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Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
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15. Kapitel.

Gern möchte ich schnell über diesen Teil meines Lebens hinweggehen, welcher, obschon in den Augen der Sittenprediger vielleicht der tadelnswerteste, doch der ist, welcher mir am wenigstens Reue einflößt. Ich war ein armes, von meiner Kindheit an verlassenes Mädchen. Ich war niemandem Rechenschaft über meine Handlungsweise schuldig, nicht einmal meiner Mutter, für welche schon meine Geburt eine Antwort auf die Vorwürfe gewesen wäre, welche sie mir vielleicht gemacht hätte. Ich hing nur von mir ab, ich erwartete alles von mir; zu meinem Unglück schön, ward ich durch einen angeborenen Instinkt zu allen Freuden der Jugend, zu allen Verführungen des Luxus und des Reichtums hingetrieben. Welche moralische oder physische Stütze hätte ich in Anspruch nehmen können, selbst wenn ich die Absicht gehabt hätte, gegen die Versuchung zu kämpfen? Da ich aber das Gute nicht von dem Bösen zu unterscheiden wußte, so betrat ich einen abschüssigen Pfad, der mir immer angenehmer, immer blumenreicher vorkam. Das Leben erschien mir in der Gestalt eines schönen, wie der Frühling mit Blumen bekränzten Jünglings. Ich ergriff den dargebotenen Arm dieses falschen Beschützers und stützte mich darauf, ohne zu wissen, welchem Ziele wir entgegengingen und in welchen Morast oder in welche dürre Wüste er mich führen würde. Übrigens, und ich darf dies nicht verschweigen, hat eine der guten oder schlimmen Eigenschaften meiner Veranlagung darin bestanden, daß ich immer in der Gegenwart gelebt habe. Diese Gegenwart war, mit der Vergangenheit verglichen, zu der Zeit, von welcher ich jetzt spreche, ein Leben materieller Genüsse, die hoch über den sechzehn Jahren standen, die ich bis jetzt durchlebt. Die Welt, die mich nicht kannte, machte mir keine Vorwürfe und ich selbst machte mir auch keine. Alles trieb mich daher zum Vergessen der Vergangenheit, zur Sorglosigkeit in bezug auf die Zukunft. Es war mir als hätte ich, so lange meine Schönheit dauerte, von der Unbeständigkeit des Glücks nichts zu fürchten, und indem ich an mein jugendliches Alter dachte und mich in meinem Spiegel betrachtete, sagte ich, daß ich, Gott sei Dank, noch lange schön zu sein hätte.

Man erinnert sich, daß Sir John Payne auf zwei Monat Urlaub genommen, und daß er diese zwei Monate ausschließlich mir widmen wollte. Nachdem ihm dieser Urlaub erteilt worden, fragte er mich, wo ich hinzugehen, was ich vorzunehmen wünschte. Ich stellte die Wahl ganz ihm anheim. Ich kannte ja nichts außerhalb des Zirkels, in welchem ich bis jetzt gelebt. Ich wünschte nichts, sondern fühlte bloß einen unwiderstehlichen Zug nach dem Unbekannten. Sir John entschied, daß wir nach Frankreich gingen. Ich klatschte vor Freuden in die Hände. Ich hatte viel von Frankreich sprechen hören, aber es war mir nie eingefallen, daß ich dieses Land selbst zu sehen bekommen könnte. Ich verstand nicht Französisch, Sir John aber redete diese Sprache ganz geläufig und konnte mir alles, was ich nicht selbst verstand, übersetzen. Wir brachen auf. Jener Drang nach dem Unbekannten war die Krankheit jener Zeit, und ich, das winzige Atom, ward von dem Strudel mit fortgerissen.

Es gibt Momente, wo die Nationen ihrer selbst überdrüssig und von der Wirklichkeit ermüdet, sich in den Traum flüchten und nicht bloß nach dem trachten, was nicht ist, sondern auch nach dem, was nicht sein kann.

So unwissend ich auch war, so berührte mich doch jener Hang Frankreichs zu dem Unmöglichen auf seltsame Weise. Not und Armut waren hier groß, der Luxus aber war noch größer. Die Fürsten und großen Herren ruinierten sich mit einem Eifer und mit einer Sorglosigkeit, welche nicht schlimmer hätte sein können, selbst wenn sie den Vulkan gekannt hätten, auf welchem die Gesellschaft damals einherwandelte. Aber was fragte man darnach? Der Kardinal von Rohan suchte den Stein der Weisen; Cagliostro hatte, wie man versicherte, das Lebenselexier entdeckt; Mesmer die Heilung aller Krankheiten durch den Magnetismus; Franklin hatte den Blitz besiegt und führte ihn gefangen auf einem Drahte in die Tiefen der Erde; und Montgolfier stellte eine neue Straße in den unendlichen Räumen des Himmels in Aussicht. Die alte Welt konnte immerhin in den Abgrund versinken, eine neue tauchte empor.

