Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alexandre Dumas (der Ältere): Lady Hamilton - Kapitel 100
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleLady Hamilton
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorA. Kretzschmar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid86d9df46
created20061105
Schließen

Navigation:

98. Kapitel.

Ich brauche nicht erst die Trauer zu schildern, von welcher bei der Kunde von Nelsons Tod die ganze englische Flotte ergriffen ward. Man vergaß darüber beinahe den gewonnenen Sieg. Hardys erste Sorge war, dem Arzt den von Nelson ausgesprochenen Wunsch mitzuteilen, daß man ihn nicht in das Meer werfen, sondern in sein Vaterland zurückführen möge. Am Tage nach der Schlacht, als die Umstände gestatteten, sich mit der Fürsorge zu beschäftigen, welche man Nelsons sterblichen Überresten zu widmen hatte, sann man auf ein Mittel, durch welches man die Verwesung der Leiche verhindern könnte. Natürlich mußte man sich zu diesem Zwecke der Hilfsmittel bedienen, welche an Bord des »Victory« zu haben waren. Man hatte nicht genug Blei, um einen Sarg zu fertigen. Deshalb nahm man die größte Tonne, die man finden konnte, legte die Leiche hinein und füllte das Gefäß dann mit Rum. Noch am Abend des Tages, wo diese traurige Verrichtung geschehen, erhob sich, wie Nelson vorausgesehen, ein furchtbarer Sturm aus Südwest. Derselbe dauerte die ganze Nacht ununterbrochen, es ward Tag und der Sturm wütete bis zum Abend mit derselben Heftigkeit. Während dieser vierundzwanzig Stunden blieb Nelsons Leiche im Zwischendecke unter der Obhut einer Schildwache. Plötzlich aber sprang der Deckel der Tonne mit einem Getöse, welches dem eines Musketenschusses glich, auf. Die Ursache war der Druck der Gase, die sich aus der Leiche entwickelt hatten. Man schloß die Tonne wieder, brachte aber, um einer Wiederholung dieser Explosion vorzubeugen, eine Öffnung im Deckel an. Als man in Gibraltar ankam, ersetzte man den Rum durch Weingeist. Am Nachmittag des 3. November lichtete die »Victory« den Anker, verließ die Bai von Gibraltar, passierte die Meerenge und fand vor Cadix das Geschwader unter dem Kommando des Admirals Collingwood wieder. Noch denselben Abend setzte das Trauerschiff seinen Weg nach England weiter fort und kam nach einer Fahrt von beinahe fünf Wochen in Epithead an. Die Nachricht von der gewonnenen Schlacht und von Nelsons Tod war jedoch in London schon seit dem 7. November bekannt. Ich erfuhr sie ganz einfach durch einen Brief von Nelsons Bruder, welcher, ohne Zweifel bloß mit dem Gedanken beschäftigt, daß er infolge dieses Todesfalls nun Lord und Pair ward, nicht Zeit fand, mich mündlich zu benachrichtigen. Ich befand mich in meinem Haus in London, als ich diese Kunde erhielt. Der Doktor Nelson sagte mir nicht, aus welcher Quelle er sie hatte und ich zweifelte daher noch. Ich nahm Horatia in meine Arme, ich ließ den Wagen anspannen und fuhr sofort nach der Admiralität. Ich brauchte aber nicht einmal erst hineinzugehen, um die Überzeugung zu gewinnen, daß die Nachricht in völliger Wahrheit beruhte. Alle Welt kannte bereits den Sieg sowohl als auch den Preis, um welchen er erkauft worden war.

