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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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26. Kapitel.

Ich glaube hinreichend das Gefühl dargelegt zu haben, welches mich an Lord Greenville, ich will nicht sagen fesselte, wohl aber ihm geneigt machte. Zunächst war es das Bewußtsein, daß er mich wirklich liebte, die Gewißheit, daß er ein ehrlicher Mann war, dann endlich und vielleicht noch mehr als alles dies der Ehrgeiz, der mich dem Glanz und dem Reichtum ebenso unwiderstehlich entgegentrieb, wie der Schmetterling zu der Flamme hingetrieben wird, die ihm gleichwohl den Untergang bringt. Lord Greenville besaß als mütterliches Erbteil ein kleines Schloß in Schottland am Forth, zwischen Muggleborough und Preston Pans, sechzehn englische Meilen von Edinburg. Hier machten wir Halt. Mr. Fox, dem er sich wahrscheinlich wohl gehütet hatte zu sagen, warum er eine solche Bitte an ihn stellte, hatte ihm einen Urlaub, nicht von acht Tagen, sondern von vier Wochen bewilligt. Dieses Verhältnis, welches beinahe drei Jahre dauerte und welches über das Schicksal meines Lebens entschied, ist vielleicht das, worüber ich in bezug auf Gemütsbewegungen am wenigsten zu erzählen habe. Nach dem Versprechen, welches Lord Greenville mir gegeben und durch welches er sich unwiderruflich gebunden erachtete, betrachtete und behandelte er mich als sein Weib. Ich meinerseits sah in ihm meinen künftigen Gatten und begegnete ihm, als ob er es schon wäre. Da ich mir über die Lage, in der er mich genommen, und ganz besonders über die, welche derselben vorangegangen war, durchaus keine Täuschung machte, so wußte ich das Opfer, welches er mir gebracht, vollkommen zu würdigen und war daher bedacht, ihn zu glücklich zu machen, daß er während der dritthalb Jahre, die bis zu unserer gesetzlichen Vermählung noch vergehen mußten, sein Versprechen keinen Augenblick zu bereuen hätte.

Wir blieben auf seinem Schlosse nur so lange, als wir brauchten, um von unserer Reise auszuruhen; dann begannen wir Schottland zu besuchen. Wenn ich eine Prinzessin von königlichem Geblüt gewesen wäre, so hätte Lord Greenville mir nicht mit zarterer Aufmerksamkeit begegnen können, als er es tat. Meine Reise mit ihm war ein geschichtlicher Kursus, in welchem ich die Sagen von Wallace und Robert Bruce, von Montrose und von Charles Edward hörte. Ich sah das Zimmer, in welchem Rizzio ermordet, und das Schloß, in welchem Maria Stuart gefangen gehalten ward. Die vier Wochen vergingen sehr rasch und wir kehrten nach London zurück. In unserer Abwesenheit, hatte Lord Greenvilles Intendant ein Haus gemietet, welches die Aussicht auf den Green Park hatte und in welchem wir, der Lord und ich, jedes eine Etage bezogen. Mit seinem Gehalt und seinem persönlichen Vermögen hatte er ziemlich zweitausend Pfund Sterling jährlich. Es war dies im Verhältnis zu dem Luxus, den er entfaltete, ziemlich wenig; der Minister hatte ihm aber für den Fall, daß er an der Spitze der öffentlichen Angelegenheiten bliebe, versprochen, ein Mittel zur Erhöhung seines Gehaltes ausfindig zu machen. Lord Greenville hatte an seinen Onkel Sir William Hamilton geschrieben, daß er aus Anhänglichkeit an Fox in London bleiben würde, so lange dieser Minister wäre. Zugleich hatte er ihm das Versprechen, welches Fox ihm gegeben, mitgeteilt und ihn gebeten, ihm es möglich zu machen, die Erfüllung desselben abzuwarten.

