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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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44. Kapitel.

Da mein Leben während eines Zeitraumes von zehn Jahren sich am Hofe von Neapel bewegen wird, so muß ich zum Verständnis der nachfolgenden Tatsachen meinen Lesern eine vollständigere Kenntnis der beiden Persönlichkeiten geben, mit welchen ich sie soeben bekanntgemacht, das heißt des Königs Ferdinand und der Königin Karoline.

Ich brauche nicht zu erzählen, wie Carl der Dritte, zweiter Sohn Philipp des Fünften und erster Sohn Elisabeths Farnese, sich im Jahre 1734 des Thrones beider Sizilien bemächtigte und im Jahre 1745 als König anerkannt ward. Als sein ältester Bruder ohne Kinder starb, ward er auf den Thron von Spanien berufen und mußte sich einen Nachfolger wählen. Wir sagen, sich wählen, weil bei dieser Gelegenheit das Recht der Erstgeburt umgekehrt werden mußte. Der Infant Don Philipp war nämlich, wie man sagte, infolge der schlechten Behandlung, die er von seiner Mutter zu ertragen gehabt, geistesschwach geworden. Von ihm konnte deshalb keine Rede sein.

Der König Carl der Dritte ließ ihn in Neapel zurück, wo er an seiner als unheilbar erkannten Krankheit starb. Dafür nahm er seinen Sohn Carl, Prinzen von Asturien, mit, der bei seinem, ich glaube im Jahre 1788 erfolgten Tode unter dem Namen Carl der Vierte König ward, und bestimmte zum Erben des Königreichs beider Sizilien seinen dritten Sohn, der damals sieben Jahre alt war. Ehe er nach Spanien abreiste, wollte er diesem Sohne einen Gouverneur wählen. Da dies aber in Rücksicht auf das zarte Alter des Prinzen mehr Sache der Mutter als des Vaters war, so ward die Wahl unglücklicherweise von der Königin getroffen. Sie bot den Posten an den Meistbietenden aus und der Herzog von San Nicandro, ein Mann, der eines solchen Amtes am allerwenigsten würdig war, erhielt dasselbe. Eine der Empfehlungen des Königs Carl des Dritten war folgende:

»Macht aus meinem Sohne ganz besonders einen guten Jäger. Die Jagd ist das einzige Vergnügen, welches eines Königs wahrhaft würdig ist.« Carl der Dritte stellte in der Tat die Jagd über alles, selbst über das Glück seines Volkes. Ich werde in dieser Beziehung nur eine Anekdote anführen. Da er die Insel Procida ganz besonders zur Fasanenjagd bestimmt hatte, so erließ er ein Edikt, welches die gänzliche Ausrottung der Katzen anordnete. Der Besitz eines dieser Tiere ward von diesem Augenblicke an ein Verbrechen, welches nur durch eine harte und sogar entehrende Strafe gebüßt werden konnte. Ein Mann handelte gegen dieses Edikt, behielt seine Katze, ward angezeigt, festgenommen, überführt und verurteilt, vom Henker ausgepeitscht, auf der ganzen Insel mit dem Beweis seines Verbrechens, das heißt seiner Katze am Halse, herumgeführt um endlich auf die Galeeren geschickt zu werden. Man wird gestehen, daß dies sehr hart war. Was geschah nun? Die Maulwürfe, die Ratten und die Mäuse vermehrten sich, da sie nun von ihren natürlichen Feinden, den Katzen, befreit waren, in solcher Weise, daß die Kinder in der Wiege von ihnen gefressen wurden.

Die dadurch zur Verzweiflung getriebenen Procidaner griffen zu den Waffen und beschlossen, in Massen lieber nach den Barbareskenstaaten auszuwandern, als unter einer so rücksichtslosen Regierung zu leben. Carl der Dritte sah sich deshalb endlich genötigt, sein Edikt zu widerrufen.