Am 4. Dezember, am Vorabende des zum Dankgottesdienste bestimmten Tages, kam die »Victory« in St. Helens an und entfaltete zum Zeichen der Trauer Nelsons Fahne auf halber Masthöhe. Sämtliche in Spithead liegenden Schiffe senkten sofort ihre Flaggen in derselben Weise. Denselben Tag sendete der wackere Kapitän Hardy in treuer Vollstreckung der ihm von Nelson erteilten Instruktionen einen Kurier, der mir den an mich adressierten Briefs sowie den an Horatia gerichteten zustellte. In einem besonderen Briefe schrieb mir der Kapitän, er habe mir vielerlei besondere Mitteilungen zu machen und eine Menge Kostbarkeiten zu übergeben, könne aber sein Schiff nicht verlassen. Deshalb forderte er mich auf, Postpferde zu nehmen und nach St. Helens zu kommen; wo er mit mir konferieren könne. Ich reiste sofort ab und langte am 5. morgens an. Der vortreffliche Freund kam nun ans Land und brachte den ganzen Tag bei mir zu. Als ich ihm hierauf den Wunsch zu erkennen gab, Mr. Scott, den Kaplan, und Mr. Beatty, den Arzt, zu sehen, ließ er dieselben holen und ich berauschte mich m meinem Schmerze, indem ich von ihnen Nelsons letzte Augenblicke in allen ihren Einzelheiten schildern hörte. Am nächstfolgenden Tage gab mir Kapitän Hardy einen guten Rat. Dieser bestand darin, daß ich sämtliche Gegenstände, welche Nelson gehört und die er mir vermacht, an einen sichern Ort bringen sollte, damit nicht etwa seine Familie sich derselben bemächtige und ein skandalöser Prozeß dadurch veranlaßt würde. Ich befolgte diesen Rat und mietete gleich in Spithead ein kleines Zimmer, wohin ich alle Gegenstände bringen ließ, welche Eigentum meines Helden gewesen waren. Drei Tage vergingen mit diesem frommen Werke und gewährten mir den größten Trost, denn jeden Augenblick traten mir bei dem Anblicke irgendeines neuen Liebesbeweises, welchen Nelson mir gegeben, die Tränen, die mich erstickt hätten, in die Augen und gewährten mir die einzige Herzenserleichterung, die es für mich geben konnte. Sonnabend, am 15. Dezember, ward Nelsons Leiche in den Sarg gelegt, welchen ihm früher der Kapitän Baron Hallowell geschenkt, und der, wie man sich erinnern wird, aus dem Maste des französischen Schiffes, der »Orient« gehauen und dann unter einen von Flaggen gebildeten Baldachin gestellt worden war. Mr. Tyson, ehemaliger Sekretär des Admirals, Mr. Nayber, Mr. York Herald und Mr. Wilby waren von der Admiralität beauftragt, die Leiche in Empfang zu nehmen, welche in einer Yacht von dem »Victory« hinweggeführt und nach dem Hospitale von Greenwich gebracht werden sollte. Die Begräbnisfeierlichkeiten waren auf den 6. Februar festgesetzt. Man hatte bestimmt, daß der Sarg in der St. Paulskirche beigesetzt würde, welche, zur künftigen Gruft von Helden und Staatsmännern bestimmt, durch Nelson zum Pantheon Englands eingeweiht ward. Man erlaube mir, nicht länger bei Schilderungen meines Unglücks zu verweilen. Anfangs glaubte ich, dasselbe werde ewigen Schmerz zur Folge haben. Ich ließ mir Trauerkleider fertigen und nahm mir vor, nie andere zu tragen. Eines der Zimmer in Merton widmete ich den geheiligten Reliquien, in deren Besitz ich durch Kapitän Hardys frommen Gehorsam gelangt war. Ein Jahr lang blieb ich auf diese Weise fern von der Welt und lebte mit meiner Horatia allein. Ich hatte die menschliche Schwäche ebensowenig in Anschlag gebracht, als die weibliche Beweglichkeit. – –

Der noch übrige Teil meines Lebens ist weiter nichts als eine Reihenfolge von Fehltritten, Ausschweifungen und Verirrungen, die mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Von dem Augenblicke an, wo ich nicht mehr Sir Williams Gattin, von dem Augenblicke an, wo ich nicht mehr Nelsons Geliebte, ja sogar von dem Augenblicke an, wo ich nicht mehr die Freundin der Königin Karoline war, ward ich ganz einfach wieder Emma Lyonna, das heißt eine reichgewordene Kurtisane, welche sich vielleicht wenigstens die Achtung, die man dem Reichtume zu zollen pflegt, hätte bewahren können, wenn sie ihr Vermögen zusammenzuhalten verstanden hätte. Einen Begriff von dem Maße meiner Erniedrigung erhielt ich gleich anfangs durch die Weigerung Englands und des Königs, Nelsons Testament anzuerkennen. Er hatte mich dem König und dem Lande vermacht. Hätten nun das Land und der König in irgendeiner Weise das Testament des Mannes, der ihnen sein Leben geopfert, berücksichtigt, so würden sie mich in meinen eigenen Augen höher gestellt haben. Hätten sie aber auch nur, indem sie mich zurückstießen, wenigstens meine arme Horatia aufgenommen und anerkannt, so wäre dies für mich, indem ich meine Tochter geehrt sah, eine Nötigung gewesen, ebenfalls ehrenwert zu bleiben, denn das Unglück, mich zur Mutter zu haben, mußte nach meiner Ansicht wenigstens durch die Ehre aufgewogen werden, Nelson, das heißt den ersten Seemann nicht bloß seines Jahrhunderts, sondern vielleicht auch aller Zeiten, zum Vater gehabt zu haben. Aber dies war nicht der Fall. Man überhäufte mich und mein Kind mit Verachtung, und dadurch, daß ich mich verachtet fühlte, ward ich auch wieder verächtlich. Während ich mich aber in den letzten Jahren meines Lebens wieder in jenen Strudel von Torheiten, Verirrungen und Ausschweifungen stürzte, womit ich meine Existenz begonnen, hielt ich wenigstens meine Horatia von mir entfernt, damit keiner meiner Fehler auf sie zurückwirken möchte. Ich legte die viertausend Pfund Sterling, welche ihr Vater ihr vermacht, auf ihren Namen sicher an, und diese Rente von fünftausend Franks diente zur Bestreitung der Kosten ihres Lebensunterhaltes und ihrer Erziehung. Die ausführliche Schilderung der Ereignisse, welche mich vom Luxus zum Mangel, vom Reichtum zur Armut führten, würde allzulang sein und kein Interesse darbieten.

