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Arkadij Timofejewitsch Awertschenko: Kurzgeschichten - Kapitel 19
Quellenangabe
year1940
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeshortstory
booktitleWas für Lumpen sind doch die Männer
authorArkadij Awertschenko
translatoranonymus
publisherPaul Neff Verlag
addressBerlin
titleKurzgeschichten
created20060705
modified20170719
sendergerd.bouillon
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Meine kleine Freundin

Vor etwa acht Jahren, als ich noch Hilfsbuchhalter war und hinter dem Büro beim Hauptbuch saß, erhielt ich eines schönen Tages folgenden Brief:

Lieber Sergei Iwanowitsch!

Kommen Sie sofort zu mir. Vielleicht werden Sie nicht böse sein, wenn Sie erfahren, daß ich Sie in einer dringenden Angelegenheit zum letztenmal im Leben sprechen möchte.

Ihre kleine Freundin

Polina Tscherkesowa.

Es war gegen zwölf Uhr mittags.

Mein Gott, dachte ich, was will diese Irrsinnige von mir? Man muß hinfahren.

Als der Buchhalter meine Bitte um einen knappen Urlaub hörte, biß er die Lippen zusammen, machte ein saures Gesicht und sagte:

»Lieber Freund, Sie fahren jetzt sehr oft während der Geschäftszeit fort. Gehen Sie, aber Punkt ein Uhr kommen Sie zurück. Sie wissen, daß wir vollauf zu tun haben.«

*

Polina Tscherkesowa bewohnte ihre kleine, gemütliche Wohnung ganz allein.

»Guten Tag«, sagte ich. »Was ist denn passiert, was fehlt Ihnen?«

Sie lächelte, schaute mich mit leichenblassem Gesicht an, schaute ihre Hände an und sagte:

»Sie waren immer gut zu mir. Sie wissen ja, daß ich sonst keine Freunde habe! Ich wollte zum letztenmal noch das Gesicht eines Freundes sehen.«

»Was soll das heißen?«

»Einige Minuten, nachdem Sie mich verlassen haben, werde ich nicht mehr auf dieser Welt sein.«

Ich sprang auf und packte sie an der Hand:

»Sind Sie wahnsinnig geworden?«

Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf den Schreibtisch.

»Sehen Sie, dort in der Lade liegt das Gift bereit. Ich hoffe, daß Sie mir nicht widersprechen werden. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt.«

»Weshalb?« rief ich verzweifelt. »Was ist denn passiert?!«

»Nichts Besonderes. Eintönigkeit. Langeweile. Nichts Lichtes in der Zukunft! Wissen Sie, wir wollen die letzte Stunde meines Lebens nicht streiten. Ich fühle mich jetzt so glücklich, so froh.«

»Liebste Freundin«, sagte ich, »Sie sind einfach schlecht gelaunt. Das wird vorübergehen. Eine interessante, junge Frau und solche Gedanken! Schämen Sie sich nicht? Verbringen wir doch heute einen gemütlichen Abend. Gehen wir ins Theater.«

Sie lächelte:

»Ins Theater? Ach, Sie begreifen mich nicht. Jetzt sind das Theater und die Menschen so weit von mir. Jetzt interessiert mich, was jenseits des Lebens steht.«

Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte. Wenn ich das alles als Scherz auffaßte und sie tatsächlich verließ, konnte sie vielleicht wirklich die Dummheit begehen.

»Genug!« rief ich barsch. »Das alles ist Unsinn!«

Ich lief zum Schreibtisch, öffnete die Lade, nahm das Fläschchen und warf es zum Fenster hinaus.