Gehen wir zu einer anderen Anekdote über, welche den Fanatismus desselben Königs Carl für seine Hunde zeigt. Dieselbe dient zum Gegenstück seines Hasses gegen die Katzen. Ein Offizier vom Regiment der italienischen Garden war in Caserta auf Wache. Er trug demzufolge seine Galauniform, die er sich, in Anbetracht seines mittelmäßigen Soldes, nicht ohne Aufopferung angeschafft hatte. König Carl der Dritte kam, von der Jagd zurückkehrend und von seiner Meute gefolgt, vorüber. Einer der mit Schmutz bedeckten Hunde sprang, in der freundlichen Absicht ihn zu liebkosen, an dem Offizier in die Höhe und beschmutzte ihm die Uniform. Der Offizier nahm natürlich auf die Absicht keine Rücksicht, sondern stieß, ärgerlich über den seiner Uniform zugefügten Schaden, den Hund mit einem Fußtritt von sich. Der Hund erhob ein Geheul, welches die Aufmerksamkeit des Königs erweckte. Carl der Dritte drehte sich um, sah den Offizier an, ging auf ihn zu und sagte:

»Weißt du nicht, Kerl, daß das Tier, welches du dir unterstanden hast zu stoßen, mir lieber ist als Fünfzig deinesgleichen?« Der Offizier, der nicht wenig erschrak, sich, weil er einem Hund einen Fußtritt versetzt, auf diese Weise behandelt zu sehen, wechselte die Farbe, ward krank, bekam das Fieber und starb den nächstfolgenden Tag.

Kehren wir jetzt zu dem Prinzen Ferdinand und seinem Lehrer, dem Herzog von San Nicandro, zurück. Letzteren habe ich nicht gekannt, denn als ich nach Neapel kam, war er schon tot. Es herrschte jedoch über ihn nur eine Stimme, und die Erziehung des Königs bestätigte diese einstimmige Meinung, das heißt, daß er der ihm von der Königin erzeigten Ehre völlig unwürdig gewesen. Der Herzog von San Nicandro war selbst im höchsten Grade unwissend. Er hatte in seinem Leben weiter nichts gelesen als sein Gebetbuch, was eine, wenn auch sehr gute, doch völlig unzureichende Lektüre für einen Mann war, dem die Erziehung eines Königs oblag. Da er nun selbst nichts wußte, so konnte er auch seinen Schüler nichts lehren, der, als er sich vermählte, kaum lesen noch schreiben konnte und nie eine andere Sprache redete, als das neapolitanische Patois. Da dem Erzieher übrigens von dem König Carl dem Dritten bloß eingeschärft worden war, aus dem jungen Prinzen einen guten Jäger zu machen, so glaubte er auch nicht, ihn mit etwas anderem beschäftigen zu müssen. Der alte toskanische Minister Carls des Dritten, Tannucci, welcher vierundzwanzig Jahre lang im Namen seines Herrn regiert und zum Chef der Regentschaft des jungen Prinzen ernannt worden, verlangte seinerseits nichts Besseres, als daß der König auch bei erlangter Volljährigkeit möglichst unwissend sei und er im Namen desselben ebenso wie in der Vergangenheit fortregieren könne.

Er gab daher in bezug auf die Erziehung des jungen Königs weiter keinen Rat als höchstens den, ihm außer Geschmack an der Jagd auch noch Geschmack am Fischfang beizubringen, so daß der junge König, wenn er von einem anstrengenden Vergnügen mittels eines ruhigen Vergnügens sich erholte, nicht Zeit hätte, an die Angelegenheiten des Staates zu denken. Das einzige, was den Herzog von San Nicandro beunruhigte, und worüber er sich mit rührender Melancholie beklagte, war die allzugroße Herzensgüte des jungen Königs. Er trug deshalb Sorge, dieses Geschenk des Himmels nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Der Prinz von Asturien, welchem man nicht denselben Hang zur Gutmütigkeit vorwerfen konnte, fand ein lebhaftes Vergnügen daran, lebendigen Kaninchen das Fell abzuziehen. Der Herzog von San Nicandro rühmte seinem Schüler dieses Vergnügen sehr, als er aber sah, daß es diesem allzusehr widerstrebte, strengte er seine Phantasie an und erfand eine Variante, welche darin bestand, daß er den jungen Prinzen, dem man noch kein Schießgewehr in die Hände zu geben wagte, hinter eine unten mit einem Loche versehene Tür stellte. Mit einem Stocke bewaffnet, lauerte Ferdinand den Kaninchen, welche man durch dieses Loch trieb, auf, und schlug sie dann tot. Das war doch schon etwas.

