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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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29. Kapitel.

Diese Betrachtungen hatten mich über eine Stunde lang ausschließlich beschäftigt. Der Stundenschlag der Uhr rüttelte mich aus meinem Hinbrüten auf. Ich hob die Augen empor und suchte Sir Charles.

Er hatte vollauf Zeit gehabt, den Brief seines Onkels zu lesen. Warum war er nicht schon wieder zu mir gekommen, um mit mir darüber zu sprechen?

Ich erhob mich, um zu ihm zu gehen, da er nicht zu mir kam. Ich trat in das Schlafzimmer, es war leer. Ich öffnete das Ankleidekabinett; dasselbe war ebenso leer wie das Schlafzimmer.

War Charles ausgegangen? Dies war wohl möglich, denn eine Lauftreppe führte aus dem Schlafzimmer in den Hausflur hinab. Ich sah mich ringsum und suchte etwas zu entdecken, was mir den Schlüssel zu diesem Rätsel gäbe.

Auf Charles Bureau lag Sir William Hamiltons geöffneter Brief. Neben diesem Briefe lagen folgende Zeilen von Lord Greenvilles Hand:

»Ich hatte mich nicht geirrt, mein Onkel liebt Dich, Emma. Ich will nicht durch die Einwirkung, die ich auf Dein Herz haben konnte, Deinem Schicksal eine von mir ausgehende Richtung geben. Erst in acht Tagen werde ich wieder in dieses Zimmer zurückkehren, und dann aller Wahrscheinlichkeit nach Dich nicht mehr vorfinden. Um der Zukunft unserer Kinder, um unserer beider Ehre willen aber begnüge Dich mit keiner anderen Stellung als der einer Lady Hamilton.

CharIes Greenville.«

Auch er hatte die Bahn gesehen, die sich mir hier eröffnete. Auch er glaubte, daß ich das Ziel erreichen könnte, welches mich gleich von vornherein geblendet, und welches ich mich allmählich gewöhnt zu betrachten, wie der Adler die Sonne betrachtet, ohne die Augen niederzuschlagen. Ich ergriff deshalb die Feder und schrieb:

»Mylord! Ich habe Lord Greenville den Brief mitgeteilt, welchen Sie mir die Ehre erzeigt, mir zu schreiben. Er hat das Haus sofort verlassen und mir gesagt, daß er, weil er mir in bezug auf mein Schicksal, auf das seinige und das unserer Kinder vollständig freie Hand lassen wolle, erst in acht Tagen zurückkehren würde. Es ist folglich an mir, Ihnen zu antworten, Mylord, und ich werde es mit derselben Offenheit und Freimütigkeit tun womit ich bis jetzt zu Werke gegangen bin. Wie sollte ich, da ich unwürdig bin, Sir William Hamiltons Nichte zu werden, würdig sein, seine Adoptivtochter zu werden? Nein, Mylord, es gibt etwas noch Einfacheres als alles dies, und dies besteht darin, daß ich weder Ihre Nichte noch Ihre Tochter werde, sondern ganz einfach Emma Lyonna bleibe. Ich verlasse London. Vor zwei Jahren verlebte ich drei Monate – vielleicht die glücklichsten meines Lebens – in einem reizenden kleinen Städtchen Namens Nutley. Ich kehre dahin zurück. Dem Willen Ihres Neffen – den ich Ihnen verspreche nicht wiederzusehen und den ich vollständig frei über sein Schicksal verfügen lasse – dem Willen Ihres Neffen gemäß, sage ich, werde ich dort allein leben, oder mich der Erziehung unserer Kinder widmen. Diese Kinder habe ich Ihnen empfohlen, Mylord, und bin deshalb in diesem Punkte außer Sorge. Ich irrte mich, Mylord, als ich glaubte, daß ich eine rechtschaffene Gattin, eine gute Mutter sein und einen Mann von Stand und Bildung glücklich machen könnte. Ich hatte mich geirrt, sage ich, denn Sie urteilen in dieser Beziehung anders. Aber auch Sie haben sich geirrt, indem Sie glauben, daß ich, indem ich eine falsche Stellung aufgebe, eine noch falschere einnehmen könnte. Meine Stellung als Lord Greenvilles Geliebte war in London geschaffen. Wer sagt mir, daß es mir gelingen würde, die Ihrer Adoptivtochter in Neapel zu schaffen? Nein, Mylord, so viel Ehre ist mir nicht bestimmt. Im Dunkel geboren, werde ich im Dunkel sterben. Diejenigen Tage, welche durch die Sonne erleuchtet worden, sind nicht meine glücklichsten gewesen. Leben Sie wohl, Mylord! Suchen Sie für Ihren Neffen eine vornehme und makellose Gattin. Machen Sie diese zu Ihrer Adoptivtochter und überlassen Sie die arme Emma ihrem Elend und ihrer Schande. Sie nennt sich Ihre Magd und hat nicht den Ehrgeiz, von Ihnen anders genannt zu werden.