Ich habe meine Abende in Palermo und die Leidenschaft erzählt, welche ich dort für das Spiel faßte. Diese Leidenschaft ward immer mächtiger in mir. An ein verschwenderisches Leben gewöhnt, verstand ich nicht, meine Ausgaben nach meinen Einkünften zu bemessen, und zwei Jahre nach Nelsons Tod sah ich mich in solcher Geldverlegenheit, daß ich mich genötigt fand, Merton Place zu verlassen, welches nun an die Meistbietenden verkauft ward. Glücklicherweise hatte ich den alten Herzog von Queensbury, von welchem ich schon gesprochen, zum Freunde. Er nahm mich in eines seiner möblierten Häuser zu Richmond auf und gab mir anstatt meiner verkauften Wagen und Pferde eine andere Equipage. Seine Geschenke setzten mich in den Stand, gut und sorgenfrei zu leben bis zur Stunde seines Todes, der gegen das Ende des Jahres 1810 erfolgte. Seine Güte für mich erstreckte sich auch noch über das Grab hinaus, denn er vermachte mir in seinem Testamente eine Summe von tausend Pfund Sterling und außerdem einjährliche Rente von fünfhundert. Leider aber hatte er sich für reicher gehalten, als er wirklich war, und seine Vermächtnisse hatten sein eigentliches Vermögen bedeutend überschritten. Die Folge hiervon war, daß das Tribunal das Testament für null und nichtig erklärte und ich auf diese Weise der Wohltaten, die mein alter Freund mir zu erzeigen beabsichtigt, verlustig ging. Diese Enttäuschung war um so schmerzlicher für mich, als ich auf diese Erbschaft fest gerechnet und mich in Ausgaben gestürzt hatte, die ich davon zu bestreiten gedacht. Einige Freunde, die mir noch blieben, taten hierauf Schritte bei den großen Kaufleuten und Schiffsreedern, um von ihrer Freigebigkeit das zu erlangen, was man von dem Ministerium nicht hatte erlangen können, das heißt die Belohnung der Dienste, welche ich dem Staat geleistet. Ihre Schritte und meine Gesuche hatten aber keinen Erfolg und ich geriet in solchen Mangel, daß ich alle meine Möbel ebenso verkaufen mußte, wie die teuren Andenken, die ich von Nelson hatte, und die mich zuweilen noch in den Schmerzen meines gegenwärtigen Lebens getröstet. Man nahm mir alles, sogar die kostbare Kapsel, in welche die Stadt Oxford das Ehrenbürgerdiplom eingeschlossen, welches sie dem Sieger von Abukir geschenkt. Da das Geld, welches man durch diesen Verkauf gewann, aber bei weitem nicht ausreichte, um alle meine Gläubiger zu befriedigen, so ließen mehrere, die noch grausamer waren als die andern, mich festnehmen und in das Schuldgefängnis von Kingsbench bringen, wo ich mit der armen Horatia blieb, welche ich auf diese Weise, wenn auch nicht in meinen Ruin, denn sie hatte ihre viertausend Pfund, die ich nicht angreifen konnte, wenigstens aber mit in mein Unglück hineinzog. Wir verlebten in diesem Gefängnisse über ein Jahr und erduldeten dabei fast jede nur mögliche Entbehrung und Demütigung, denn ein Mann, welchem ich leichtsinnigerweise Vertrauen geschenkt und dessen Händen ich meine Papiere übergeben, ließ damals in meinem Namen meinen ganzen Briefwechsel mit Nelson, sowie mehrere andere Briefe drucken, die sich in seinem Besitze befanden. Was konnte ich in meinem Gefängnisse dagegen tun? Höchstens protestieren. Dies tat ich auch, meine Stimme ward aber nicht gehört, oder man schenkte ihr keinen Glauben. Endlich faßte ein wackerer, vortrefflicher Mann, Mitglied des Gemeinderates, Mitleid mit mir, als er sah, wie grausam ich für meine Verirrungen bestraft ward. Er verständigte sich mit meinen Gläubigern, gab eine Summe Geldes her und regulierte die Sache so, daß ich von allen ferneren Ansprüchen frei war.

