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Arkadij Timofejewitsch Awertschenko: Kurzgeschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
year1940
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeshortstory
booktitleWas für Lumpen sind doch die Männer
authorArkadij Awertschenko
translatoranonymus
publisherPaul Neff Verlag
addressBerlin
titleKurzgeschichten
created20060705
modified20170719
sendergerd.bouillon
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Der Intrigant

Lidotschka saß auf dem Sofa und lehnte sich an die Schulter eines jungen Mannes, der in sie verliebt war. Dieser junge Mann, ein gewisser Mastakow, schaute sie zärtlich an. Lidotschka streichelte seinen Arm und rief:

»Ach, wenn du wüßtest, wie ich dich liebe! Nein, du kannst dir gar nicht denken, wie ich dich liebe. Ich würde meine Zukunft, meine Familie, mein Leben für dich opfern!«

Mastakow schüttelte traurig den Kopf und sagte:

»Du weißt doch, Lidotschka, daß alle nur einen Wunsch haben – uns auseinanderzubringen!«

»Um keinen Preis der Welt«, sagte Lidotschka. »Nichts kann uns trennen. Wenn die Mutter mich auch verflucht – ich werde deine Frau! Ich gehe mit dir. Wenn man mich in ein Gefängnis sperrt, werde ich die Gitter zersägen und zu dir kommen.«

Mastakow war tief gerührt.

»Liebst du mich wirklich?« fragte er. »Ich weiß, daß man mich in deinen Augen schlecht machen will, daß man dir garstige Sachen über mich erzählt . . .«

Lidotschka unterbrach ihn.

»Laß sie reden, was sie wollen! Mama sagt, daß dir die Frauen nachlaufen – wundert mich das? Du bist doch der Schönste und Beste von allen.«

Mastakow sah auf die Uhr, stand auf und rief:

»Ich muß gehen, Lidotschka. Aber ich bin bald zurück.«

Lidotschka begleitete ihn zur Tür, küßte ihn nochmals und sprach: »Ich werde die ganze Zeit nur an dich denken. Nur an dich!«

Als er das Zimmer verlassen hatte, trat ihre Mutter ein und sah Lidotschka böse an.

»Ist er fort?« rief sie.

»Ja, er ist fort.«

»Schon recht. Dieser verdorbene Tunichtgut . . .«

»Ich verbiete Ihnen, so von ihm zu sprechen!«

»Spricht man so mit seiner Mutter? Darf man zu ihr sagen: ich verbiete dir? Das habe ich erleben müssen!«

Die Mutter setzte sich und begann zu weinen. Lidotschka ging auf und ab, dann schlug sie die Tür hinter sich zu. Einige Augenblicke später ertönte ein Klopfen, und ein lustiger, junger Mann, Maxim Petrowitsch, eilte ins Zimmer. Er begrüßte die alte Dame in liebenswürdiger Weise, küßte ihre Hand und rief:

»Was sehe ich – Sie haben geweint! Warum, Mamachen? Vom Weinen hat man weder Nutzen noch Vergnügen. Ich bin ein Genußmensch, ich bin ein Realist und kenne das Leben, glauben Sie mir!« Er lachte.

Die Dame wischte ihre Tränen ab und sagte:

»Maxim Petrowitsch – Sie verstehen das Leben, aber ich bin doppelt so alt und verstehe es nicht. Sagen Sie mir aufrichtig: ist Mastakow der richtige Mann für meine Tochter?«

Maxim Petrowitsch machte eine abwehrende Bewegung.

»Gewiß nicht.«

»Das sage ich auch. Aber Lidotschka will nichts davon wissen. Ich habe versucht, ihr seine Schattenseiten zu schildern, ich habe sie darauf aufmerksam gemacht, daß – ach, es hilft alles nichts!«

Maxim Petrowitsch begann zu rauchen und ging nachdenklich im Zimmer umher. Dann blieb er stehen:

»Was haben Sie ihr erzählt?«

»Daß er ein Kartenspieler ist. Daß die Frauen ihm nachrennen und daß auch er ihnen nachläuft wie ein Don Juan.«

Maxim Petrowitsch schlug die Hände zusammen.