Zu diesem Zeitvertreib gesellte der Fürst von San Nicandro bald einen zweiten. Dieser bestand darin, daß er seinem Zögling Kaninchen, Hunde, Katzen, Kinder, Bauern und Arbeiter mittels langer Tücher prellen lehrte. König Carl der Dritte, welchem man über diese Erholungen seines Sohnes Bericht erstattete, fand dieselben gut und schrieb, man solle bloß die Hunde aus dem Spiele lassen, weil dies edle, der Jagd dienende Tiere seien, und der junge Prinz fuhr daher fort, bloß Kaninchen, Katzen, Kinder, Bauern und Arbeiter zu prellen, welche, da sie nicht zur Klasse der edlen Tiere gehörten, keine Recht auf Ausnahme hatten.

So kam Ferdinand eines Tages, als er unter den Zuschauern einen jungen toskanischen Abbé, einen schwächlichen bleichen jungen Mann, bemerkte, auf den Gedanken, diesen ebenfalls zu prellen, und gab seinen Lakaien leise die erforderlichen Befehle. Die Lakaien bemächtigten sich dieses Unglücklichen, legten ihn auf eine Decke und schnellten ihn wiederholt in die Höhe, bis er ohnmächtig ward. Außer sich vor Scham, als er wieder zur Besinnung kam, flüchtete der junge Mann nach Rom, wo er krank ward und nach Verlauf von zwei Monaten starb. Sein Name war Marrighi. Unter dergleichen Amüsements wuchs der König heran, ward ein unerschrockener Jäger, ein tüchtiger Reiter, ein unvergleichlicher Fischer, ein Ringer ersten Ranges und ließ anfangs seine jungen Spielkameraden mit Stöcken, womit er, wenn sie ein solches Manöver machten, ihre Schultern liebkoste, und dann ein Regiment exerzieren, welches er organisierte und welches er seine Liparioten nannte, weil die jungen Leute, aus welchen es bestand, größtenteils aus dem Archipel von Lipari stammten. So erreichte er, ohne sich um die Angelegenheiten des Königreiches auch nur im mindesten zu kümmern, sein siebzehntes oder achtzehntes Jahr und es galt nun, ihn zu vermählen. Man hatte schon längst für ihn die junge Erzherzogin von Osterreich, Marie Josephe, eine Tochter des Kaisers Franz des Ersten, ausersehen. Die Bildnisse und Hochzeitsgeschenke waren bereits ausgetauscht und die Festlichkeiten auf dem Wege, welchen die junge Prinzessin passieren sollte, vorbereitet, als an dem zur Abreise bestimmten Tage Marie Josephe krank ward und starb.

Nun wählte man an ihrer Statt die jüngere Schwester Marie Karoline, welche im Monat April 1768 von Wien abreiste. Mit dem Frühlingsmonat zog die kaiserliche Blume in ihr Königreich ein. Im Jahre 1752 geboren, zählte sie jetzt kaum sechzehn Jahre. Sie kam mit dem Auftrage, die Politik des Hofes von Neapel so zu lenken, wie Maria Theresia es ihr andeuten würde. Ihre Mutter, deren Lieblingstochter sie war, konnte sich auch auf sie verlassen. Karoline besaß einen Geist, der ihrem Alter vorangeeilt war. Sie war mehr als unterrichtet, sie war gelehrt, sie war mehr als intelligent, sie war Philosophin. Sie war schön in der ganzen Bedeutung des Wortes und wenn sie es sein wollte, bezaubernd. Ich habe gesagt, daß sie, als ich sie kennen lernte, siebenunddreißig Jahre zählte, und darnach konnte man sich einen Begriff von dem machen, was sie mit sechzehn Jahren gewesen sein mußte. Sie sprach und schrieb vier Sprachen – deutsch, französisch, spanisch und italienisch. Bloß wenn sie beim Sprechen in die Hitze geriet, begann sie zuweilen zu stottern, ihre hellen beweglichen Augen aber und die Klarheit ihrer Ideen machten diesen kleinen Mangel vergessen.