Ich beschloß nun, sofort England zu verlassen und auf den Kontinent zu gehen. Mein Gönner war mir zur Ausführung meines Planes behilflich und versah mich mit den nötigen Mitteln. Wir schifften uns nach Calais ein und fanden zwischen dieser Stadt und Boulogne, in der Nähe des kleinen Hafens Ambleteuse, ein vereinzelt stehendes Haus, in dessen Dunkel ich beschlossen habe, den Rest meines Lebens zuzubringen. Dieser Rest wird übrigens kein langer sein. Die Schmerzen, die Qualen und die Unruhe, die ich zehn Jahre lang zu ertragen gehabt, haben mich vor der Zeit alt gemacht und meine Kräfte aufgezehrt.

Der Arzt, welcher mich aus Mitleid besucht, nahm neulich beim Fortgehen Horatia mit aus dem Zimmer und ich sah, wie das arme Kind mit rotgeweinten Augen wieder hereinkam.

Nun warf ich, weil ich fühlte, daß der Tod herannahe, einen Blick auf mein vergangenes Leben, und meine Handlungen erschienen mir in ihrem wahren Lichte. Ich zitterte, ich schauderte, ich hatte Nächte, in welchen unaufhörlich Gespenster vor mir herumtanzten, und am Tage ward ich von nagender Reue gefoltert. Ich fühlte, daß ich, wenn ich so stürbe, in Verzweiflung enden würde. Plötzlich aber fiel ein Lichtstrahl in meine Nacht, und der Herr erleuchtete mich. Ich sagte bei mir selbst: »Es gibt eine sanfte und barmherzige Religion, zu welcher ich mich stets unwiderstehlich hingezogen gefühlt, eine Religion, deren Stifter der Ehebrecherin und dem Mörder am Kreuze verziehen hat. Ich will einen Priester dieser Religion rufen lassen und meine schuldbeladene Seele seinen Händen überantworten.«

Ich habe nach dem Priester geschickt und erwarte ihn.

Herr des Himmels und der Erde! Sei der bereuenden Sünderin gnädig und barmherzig!

Hiermit sind Emma Lyonnas Bekenntnisse zu Ende.

Unsere Leser wissen bereits, was weiter geschah. Sie haben zu Anfange dieser Erzählung den Priester kommen sehen. Sie haben das geheiligte Wasser der Taufe die bleiche Stirn der Sünderin netzen, sie haben diese Stirn mit dem Siegel der Reue und der Vergebung auf die Kissen zurücksinken sehen. Fünf Minuten später ruhte Lady Hamilton in der Barmherzigkeit Gottes. Fügen wir jetzt noch einige Worte über das hinzu, was nach ihrem Tode geschah.

Die Gattin des Gesandten Englands, die Geliebte Nelsons, die Freundin der Königin von Neapel sollte am 16. Januar 1815 in einem auf Gemeindekosten angeschafften Sarge in das gemeinschaftliche Grab der Ortsarmen geworfen werden, als ein in Calais wohnhafter englischer Kaufmann, von der Ansicht ausgehend, daß es für seine Landsleute eine Schmach sei, die arme Unglückliche nach ihrem Tode ebenso zu verlassen, wie man sie während der letzten Jahre ihres Lebens verlassen, für sie einen Platz in dem ehrenvolleren Teile des Kirchhofes kaufte und in Begleitung von etwa fünfzig andern Engländern ihr die letzten Ehren erwies.

Ihr Grab ward durch einen Leichenstein bezeichnet, dessen Inschrift in den Worten des Erlösers bestand:

»Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.«

Die junge Horatia, welche damals eben ihr vierzehntes Jahr zurückgelegt und ihre Mutter während der Krankheit derselben mit der rührendsten und unverbrüchlichsten Liebe und Sorgfalt gepflegt, kehrte nach dem Tode ihrer Mutter nach England zurück und blieb zwei Jahre in der Familie Mr. Matchams und dann Mr. Boltons, eines Schwagers von Lord Nelson. Im Jahre 1822 vermählte sie sich mit dem wohlehrwürdigen Philipp Ward, Pfarrer von Teuterden, und ward glückliche Mutter von acht Kindern.

Ende.
 << Kapitel 99 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.