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Arkadij Timofejewitsch Awertschenko: Kurzgeschichten - Kapitel 17
Quellenangabe
year1940
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeshortstory
booktitleWas für Lumpen sind doch die Männer
authorArkadij Awertschenko
translatoranonymus
publisherPaul Neff Verlag
addressBerlin
titleKurzgeschichten
created20060705
modified20170719
sendergerd.bouillon
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Marusina spielt Theater

Der Regisseur verteilte die Rollen und gab der Primadonna ein dickes Heft.

»Oho!« sagte die große Ljubarskaja.

Dann gab der Regisseur ein ebenso dickes Heft dem ersten Liebhaber Sakatow.

»Ach Gott!« rief erschreckt der erste Liebhaber. »Das sind ja zwei Kilo – nein, damit werde ich nicht fertig. Das ist ein bißchen viel, finden Sie nicht?«

»Dummkopf! Dummkopf!« sagte die kleine Schauspielerin Marusina leise.

»Das ist keine Rolle, das ist eine Bibel!« rief Ljubarskaja hochmütig und tat, als ob sie unter der Last des Heftes zusammenbrechen müßte.

Dumme Gans, dachte die kleine Marusina. Wenn ich zehn Seiten von deiner Rolle bekäme, würde ich euch allen zeigen, was für eine Schauspielerin ich bin!

Dann bekamen ihre Rollen: die komische Alte, der Heldenvater, die blondlockige Naive und der Intrigant.

Marusina schaute den Regisseur an und fragte unter Tränen:

»Und ich?«

»Auch für dich ist etwas da«, sagte lächelnd der Regisseur. »Da hast du deine Rolle und bedanke dich schön.«

Er hielt ihr einen halben Bogen Papier hin.

»Wo ist die Rolle?« fragte Marusina.

»Da!«

»Ich sehe sie nicht«, sagte beleidigt Marusina.

»Na, na«, rief der Regisseur, »sie ist zwar nicht groß, dafür enthält sie eine Menge von Möglichkeiten. Stell dir einmal vor: du bist eine reiche Kaufmannsfrau, ein Gast im zweiten Akt.«

»Und was rede ich? Was sage ich da?«

»Hm – unter den anderen Gästen kommt auch die Kaufmannsfrau Polujanowa, sie küßt die Hausfrau, unsere liebe Ljubarskaja, und sagt: ›Endlich komme ich zu Ihnen, meine Liebe!‹ Die Ljubarskaja als Hausfrau sagt: ›Sehr erfreut, bitte nehmen Sie Platz . . .‹ – ›Danke‹, sagst du, ›ich werde eine Tasse Tee nehmen.‹Du setzt dich, trinkst eine Tasse Tee . . .«

»Und das ist alles?« rief empört Marusina. »Sie könnten mir wirklich wenigstens zwei Seiten geben.«

»Aber, meine Kleine, es ist doch eine Menge Spiel. Schau – ›Endlich komme ich zu Ihnen‹ – das ist doch ein Typ, diese Kaufmannsfrau! Und dann bietet man ihr nicht Tee an, sondern sie verlangt ihn ausdrücklich selbst. Das ist eine Figur aus dem Leben!«

Marusina las mit einer kleinen Grimasse noch einmal die Rolle durch und sagte dann:

»Ich sehe diese Figur anders. Die Frau ist zwar in der Kaufmannswelt aufgewachsen, aber es zieht sie zu einer anderen hin. Sie hat Ideale, sie ist in einen Schriftsteller verliebt, aber ihr Gatte verfolgt sie durch Eifersucht und Mißtrauen. Sie ist zart, feinfühlend . . .«

»Schon gut«, sagte der Regisseur. »Und wenn das alles auch wahr sein mag, so ist es doch nicht wichtig.«

»Ich werde sie als exaltierte, hysterische Frau spielen!«

»Mach, was du willst.«

Und der Regisseur teilte die letzten Rollen aus.

*

Der zweite Akt begann. Die Bühne stellte einen Salon dar. Als der Vorhang in die Höhe ging, war die Ljubarskaja allein vor der Rampe. Sie erwartete das Erscheinen ihres Hausfreundes, der sie mit einer Baronin betrogen hatte. Ein dramatischer Auftritt bereitete sich vor. Die Ljubarskaja lief auf und ab, zuckte mit den Achseln, las einen Zettel und rief nervös:

»Der Schurke! Der Schuft!«

In diesem Augenblick betraten die Gäste den Salon. Die Hausfrau machte notgedrungen ein freundliches Gesicht. Sie begrüßte die schweigenden Damen und küßte Marusina, die Kaufmannsfrau Palujanowa. Der Souffleur sagte: »Was für eine angenehme Überraschung!« Die Ljubarskaja wiederholte seine Worte.

Marusina schaute traurig vor sich hin und sagte:

»Endlich bin ich zu Ihnen gekommen, meine Liebe!«

»Sehr erfreut!« rief der Souffleur. »Nehmen Sie Platz.«

Die Ljubarskaja war mit ihm einverstanden und wiederholte den Satz.

Marusina lachte hysterisch auf, zerrte an ihrem seidenen Taschentuch und sagte:

»Gewiß, ich werde mich setzen und sogar eine Tasse Tee trinken, wenn es Ihnen recht ist.«

Sie ließ sich auf das Sofa nieder, ihr Herz zuckte krampfhaft zusammen.

