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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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37. Kapitel.

Sir William Hamiltons Haus war im Augenblicke unserer Ankunft in Neapel nicht darauf vorbereitet, eine Frau zu empfangen. Es war das ausschließlich der Geologie, der Numismatik und der Bildhauerkunst gewidmete Museum eines Gelehrten und eines Altertumforschers. Man mußte erst mitten in der Vergangenheit und der toten Natur einen Platz für die Gegenwart und die lebende Natur schaffen. Ich muß Sir William die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er mir zu keinem seiner Schätze den Zutritt verwehrte. Ich wählte demgemäß in der umfangreichen ersten Etage des von der englischen Gesandtschaft bewohnten Hotels drei Zimmer, um meine Privatwohnung hier einzurichten, ohne daß er der Lava des Vesuvs, den Medaillen der Cäsaren und den Bruchstücken von Apollo und Venus gestattet hätte, Einspruch dagegen zu tun. Übrigens ist, wie ich gestehen muß, meine angeborene Koketterie so groß, daß ich selbst allen diesen Altertümern mit Einschluß unserer alten Gelehrten den Hof machen wollte. Nach Verlauf von einem Monat hätte ich ohne Katalog die vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Sorten Lava bezeichnen, einen von Cäsar selbst von einem unter Hadrian geschlagenen Cäsar unterscheiden und nach einem einzelnen Bruchstück eine ganze Statue rekonstruieren können. Sir William war außer sich vor Freude, als er mich mit solcher Leichtigkeit auf seine Geschmacksrichtungen eingehen und mich in seine Lebensweise als Archäolog und Altertumsforscher finden sah. Daran gewöhnt, bei Lord Greenville, einem der fashionabelsten Kavaliere Englands, die Honneurs zu machen, hatte ich nichts zu lernen, um Sir Williams Salon auf gleichen Fuß mit den elegantesten Salons von Neapel zu stellen, denn dieses stand in dieser Beziehung weit hinter London zurück.

Nun hielt ich es, um den Enthusiasmus meiner Bewunderer noch höher zu steigern, für geraten, meine mimischen Talente geltend zu machen. Da die meisten unserer Gäste Italiener waren, so hielt ich es nicht für rätlich ihnen Szenen aus Shakespeare vorzuführen. Ihr schwächlicher Magen hätte diese solide Nahrung nicht zu ertragen vermocht. Ich begnügte mich daher mit plastischen Attitüden und führte, indem ich an einem und demselben Abend den jüdischen Mantel gegen das griechische Peplum, den türkischen Turban gegen das asiatische Diadem vertauschte, ihnen Judith, Aspasia, Roxelane und Helena vor. Auch riskierte ich den ersten Pas jenes Shawltanzes, der später nicht bloß in Neapel, sondern auch in Paris, London, in Wien und in Petersburg einen so wunderbaren Erfolg hatte. Bald war in der Hauptstadt des Königreichs beider Sizilien von nichts weiter die Rede als von der Wunderdame, welche Sir William Hamilton aus London mitgebracht. Alle ausgezeichneten Männer von Neapel, selbst einige Frauen, baten um die Ehre, in der englischen Gesandtschaft empfangen zu werden. Zu meiner großen Demütigung und zu Sir Williams großem Erstaunen aber sahen wir keine Gesamteinladung vom Hofe an uns ergehen. Sir William war immer noch der Jagd- und Fischfanggenosse des Königs. Nur selten begleitete er ihn auf dem einen oder dem andern dieser Ausflüge, ohne ihm von mir zu erzählen und mein Lob zu preisen. Der König wünschte ihm Glück, eine so schöne, so ausgezeichnete und so kenntnisreiche Frau zu besitzen, dabei aber blieb die königliche Courtoisie stehen. Ebenso wußte ich, daß man mehrmals der Königin Maria Karolina von mir gesprochen. Stets aber hatte sie dann die Konversation fallen lassen, oder dieselbe auch mit auffallender Affektation vermieden.