Emma Lyonna

Ich ließ diesen Brief sofort an Sir William Hamilton befördern und traf dann die nötigen Anstalten zu meiner Abreise. Entweder war Sir William bei mir, ehe mein erster Koffer gepackt war, oder Lord Greenville kam, sobald er erfuhr, daß ich in Nutley war, mir dorthin nach. Im ersten Falle war dies ein Schritt vorwärts, im zweiten Falle war meine Situation dieselbe oder vielmehr eine bessere, weil ich, nachdem Lord Greenville das Haus verlassen, auch nicht darin hätte bleiben wollen.

Sir William Hamilton hatte meinen Brief nicht sobald erhalten, so kam er auch schon zu mir geeilt. Er fand mich mit den Anstalten zu meiner Abreise beschäftigt.

»Das, was Sie mir schreiben, ist also Ihr Ernst?« rief er. – »Jawohl, mein völliger Einst, Mylord,« antwortete ich ihm. »Sie werden doch nicht voraussetzen, daß ich mir erlaube, Scherz mit Ihnen zu treiben?« – »Wenn Ihr Brief nun mich nicht zu Hause angetroffen hätte, und wenn ich, anstatt sofort, erst in zwei Stunden gekommen wäre?« – »Dann hätten Sie mich abgereist gefunden.« – »Hätten Sie mir dadurch zu entrinnen geglaubt?« – »Ihnen zu entrinnen? Ich verstehe nicht, Mylord. Ich fliehe Sie nicht, ich fliehe Lord Greenville nicht, ich fliehe niemanden, ich ziehe mich bloß zurück.« – »Ich wäre eine Stunde nach Ihnen, ja vielleicht sogar eine Stunde vor Ihnen in Nutley gewesen.« – »Und was hätten Sie in Nutley machen wollen, Mylord?« – »Ich hätte Ihnen gesagt, daß jetzt, wo ich Sie kenne, Emma, ich Sie nicht mehr entbehren kann und daß ich Sie bitte, unter dem Namen, den Sie selbst wählen werden bei mir zu bleiben!« Ich fühlte, wie ein Schauer des Stolzes mein Herz erfüllte.

»Mylord,« sagte ich, »Sie wissen wohl, daß ich von dem Onkel nur einen Titel annehmen kann, nämlich den, welchen ich dem Neffen verweigert habe.« – »Emma, sprechen Sie aus Ehrgeiz so?« – »Nein, Mylord, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Selbstachtung.«

»Und hat Ihnen niemand zu der Haltung, die Sie mir gegenüber beobachten, geraten, Emma?« – »O doch, Mylord.« – »Wer denn?« – »Ein Mann, ohne dessen Rat ich meinem Gewissen nach über nichts entscheiden darf.« – »Von wem sprechen Sie?« – »Von Lord Greenville.« –, »Von meinem Neffen?« – »Gehen Sie in dieses Zimmer, Mylord, und auf dem Bureau werden Sie den Brief finden, den er mir geschrieben, bevor er unsere Wohnung verlassen. Lesen Sie.« Sir William ging in das Schlafzimmer und kam unmittelbar darauf mit dem Brief in der Hand zurück.

Er hatte sich kaum Zeit genommen, denselben zu lesen. »Miß Emma,« sagte er, »wollen Sie einem Manne, der nie etwas anderes als Ihr Vater sein wird, die Huld erzeigen, ihn Ihren Gatten zu nennen?« Die Füße versagten mir den Dienst. Ich sank in einen Lehnstuhl nieder, und kalter Schweiß perlte auf meiner Stirn. War es ein Traum? Bot der stolze Sir William Hamilton, welcher ausdrücklich in der Absicht von Neapel hierhergekommen, um die Ehe, welche ich im Begriffe stand mit seinem ruinierten Neffen einzugehen, zu vereiteln, mir wirklich seinen Namen, seinen Rang, sein Vermögen?