»Aber Mamachen! Sind Sie von Sinnen! Sie waren doch selbst ein junges Mädchen! Wissen Sie wirklich nicht, daß ihn all das nur interessanter macht, und daß Lidotschka jetzt nur noch mehr an ihm hängen muß? Verzeihen Sie, Mamachen, aber das haben Sie leider ganz verpatzt!«

Die alte Dame schaute ihn erstaunt an.

»Ich dachte . . .«

»Nein, so richtet man nichts aus! Was ist das, ein Tunichtgut, ein Kartenspieler? Das ist doch ein reizvoller Mensch! Auch Hermann in der Oper ›Pique Dame‹ ist ein Kartenspieler, und wie wird er geliebt! Jetzt wird Lidotschka stolz darauf sein, daß ihr Mann ein Spieler und Frauenliebling ist. Keine kann ihm widerstehen, aber nur ihr gehört er! Nein, Mamachen, das muß man anders machen. Ich werde es in die Hand nehmen, verlassen Sie sich auf mich.«

Die alte Dame blickte ihn dankbar an.

»Ich bin ein Freund Ihres Hauses. Es ist nur meine Pflicht«, bemerkte Maxim Petrowitsch. »Ist Lidotschka daheim? Sagen Sie ihr doch, daß ich mit ihr sprechen will.«

Die Mutter verließ das Zimmer. Maxim Petrowitsch begann ein Liedchen zu pfeifen. Nach einer Weile trat Lidotschka schlecht gelaunt ein. Er begrüßte sie, aber sie erwiderte nur:

»Danke, mir geht es schlecht.«

Maxim Petrowitsch lächelte:

»Wahrscheinlich, weil Mastakow nicht hier ist. Ja, dieser Mastakow! Ich liebe ihn wie keinen zweiten! Er ist ein ganz ausgezeichneter Mensch!«

Lidotschka warf ihm einen freundlichen Blick zu.

»Ich danke Ihnen, lieber Max. Alle anderen schimpfen nur auf ihn! Mir tut das sehr weh.«

Maxim Petrowitsch trat auf sie zu und faßte ihre Hand.

»Liebes Kind, über Mastakow wird viel Schlechtes gesprochen. Aber das sind lauter Lügen. Ich kenne ihn wie mich selbst, er ist ein besonderer Mensch. Am meisten empört es mich, wenn man sagt, daß er ein Verschwender ist und mit dem Gelde herumwirft. Mastakow, der mit jedem Fiaker zuerst eine halbe Stunde handelt, ehe er mit ihm fährt! Dreimal geht er fort und kommt dreimal zurück. Das alles wegen ein paar Kopeken! So ein Verschwender möcht' ich auch sein . . .«

Lidotschka machte große Augen und rief:

»Aber wenn er mit mir fährt, handelt er nie!«

Maxim Petrowitsch lachte:

»Wer wird denn in Gegenwart einer Dame handeln? Nachher kommt er dann zu mir und weint, weil er dem Fiaker fünfzig Kopeken zuviel gegeben hat. Er ist eben ein besonderer Mensch. Wenn er abends mit der Wirtschafterin rechnet, macht er ungewöhnlich Szenen. ›Heute‹, sagt er, ›hast du fünfundzwanzig Kopeken für Streichhölzer aufgeschrieben und gestern haben sie bloß dreiundzwanzig gekostet. Sag mir, wo sind die zwei Kopeken?‹ – Ich beneide ihn darum, daß er so sparsam ist.«

Lidotschka biß sich auf die Lippen.

