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Arkadij Timofejewitsch Awertschenko: Kurzgeschichten - Kapitel 18
Quellenangabe
year1940
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeshortstory
booktitleWas für Lumpen sind doch die Männer
authorArkadij Awertschenko
translatoranonymus
publisherPaul Neff Verlag
addressBerlin
titleKurzgeschichten
created20060705
modified20170719
sendergerd.bouillon
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Maximow der Schweiger

In der Villa ging es lustig her, es war eine Menge von Gästen da. Gegen drei Uhr nachts waren alle müde und sehnten sich nach Ruhe. Es stellte sich heraus, daß acht Personen in der Villa übernachten wollten und nur vier Fremdenzimmer zur Verfügung standen. Die reizende Hausfrau stellte mir einen kleinen untersetzten Mann vor und sagte mit freundlichem Lächeln:

»Das ist Ihr Nachbar. Darf ich vorstellen: Alexej Maximowitsch Maximow. Sie sollen mit diesem Herrn in einem Zimmer übernachten!«

Ich hätte einen eigenen Raum vorgezogen, aber nun mußte ich in den sauren Apfel beißen. Gelassen sagte ich:

»Bitte, Anna Petrowna!«

Der kleine Mann schaute mich prüfend an und fragte dann fast schüchtern:

»Hoffentlich haben Sie nichts dagegen?«

»Aber, bitte, warum soll ich etwas dagegen haben?«

»Sehen Sie – ich bin kein angenehmer Bettnachbar!«

»Weshalb?« fragte ich.

»Ich bin ein älterer Mann und rede sehr wenig. Ich bin, wie der deutsche General Moltke, ein Schweiger. Sie aber sind ein junger Mann, der zweifellos vor dem Schlafengehen noch ein wenig plauschen möchte. Wer weiß, ob wir zusammenpassen!«

»Das macht nichts. Ich werde mit Vergnügen schweigen, auch plaudere ich nicht gern in der Nacht!« sagte ich liebenswürdig.

»Wunderbar«, rief Maximow, »dann ist alles in Ordnung.«

Als wir in unser Zimmer kamen und uns auszuziehen begannen, sagte Maximow zu mir:

»Wissen Sie: es gibt Menschen, die organisch das Schweigen nicht vertragen können. Darum habe ich Sie vorher gefragt. Ich bin ein bekannter Schweiger, aus mir ist schwer ein Wort herauszubekommen, deshalb mögen mich viele nicht. Sie sagen: das ist kein Mensch, das ist ein Stück Holz!«

»Ich bilde eine angenehme Ausnahme«, rief ich lachend. »Kaum bin ich im Bett, so schnarche ich schon.«

Maximow zog bedächtig einen Schuh aus, stellte ihn in eine Ecke, versank einen Augenblick lang in Schweigen und sagte dann nachdenklich:

»Ja, ja, ich erinnere mich – in meiner Jugend spielte sich einmal folgender Fall ab: ich wohnte gemeinsam mit dem Studenten Silantjew. Der Student kannte mich wenig. Wir ziehen also zusammen. Ich lebe mit ihm, rede aber kein einziges Wort. Es vergehen zwei, drei, fünf Tage – ich schweige. Zuerst macht er sich über mich lustig, dann wird er nervös, zuletzt ruft er mir verärgert zu:

›Maximow, hast du den Verstand verloren? Weshalb schweigst du? Sag doch etwas!‹

Ich bin stumm wie ein Fisch. Da wird er endlich rabiat, packt seine Sachen und ruft mir zu:

›Mit einem Toten lebe ich nicht. Morgen ziehe ich aus!‹

Am nächsten Morgen war er auf und davon. Was sagen Sie dazu?«

»Das war einfach ein nervöser Mensch!« bemerkte ich kurz und kroch in das kühle Bett.