»Mylord,« sagte ich zu ihm, »wenn ich ein so glänzendes Anerbieten sofort annehmen wollte, so könnte es Ihnen später vorkommen, als hätten Sie sich übereilt. Machen Sie mir dieses Anerbieten morgen noch einmal, und ich werde dann darauf antworten.« – »Ich bin damit einverstanden, aber unter der Bedingung, daß Sie diese Antwort in der Kapelle des Hotels abgeben und daß wir noch denselben Abend nach Neapel abreisen.« – »Ich werde morgen von Ihnen nur Befehle zu empfangen haben, Mylord.« – »Und werden Sie mittlerweile erlauben, daß ich als Freund den Abend bei Ihnen zubringe?«

»Wollte ich Ihnen diesen Wunsch abschlagen, Mylord, so hieße dies Sie einer Gelegenheit zur Reue berauben.«

»Glauben Sie, daß ich mich langweilen werde?« – »Der Gesandte, der Freund eines Königs und einer Königin, der von der Aristokratie der Geburt und der Intelligenz umgebene Gelehrte wird, fürchte ich, an der Konversation der armen Schafhirtin aus dem Fürstentume Wales nur ein sehr mittelmäßiges Interesse finden.« – »Sie kommen mir vor wie die Prinzessinnen in unseren Volksmärchen, Emma. Sie haben eine Fee zur Pate gehabt. Sie haben von dem Namen, welchen sie Ihnen gegeben, einen Buchstaben abgeschnitten, um desto besser Ihr Inkognito zu wahren, und Sie heißen nicht Emma, sondern eigentlich Gemma, der Edelstein.« – »Mylord, Mylord, Sie sind gewöhnt mit einer Königin zu sprechen, Bedenken Sie, daß Sie in London sind und nicht in Neapel.« – »Diese Königin wird Ihre Freundin sein, Emma. Diese Königin wird Sie bitten, sie in Sachen der Anmut und des guten Geschmackes zu unterrichten. Diese Königin wird an dem Tage, wo Sie es wünschen, genötigt sein, ihre Krone Ihnen abzutreten.«

»Gibt die Königin, wenn Sie ihr dergleichen Dinge sagen, Mylord, die Hand zum Kusse?« – »Warum fragen Sie das?« – »Weil ich mich geneigt fühle, die Rolle der Vizekönigin einzuüben.« – Und ich reichte ihm die Hand.

Lord Hamilton ergriff dieselbe und küßte sie mit derselben Ehrerbietung, welche er der Königin Marie Karoline bewiesen haben würden »Bei den Plänen, die ich für morgen habe,« sagte er dann, indem er meine Hand losließ und sich gegen mich verneigte, »werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich sehr viel zu tun habe. Erlauben Sie daher, daß ich Sie verlasse und heben Sie den Abend, den Sie mir versprochen, mir auf.« Ich empfand selbst den Wunsch, allein zu sein, um mir Rechenschaft von den Gefühlen zu geben, welche sich in meinem Herzen und besonders in meinem Geiste durcheinandertummelten. Ich machte Sir William meine anmutigste Reverenz und sagte ihm, daß ich ihn um acht Uhr abends erwarten würde. Als er hinaus war, faßte ich mich mit beiden Händen am Kopfe. Es war mir, als müßte derselbe auseinanderspringen.

Brauche ich mich erst über die seltsame Situation, in der ich mich befand, auszusprechen? Nein; ganz wie Lord Greenville erraten, war Sir William Hamilton bis zum Wahnsinn in mich verliebt.

Erst um ein Uhr morgens verließ er mich berauscht, bezaubert, geblendet.

Am nächstfolgenden Tage vermählte, nachdem Sir William die Dispensation von dem gesetzlichen Aufgebote erkauft, ein protestantischer Geistlicher, der ihm seine Stelle verdankte, uns in einem zur Kapelle eingerichteten Zimmer des Hotels ohne Aufsehen, ohne Pomp und ohne andere Zeugen, als die, welche von dem Gesetze vorgeschrieben, und zur Gültigkeit des feierlichen Aktes erforderlich waren. Als die Zeremonie vorüber war, überreichte der Geistliche uns einem jeden eine Abschrift von dem von ihm ins Kirchenbuch aufgenommenen Trauungsprotokoll. Diesmal handelte es sich nicht um ein Eheversprechen wie das Lord Greenvilles, sondern um eine wirkliche Vermählung, die, obschon heimlich, doch vollkommen gültig war. Noch denselben Abend, nachdem die Angelegenheiten meiner Kinder und ihres Vaters von Sir William mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit geordnet worden, verließen wir London und traten die Reise nach Neapel an.

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