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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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28. Kapitel.

Man begreift, in welcher Gemütsbewegung dieser Tag für mich verging. Sir Charles nährte eine Hoffnung, welche ich, ich weiß nicht warum, nicht teilen konnte. Es schien mir, als ob hinter Sir Williams anscheinender Niederlage sich etwas Unbekanntes verberge. Auf alles, was Charles mir sagte, auf alle Projekte, die er entwarf, antwortete ich: »Morgen werden wir sehen.« – Der morgende Tag kam. Sir William Hamilton hatte keine Stunde bestimmt. Um neun Uhr morgens begab Sir Charles sich zu ihm. Ich blieb zu Hause. Ich wartete eine Stunde, die mir ein Jahrhundert zu sein schien. Nach Verlauf dieser Stunde kam Sir Charles wieder. Ich sah auf den ersten Blick, daß keine seiner Hoffnungen sich verwirklicht hatte. Er war bleich und vollständig niedergeschlagen. »Nun?« fragte ich ihn zitternd. Er zog einen Brief aus der Tasche.

»Mein Onkel ist unbeugsam,« sagte er dann. »Er verlangt unsere sofortige Trennung.«

– »Hatte ich es nicht gesagt?« –

»Wenn mir,« fuhr Charles fort, »uns dazu verstehen, so sichert er jedem unserer Kinder fünfhundert Pfund Renten, die im Todesfalle des einen auf die überlebenden Kinder vererben. Mir gewährt er auch ferner eine Rente von fünfzehnhundert Pfund und dir erstattet er die zehntausend Pfund Sterling wieder, welche wir zusammen vertan haben.« – »Und was haben Sie darauf geantwortet?« – »Ich habe mich geweigert.« – »Was ist das für ein Brief?« – »Ein Brief an dich.« – »Von Ihrem Onkel?« – »Ja, von meinem Onkel.« – »Lesen wir ihn.« – »Er ist für dich allein bestimmt und ich habe versprochen, daß du ihn allein lesen sollst.« – »Geben Sie her.« – »Soll ich dir etwas sagen?« fuhr Charles fort, indem er mich mit wehmütigem Blick betrachtete. – »Was ist es?« – »Mein Onkel liebt dich.« – Ich erschrak. – »Sie sind von Sinnen, Charles.« – »Nein, ich wollte darauf schwören.« – Ich ließ den Kopf auf die Brust herabsinken. Ein Blitz durchzuckte mich. Ich dachte an den Auftritt des vorigen Tages, an die bewundernden Blicke Sir Williams, an den schmeichelnden, liebkosenden Ton, in welchem er zu mir gesprochen. Ich näherte mich mit dem Briefe in der Hand dem Kamin und wollte ihn ins Feuer werfen. Charles tat mir Einhalt. »Emma,« sagte er in ziemlich festem Tone zu mir, »gestern warst du es, welche mich ermutigte, Mann zu sein, und ich war es, der allem Widerstand leistete, was du mir in bezug auf das Interesse unserer Kinder und das meinige sagen konntest. Heute bin ich es, der zu dir sagt: Emma, lies diesen Brief und denke über die darin enthaltenen Anträge reiflich nach, denn ich bezweifle nicht, daß wirkliche Anträge darin enthalten sind. Der Augenblick ist entscheidend, und wenn ich gestern das Recht zu haben glaubte, über mein Schicksal und das meiner Kinder zu verfügen, so glaube ich dagegen heute nicht das Recht zu besitzen, über das deinige zu verfügen und ein Hindernis für deine Zukunft und dein Glück zu sein.« Ich betrachtete Charles mit Erstaunen, da ich aber den Edelmut seines Herzens kannte, so war ich über den Beweggrund, der ihm diese Worte eingab, keinen Augenblick lang in Zweifel. »Ich habe,« hob er wieder an, »meinem Onkel versprochen, dir vollkommene Freiheit zu lassen, diesen Brief zu lesen. Lies daher, liebe Emma, und wenn er, wie ich nicht bezweifle, das Ultimatum meines Onkels ist, so entscheide über unser Schicksal.« Und indem er mich mit Tränen in den Augen umarmte, begab er sich in das Schlafzimmer und ließ mich in dem Salon allein.

