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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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45. Kapitel.

Wir sehen somit diese beiden Personen einander gegenüber – einerseits die Königin, schön, stolz, anmutig, distinguiert, feinfühlend, sinnlich, ein wenig pedantisch, leicht zu reizen, schwer zu besänftigen, ihren Gemahl wegen der Gemeinheit seiner Worte und der Schwäche seines Geistes verachtend – andererseits den König, heiter, naiv bis zur Unwissenheit, freimütig bis zur Plumpheit, ohne Zartgefühl beim Reden oder Handeln, so daß er nicht einem Monarchen auch nicht einem Prinzen, ja nicht einmal einem einfachen Edelmann, sondern einem Lazzarone glich. Eines der Dinge, welche die Königin zur Verzweiflung trieben und sie bewogen, sich des Theaterbesuchs fast gänzlich zu enthalten, war die Art und Weise, auf welche der König sich hier benahm und sich während der Zwischenakte zum Hanswurst des Pöbels machte. Zwischen der Oper und dem Ballett brachte man ihm sein Souper in die Loge. Eins der Bestandteile dieses Soupers war allemal eine Schüssel Makkaroni. Der König ergriff diese Schüssel, trat an den Rand der Loge und verschlang unter dem lauten Beifallsjubel des Parterres unter allerhand komischen Gebärden nach und nach die ganze Portion, indem er sich der Finger als Gabel bediente und sich für den Beifall der Zuschauer freundlich bedankte. Die Königin glaubte anfangs über ihn eine weit größere Herrschaft erlangt zu haben, als sie in der Tat besaß und in der Folge erlangte.

Als sie sich eines Tages über den Herzog von Altavilla, den Günstling des Königs, erzürnte, überhäufte sie diesen Kavalier mit Schmähungen und beschuldigte ihn, daß er sein Ansehen bei dem König nur dadurch behaupte, daß er Mittel in Anwendung bringe, die eines Edelmannes unwürdig seien. Der in seiner Würde verletzte Herzog beklagte sich bei dem König über die von der Königin erfahrenen Beleidigungen und bat um Erlaubnis, sich auf seine Güter zurückzuziehen. Der über das Verfahren seiner Gemahlin erzürnte König begab sich sogleich zu ihr und machte ihr lebhafte Vorwürfe. Anstatt ihn jedoch zu begütigen, reizte sie ihn durch ihre Antworten noch mehr, so daß der Wortwechsel mit einer kräftigen Ohrfeige endete, deren Spuren auf der Wange der Königin noch drei oder vier Tage lang zu sehen waren. Nun zog sie sich wie Achill unter ihr Zelt zurück. Der König aber hielt festen Stand und die Königin sah sich genötigt, sich zu demütigen und zwar in solchem Grade, daß sie die Vermittlung des Herzogs von Altavilla in Anspruch nehmen mußte, um wieder zu Gnaden angenommen zu werden. Dem Kaiser Joseph, welcher damals in Italien reiste, gelang es, als er nach Neapel kam, die beiden Gatten wieder miteinander auszusöhnen.

Eine Zeitlang ging dem König die Verachtung, welche die Königin ihm bewies, zu Herzen. Es dauerte jedoch nicht lange, so beschloß er, sich darüber zu trösten und ihre Gesellschaft zu meiden. Dies hatte für Karoline die Unannehmlichkeit zur Folge, daß sie nicht wußte, wie und zu welcher Zeit sie ihren Einfluß aus ihren Gemahl wieder gewinnen sollte.

Leidenschaftlicher Jäger, wie ich schon erzählt, ließ Ferdinand selten einen Tag verstreichen, ohne auf die Jagd zu gehen. Er hatte in jedem Bezirk seiner Wälder große Hütten bauen lassen, deren Inneres einfach, aber bequem eingerichtet und ausgestattet war. Wenn er hier, unter dem Vorwand, ein wenig auszuruhen, eintrat, fand er allemal in dem zierlichen Kostüm der Bäuerinnen aus der Umgegend von Neapel ein hübsches Weibchen oder Mädchen, welches seine Befehle erwartete. Dabei aber trug er doch Sorge, den hierbei mitwirkenden gefälligen Dienern einzuschärfen, mit der größten Umsicht und Verschwiegenheit zu Werke zu gehen, damit nicht etwa die Königin etwas davon erführe. »Ach, was da!« sagte eines Tages ein Kammerdiener, welcher sich oft eine freimütige Äußerung erlauben durfte, »wozu diese Heimlichtuerei, da ja die Königin es ebenso und vielleicht noch toller macht als Sie, Majestät.«

