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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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42. Kapitel.

Am drittnächsten Tage, den 30. April, empfingen wir von der englischen Gesandtschaft Billetts, um der Eröffnung oder vielmehr der Prozession der Generalstaaten in Versailles beizuwohnen. Unsere Abreise war auf den Tag nach dieser Zeremonie, das heißt auf den 5. Mai festgesetzt. Wurden die Stände noch einmal vertagt, so wollten wir unsern Weg weiter fortsetzen, denn Sir William hatte nicht die Absicht, seinen Aufenthalt in Paris noch länger auszudehnen.

Am 3. Mai abends begaben wir uns nach Versailles, um dort zu übernachten. Der englische Gesandte hatte für das halbe Jahr ein Haus dort gemietet, denn er vermutete, daß ganz besonders hier der Puls der Nation schlagen würde, und er hatte uns zwei Zimmer der ersten Etage dieses Hauses eingeräumt, welches in der Straße stand, durch welche die Prozession sich bewegen sollte. Wir gingen zuerst in eine Tribüne, um die Heiligegeist-Messe zu hören. Ich weiß nicht, ob viele der Anwesenden an die Worte der heiligen Schrift dachten: »Du wirst Völker schaffen, und das Antlitz der Erde wird sich erneuen.« Kurz vor Beendigung des Veni Creator gingen wir fort, um auf der Straße der Prozession unsere Plätze einzunehmen. Die mit französischen und Schweizergarden besetzten und mit Teppichen belegten breiten Straßen von Versailles vermochten kaum die zahllose Menge zu fassen. Ganz Paris war in Versailles. Die Türen, die Fenster, die Dächer und sogar die Bäume waren mit Zuschauern besetzt. Die mit hellfarbigen Stoffen und wertvollen Shawls bedeckten Balkons dienten den mit Feder und Blumen geschmückten Frauen als Logen. Es war, als ob in dem Augenblick, wo man sich in die Arena des Bürgerkrieges zu stürzen im Begriff stand, die Frauen, die von dem harten Gesetz der Gleichheit getroffen werden sollten, diese Gelegenheit benutzt hätten, um sich noch einmal in ihrer ganzen Toilette und in ihrem vollen Glanz zu zeigen.

Es war augenscheinlich, daß etwas Großes begann. Was war wohl das Resultat davon? Das wußte noch kein Mensch. Zuerst sahen wir am Ende der Straße eine schwarze Masse erscheinen. Dies war der dritte Stand. Fünfhundertfünfzig Deputierte, darunter dreihundert Advokaten, Magistratspersonen, lauter oder beinahe lauter unbekannte Namen, mit Ausnahme eines einzigen, der sich durch seine Skandalgeschichten bekannt gemacht. Soll ich freimütig sein wie immer? Es war dies der, den ich vor allen andern zu sehen gekommen war: Honoré Riquetti de Mirabeau. Frankreich und das Ausland hatten bereits von seinem Namen widergehallt. Seine Liebschaften, seine Entführungen, seine Gefangenschaften bildeten einen ergreifenderen und furchtbareren Roman als irgendeiner der von der Phantasie der Dichter geträumten.

Ich hatte nur eine Frage: »Wo ist Mirabeau?«

Man zeigte mir ihn. Von weitem sah ich zurückgeworfen jenes gebieterische Haupt, durch überwältigende Häßlichkeit gekennzeichnet und nach Art der Löwen einen Wald von Haaren schüttelnd. Er war die Gesellschaft einer ganzen Epoche in einem einzigen Menschen vereinigt. Ich sage ausdrücklich in einem Menschen, denn die andern schienen neben ihm nur Schatten zu sein. Ich folgte ihm mit den Augen, so lange ich ihm folgen konnte. Sein Erscheinen oder vielmehr das des ganzen dritten Standes erweckte einen Sturm von Beifallsbezeigungen und Bravorufen, welcher aufhörte, als der Adel erschien. Ganz im Gegensatz zum dritten Stande, der sich durch die Einfachheit und Gleichförmigkeit seiner Kleidung ausgezeichnet, bot der ganz in Samt und Seide gekleidete Adel eine Zusammenstellung der lebhaftesten Farben dar, die durch die prachtvollsten Stickereien noch mehr hervorgehoben wurden. Ich erkundigte mich nach dem Namen von etwa zwanzig dieser berühmten »Ofeurs«, aber keiner von allen diesen Namen war mir bekannt. Man zeigte mir Lafayette, den Helden Amerikas. Ich erwartete eine jener kräftigen Naturen zu sehen, welche von der Vorsehung berufen sind, mit ihrer Feder, mit ihrer Stimme oder mit ihrem Degen die großen Prinzipien aufrecht zu erhalten. Ich sah aber bloß einen schlanken, bleichen oder vielmehr blonden und rosenwangigen jungen Mann, der durch nichts die Rolle verriet, welche er in der Vergangenheit gespielt, am allerwenigsten aber die, welche er in der Zukunft spielen sollte. Der Adel zog vorüber, nur der Herzog von Orleans ward mit Beifall, aber dies auch auf förmlich wahnsinnige Weise begrüßt. Man wollte dadurch die Königin kränken und war nur auf Rache gegen sie bedacht. Schon seit langer Zeit war der Krieg zwischen Philipp von Orleans und Maria Antoinette erklärt. Man führte für diese Antipathie die seltsamsten Ursachen an. Dieselbe dauerte schon seit acht oder neun Jahren und sollte nur auf dem Schafott erlöschen, welches sie beide durch einen Zwischenraum von zweiundzwanzig Tagen voneinander getrennt bestiegen.