»Ist ein Mädchen mit zwanzig Jahren auch nervös?« fragte Maximow. »Sehen Sie, ich hatte eine Braut. Sie sagte zuerst zu mir: ›Aleschka, du gefällst mir, weil du so ernst bist!‹ Und später, als ich öfters zu ihr kam, bemerkte sie: ›Warum schweigst du immer?‹ – ›Worüber soll ich denn sprechen?‹ sagte ich. – ›Worüber? Was du heute gemacht hast!‹ – ›Ich war im Amt, nachher im Restaurant zum Mittagessen, dann bin ich zu dir gekommen.‹ – ›Mein Gott – ein Mädchen will doch auch ein freundliches Wort hören! Man fürchtet sich, wenn der andere dasitzt, einen angafft und kein Wort spricht.‹ – ›Ich kann nichts dafür, ich bin eben so. Ich bin ein Mann, der nicht viel reden kann, du mußt mich nun einmal so nehmen!‹ Schön . . . Eines Tages suche ich sie auf – bei ihr ist ein Leutnant und spricht ohne Ende: ›Fräulein, ich habe Sie da und dort gesehen – besuchen Sie das Theater – lieben Sie moderne Tänze – gehen Sie zu Fünfuhrtees? Warum haben Sie mir diese gelbe Rose geschenkt? Hat das Geschenk eine Bedeutung?‹ Sie lauscht den Worten des Offiziers, ich bin für sie Luft. Ich sitze da und rede kein Wort. Der Offizier schaut mich an und flüstert ihr etwas ins Ohr, sie lacht hellauf. So bleibe ich schweigend eine ganze Stunde, dann stehe ich auf und gehe davon. Als ich nach ein paar Tagen wieder zu meiner Braut komme, öffnet mir der Offizier die Tür und sagt bloß das eine Wort: ›Hinaus!'‹ Meine Braut steht auf der Schwelle und lacht. Dann ruft sie: ›Ich brauche Sie nicht! Sie reden kein Wort – mein Tisch, mein Sessel, meine Kommode schweigen auch. Da verlobe ich mich lieber gleich mit der Kommode. Zwischen Ihnen und ihr gibt es keinen Unterschied. Sie sind beide aus Holz. Aber ich brauche keinen Mann aus Holz, verstanden? Adieu!‹ Da stand ich auf und ging fort, ohne ein Wort zu reden.«

Ich gähnte und rief verschlafen:

»Eine dumme Geschichte . . . Gute Nacht!«

»Gute Nacht, schlafen Sie gut, angenehme Ruhe! Ja, die Männer haben Logik, aber die Frauen, die Frauen! Ich erlebte einmal einen Roman mit einer hübschen, verheirateten Frau. Wissen Sie, weshalb sie mich gewählt hatte? Weil ich so schweigsam bin! Drei Tage hielt sie es mit mir aus, dann war es mit ihrer Geduld zu Ende. Sie nannte mich einen ›lebenden Leichnam‹ und wollte nichts mehr von mir wissen. Ist das eine Logik?«

Mit Mühe öffnete ich die Augen und sagte:

»Gute Nacht! Gehen Sie schlafen. Es ist bereits fünf Uhr!«

Maximow zog langsam den zweiten Schuh aus und rief:

»Gut! Gehen wir schlafen!«

Nach einer Minute sagte er: »Ich habe einmal ein Reiseerlebnis gehabt. In mein Abteil trat ein Fahrgast. Ich sitze in meiner Ecke und schweige wie gewöhnlich . . .«

Ich schloß die Augen und begann laut zu schnarchen, um dem dummen Geschwätz ein Ende zu machen.

». . . Er fragt mich: ›Wohin fahren Sie?‹«

Ich begann lauter zu schnarchen . . .

»Hm, er ist eingeschlafen! Ja, ja, die Jugend – der Student, der mit mir auf einer Bude wohnte, schnarchte auch . . .«

Nun sprang ich wütend auf und rief:

»Herr, Sie behaupten, daß Sie ein Schweiger sind? Dieses Märchen können Sie einem anderen erzählen. Halten Sie doch endlich Ihren Mund! Ich will schlafen. Gute Nacht!«

Eine Weile blieb er ruhig, dann hörte ich wieder seine Stimme:

»Junger Mann, ich will Ihnen etwas sagen: einmal komme ich in die Kirche . . .«

»Schluß«, rief ich empört, »ich schlafe. Gute Nacht! Gute Nacht! Gute Nacht!«

Er knüpfte seine Krawatte auf, murmelte: »Gute Nacht« und sprach unaufhörlich weiter. Ich zog die Decke über meine Ohren und schlief ein. Als ich erwachte, stand die Sonne hoch im blauen Himmel. Mein Bettnachbar war bereits fort. Ich kleidete mich an und verließ das Zimmer. Als ich auf die Terrasse kam, saß Maximow mit dem Rücken zu mir im Streckstuhl einer hübschen, jungen Dame gegenüber. Ich hörte, wie er zu ihr sagte:

»Lipotschka, Sie können sich mir anvertrauen! Ich bin ein Schweiger, ein Mann, dem man jedes Geheimnis verraten kann. Schütten Sie nur Ihr Herzchen aus – ich werde stumm sein wie ein Grab.«

»Hm«, machte ich, räusperte mich laut und ging vorüber.

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