dem Himmel in die Wüste herabgestürzt, welche man die Erde nennt, wenn du nicht da bist. Ist es ein Traum? Ist es Wirklichkeit? Eine Göttin, Hebe oder Venus, ich weiß nicht welche– beide sind blond, beide sind jung, beide sind schön– hat mir Ambrosia aufgetragen und Nektar kredenzt. O, ich erkannte den göttlichen Trank, denn ich hatte während unserer ganzen letzten Nacht von deinen Lippen getrunken und dieser war noch berauschender als der, welchen Du gestern gereicht. Denke nur eins, meine geliebte Karoline, aber denke daran mit Deinem Geiste, mit Deinem Herzen, mit allem, was Gott an Liebe in Dich gelegt hat – denke daran, mir eine Nacht zu schenken, eine jener schönen Nächte, welche mit Küssen gestirnt sind, die in meiner Erinnerung bleiben und tausendmal Heller und glänzender sind, als meine Tage. Ach, warum bist Du Königin? Warum bist Du nicht einfach und wirklich eine jener schönen Töchter der griechischen Insel, deren Kostüm Du gestern trugst? Dann gäbe es keinen von Soldaten bewachten Palast mehr, keine von Ehrendamen bewachten Korridors, kein von einem König bewachtes Schlafgemach. Es gäbe unter unseren Füßen nur eine Barke mit dem Meere, den Himmel über unsern Häuptern, ein Vorgebirge mit dem süßen Namen Misena, einen Golf mit liebenden Erinnerungen, welcher Baja hieße; Orangenhaine, in welchen wir uns verlören, um uns so spät als möglich wieder zu finden, und welche Sorrento heißen würden. O das Leben mit Dir, die Freiheit mit Dir, das Unglück mit Dir, den Tod mit Dir, aber nichts ohne Dich, nicht einmal den Ruhm, nicht einmal das Glück, nicht einmal einen Platz zur Rechten Gottes!

Dein Giuseppe.«

Seufzend ließ ich den Brief fallen. »Glaubst du, daß er mich liebte?« fragte die Königin, indem sie den Brief aufhob und an ihre Lippen drückte. Ich antwortete nicht. – »Ja, ich verstehe,« fuhr sie fort, »du fragst dich, weil du nicht mich zu fragen magst, wie ich, da ich von einem solchen Manne geliebt ward, mich dazu verstehen konnte, ihn von mir zu entfernen. Du fragst dich, wie ich, da ich ihn geliebt, jemals einen andern lieben gekonnt. Ich habe aber keinen andern geliebt – ich bin bloß die Geliebte eines andern gewesen, weiter nichts. Was willst du? Kleopatra war, nachdem sie die Geliebte des göttlichen Cäsar gewesen, das Liebchen des Trunkenbolds Antonius. Sprechen mir nicht mehr davon. Dies ist mein Makel. Willst du sein Bildnis sehen?« – Und heftig, beinahe mit Zorn, öffnete sie das Etui und hielt mir ein reizendes Miniaturporträt vor die Augen. Es war das Bild eines Mannes von achtundzwanzig bis dreißig Jahren von mehr strengen als zärtlichen Zügen, mit schönem schwarzem Haar, schönen schwarzen Augen und schönem, bleichem Teint. Er trug die Uniform eines Kapitäns der Liparioten. Das Bild war am Morgen nach jenem verhängnisvollen Tage, an welchen der Strauß von Heidekraut und milden Nelken erinnerte, begonnen und der Königin während der so flehentlich begehrten Nacht überreicht worden. In diesem Augenblicke ward an der Tür gepocht. »Wer ist da?« fragte die Königin, indem sie Blumen, Brief und Bildnis, als ob sie gefürchtet hätte, daß ein profaner Blick diese Gegenstände entweihen könne, rasch wieder in die Kassette legte. »Ich, Madame,« antwortete eine Männerstimme. Die Königin runzelte die Stirn, was ihrem schönen Antlitz einen unglaublichen Ausdruck von Härte gab. »Ich hatte doch gesagt, daß ich für niemand zu sprechen sei,« entgegnete sie. – »Auch nicht einmal für mich,« fragte die Stimme. – »Wenn ich sage für niemand,« antwortete die Königin in rauhem Tone, »so gibt es keine Ausnahme.« – »Ich hatte Euer Majestät sehr wichtige politische Neuigkeiten mitzuteilen.« – »Teilen Sie dieselben dem König mit. Ich trete für heute meine Vollmacht an ihn ab.« – »Aber wenn Euer Majestät erfahren wird –« »Ich will heute nichts erfahren,« sagte die Königin und stampfte ungeduldig mit dem Fuße. – »Lady Hamilton ist wohl bei Euer Majestät?« – »Ich glaube Sie unterstehen sich, mich auszufragen?« rief die Königin. – »Nein, Majestät, Sir William war aber da, um Mylady mitzuteilen, daß er, weil er dieselben Nachrichten empfangen wie ich, nach Caserta gehen werde.« – »Weiß er, daß Mylady hier ist?« – »Ja, Majestät.« – »Nun gut, so möge er sich nach Caserta begeben.« – »Dann gehe ich mit ihm,« fuhr die Stimme fort. – »Ja, gehen Sie.« – Man hörte das Geräusch sich entfernender Tritte.

»Er wollte mir meinen Tag verderben,« sagte die Königin. – »Aber dennoch, Madame,« wagte ich zu bemerken, »wenn die Nachrichten, die man Ihnen mitteilen wollte, wirklich so wichtig sind, wie es scheint.« – »Heute, wo ich in der einen Hand das Bildnis des Geliebten halte und mit der andern eine Freundin an mein Herz drückte,« antwortete Karoline, »würde ich meinen eigenen Thron für einen Carlino hingeben, um wie viel mehr den anderer?«

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.