Nach dem Adel kam die Geistlichkeit. Das allgemeine Schweigen war dasselbe. In der Geistlichkeit schienen bloß die beiden Stände vereinigt zu sein, welche wir soeben einzeln vorüberziehen gesehen – der Adel und der dritte Stand. Zuerst kamen etwa dreißig Prälaten in violetten Gewändern. Dann ein Musikkorps. Auf dieses folgten etwa zweihundert Geistliche in dem schwarzen Priestergewand. Diesen näherte sich das Volk unwillkürlich, wenn auch ohne Beifallsbezeigungen. Sie waren das Volk der Kirche, das Volk, welches in früheren Jahrhunderten nicht bloß das allgemeine Volk repräsentierte, sondern auch die Freiheiten des Volkes geschützt hatte. Später war es dieser Mission ein wenig untreu geworden; man war aber gern bereit, ihm dies zu verzeihen, wenn es nur wieder in den guten Weg einlenkte. Dem König wurden seinerseits einige Beifallsbezeigungen gespendet, aber sie waren weit von denen entfernt, womit man Mirabeau und den Herzog von Orleans überhäufte. Dann kam die Königin. Seit meinem ersten Besuch in Paris war eine furchtbare Veränderung mit ihr vorgegangen. Anstatt der liebenswürdigen Sanftheit, die sich sonst in ihren Zügen aussprach, lag jetzt darin etwas Hartes, Trockenes, Undankbares. Man schrie ihr ins Ohr: »Es lebe der Herzog von Orleans!« Und mitten unter diesen Rufen ließ ein Pfeifen sich hören. Sie ward bleich und war nahe daran, ohnmächtig zu werden. Fast sofort aber ermannte sie sich, ihren Mut zusammenraffend, wieder, richtete den Kopf empor, schleuderte einen haßerfüllten, herausfordernden Blick umher und nahm dann wieder ihre gewohnte harte, verächtliche Miene an.

Als die Königin vorüber war, trat ich vom Fenster zurück und setzte mich. Ich empfand dieselbe Wirkung, als wenn mir ein Stück Eis ins Herz gedrungen wäre. Wenn man mir in diesem Augenblicke gesagt hätte: »Dieses eiserne Rohr wird sich nicht beugen und deshalb zerbrochen werden,« so würde man mich dadurch keineswegs in Erstaunen gesetzt haben. Wir ruhten einen Augenblick aus und dann, nachdem wir gesehen, was mir sehen gewollt, machten mir uns wieder auf den Rückweg nach Paris. Unterwegs erklärte Sir William mir die Situation. Es war ein wirklicher Kampf, der sich zwischen der niedern Geistlichkeit, zwischen dem dritten Stand und den vom Adel unterstützten Prälaten und Edelleuten entspann. Alle diese Fragen waren zu ernst, als daß ich meine Gedanken lange dabei hätte verweilen lassen. Mein böser Genius wollte, daß ich mich in die Politik eines andern Landes mengte. Hierzu aber ward ich durch ein doppeltes Gefühl verleitet – durch meine innige Freundschaft für die Königin Karoline und durch meine unwiderstehliche Liebe zu Nelson. Jetzt kann weder das eine noch das andere dieser Gefühle mir zur Entschuldigung gereichen, dies weiß ich wohl; da ich aber eine so furchtbare Rechenschaft abzulegen habe, so will ich dies lieber im Namen meiner Liebe und Selbstverleugnung, als im Namen meines persönlichen Interesses tun.

Am nächsten Tage, den 5. Mai 1789, verließen wir Paris. Wir nahmen den Weg durch Belgien und die Schweiz, gingen über den St. Gotthard, fuhren über den Lago Maggiore, erreichten Livorno mit der Post, fanden hier unsere Felucke und stiegen am 20. Mai an der Immacolatella ans Land. Als wir das Gesandtschaftshotel betraten, fand Sir William hier ein Billett des Königs vor, welches folgendermaßen lautete: »Am Tage nach Ihrer Ankunft, mein lieber Sir William, werde ich Sie zum Diner im Schlosse von Caserta erwarten; die Königin aber, welche mit Ihrer liebenswürdigen Gemahlin eine nähere Bekanntschaft zu machen wünscht, als dies bei einer offiziellen Vorstellung geschehen kann, wird dieselbe zwischen elf und zwölf Uhr erwarten. Bleiben Sie daher bis um vier Uhr bei Ihren Geschäften, aber schicken Sie uns Lady Hamilton als die Taube der Arche, um uns zu melden, daß Sie ans Land gestiegen sind. Ihr wohlgewogener Ferdinand B.«

Sir William antwortete: »Sire! Die Taube wird zur bestimmten Stunde bei Ihnen sein. Erwarten Sie aber nicht, daß sie den Ölzweig bringe. Ich zweifle, daß man sich sobald wieder in Frankreich mit der Kultur dieser Bäume wird beschäftigen können. Ich meinerseits werde zu der mir angedeuteten Stunde Ew. Majestät für die mir bewiesene Güte danken. Ich habe die Ehre zu sein Ew. Majestät Alleruntertänigst gehorsamster Diener

W. Hamilton.«

Mein Triumph war, wie man sieht, vollständig.

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