»Schweig! schweig! Lassen wir sie machen,« sagte der König; »dies kreuzt und verbessert die Rassen.«

Heute, wo ich versprochen habe, die Wahrheit nicht zu verschweigen, muß ich sagen, daß der alte Kammerdiener nicht log. Die Königin, deren erster Liebhaber der Fürst von Caramanico war, hatte später Acton, und gleichzeitig mit Acton – ohne daß dieser sich mehr darum kümmerte, als Potemkin um die übrigen Verehrer Katharinens der Zweiten – gleichzeitig mit Acton, sage ich, den Herzog della Regina, dessen Name, wie man sieht, prädestiniert zu sein schien, und Pic d'Anceni, der die Balletts in Italien, wenn nicht erfunden, doch wenigstens verbessert hat. Ebenso wie die große Katharina wollte sie ihre Liebhaber belohnen; da sie aber weniger reich war als diese, so ruinierte sie sich und war aus diesem Grunde niemals bei Kasse.

Kehren wir jetzt zu dem König zurück. Abgesehen von seinen Liebschaften in den Jagdhäuschen hatte der König von Zeit zu Zeit vorübergehende Neigungen für Damen des Hofes oder aus einem andern Stande. Karoline war nicht eifersüchtig auf ihren Gemahl, den sie nicht bloß nicht liebte, sondern geradezu verachtete. Dennoch aber fürchtete sie, daß eine Frau, die geschickter wäre als die anderen, eine Macht an sich reißen könnte, welche sie sich um keinen Preis entgehen lassen wollte. In gewissen Augenblicken wußte sie demgemäß mit echt weibischer Beharrlichkeit und Gewandtheit hinter das Geheimnis dieser Liebesintrigen zu kommen, und rächte sich dann an ihren Nebenbuhlerinnen. So gestand der König, nachdem er einige Monate mit der Herzogin von Luciano auf vertrautem Fuße gestanden, diese Intrige seiner Gemahlin. Diese ließ die Herzogin auf ihre Güter verbannen. Darüber entrüstet, legte die Herzogin Männerkleidung an, lauerte den König auf einem seiner Wege ab und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Der König, der ihr gegenüber ebenso schwach war, als er es der Königin gegenüber gewesen, gestand sein Unrecht ein, aber dennoch sah die Herzogin sich genötigt, auf ihre Güter zurückzukehren, wo sie zur Zeit meiner Ankunft in Neapel noch war. Dasselbe geschah mit der Herzogin von Cassano Serra, obschon hier gerade entgegengesetzte Motive zugrunde lagen. Ferdinand beschäftigte sich mit ihr trotz aller Mühe, die er sich gab, umsonst, denn trotz allen seinen Bitten weigerte sie sich standhaft, seinen Wünschen nachzugeben. Der König beschwerte sich über diese Sprödigkeit gegen seine Gemahlin, und die Königin ließ die Herzogin von Cassano verbannen, weil dieselbe zu keusch gewesen, ebenso wie sie die Herzogin von Luciano in die Verbannung geschickt, weil dieselbe es nicht genug gewesen.

Leider bezahlte die arme Herzogin ihre Tugend noch einmal so teuer, als eine andere ihre Sünden bezahlt haben würde, und kehrte zu ihrem Unglück im Jahre 1799 aus der Verbannung zurück. Ich habe gesagt, daß der Herzog von San Nicandro sich bemüht hatte, aus seinem Zögling den ersten Jäger und den ersten Fischer des Königreiches zu machen, und zwar bloß in der von Tannucci eingegebenen Absicht, den Prinzen von der Teilnahme an den Staatsgeschäften abzuhalten. Der König trieb auch in der Tat, wenn er dem Kabinettsrat beiwohnte, die Vorliebe für Jagd und Fischfang so weit, daß er nicht gestattete, Schreibmaterialien auf den Beratungstisch zu bringen, denn er fürchtete, daß man dann auf den Gedanken kommen könnte, irgendeine Verordnung abzufassen, welche er dann genötigt wäre zu unterzeichnen. Es bestand zwischen dem König von Neapel und dem Markgrafen von Anspach ein vertrauter wöchentlicher Briefwechsel über alles, was sich auf die Jagd bezog. Jeder der beiden Fürsten führte ein genaues Register, in welches Tag für Tag und Stunde für Stunde die von ihnen auf diesem Gebiete vollbrachten Heldentaten eingetragen wurden.

