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Arkadij Timofejewitsch Awertschenko: Kurzgeschichten - Kapitel 28
Quellenangabe
year1940
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeshortstory
booktitleWas für Lumpen sind doch die Männer
authorArkadij Awertschenko
translatoranonymus
publisherPaul Neff Verlag
addressBerlin
titleKurzgeschichten
created20060705
modified20170719
sendergerd.bouillon
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Zauberei mit Knöpfen

Der Zufall führte mich in ein kleines Restaurant. Ich setzte mich in die Ecke und bestellte ein Glas Bier.

»Und ich sage, es gibt Zauberei!« hörte ich am Nebentisch jemanden ausrufen.

Ein Mann mit finsterem Blick und buschigem Schnurrbart hatte gesprochen. Es war leicht, seiner Aufgeblasenheit anzusehen, daß sie nichts als Dummheit war.

Einer, der neben ihm saß, sagte: »Unsinn. Nichts anderes als eine Geläufigkeit der Finger! Mit Zauberei hat das nichts zu tun.«

»Ich weiß es besser«, bemerkte der Mann mit dem finsteren Blick. »Nur ein Zauberer kann wirkliche Kunststücke produzieren.«

»So, das meinen Sie wirklich!« rief der andere. »Gut. Ich werde Ihnen beweisen, daß keine Zauberei nötig ist.«

»Warum nicht? Das möcht' ich sehen!«

»Nun also – wollen Sie mit mir um hundert Rubel wetten, daß ich Ihnen im Laufe von fünf Minuten alle Knöpfe, die Sie an Ihren Kleidern, Unterkleidern, Schuhen und so weiter haben, abschneiden und wieder annähen kann?«

Der Mann mit dem düsteren Blick schaute den Redner zweifelnd an. Dann hob er kopfschüttelnd sein Bierglas:

»In fünf Minuten alle Knöpfe? Ausgeschlossen . . .«

»Und ich sage, daß es möglich ist. Wetten wir?«

»Hundert Rubel ist zuviel. Ich habe bloß vier bei mir.«

»Geld spielt keine Rolle. Wetten wir also um drei Flaschen Bier. Einverstanden?«

Der Mann mit dem buschigen Schnurrbart rief giftig:

»Sie werden ohnehin verlieren.«

»Wir wollen sehen. Wetten wir?«

»Gut.«

Die Gegner reichten sich die Hände. Ein dritter Mann schlug sie auseinander.

»Schauen Sie auf die Uhr. Mehr als fünf Minuten darf es nicht dauern. Kellner, ein scharfes Messer und einen Teller!«

Der Kellner brachte Messer und Teller.

»Eins, zwei, drei – es geht los!«

Der Mann griff nach dem Messer, stellte den Teller vor sich hin und schnitt zuerst alle Knöpfe von des anderen Weste ab.

»Am Rock hab' ich auch welche«, bemerkte ironisch der Mann mit dem düsteren Blick. »Und hinten bei den Taschen auch.«

»Ich werde keinen übersehen.«

Zuletzt legte der Dummkopf die Schuhe auf den Tisch. »Rock, Weste, Unterkleider – alles in Ordnung«, sagte er. »Aber jetzt kommen die Schuhe dran. An jedem sind acht Knöpfe. Jetzt werden wir sehen, ob Sie alle in fünf Minuten annähen können. Herr, Sie werden Ihre Wette verlieren!«

Der andere erwiderte kein Wort und arbeitete fieberhaft mit seinem Messer. Gleich darauf wischte er sich den Schweiß von der Stirn, warf das Messer weg und rief: »Fertig!«

Der dritte stellte den Teller auf den Tisch und zählte die Knöpfe. Es waren fünfundachtzig Stück.

»Kellner, rasch Nadel und Zwirn!«

Da hob der dritte die Uhr und rief: »Zu spät. Fünf Minuten sind vorbei. Sie haben verloren.«

Der Zauberkünstler rief verzweifelt:

»Was? Verspielt? Furchtbar – was kann man tun? Das ist Pech! Kellner, bringen Sie für vier Rubel Bier. Zahlen!«

Der Mann mit dem buschigen Schnurrbart schrie:

»Sie wollen gehn? Wohin gehen Sie um Gottes willen?«

»Nach Hause. Höchste Zeit – ich muß morgen weiterreisen.«

»Und meine Knöpfe! Wer wird sie annähen? Sie müssen mir die Knöpfe annähen!«

»Ich? Warum? Ich habe die Wette verspielt – hier ist Bier für vier Rubel. Basta! Adieu, meine Herren!«

Der Zauberkünstler stand auf, grüßte, warf dem Kellner das Trinkgeld hin und verließ das Lokal.

Der Dummkopf wollte ihm nacheilen, stand auf und sah alle seine Kleider zu Boden fallen. Verschämt zog er die Hosen hinauf und rief außer sich:

»Wie werde ich nach Hause kommen?«

»Sperrstunde!« sagte der Kellner . . .

Wir standen auf und überließen den Mann mit dem finsteren Blick seinem Schicksal.

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