Man gab mir den Rat, der Königin einmal wie zufällig in den Weg zu kommen. Die Sache war leicht. Die Königin promenierte oft mit den jungen Prinzessinnen, ihren Töchtern, in den Gärten von Caserta, zu welchen der Zutritt, ohne öffentlich zu sein, Leuten vom Stand und zuweilen selbst durch die Protektion untergeordneter Offizianten, Leuten aus dem Volk offen stand, welche eine Bitte anzubringen hatten. Ich bat Lord Hamilton, bei der ersten Gelegenheit, wo er sich nach Caserta begäbe, mich mitzunehmen, weil ich die Gärten zu sehen wünschte, die man mir als sehr schön geschildert. Wahrscheinlich ahnte Sir William die Hauptursache meines Verlangens, und da die Art Verachtung, welche man mir bewies, ihn mehr schmerzte als mich, so war es ihm selbst nicht unlieb, wenn eine angenehme oder unangenehme Tatsache Anlaß zu einer Erklärung gäbe. Eines Tages, als er dem König aus dem Kabinett von Saint-James eingetroffene Depeschen mitzuteilen hatte, machten wir uns demgemäß auf den Weg nach Caserta. Sir William hatte hier ein Zimmer, wo er ausruhen konnte, so lange es ihm beliebte, und wo er von den Leuten des Königs bedient ward. Vor seiner Reise nach England hatte er von dieser Vergünstigung oft Gebrauch gemacht, seit meiner Ankunft in Neapel aber hatte er, obschon er häufig in Caserta gewesen, dort noch niemals übernachtet. Als Sir William seine Depeschen mitgeteilt, ward er vom König eingeladen, auf dem Schlosse zu bleiben, um ihn den nächstfolgenden Tag auf einer großen Jagdpartie zu begleiten. Sir William schützte meine Anwesenheit in Caserta vor, der König aber antwortete ihm: »Nun, haben Sie hier nicht Ihre Wohnung? Wenn Lady Hamilton etwas bedarf, so möge sie nur befehlen. Meine Diener werden ihr gehorchen, als ob sie die ihrigen wären.« Damit war alles gesagt.

Da dieser Aufenthalt in Caserta mit meinen Projekten übereinstimmte, so nahm Sir William in seinem und meinem Namen die Einladung an und fragte den König bloß, ob er etwas dagegen habe, daß ich in dem Garten spazieren ginge. Der König zuckte die Achseln, was bedeutete, daß die Frage überflüssig sei. Sir William kam wieder zu mir und erzählte mir alles, was geschehen. Bei dem Diner trug der Lakai, indem er gewisse Weine auf den Tisch setzte, Sorge zu sagen: »Aus dem Keller des Königs.« Beim Braten und indem er uns einen prachtvollen Fasan vorsetzte, bemerkte der Lakai ebenfalls: »Von der Jagd des Königs.« Es war augenscheinlich, daß Sir William der Gegenstand ganz besonderer Aufmerksamkeiten von seiten des Königs war. Ebenso augenscheinlich aber war, daß diese Aufmerksamkeiten sich nicht bis auf mich erstreckten.

Am Abend ward Sir William zum Kartenspiel beim König eingeladen. Da aber in dieser Einladung nicht von mir die Rede war, so blieb er unter irgendeinem Vorwand weg und ließ sich entschuldigen. Man tat als sei man mit dieser Entschuldigung zufrieden. Am nächstfolgenden Morgen bei Tagesanbruch ward im Namen des Königs an Sir Williams Tür gepocht. Seine Majestät brach stets sehr zeitig auf und liebte, wie sein Ahnherr Ludwig der Vierzehnte, nicht zu warten. Sir William fühlte sich durch diese Art und Weise, auf welche man seine Vermählung wie nicht geschehen betrachtete, tief gekränkt. Er sagte zu mir, wenn mein Plan, der Königin zu begegnen, gelänge, und ich mich dann zu beklagen haben glaubte, so solle ihn dann nichts mehr in Neapel zurückhalten, weder der Umstand, daß er seit zwanzig Jahren hier eingewohnt sei, noch seine Liebe zu Altertümern, noch das Klima, welches für seine Gesundheit sehr zuträglich sei. Er wollte dann den König Georg um seine Zurückberufung oder um seine Versetzung an irgendeinen andern, von mir selbst zu bezeichnenden Hof bitten.

Ich machte eine sehr einfache Toilette. Ich versuchte keinen meiner Vorzüge geltend zu machen. Einer auf ihre Schönheit eifersüchtigen Königin darf man nicht dadurch den Hof machen wollen, daß man selbst allzu schön erscheint. Mein Stolz hatte mir schon mehr als einmal zugeflüstert, daß die Königin, weil sie nicht mehr in der Blüte der Jugend stand, meine Nähe wahrscheinlich fürchtete. Die Fenster von Lord Hamiltons Wohnung gingen auf die Gärten. Von diesen Fenstern aus konnte man die Königin hereinkommen sehen. Ich wußte, daß sie nach dem Frühstücke von zehn bis elf Uhr mit den jungen Prinzessinnen hier einen Spaziergang machte. Ein Viertel auf elf sah ich sie auch wirklich erscheinen, begleitet von dreien ihrer Töchter, der Prinzessin Maria Theresia, siebzehn Jahre alt, welche das nächste Jahr Erzherzogin und zwei Jahre später Kaiserin von Österreich werden sollte, von der Prinzessin Marie Louise, sechzehn Jahre alt, die ein wenig später Großherzogin von Toskana ward, und der Prinzessin Marie Amalie, die erst sechs Jahre zählte. Außer diesen drei Prinzessinnen waren noch da: die Prinzessin Maria Christina, neun Jahre alt, welche Königin von Sardinien ward; die Prinzessin Marie Antoinette, fünfthalb Jahre alt, welche Prinzessin von Asturien ward; die Prinzessin Marie Clotilde, zwei Jahre alt, welche im Jahre 1792 sterben sollte, und Marie Henriette, die noch in der Wiege lag und ihre Schwester nur um einige Monate überlebte.