Diese beiden Monate vergingen für mich in einem ununterbrochenen Taumel. Sir John hatte die schönsten Pferde, die schönsten Wagen, die ersten und besten Logen in allen Theatern. Ich sah Lekain, ich sah Mademoiselle Raucourt, Orosman, Athalia, Britannicus, ich hörte die »Ihpigenia in Tauris« von Gluck und die »Dido« von Piccini. Greuza, der Maler der Unschuld, fertigte mein Porträt und überall, wohin ich kam, wiederholte mir ein bezauberndes Murmeln, daß ich schön sei. Ich fühlte mich so glücklich, daß Sir John eine Verlängerung seines Urlaubs um einen Monat zu erbitten wagte; man gewährte ihm diese Verlängerung, sagte ihm aber zugleich, daß er nach Ablauf dieses Monats sich zur Verfügung der Regierung bereit zu halten habe. Der Krieg mit Amerika ward immer erbitterter, Frankreich drohte sich daran zu beteiligen, und England fühlte aller Wahrscheinlichkeit nach sehr bald das Bedürfnis, jenseits des atlantischen Meeres einen großen Schlag zu führen. Sir John hütete, als er mir die Verlängerung seines Urlaubs mitteilte, sich wohl, mir etwas von der ihm dabei gestellten Bedingung zu sagen. Er wollte keinen Schatten auf meine Freude werfen. Wir blieben demgemäß noch einen Monat, dann aber mußten wir nach England zurückkehren. Diese Reise blieb wie ein bezaubernder Traum ein Teil meiner steten Erinnerung. Ich hatte die Königin von Frankreich zweimal gesehen – einmal in der Oper bei der Aufführung der »Dido« von Piccini, das zweitemal in der Comédie Française bei der Aufführung von »Orosman«. Es war dies die glückliche Epoche ihres Lebens. Sie ward noch geliebt und verehrt, der Haß und die Verleumdung kamen erst später. Sie hatte ihrerseits mich ebenfalls bemerkt und gefragt, wer ich wäre. Die Erinnerung an mich blieb ihren Gedanken so gegenwärtig, daß, als drei Jahre später Madame Lebrun, ihre Malerin, nach London kam, diese mich im Namen der Königin bat, mich von ihr malen zu lassen. Es war dies eine zu große Ehre, als daß ich dieselbe zurückgewiesen hätte, und man versicherte mir, daß sie dieses Porträt ihrer Privatgalerie einverleibte.

Bei meiner Rückkunft nach London fand ich, wie ich gestehen muß, mein kleines Haus in Piccadilly ein wenig öde und es dauerte nicht lange, so bat Sir John, welcher ohne Zweifel fürchtete, daß ich mich langweilte, mich um die Erlaubnis, mir einige seiner Freunde vorzustellen. Wir empfingen demzufolge einmal wöchentlich, dann zweimal, dann dreimal, dann alle Tage. Sir John, dem ich meine niedrige Herkunft ebensowenig verschwiegen hatte, wie ich das auch sonst getan hatte, fragte mich wie besorgt, ob ich imstande sein würde, die Rolle einer Herrin vom Hause zu spielen. Gleich vom ersten Tage an aber war er in dieser Beziehung beruhigt. Es ist dies eines der eigentümlichsten Geschenke, welche die

Ich weiß nicht, welches wehmütige Gefühl sich meiner bemächtigte, als ich diese künstlichen Blumen anstatt natürlicher zu einem Strauße zusammenband. Sir John schien mir ebenfalls niedergeschlagen zu sein. Von Zeit zu Zeit bemerkte ich, daß er die Augen unverwandt auf mich geheftet hielt. Wenn dann unsere Blicke sich begegneten, so versuchte er zu lächeln. Seit einigen Wochen ging er alle Tage auf die Admiralität und empfing fortwährend Botschaften von derselben entweder in seiner Wohnung oder auf dem »Theseus«. Beinahe alle Tage erteilte er geheime Befehle und traf Anstalten, welche er mir zu verheimlichen suchte. Es war augenscheinlich, daß in unserem Geschicke irgendeine Veränderung vorzugehen im Begriffe stand.