Sie brachte nach dem glühenden Süden alle Träume der nebeligen Poesie des Nordens mit. Sie sollte nun das fabelhafte Land der Sirenen sehen, wo Tasso geboren worden, wo Virgil gestorben. Sie sollte mit ihrer eigenen Hand den Lorbeer pflücken, welcher am Grabe des Sängers des Augustus und an dem des Dichters des »befreiten Jerusalems« wächst. Ihr Gatte zählte achtzehn Jahre. Es stand zu erwarten, daß er Euryalos oder Tancred, Nisus oder Renaud sein würde.

Warum nicht? War sie nicht gleichzeitig Venus und Armida?

Sie fand den König, welchen ich zu malen versucht, mit großen Füßen, dicken Knien, dicken Händen, großer dicker Nase und den neapolitanischen Dialekt mit den Gebärden eines Lazzarone sprechend. Ein Artikel des Ehekontraktes der Königin, welchen Tannucci ganz unbeachtet gelassen, sollte der Politik des Königreiches beider Sizilien eine völlig andere Gestalt geben. Dieser Artikel lautete: »Wenn die Königin einen Thronerben geboren haben wird, so soll ihr das Recht zustehen, dem Kabinettsrat beizuwohnen.« Allerdings dauerte es sechs Jahre, ehe sie diesen Thronerben gebar, mit zweiundzwanzig Jahren aber war Karoline nur um so fähiger, den Wünschen ihrer Mutter zu dienen. Anfangs glaubte die Königin, sie könne die Erziehung ihres Gemahls von vorn beginnen, und es erschien ihr dies um so leichter, als er, nachdem er sie mit Tannucci und den wenigen andern unterrichteten Personen des Hofes sprechen gehört, vor Erstaunen ganz außer sich geriet und unfähig, die wahre Wissenschaft von bloßem Geplauder zu unterscheiden, bewundernd ausrief:

»In der Tat, die Königin ist die allgemeine Wissenschaft!«

Es dauerte jedoch nicht lange, so legte sich diese Bewunderung und mehr als einmal hörte ich ihn ausrufen:

»Die Königin ist so gelehrt, begeht aber gleichwohl mehr Dummheiten als ich, der ich im Vergleich zu ihr nur ein Esel bin.«

Nichtsdestoweniger fügte Ferdinand in der ersten Zeit seiner Ehe sich in die Lehren, welche die Königin ihm gab, und er lernte von ihr ziemlich ordentlich lesen und schreiben. Diese ihm von ihr erteilten Lehrstunden waren es, worauf er anspielte, wenn er sie in seinen Anwandlungen von guter Laune »meine liebe Schulmeisterin« nannte. Was sie ihm aber niemals beibringen konnte, waren die eleganten Manieren der nordischen und westlichen Höfe; jene körperliche Sauberkeit, welche in den heißen Ländern so selten und gleichwohl hier notwendiger ist, als anderwärts; so wie jenes anmutige Geschwätz der Galanterie, welches aus der Liebe eine Sprache macht, welche teils dem Duft der Blumen, teils dem Gesang der Vögel entlehnt ist. Karolinens Überlegenheit demütigte Ferdinand und Ferdinands Gemeinheit demütigte Karoline. Wir werden sehen, welche Folgen sich aus dieser Verschiedenheit der Charaktere und diesem Gegensatz der Geschmacksrichtungen ergaben.

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