Sir William Hamilton hatte ihm sofort eine Anweisung von tausend Pfund auf seinen Bankier geschickt. Lord Greenville fragte mich auf die zarteste und schonendste Weise, ob ich nicht Lehrer annehmen und durch diese meine Ausbildung vollenden lassen wollte. Ich sah ein, daß der Kreis von Kenntnissen, welcher Emma Lyonna, der nur dem Vergnügen huldigenden Abenteurerin, genügte, für Mylady Greenville nicht genügen würde, und ich bat Sir Charles, mir selbst einen Studienplan vorzuzeichnen. Von diesem Augenblicke an hatte ich Lehrer für die französische und italienische Sprache, für den Gesang, für die Zeichenkunst und den Tanz.

Man weiß, mit welcher Leichtigkeit ich lernte und mit welchem wunderbaren Gedächtnis ich begabt war. Obschon ich alle die genannten Dinge gleichzeitig trieb, so machte ich doch in jedem derselben reißende Fortschritte. Ich hatte von Natur eine gute reine Stimme. Es war als wäre die Musik für mich eine vergessene Kunst, deren ich mich bloß wieder zu erinnern glaubte. Das Italienische lernte ich gewissermaßen singend.

Was das Französische betraf, so widmete ich mich dem Studium dieser Sprache mit solchem Eifer, daß ich während der ganzen Zeit, welche mir die andern Übungen übrig ließen, stets ein in der Sprache Racines und Voltaires geschriebenes Buch in der Hand hatte.

Mein Leben war sonach ein vollständig verändertes. Jene tausend Vergnügungen, von welchen das Leben einer hübschen Frau begleitet zu sein pflegt, hatten den Studien einer ernsten Frau und wie ich nicht unerwähnt lassen darf, einer Familienmutter Platz gemacht. Nach Verlauf von zehn Monaten lieh nämlich eine kleine Tochter unserem Bunde einen noch vollständigeren ehelichen Anstrich. Zwei Monate vorher jedoch hatte uns in bezug auf unsere Finanzen ein schwerer Schlag getroffen. Das, was Sir William Hamilton vorausgesehen, war eingetroffen. Nachdem Charles Fox im Jahre 1782 das Ministerium Pitt gestürzt und mit der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten betraut worden, hatte er den Frieden mit Amerika und Frankreich zustande gebracht. In diesem Triumph hatte er den Weg zur unumschränkten Macht zu finden geglaubt und, entrüstet über das gesetzwidrige Gebaren der ostindischen Kompanie, dasselbe laut gerügt und eine gerichtliche Untersuchung verlangt. Da er aber mit diesem Antrage im Oberhause durchfiel, so sah er sich genötigt, als Minister seine Entlassung zu geben und wieder zur Opposition überzugehen. Infolge dieses Rücktritts verlor Lord Greenville seinen Posten. Es blieben ihm daher in allem von seinem Privatvermögen zweihundertfünfzig bis dreihundert Pfund Sterling jährlich, Wie gewöhnlich nahm er seine Zuflucht abermals zu seinem Onkel, indem er ihm versicherte, daß Charles Fox jedenfalls sehr bald wieder ins Ministerium treten würde, dann würde seine, Lord Greenvilles Stellung eine weit bessere werden als je vorher, da er dann doch den Preis seiner Hingebung und Freundschaft erhalten mußte. Sir William Hamilton schickte abermals eine Anweisung auf eintausend Pfund Sterling. Mit dieser Summe, Lord Greenvilles Privatvermögen und meinen acht- bis zehntausend Franks Rente hätten wir bescheiden leben und bessere Tage abwarten können. Ich suchte auch Lord Greenville aus allen Kräften dazu zu bereden; mochte er nun aber wirklich an Charles Foxs Wiedereintritt in das Ministerium glauben, oder sein Hang zur Verschwendung über die Ratschläge der Vernunft den Sieg davontragen, kurz wir fuhren fort, in der bisherigen Weise zu leben. Die Folge hiervon war, daß wir sehr bald mit unseren Hilfsmitteln fertig waren. Mir blieb unter diesen Umständen nur eins zu tun übrig, nämlich mein kleines Vermögen zur Verfügung des Mannes zu stellen, dessen Namen ich nun bald tragen sollte. Dies tat ich auch. Nach achtzehn Monaten war auch diese Summe ausgegeben. Lord Greenville schrieb zum dritten Mal an seinen Onkel, erhielt aber diesmal keine andere Antwort als eine Weigerung, obschon zugleich mit der Einladung, sich, wenn es ihm konvenierte, unter den ihm bereits angetragenen Bedingungen in Neapel einzufinden. Diese Reise wäre aber unsere ewige Trennung gewesen und Lord Greenville verweilte keinen Augenblick dabei. Unsere Familie hatte sich um zwei Kinder vermehrt und unsere Mittel, folglich noch unzureichender gemacht.