Das ist alles, dachte sie. Alles! Das ist meine ganze Rolle! Und plötzlich rief sie laut:

»Ja, seit dem Morgen habe ich Durst. Ich dachte – heute abend bin ich zu Gast, da werde ich Tee genug bekommen.«

Die Ljubarskaja schaute verdutzt Marusina an.

»Bitte, bitte«, flüsterte der gastfreundliche Souffleur.

»Bitte, bitte, sehr erfreut«, wiederholte die Ljubarskaja.

»Ja, ja«, sagte Marusina. »Nichts löscht den Durst so wie Tee. Im Auslande ist der Tee nicht so beliebt, wie ich höre.«

Die Hausfrau schaute sie entsetzt an und schwieg.

»Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank? Weshalb sind Sie denn so blaß, meine Liebe? Ist Ihnen ein Mißgeschick zugestoßen?«

»Ja«, lispelte erbleichend die Hausfrau.

»Ruhe, um Himmels willen!« rief der Souffleur hinauf, »Was reden Sie denn da? Ljubarskaja gehn Sie zu den anderen Gästen!«

Ljubarskaja, die voll stummen Schreckens auf Marusina schaute, begann nun zu improvisieren:

»Verzeihen Sie, aber ich muß die anderen Gäste begrüßen. Man wird Ihnen sofort den Tee servieren.«

»Ach, Sie haben noch Zeit, ehe Sie zu den anderen gehn«, erwiderte Marusina mit glänzenden Augen. »Meine Liebe, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! Mein Mann ist ein Tier, er hat kein Herz, kein Gefühl . . .«

Sie legte das Taschentuch an die Augen und rief verzweifelt:

»Lieber den Tod, als das Leben mit diesem Mann!«

»Hol dich der Teufel, wirst du gleich still sein!« schrie der Souffleur, so laut er durfte. »Der Direktor wird dir schon seine Meinung sagen!«

»Ich sehe ein anderes Leben vor mir«, rief Marusina und rang die Hände. »Ich will es kennenlernen. Studentin werden, lernen, Reisen machen, die Welt entdecken – ach, was für ein kümmerliches Dasein ich führe!«

»Beruhigen Sie sich«, sagte die Hausfrau und fuhr sich über die erschreckte, blasse Stirn. »Verzeihen Sie, aber ich muß nun zu den anderen Gästen hinübergehen.«

Marusina griff sich an den Kopf. »Die anderen Gäste? Ach, wer sind sie – Parasiten, Lügner, Heuchler. Hier vor Ihnen leidet ein Mensch, und Sie wollen nichts von ihm wissen . . . Mein Gott, wie ist das Leben grausam. Alle kennen nur die Frau des reichen Polujanow, aber niemand will ihre Seele, ihr trauriges Herz kennenlernen – welche Qual!«

»Sie ist irrsinnig geworden. Man muß die Rettungsgesellschaft verständigen!« rief der Souffleur, packte sein Buch und lief davon.

»Ich bin keine Heilige!« rief Marusina und trat zur Rampe. »Ich bin eine Frau! Ich liebe, und wissen Sie, wen ich liebe? Ihren Freund, den Mann, auf den Sie warten! Er gehört mir. Ich werde ihn für nichts auf der Welt hergeben. Was man Ihnen über die Baronin geschrieben hat, ist nicht wahr. Madame, warum beißen Sie die Lippen zusammen? Ich, Polujanowa, ich habe einen Geliebten – und es ist der Ihre, Madame!«

»Hinaus von der Bühne!« tönte die Stimme des Regisseurs aus der Kulisse.

Und jetzt ein hysterischer Anfall, dachte Marusina.

Sie verdeckte ihr Gesicht mit den Händen, ließ sich auf das Sofa nieder und stieß unter Tränen die Worte hervor: »Nein – ich gebe ihn nicht frei – du wirst ihn mir nicht entreißen!«

Ringsum die Gäste standen entsetzt und ratlos da, sie sprachen, was in ihren Rollen stand, und keinem fiel es ein, der weinenden Frau ein Glas Wasser zu bringen.

Als sie eine Weile lang geweint hatte, stand sie auf, ging auf die Hausfrau zu und sagte:

»Adieu – Verbrecherin. Ich weiß, warum du mir eine Tasse Tee angeboten hast. In diesem Tee war Gift. Aber du sollst mich nicht qualvoll sterben sehen. Haha! Ich werde meinem Leben allein ein Ende machen. Adieu, ich gehe dorthin, von wo es keine Rückkehr gibt!«

Sie verließ wankend die Bühne. Donnernder Applaus folgte ihren Worten.

*

Gänzlich zerschlagen kam Marusina hinter die Kulissen und stieß dort mit dem Regisseur zusammen.

»Pack deine Sachen! Du bekommst achtundzwanzig Rubel Gehalt, abzüglich fünfundzwanzig Rubel Strafe. Das macht drei Rubel. Da! Und laß dich nicht mehr blicken!«

»Gut«, sagte müde Marusina. »Man soll mir die Sachen aus der Garderobe bringen.«

»Nikifor, hol die Sachen heraus!«

»Adieu . . .«

»Hinaus!«

Marusina zog über das Kostüm der Kaufmannsfrau ihren alten, zerschlissenen Mantel, wischte sich mit der Hand die Schminke ab und verließ gleich einer Königin das Theater.

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