Einen Augenblick lang blieb ich zitternd, während der Schweiß mir auf die Stirne trat, stehen. Dann taumelte ich und sank in einen Lehnsessel. Ich begriff in der Tat, daß ich unser aller Schicksal in den Händen hatte. Ich öffnete den Brief, aber ich konnte nicht sogleich lesen. Meine Augen waren wie von einer Wolke umflort. Allmählich wurden die Buchstaben sichtbarer, mein Blick ward frei und ich las:

»Mademoiselle! Ich habe seit gestern mit der ganzen Kälte und Ruhe nachgedacht, die man selbst in meinem Alter bewahren kann, nachdem man Sie gesehen. Die Leidenschaft meines Neffen erklärt sich durch Ihre Eigenschaften, Ihre Vorzüge, mit einem Wort durch den Zauber Ihrer Person. Ich begreife nicht bloß, daß man Sie liebt, sondern auch, daß man Sie ewig liebt. Es gibt jedoch im Leben Verhältnisse, gegen welche es Wahnsinn wäre, kämpfen zu wollen, weil man vergebens versuchen würde, sie zu besiegen. Diese Verhältnisse haben wir gestern gemeinschaftlich besprochen und sie liegen in den Geständnissen, welche Sie mit so vieler Offenheit mir getan. Bedenken Sie selbst und sagen Sie mir, ob es möglich ist, daß Sie in derselben Stadt, welche Sie nach der Reihe als Sir John Paynes und Sir Harry Feathersons Maitresse, als Grahams Bundesgenossin, als Romneys Modell gesehen, die Gattin des Lord Greenville werden, auf die Gefahr hin, bei jedem Schritt, den Sie in den Straßen von London tun, einer Erinnerung an jene Vergangenheit zu begegnen, gegen welche alle Ihre Reue nichts vermag und die selbst durch die Allmacht Gottes nicht verwischt werden könnte. Ihre Ehe mit meinem Neffen wäre – selbst vorausgesetzt, daß ich dareinwillige und seine Stellung sichere – Ihr Unglück und das Unglück Ihrer Kinder. Sie sind fünfundzwanzig Jahre alt – Sie haben mir Ihr Alter selbst gesagt, denn meine Augen hätten Ihnen höchstens achtzehn gegeben – Sie sind fünfundzwanzig Jahre alt, mein Neffe ist erst vierundzwanzig und folglich ein Jahr jünger als Sie. Er tritt erst in das Alter der Leidenschaften. So schön, so verführerisch, so vollkommen Sie auch sind, so ist es gleichwohl möglich, daß er Ihnen später einmal untreu wird, und daß er dann Äußerungen der Reue über das Opfer fallen läßt, welches er Ihnen gebracht zu haben glaubt. Wenn Sie ihn, den ruinierten Mann ohne Zukunft, jetzt heiraten, so ist das Opfer auf Ihrer Seite, dies weiß ich wohl und ich bin der erste, der dies anerkennt. In den Augen der Welt dagegen würde das Opfer auf seiner Seite sein. Aus diesen Gründen mache ich Ihnen den Vorschlag: Werden Sie anstatt meine Nichte meine Tochter. Witwer und ohne Kinder, stehe ich allein auf der Welt. Mein schon seit seiner Jugend von mir stets entfernt gewesener Neffe ist für mich ein Fremdling. Ich liebe ihn mit der Liebe, die ich für meine Schwester hegte, aber nicht mit der, die ich für