Der Augenblick war da, wo ich meinen Plan in Ausführung bringen mußte. Die Königin und die Prinzessinnen gingen ein Stück in den Garten hinein; die zwei größeren gingen neben ihrer Mutter her, und die jüngere, Maria Amalie, sprang voran, pflückte Blumen und versuchte Schmetterlinge zu fangen.

Ich nahm ein Buch in die Hand, und ging in den Garten hinunter. Ich tat, als ob ich läse. Dies gestattete mir zu sehen, ohne daß es so aussah. Ich machte einen Umweg, so daß ich der königlichen Familie erst am andern Ende des Gartens begegnete. Ich wollte, daß die Königin glaubte, nur der Zufall habe mich ihr in den Weg geführt. Dann, indem ich diese Begegnung zugleich wünschte und fürchtete, verlangte ich nichts mehr, als einige Augenblicke zu haben, um mich darauf vorzubereiten. Ich betrat die Allee, welche mich unfehlbar mit der Königin zusammenführen mußte. Ich hatte die Augen auf mein Buch geheftet, aber es wäre mir unmöglich gewesen, auch nur den Titel dieses Buches zu nennen. Ich sah die Buchstaben, ohne daß dieselben meinen Gedanken einen Sinn darboten. Meine Gedanken waren anderwärts. Mein Herz schlug mit seltsamer Heftigkeit. Plötzlich an der Ecke einer Allee sah ich, kaum fünfundzwanzig bis dreißig Schritte, die Königin vor mir. Die kleine Prinzessin Amalie, welche ihrer Mutter immer noch voransprang war nur noch zehn Schritte von mir entfernt. Ich tat, als bemerkte ich nichts, als wäre ich in meine Lektüre versunken. Ich hatte allemal noch Zeit, die Augen aufzuheben und eine ehrerbietige Überraschung zu heucheln. Man weiß, wie gut ich alle Gefühle auszudrücken und die zartesten Nuancen dieser Gefühle durch Mienen und Gebärden zu erkennen zu geben verstand. Ein Vorfall bewog mich jedoch, die Augen eher von meinem Buche aufzuheben, als ich eigentlich wollte. Die kleine Prinzessin Amalie kam auf mich zugesprungen, nahm eine Blume aus ihrem Strauß und bot mir dieselbe. Dies war eine gute Vorbedeutung. Ich richtete den Kopf empor. Ich schien jetzt erst das königliche Kind ebenso wie seine Schwestern und die Königin zu sehen, und indem ich eine tiefe Verbeugung machte, schickte ich mich an, die mir dargebotene Blume anzunehmen. In diesem Augenblicke aber rief die Königin, wie selbst durch meine Nähe überrascht, in lautem Tone zweimal »Amalie! Amalie!« Die Kleine, welche in der Stimme ihrer Mutter jenen gebieterischen Ton erkannte, den sie so gut dareinzulegen wußte, drehte sich erschrocken um, lief mit ihrem unversehrten Blumenstrauß auf die Königin zu und ehe ich mich von meiner Überraschung erholt, hatte Maria Karoline ihre Tochter bei der Hand genommen, sie in eine Seitenallee hineingestoßen und war dann selbst mit den beiden großen Prinzessinnen eingebogen, indem sie auf diese Weise tat, als ob sie mir den Weg freilassen wollte. Ich empfing den Stoß mitten ins Herz. Tränen traten mir in die Augen. Ich kehrte sofort auf mein Zimmer zurück, gab Befehl, den Wagen anzuspannen und reiste nach Neapel ab, indem ich an Sir William die Worte zurückließ: »Machen Sie sich keine Sorgen wegen meiner Gesundheit, dieselbe hat mit meiner Abreise nichts zu schaffen. Ich habe geglaubt, Caserta verlassen zu müssen. Wenn ich Ihnen erzählen werde, was geschehen ist, so werden Sie, hoffe ich, meine Handlungsweise billigen. Ihre Emma.« Zwei Stunden später war ich wieder in Neapel im Gesandtschaftshotel, und nachdem ich die Pferde wechseln gelassen, schickte ich den Wagen nach Caseita für Sir William zurück.

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