Allerdings ward Lord Greenville in drei Monaten volljährig und ich war überzeugt, daß er mit dem Tage dieser Volljährigkeit sein Versprechen lösen würde. Wenn aber dieses Versprechen auch erfüllt war, so war ich dann immer noch weiter nichts als Lady Greenville. Unsere Stellung ward wohl dadurch ein wenig verändert, der Stand unserer Finanzen aber blieb immer noch derselbe.

Die beschränkten Umstände, in welchen wir lebten, gingen allmählich geradezu in Mangel über. Ich verstehe jene Situation, wo Stolz, Gewohnheit und Instinkt alle Tage einen Kampf mit dem Bedürfnis zu bestehen haben, entweder nicht recht oder gar nicht zu schildern. Ich bin schon einmal rasch über meinen Sturz hinweggegangen. Mein Mut wird das zweitemal nicht größer sein als das erste. Ich konnte Lord Greenville nicht anders als dankbar sein, denn er erduldete alle diese Leiden aus Liebe zu mir. Dabei aber blieben seine Traurigkeit, seine Entmutigung von mir nicht unbemerkt. Ich besiegte sein Widerstreben, ein viertes Mal an seinen Onkel zu schreiben. Er schrieb. Lord Hamiltons Antwort war ein Donnerschlag für uns. Er schrieb, er habe sich nach der Situation seines Neffen erkundigt und erfahren, daß die Ursache seiner Bedrängnis in nichts weiter läge als in einer Liebe zu einer dieser Liebe unwürdigen Kurtisane. Zugleich kündete er seine nahe bevorstehende Ankunft in London an, indem er sagte, er wolle den Stand der Sache selbst beurteilen und würde, je nach dem, was er mit eigenen Augen gesehen, dann handeln.

Ein angefügtes Postskript sagte, wenn Lord Greenville die ihm schon gestellten Bedingungen annehmen wolle, so brauche er nur augenblicklich nach Neapel abzureisen und in London jenes unwürdige Geschöpf zurücklassen, für dessen Subsistenz in diesem Falle aus Mitleid in geeigneter Weise gesorgt werden würde.

Ich muß es Lord Greenville zum Lobe nachsagen, daß dieser Brief ihn zur größten Erbitterung reizte und er denselben unbeantwortet ließ. Durch diese edelmütige Gesinnung ward jedoch an unserer Situation nichts geändert. Nachdem wir uns in die Entbehrung des Überflüssigen gefügt, waren mir nun bei der Entbehrung des Notwendigen angelangt. Wir hatten sogar unsere letzten Schmucksachen verkauft, wir waren über ein Jahr Mietzins schuldig, die gerichtliche Klage gegen uns war bereits anhängig gemacht und es bedurfte nur einer letzten, vom Gesetze vorgeschriebenen Formalität, um uns mit unsern Kindern auf die Straße geworfen zu sehen. Wir waren bei jener äußersten Situation angelangt, wo ein neues Unglück sogar zu wünschen ist, so unmöglich war es, daß eine Katastrophe, wie schrecklich dieselbe auch sein möchte, unsere Lage verschlimmerte.

Plötzlich erfuhren wir, daß Sir William Hamilton sich seit acht Tagen in London befand, und sein Haus in Fleetstreet bewohnte. Man hatte uns nicht von dieser Ankunft in Kenntnis gesetzt. Ohne Zweifel hatte Sir William diese Zeit benutzt, um Erkundigungen über uns einzuziehen. Auf alle Fälle schwebte ein großes Unglück über unseren Häuptern. Als Lord Greenville diese Nachricht erhielt, faßte er einen plötzlichen Entschluß.