Ein ähnliches Register und eine ähnliche Korrespondenz ward zwischen dem König von Neapel und dem König von Spanien, seinem Vater, geführt. Nun geschah es oft, daß die beiden Monarchen sich infolge politischer Differenzen entzweiten. Wie uneinig sie aber auch in politischer Beziehung sein mochten, so erlitt doch das eben erwähnte Register keinerlei Unterbrechung. Das Verzeichnis der wilden Tiere, welche dem Vergnügen des Monarchen geopfert worden, ward stets regelmäßig geführt. Das kleine Wild ward darin ebenso gewissenhaft verzeichnet, wie das große. In einer besonderen Rubrik waren die Schwierigkeiten bemerkt, die es dabei zu überwinden gegeben, die Unfälle, die dabei vorgekommen, die Personen, welche den König begleitet, und die besonderen Beweise von Kühnheit oder Geschicklichkeit, wodurch sie sich hervorgetan. Das von diesen beiden Registern, welches für den Markgrafen von Anspach bestimmt war, galt für das bevorzugte, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde, weil Ferdinand, so geschickt er auch war, doch weit weniger gut schoß, als Carl der Dritte, während er im Gegenteil ein besserer Schütze war, als der Markgraf von Anspach. Die süßeste Schmeichelei, womit man das Ohr des Königs erfreuen konnte, war, wenn man ihm sagte, er schösse besser, als der Markgraf von Anspach, was durch die Zahl des von Ferdinand erlegten Wildprets konstatiert würde, weil dieses die Zahl des von dem Markgrafen von Anspach geschossenen überstiege, während man die Zahl der von dem König Carl dem Dritten erlegten Tiere noch größer wäre, dies nicht in der größern Geschicklichkeit des Königs Carl, sondern in dem Umfang und in dem Wildreichtum der spanischen Wälder seinen Grund hätte.

Ich werde hier noch zwei Anekdoten mitteilen, welche das von mir von dem König entworfene Bild vervollständigen. Dann werde ich sofort zur Erzählung der Ereignisse übergehen, welche das Königreich Neapel beunruhigten und woran ich selbst Teil nahm – mehr aus Freundschaft für den König und die Königin als infolge einer wirklichen Antipathie gegen das französische Volk und die italienischen Patrioten. Der König jagte in einem seiner Wälder, als eine arme Frau ihm begegnete. Sie kannte ihn nicht und schien sehr betrübt zu sein. Ohne weder das Herz noch den Geist Heinrichs des Vierten zu besitzen, hatte Ferdinand doch einen Instinkt für volkstümliche Abenteuer. Er näherte sich der guten Frau und befragte sie. Diese antwortete ihm, sie sei Witwe, habe sieben Kinder zu ernähren und besäße, um dies zu ermöglichen, weiter nichts als ein kleines Feld, welches durch die Meute des Königs verwüstet worden sei. »Sie werden selbst zugeben, Signor,« setzte die Witwe weinend hinzu, »daß es sehr hart ist, einen Jäger zum Fürsten zu haben, dessen Vergnügungen für seine Untertanen nur eine Quelle der Tränen sind.« Ferdinand antwortete, ihre Klagen seien gerecht und da er im Dienste des Königs stünde, so würde er nicht ermangeln, ihn davon in Kenntnis zu setzen.

»Sagen Sie es ihm oder sagen Sie es ihm nicht,« erwiderte die Frau, »deswegen hoffe ich nicht mehr und nicht weniger. Nur ein Mensch ohne Herz kann auf diese Weise um seines Vergnügens willen das Besitztum armer Leute verwüsten, weil er weiß, daß diese nichts gegen ihn auszurichten vermögen.«

Diese Erklärung der Witwe hielt den König nicht ab, sie bis an ihre Hütte zu begleiten und mit eigenen Augen den Schaden zu sehen, den er angerichtet. Hier angekommen, rief er zwei Bauern, Nachbarn der Frau, und ersuchte sie, den Schaden zu taxieren. Die Bauern machten ihre Berechnung und schätzten den Schaden auf zwanzig Dukaten. Der König nahm aus seiner Tasche sechzig Dukaten und gab davon der Witwe vierzig, indem er sagte, es sei nicht mehr als recht, daß ein König doppelt so viel bezahle wie ein Privatmann. Die noch übrigen zwanzig Dukaten wurden zwischen die beiden Schiedsrichter geteilt.