»Was machen Sie?« rief sie erschreckt. Dann beruhigte sie sich sofort:

»Sie sind ein Kind! Zehn Minuten von hier ist eine Apotheke. Ich werde mir sofort neues Gift verschaffen.«

»Ich werde in die Apotheke gehen.«

»Alle Apotheken können Sie nicht besuchen. Außerdem habe ich an einem sicheren Ort einen Revolver versteckt. Auch die Schnur von einer Portiere würde genügen . . .«

»Liebste Freundin – sagen Sie, wozu haben Sie mich gerufen?«

»Ich wollte Sie noch einmal sehen! Ist es denn so schwer, mir eine einzige Stunde zu opfern? Wir waren ja immer gute Freunde.«

»Ich werde es nicht zulassen. Ich werde nicht fortgehen.«

»Ach«, sagte sie, »ob ich einen Tag länger oder weniger lebe, was hat das für eine Bedeutung!«

Soll ich fortgehen? dachte ich. Der Buchhalter wartet auf mich, schimpft und flucht. Er ist ein Weiberfeind und interessiert sich nicht für meine kleinen Romane. Statt einer Stunde sind bereits anderthalb vergangen. Vielleicht sollte man sie bitten, bis zum Abend zu warten?

»Hören Sie«, sagte ich unschlüssig, »warten Sie doch bis zum Abend. Ich werde Ihnen Gesellschaft leisten. Die Zeit wird vergehen.«

»Und Sie werden sich in meiner Gesellschaft nicht langweilen?«

Ich wollte antworten, daß Langeweile nebensächlich sei und daß es allein wichtig wäre, jetzt ins Büro zurückzukehren, da der Buchhalter auf den Kreditorenauszug wartete. Ich hörte im Geiste die brummende Stimme des alten Buchhalters: Um drei Uhr muß ich den Auszug haben. Sie denken nur an Weiber! Im Geschäft muß man arbeiten. An die Weiber können Sie nach Geschäftsschluß denken!

»Hören Sie«, sagte ich und nahm die Hand Polinas. »Sie werden das nicht tun. Ja? Beruhigen Sie mich! Das Leben wird Ihnen noch viel Schönes bieten. Den Abend können wir ja nett und gemütlich verbringen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wozu bis zum Abend warten?«

Verfluchte Person, dachte ich, ich muß doch ins Büro! Der Buchhalter wartet. Der Auszug muß um drei fertig sein.

Sie saß nachdenklich da, den Kopf gesenkt.

Soll ich fortgehen? Darf ich fortgehen? sagte ich zu mir, und dann fragte ich noch einmal:

»Polina, warten Sie bis zum Abend! Geben Sie mir Ihr Ehrenwort!«

»Ein Ehrenwort muß eingehalten werden«, sagte die hübsche Hausfrau achselzuckend. »Wozu das Ehrenwort geben? Sie scheinen keine Zeit zu haben. Das Schicksal Ihrer kleinen Freundin läßt Sie kalt. Also schön, sagen wir uns Lebewohl und gehen Sie!«

Mein Herz erzitterte. Nein, ich konnte kein Mörder sein, ich konnte sie nicht allein lassen.

Und wieder hallte in meinen Ohren die Stimme des Buchhalters: Was ist mit der Liste der Kreditoren?! Wer soll die Liste machen?! Der Direktor? Oder vielleicht der Portier? Wenn Sie keine Lust zum Arbeiten haben, weshalb sitzen Sie denn dann im Büro? Gehen Sie. Sie schaden nur dem Geschäft.

Es vergingen zwei, drei Minuten. Ich mußte etwas sagen, um diese Irrsinnige auf andere Gedanken zu bringen:

»Haben Sie Priagin gesehen?« fragte ich.

»Priagin? Er scheint verreist zu sein.«

»Man sagt, er hatte Differenzen mit seiner Frau. Jetzt ist er jeden Tag bei seiner Geliebten.«

»Ist er mit ihr abgereist, oder allein?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich kann es erfahren. Ich werde es Ihnen morgen telephonisch mitteilen.«

»Nein, wozu morgen? Glauben Sie, ich habe gescherzt?«

Ich schaute auf die Uhr. Es schlug drei. Da dachte ich:

Du hast beschlossen, dich zu vergiften, und brauchst dich nicht zu eilen. Niemand wird dir Vorwürfe machen. Ich aber sitze in diesem verfluchten Zimmer und werde morgen von meinem Buchhalter die größten Grobheiten hören.