ihn selbst empfände. Er selbst hegt für mich, ohne daß er sich selbst Rechenschaft davon gibt, nur eine Neigung, deren Stärke sich nach dem Guten richtet, was ich ihm erzeigen kann. Wenn Sie dareinwilligen, meine Adoptivtochter zu werden, so verschwinden jene Unmöglichkeiten, welche sich einem ruhigen und glücklichen Leben für Sie in England entgegenstellen, selbst, gerade so wie die Wasserfurche eines Schiffs verschwindet, welches aus einem Meere in das andere steuert. Ich nehme Sie mit nach Neapel, wo niemand Sie kennt, wo niemand Sie gesehen hat, wo Sie weder Emma Lyonna noch Miß Heart heißen, wo Sie weder Paynes noch Feathersons Maitresse, weder Grahams Bundesgenossin noch Romneys Modell sind, sondern wo Sie unter dem Namen, den es Ihnen belieben wird zu wählen, meine geliebte Adoptivtochter sind. Von meinem Reichtum spreche ich nicht. Ich habe sieben- bis achttausend Pfund Sterling Rente, ohne meinen Posten als Gesandter, welcher mir fünftausend Pfund jährlich einträgt. Dieses Gesamteinkommen teile ich in drei Teile – ein Teil gehört Ihnen, der zweite meinem Neffen, der dritte Ihren Kindern. Nein, ich spreche nicht von den Diensten, welche Sie mir leisten können. Ich zähle achtundfünfzig Jahre. Ich bedarf, in Ermanglung der Liebe, der Freundschaft und empfinde das Bedürfnis, daß man mich liebe, wie man einen alten Mann liebt. Wie lange habe ich wohl noch zu leben? Sechs, acht, vielleicht noch zehn Jahre. Berechnen Sie, wie rasch in Ihrem Alter zehn Jahre vergehen. Im schlimmsten Falle also, das heißt in zehn Jahren, wo Sie fünfunddreißig zählen und folglich in dem Alter stehen, wo das Weib oft noch seine volle Schönheit besitzt, sind Sie frei, reich und – erlauben Sie mir diese Worte, mit welchen ich durchaus keine verletzende Absicht verbinde – durch Ihre Hingebung an mich geläutert. Gestatten Sie mir, Ihnen noch zu sagen, daß ich in Neapel, einer der schönsten Städte der Welt, wohne und daß ich allen Grund habe zu hoffen, sie bis zu meinem Tode zu bewohnen. Ich bin der Freund des Königs und der Königin, ich bewege mich dort in einer Gesellschaft, über welche Sie sofort die Macht ausüben werden, welche Ihre Schönheit, Ihre Talente, mit einem Wort Ihre Überlegenheit Ihnen leihen. Diese Gesellschaft ist aus allen Talenten, aus allen Intelligenzen, aus allen Aristokratien, von der Geburt bis zu der des Genius, zusammengesetzt und während Sie hier die Sklavin der Vergangenheit sind, sind Sie dort die Königin der Zukunft. Nun, nachdem Sie gelesen haben, denken Sie nach. Ich erwarte Ihre Antwort mit größerer Ungeduld, als ein liebender Jüngling. Ich erwarte sie als egoistischer alter Mann. Übrigens wird dieselbe, möge sie ausfallen, wie sie wolle, nichts an den Gesinnungen ändern, die ich Ihnen gewidmet und unter welchen die Achtung den ersten Platz einnimmt.