»Mir hat er oft Blumen gebracht! Dort steht noch ein Strauß von ihm. Weiße Rosen und Mimosen!«

»Ich weiß, er hat es mir erzählt. Die vier Rosen kosten zwanzig Rubel und die zwei Mimosenbüschel vierzig Rubel. Er hat sie in verschiedenen Blumenhandlungen gekauft. In der einen waren die Mimosen um fünf Rubel billiger . . . Er ist auch sonst wie ein Amerikaner. Seine Kragen sind aus Gummi, jeden Tag putzt er sie selbst mit einem Radiergummi. Er hat recht. Das wird einmal ein Mustergatte! Wie glücklich wird das Mädchen, das ihn zum Mann bekommt.«

»Weshalb spart er denn so?« fragte Lidotschka schnippisch. »Er verdient doch eine hübsche Menge Geld!«

»Mein Gott!« rief Maxim Petrowitsch entschuldigend. »Mastakow ist ein junger Mann, sein Herz ist nicht aus Stein, und die Frauen sind, verzeihen Sie, Lidotschka, dumm! Ich hab' sie oft gefragt: ›Warum gefällt Ihnen Mastakow nicht?‹ Jede hat die Nase gerümpft. ›Er ist nicht sehr appetitlich‹, sagen sie. ›Er hat oft schmutzige Hände.‹ Als ob es darauf ankäme! Dafür hat er doch eine schöne Seele! Na, er hat mir versprochen, jetzt öfters ins Bad zu gehen. Er ist eben eine so ausgesprochene Individualität. Er beißt Nägel und hat Hühneraugen. Ich sage ihm oft: ›Laß sie dir wegschneiden.‹ Aber er erwidert: ›Sie sollen nur wachsen, Gott mit ihnen!‹ Ja . . . er hat eine herrliche, reine Seele!«

Gleich darauf kam Mastakow zurück. Sein Gesicht strahlte, in der Hand hielt er eine Bonbonniere. Er ging auf Lidotschka zu, drückte ihre Hand und sagte:

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen diese Bonbons überreiche. Zu meinem größten Bedauern waren die Konditoreien schon gesperrt, und ich mußte die Bonbons in einem kleinen Delikatessengeschäft kaufen.«

Lidotschka griff unwillig nach der Schachtel. »Sicher sind sie dort billiger gewesen«, bemerkte sie nebenhin.

Mastakow war verblüfft. »Ich weiß wirklich nicht, Lidotschka . . .«, sagte er. »Ich versichere Ihnen . . .«

Sie blickte ihn zornig an und erwiderte: »Was wollen Sie eigentlich? Überhaupt bin ich für Sie keine Lidotschka.«

Mastakow murmelte entgeistert: »Was ist denn geschehen? Hat man mich bei Ihnen verleumdet? Und ich habe mich so geeilt, um rasch zurückzukommen . . .«

»Sie haben den Kutscher gehetzt, damit die Fahrt weniger kostet«, sagte Lidotschka bitter. »Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe. Alle sollen mich in Ruhe lassen – ich bin so unglücklich.« Dann sank sie auf das Sofa und versteckte ihr Gesicht in den Kissen.

Mastakow sah sie gequält an. Aus der Ecke trat Maxim Petrowitsch vor, ging auf Lidotschka zu und sagte:

»Sie sind im Unrecht, liebes Kind. Sie stoßen einen edlen Menschen von sich. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen: Sie werden nie einen besseren Mann finden als Mastakow. Er ist häuslich, er weiß, wo man Gemüse und Zwiebeln kauft, er kennt die Quellen, um billiges Fleisch zu bekommen, kein Dienstmädchen wird Sie betrügen, wenn Sie ihn geheiratet haben. Ich finde, Sie handeln töricht, ihn von sich zu stoßen.«

»Hinaus!« rief Lidotschka unter Tränen. »Ich will keinen von euch wiedersehen. Ich habe genug von euch beiden. Hinaus!«

»Es hilft nichts«, sagte Maxim Petrowitsch mit einem Seufzer. Dann nahm er Mastakows Arm und ging langsam mit ihm zur Tür. »Wir müssen gehen«, murmelte er. »Es ist alles verloren – wir werden Lidotschka nicht wiedersehen.« Und er führte den gebrochenen Mastakow hinaus und die Treppe hinunter.

*

Vier Wochen später hielt Petrowitsch um Lidotschkas Hand an und wurde nicht abgewiesen.

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