»Seien Sie doch nicht so langweilig«, sagte die Selbstmordkandidatin. »Ein Glas Tee gefällig? Der Samowar ist noch warm. Tee ist sehr gut. Er beruhigt die Nerven.«

Sie ging ins Nachbarzimmer und kehrte bald mit zwei Gläsern zurück.

Inzwischen kamen mir verschiedene Gedanken. Sie will in den Tod gehen und trinkt dabei Tee. Ich aber versäume meinen Dienst! Ich habe schon so viel versäumt, daß es sich nicht mehr lohnt, ins Büro zu gehen. Ich werde Unannehmlichkeiten haben, und sie wird sich vielleicht gar nicht vergiften. Selbstmord ist eine intime Sache. Sich einen Gast einladen und mit ihm Tee zu trinken, ist taktlos. Wenn ich sie schon bitte, die Sache bis zum Abend zu verlegen, könnte sie es mir zusagen, und ich würde mit ruhigem Gewissen fortgehen. Sie braucht ihr Wort ja nicht zu halten! Aber sie stellt mich in eine solche Situation, in der man nicht fortgehen kann, aber auch das Bleiben zwecklos ist.

»Polina«, sagte ich mit zitternder Stimme, und drückte fest ihre Hand. »Sie sind grausam. Haben Sie denn nicht an mich gedacht? In welche Situation versetzen Sie mich! Haben Sie geglaubt, daß ich kühl mit dem Kopf nicken und sagen würde: ›Ein Entschluß ist ein Entschluß, ich werde jetzt Ihre Hand küssen, werde dann gehen, und Sie trinken das Fläschchen?‹ Nein, so herzlos bin ich nicht!«

»Um Gottes willen, verzeihen Sie! Aber war denn mein letzter Wunsch so ungerechtfertigt? Jetzt habe ich Sie gesehen, jetzt können Sie beruhigt wegfahren mit dem Bewußtsein, daß Sie die letzten Minuten meines Lebens verschönt haben.«

Dumme Kuh, dachte ich, innerlich berstend.

Sie ließ den Kopf sinken und kreuzte ein Bein über das andere, so daß man ihre schlanken Fesseln sehen konnte.

Wozu die Beine zeigen, wenn du sterben willst? Das ist überflüssig! Nein, man muß gehen, wenn es auch nicht sehr zartfühlend sein mag.

Ich stand auf und sagte:

»Liebste Freundin, ich gehe in der festen Überzeugung, daß Sie sich die Sache noch reiflich überlegen. Auf Wiedersehen!«

»Adieu«, sagte sie. »Warten Sie, ich werde Ihnen etwas zum Andenken schenken. Diesen Ring da. Er soll Sie ab und zu an mich erinnern.«

Ich warf den Ring auf den Boden, lief hinaus und rief ihr zu:

»Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren Dummheiten, mit Ihren Ringen! Sie wollen eine Freundin sein? Ich pfeife auf Ihre Freundschaft.«

Auf der Gasse ging ich ruhiger und dachte:

Es hätte auch nichts geholfen, wenn ich bis zum Abend bei ihr geblieben wäre. Wenn sie als Selbstmordkandidatin Tee trinkt und ihre schlanken Beine zeigt, wozu brauche ich dann noch Unannehmlichkeiten zu haben?

Aber die Unannehmlichkeiten kamen!

Als ich am nächsten Tag ins Büro trat, sagte mir der Buchhalter mürrisch: »Sie wollten eine Stunde ausbleiben und sind überhaupt nicht mehr zurückgekommen! Ja, die Weiber, die Weiber! Solche Leute wie Sie kann ich im Büro nicht brauchen. Sie machen Ihre vierzehn Tage und gehen.«

Das war vor acht Jahren. Gestern erhielt ich einen Brief von einem meiner Freunde, in dem er mir unter anderem schrieb:

». . . Erinnerst du Dich an unsere kleine Freundin Polina Tscherkesowa, an die ewige Selbstmordkandidatin? Gestern hat sie sich verlobt . . .«

Nun sagen Sie mir – darf man einer Frau glauben?

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