»Meine liebe Emma,« sagte er zu mir, »ausgenommen durch eine Trennung können wir kaum unglücklicher werden, als wir bereits sind. Wohlan, unser Schicksal ruht in deinen Händen.« Ich betrachtete ihn mit Erstaunen. – »Höre mich an,« fuhr er fort. »Ich kenne meinen Onkel. Er ist Archäolog und liebt jede plastische Schönheit. Er verbringt sein Leben mitten unter den schönsten Marmorgebilden Griechenlands. Nun aber kenne ich keine Statue, wäre sie selbst von Praxiteles oder Lysippus, welche dir an Schönheit gleichkäme. Gehe daher zu meinem Onkel, wirf dich ihm zu Füßen, sprich für uns und unsere Sache ist gewonnen.« Wie betäubt durch eine solche Zumutung sah ich Charles mit erstauntem Blicke an.

»Wie!« sagte ich dann zu ihm, »ich bin es, um welcher willen er dir zürnt, und du willst, daß ich es sei, die sich seinem Zorne aussetzt?«

– »Er zürnt mir um deinetwillen, liebe Emma, weil er meine Liebe nicht begreift, und er begreift meine Liebe nicht, weil er dich nicht kennt. Wenn er aber dich einmal gesehen, wenn er deine unwiderstehliche Stimme einmal gehört haben wird, wenn deine flehenden Tränen vor ihm geflossen sind, dann wird er alles verstehen und verzeihen.« – Ich schüttelte den Kopf. Ich empfand ein heftiges Widerstreben, diesen Schritt zu unternehmen. »Dann,« sagte Charles, »bleibt uns nichts weiter übrig, als uns in unser Schicksal zu fügen, denn ich, das weiß ich gewiß, werde nichts von meinem Onkel erlangen, der meinen Besuch erwartet und sich im voraus gegen mich gepanzert hat, während du –«.

»Höre, Charles,« antwortete ich, »ich will nicht, daß du glaubest, ich könne dir deine Anhänglichkeit an mich so schlecht vergelten, daß ich mich weigerte, irgendeinen Schritt für dich zu tun, möge der so demütigend sein, als er nur immer wolle. Laß mir bis morgen Zeit, um mich auf dieses Erscheinen bei deinem Onkel vorzubereiten – morgen gehe ich.«

– »Du wirst tun, was dein Wille dir gebietet, Emma,« sagte Charles, »glaube aber, daß die Zeit kostbar und daß es unklug ist, auch nur eine Minute zu verlieren. Bis morgen kann Lord Hamilton uns von seiner Anwesenheit benachrichtigen, und es kommt für uns viel darauf an, daß wir ihm zuvorkommen. Ziehe dein schlichtestes Kleid an, denn du bist niemals schöner als in deiner Einfachheit; gehe nach Fleetstreet – alle Welt kennt Sir William Hamiltons Haus; tritt keck ein, sprich mit deinem Herzen in deinem Namen; in dem meinigen, in dem unserer Kinder, und Gott wird das Übrige tun.«

Sir Charles sprach mit einer solchen Überzeugung, daß dieselbe auch mich für sich zu gewinnen begann. Indem ich Aufschub bis zum nächstfolgenden Tag verlangt, hatte ich bloß getan, was der Verurteilte tut, der um eine Frist bittet. Ich hatte versucht, den entscheidenden Augenblick hinauszuschieben, da der Entschluß aber einmal gefaßt war, so war es besser, ihn sofort in Ausführung zu bringen.

Mit der Festigkeit eines verzweifelten Entschlusses begab ich mich in mein Zimmer. Ich legte mein am wenigsten kostbares Kleid an, ich band mein Haar, welches ich immer ohne Puder trug, mit einem einfachen Bande zusammen, dann setzte ich einen großen Strohhut auf, warf eine kleine Mantille über die Schultern und erschien plötzlich wieder in dem Zimmer, in welchem Charles zurückgeblieben war. Bei dem Geräusch, welches ich bei meinem Wiedereintritt machte, richtete er den Kopf empor und stieß einen lauten Ruf aus. »O,« sagte er, »nie bist du schöner gewesen, teure Emma; wir sind gerettet!«

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