Einen Tag in der Woche gab der König Audienz in Capodimonte, einem Palast, welcher vom König Carl dem Dritten ausdrücklich für die Schnepfenjagd erbaut worden. An diesem Tage konnte jeder ohne Audienzbrief zu ihm gelangen und brauchte bloß zu warten, bis die Reihe an ihn kam. Natürlich waren die Vorzimmer allemal gedrängt voll. Ein alter Pfarrer aus der Umgegend von Capodimonte, der sich eine Gnade beim König ausbitten wollte, beschloß von diesem öffentlichen Audienztag Gebrauch zu machen und sich direkt an Se. Majestät zu wenden. Da er aber sich darauf gefaßt machen mußte, kürzere oder längere Zeit im Vorzimmer zuzubringen, so traf er Vorsichtsmaßregeln gegen den Hunger und steckte ein Stück Brot und Käse in die Tasche, nicht etwa um dieses Stück Brot in dem Vorzimmer zu verzehren, denn um keinen Preis hätte er einen solchen Verstoß gegen die Ehrerbietung begangen; da er aber drei Stunden Weges zu Fuß zurückzulegen hatte, um wieder in sein Dorf zu gelangen, so gedachte er, nachdem er seine Audienz gehabt, auf dem Rückwege an dem ersten besten Brunnen Halt zu machen, hier sein Brot und seinen Käse zu essen, einige Schluck Wasser dazu zu trinken und, nachdem er sich auf diese Weise gestärkt, sich wieder auf den Weg nach seiner Pfarre zu machen. Als er drei oder vier Stunden gewartet, kam endlich die Reihe an ihn und er trat in das Kabinett des Königs. Der König saß in einem Lehnsessel und zu seinen Füßen lag ein großer Jagdhund, der wegen der Feinheit seiner Witterung sein Liebling war. Kaum war der Geistliche eingetreten, so öffnete der Hund die Nüstern, hob den Kopf empor, machte freundliche Augen und wedelte mit dem Schwanze. Alle diese freundlichen Demonstrationen galten dem Pfarrer oder vielmehr dem Stück Käse, welches er in der Tasche hatte. Man kennt die unwiderstehliche Vorliebe, welche die Jagdhunde für diese Delikatesse haben. So wie der Geistliche unter einer Menge Verbeugungen näher kam, richtete der Hund sich ganz auf und ging ihm mit der freundschaftlichsten Miene entgegen. Der Geistliche, welcher vielleicht nicht glaubte, daß die Demonstrationen des Hundes so freundschaftlich seien, wie sie es wirklich waren, sah seine Annäherung mit Unruhe. Diese Unruhe verwandelte sich in Furcht, als er den Hund hinter sich schleichen sah. Noch ärger aber ward die Sache, als er, während er sein Gesuch vortrug, fühlte, wie die Schnauze des Hundes sich in seine Tasche hineinbohrte. Die Liebe des Königs zu den Hunden war bekannt. Es konnte für den Geistlichen keine Rede davon sein, sich des Lieblingshundes des Königs durch einen Fußtritt zu entledigen, und dennoch begann das Tier die Indiskretion bis zur Zudringlichkeit zu treiben. Was den König betraf, so belustigte dieser Auftritt ihn, der für einen feinen Scherz unzugänglich war, über alle Maßen. Er unterbrach den Geistlichen mitten in seiner schon ohnehin sehr unsicheren Anrede.

»Ich bitte um Entschuldigung, mein Vater,« sagte er, »aber was haben Sie denn in Ihrer Tasche, da mein Hund es durchaus sehen will?«

»Ach, Sire,« antwortete der Priester zögernd, »weiter nichts, als ein Stück Käse, welches ich zu meiner Abendmahlzeit bestimmt habe. Es ist, wie Sie selbst sehen, vier Uhr nachmittags, ich habe noch drei Stunden zu gehen, um nach meiner Pfarre zurückzukommen und ich bin nicht reich genug, um in der Stadt zu speisen.«

»Meiner Treu, Sie haben recht,« hob der König wieder an, »denn eben ist es Jupiter,« – so hieß der Hund – »gelungen, sich des Käses zu bemächtigen. Fahren Sie in Ihrer Darlegung fort, denn nun ist es wahrscheinlich, daß er Sie in Ruhe lassen wird.« Der Geistliche sagte demgemäß, während Jupiter seinen Käse schmauste, was er dem König zu sagen hatte, der ihn mit der größten Aufmerksamkeit anhörte.