William Hamilton.«

Dieser so einfache, so edle und so würdige Brief rührte mich tief, dies gestehe ich offen. Ich ließ meinen Arm am Körper, meinen Kopf auf die Brust herabsinken, und verfiel in langes Hinbrüten. Als ich den Kopf wieder emporrichtete, stand Sir Charles vor mir. An seinem wehmütigen Lächeln war leicht zu sehen, daß er erriet, was in meiner Seele vorging. Ich reichte ihm den Brief. »Lesen Sie,« sagte ich zu ihm.

Er warf die Augen darauf.

»Nein,« rief ich lebhaft, »nicht in meiner Gegenwart. Lesen Sie ihn allein, ebenso wie ich ihn allein gelesen habe. Auf alle Fälle ist das Herz Ihres Onkels ein edles und großmütiges.«

Charles ging wieder in das Schlafzimmer und ich blieb abermals allein im Salon. Allein? O nein, Sir Williams Brief hatte das Zimmer mit einer ganzen Welt unbekannter Phantome bevölkert. Noch einmal schienen das Schicksal, der Zufall, das Verhängnis, die Vorsehung über mich verfügen zu wollen, ohne meinem freien Willen und meinen eigenen Wünschen Spielraum zu lassen. Ich konnte mir die Kraft und Wahrheit der von Sir William Hamilton dargelegten Gründe in bezug auf meine Vermählung mit seinem Neffen nicht verhehlen. Alle diese Gedanken waren auch in mir mehr als einmal erwacht, und je näher ich dem von meinem Ehrgeiz geschaffenen Ziele gekommen, destoweniger hatte ich es in der Wirklichkeit wünschenswert gefunden.

Der Horizont dagegen, welchen Sir William mir geöffnet, strahlte in dem ganzen Feuer jener südlichen Sonne, welche ich bis jetzt bloß in den Strophen Tassos und Ariostos gesehen. Meine verderbliche Einbildungskraft, welche stets bereit war, mich in die grenzenlosen Regionen der Phantasie zu locken, entrollte hier ihre blendendsten Gebilde. Jene Krone einer Salonkönigin, welche ich durch Sir Johns Abreise, Sir Harrys Untreue und Lord Greenvilles Ruin verloren, mußte ich vollständiger und in größerem Umfange durch die Stellung wiedererobern, welche Sir William Hamilton in der Welt der Diplomatie einnahm. Wenn ein Gesandter auch nicht selbst König ist, so ist er doch der Vertreter des Königtums und der anspruchsvollste weibliche Ehrgeiz kann sich mit dem Titel einer Gesandtin begnügen. Allerdings war ich, wenn ich Sir William Hamilton folgte, nicht Gesandtin, sondern bloß die Adoptivtochter eines Gesandten, und dies war ein großer Unterschied, da die Langweile und die Laune eines alten Mannes, wenn sie meiner überdrüssig ward, jeden Augenblick die Adoptivtochter, deren Stellung durch nichts verbürgt ward, auf den Standpunkt einer Emma Lyonna und selbst einer Miß Heart wieder herabsinken lassen konnte. Sir William hätte deshalb nicht beabsichtigen sollen, mich zu seiner Adoptivtochter, sondern zu seiner Gattin zu machen. Bei diesem Gedanken zuckte eine blendende Flamme an meinen Augen vorüber. Warum aber war diese Flamme so blendend? War Lord Greenville nicht von vornehmerer Herkunft als Sir William Hamilton? Stammte er nicht von den Warwicks, oder war er nicht wenigstens mit jener berühmten Familie Warwick verwandt, welche ihren Ursprung von jenem bekannten Grafen Richard Nevill herleitete, den man den Königmacher nannte?

Sir William stammte bloß aus einer guten schottischen Familie, dies war alles. Wenn daher ein Greenville, das heißt Warwick, es nicht verschmäht hatte, mir sein Wort zu geben, warum sollte dann Sir Hamilton, der allerdings reich war und eine hohe Stellung einnahm, der aber in bezug auf aristokratische Abkunft und Jugend nicht dieselben Verlockungen zu bieten hatte, wie sein Neffe, warum, frage ich, sollte Sir William zögern, eine Person, welche nur ein Wort zu sprechen brauchte, um Lady Greenville zu werden, zur Lady Hamilton zu machen? War ich wohl auf meinem bergaufführendem Wege stehen geblieben? Oder, wenn ich auch gefallen war, hatte dann mein sozusagen von der Vorsehung gefügter Sturz mich nicht immer wieder in höhere Regionen zurückgeführt, als die waren, aus welchen ich herabgestiegen?

War es jetzt, wo ich schon beinahe Lady Greenville war, schwerer Lady Hamilton zu werden, als es für Romneys Maitresse gewesen, Lady Greenville zu werden? Eines oder das andere mußte ich werden; dies war bei mir fest beschlossen.

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