Der Abend kam, die Freunde vom gestrigen Tage fanden sich wieder ein. Sie waren sehr neugierig in bezug auf die Überraschung, die ich ihnen bereitete und welche Sir John ihnen mit einer gewissen Feierlichkeit versprochen. Nach dem Tee oder vielmehr während des Tees begab ich mich aus dem Salon in mein Schlafzimmer. Hier verwandelte ich mich binnen wenigen Augenblicken in Ophelia, und gerade in dem Momente, wo man am wenigsten erwartete, mich wieder erscheinen zu sehen, öffnete ich die Tür. Ein einstimmiger Ruf verkündete, daß ich den beabsichtigten Effekt machte. Mein Erfolg war unermeßlich. Zum ersten Male debütierte ich vor Zuschauern. Bis jetzt hatte ich bloß für mich allein oder für eine einzige Person deklamiert, ein einziges Mal war mir von einem unbekannten Zuhörer Beifall gespendet worden. Was Sir John betraf, so hatte ich von ihm mehr als Beifall erlangt und die Wirkung, welche ich dieses zweite Mal hervorbrachte, erschien mir noch größer als die erste. Der Enthusiasmus war ein allgemeiner. Man rief »Da capo! da capo!« Man bat den Admiral, mich zu einer nochmaligen Vorführung der Szene zu bewegen, aber ich weigerte mich hartnäckig. Ich war überzeugt, daß die Fehler, welche den Augen meiner Zuschauer bei dieser ersten Probe entgangen waren, bei der zweiten klar zu Tage treten würden. »Wenn jedoch,« sagte ich, »einer dieser Herren die Rolle des Romeo übernehmen wollte, so würde ich gern bereit sein, die Julia in der Balkonszene zu spielen.« Unglücklicherweise waren Sir Johns Gäste im Bereiche des Vergnügens besser bewandert als in dem der Literatur und folglich mit der Muse Shakespeares nicht so vertraut, daß sie die von mir ihnen zugemutete Aufgabe zu lösen vermocht hätten.

Mit einem lebhaften Gefühl der Reue und Trauer dachte ich jetzt an den armen Harry, welcher mir in Miß Arabellas Garten einen so poetischen und liebeerfüllten Romeo improvisiert hatte. Der Schleier der Nacht, der sich über sein Gesicht gebreitet und mir seine Züge verhüllt, so daß nur seine Stimme zu mir gedrungen war, ließ dieser Erinnerung etwas ungemein Romantisches und Geheimnisvolles. »Wie schade,« sagte Sir John, »daß mein Freund Featherson nicht in London ist, er, der den Shakespeare so gut auswendig kann wie Garrid. Sobald ich Sheridan zu sehen bekomme, werde ich ihn fragen, wo er ist.« – »Er ist ja hier,« antwortete einer unserer Gäste. – »Wissen Sie das gewiß, Sir Georg?« fragte der Admiral. – »Jawohl. Ich habe ihn gestern gesehen und gesprochen.« – »Kann man erfahren, wo er wohnt?« – »Nichts leichter als dies. Ich werde mich bei seinem Onkel erkundigen, der sein Hotel auf dem Haymarket hat.«

Ich weiß selbst nicht, warum ich den Worten, welche der Admiral und Sir Georg gewechselt, mit der größten Aufmerksamkeit, ja sogar mit einem gewissen Herzklopfen zugehört hatte. Der Admiral drehte sich nach mir herum. »Und,« fragte er, »wenn man nun Featherson ausfindig macht, werden Sie sich dann dazu verstehen, mit ihm die beiden Szenen zu spielen?« – »Jawohl, sehr gern,« antwortete ich. »Aber,« setzte ich lächelnd hinzu, »warum wollen Sie dieselben nicht selbst lernen?« – »Ach,« antwortete Sir John mit einem Seufzer, »ich könnte mich fast versucht fühlen, es zu tun. Harry wird sich jedoch dieser Aufgabe jedenfalls besser entledigen als ich.« – »Harry!« rief ich. »Wer ist dieser Harry?« – »Harry, meine liebe Emma, ist Feathersons Taufname.« – »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte ich. – »Haben Sie vielleicht einen Harry gekannt?« fragte mich Sir John mit einer gewissen Neugier. – »Allerdings habe ich diesen Namen einmal nennen gehört,« antwortete ich; »es war nicht der eines vornehmen Lord, sondern der eines armen Künstlers, und mein Harry,« setzte ich lachend hinzu, »hatte sicherlich mit Sir Harry Featherson nichts gemeinsam.« – Man kam überein, daß Sir Georg Sir Harry ausfindig machen und daß man, wenn man ihn fände, die Aufführung der beiden Szenen aus »Romeo und Julia« mit ihm arrangieren sollte.

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