»Es ist gut,« sagte Ferdinand, als der Geistliche zu Ende gesprochen, »wir werden uns die Sache überlegen.« Trotzdem aber, was der König gesagt, schien Jupiter, nachdem er den Käse gefressen, dem Geistlichen auch noch das Brot nehmen zu wollen. »Na,« sagte der König, »bringen Sie das Opfer nicht bloß halb sondern leeren Sie Ihre Tasche vollständig.«

»Das will ich gern tun, Sire,« sagte der Priester, »aber wo bleibt dann meine Mahlzeit.«

»Machen Sie sich keine Unruhe um eine solche Kleinigkeit; der gute Gott wird schon sorgen.«

Der Priester gab dem Hunde sein Brot und verließ das Kabinett. Während Jupiter das Brot fraß, zog der König die Klingel. »Laßt,« sagte er, »den Priester, der soeben hinausgegangen ist, nicht fort, sondern tragt ihm eine tüchtige Mahlzeit auf, damit er wenigstens eine Stunde bei Tische bleibe.« Der Befehl des Königs ward ausgeführt. Während dieser Stunde kehrte der König nach Neapel zurück und besorgte die Angelegenheit des Priesters, so daß, als dieser schon durch eine gute Mahlzeit gestärkt und getröstet nach Hause kam, erfuhr, daß außerdem noch die Gnade, die er nachgesucht, ihm bewilligt war.

Ich habe mich sehr weitläufig über die Jagd ausgesprochen und darüber den Fischfang vernachlässigt. Ich muß daher auch noch ein Wort über dieses zweite Vergnügen sagen, auf welches der König fast ebenso versessen war, wie auf das erste. Wenn man sagen wollte, Ferdinand habe gefischt, so wäre damit nichts gesagt. Das eigentliche Vergnügen des Königs bestand nicht im Fischen, sondern darin, daß er die von ihm gefangenen Fische auch selbst verkaufte. Ich habe diesem eigentümlichen Schauspiel nicht einmal, sondern mehr als zehnmal beigewohnt. Es ging dabei folgendermaßen zu: Der König fischte gewöhnlich in einem reservierten Teile des Meeres einem kleinen Hause gegenüber, welches im Quartier Pausilippo stand und ihm gehörte. Wenn er einen reichlichen Fang gemacht hatte, so kam er wieder ans Land, ließ seine Fische auf die Marina tragen und rief die Käufer herbei, welche, wie man sich leicht denken kann, nicht verfehlten, auf den königlichen Ruf herbeizueilen. Nun wurden die Fische wie auf dem Markte verauktioniert. Jeder konnte mitbieten, wenn auch nur einen Grano mehr. Fand der König, daß der Preis zu niedrig blieb, so bot er selbst mit und wenn er den Fisch auf diese Weise selbst erstand, so behielt er ihn und man aß ihn im Palast. Alle konnten bei dieser Gelegenheit, wie auch überall anderwärts, sich dem König nähern, mit ihm sprechen und sich sogar mit ihm zanken, was seine guten Freunde, die Lazzaroni, in ihrem Patois auch nicht ermangelten zu tun. Sie nahmen sich dabei nicht die Mühe, ihm den Titel »Majestät« zu geben, sondern nannten ihn einfach »Nasone«, wegen seiner Nase, die dreimal so groß war wie eine gewöhnliche. Dieser Fischverkauf war größtenteils etwas sehr Komisches. Der König verkaufte, wie ich schon gesagt, so teuer als möglich, rühmte seine Fische, hob sie an den Floßfedern empor, um sie zu zeigen, und traktierte die Käufer, welche zu wenig boten, dafern er sie erreichen konnte, mit Ohrfeigen. Die Lazzaroni ihrerseits antworteten ihm durch Schimpfreden, geradeso als ob sie es mit einem gewöhnlichen Fischhändler zu tun hätten, und er wollte sich darüber totlachen. War der Verkauf beendet, so kehrte der König, vom Meerwasser triefend und von Fischgeruch duftend, in den Palast zurück und ging, ehe er sich wusch oder die Kleider wechselte, zur Königin, um ihr lachend alles zu erzählen. Die Königin hörte ihn je nach der Laune, in der sie sich befand, geduldig an, oder trieb ihn wieder zur Tür hinaus, indem sie ihn wegen dieser gemeinen Vergnügungen scharf tadelte, obschon es ihr sehr unlieb gewesen wäre, wenn er denselben entsagt hätte, da sie es ja diesen gemeinen Vergnügungen, welche in seinen Augen wichtiger waren als die Staatsangelegenheiten, zu danken hatte, daß sie das Königreich nach ihrem Belieben regieren konnte.

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