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Arkadij Timofejewitsch Awertschenko: Kurzgeschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
year1940
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeshortstory
booktitleWas für Lumpen sind doch die Männer
authorArkadij Awertschenko
translatoranonymus
publisherPaul Neff Verlag
addressBerlin
titleKurzgeschichten
created20060705
modified20170719
sendergerd.bouillon
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Die sechs Freundinnen Korablews

»Ich bin der unglücklichste Mensch!«

»Was für ein Unsinn!«

»Du glaubst mir nicht?«

»Nein, ich glaube dir nicht. Was fehlt dir denn? Du hast Geld, gute Freunde, und vor allem Erfolg bei Frauen.«

Korablew ging auf und ab, dann blieb er stehen und schaute mich mit traurigen Augen an.

»Du hast recht. Ich habe Erfolg bei Frauen.«

Und nach einer Pause fügte er hinzu:

»Jetzt hab' ich sechs Freundinnen.«

»Nur sechs? Ich hätte an mehr gedacht. Natürlich nicht alle auf einmal.«

»Nicht auf einmal?« rief Korablew. »Aber ich hab' sie doch alle auf einmal!«

Ich schlug die Hände zusammen.

»Ja, sag einmal – wozu brauchst du sechs Freundinnen?«

Er ließ den Kopf sinken.

»Es geht nicht anders, das mußt du verstehen. Ich bin kein lasterhafter Mensch. Wenn ich einmal eine Frau finde, die mein Herz ausfüllt, heirate ich sie am nächsten Tag. Aber es ist unmöglich – meine Liebe ist nicht blind. Ich sehe etwa eine Frau mit schönen Augen und einer weichen Stimme, aber – sie ist nicht schlank, sie hat kurze, dumme Hände. Ein andermal lerne ich eine wunderschöne Frau kennen, aber nun ist sie leider sentimental. Das geht eine Weile, aber auf die Dauer hält man's nicht aus. Ich suche also weiter, und so hab' ich sechs Frauen getroffen, die alle zusammen so sind, wie ich sie haben will.«

Ich schaute ihn kopfschüttelnd an.

»Das ist also ein Mosaik statt einer einzigen Frau!«

»Ungefähr . . . aber wenn du wüßtest, wie teuer man das erkauft! Ich hab' ein schlechtes Gedächtnis, bin sehr zerstreut und muß eine solche Menge von Dingen wissen, wie du dir's nicht denken kannst. Einiges notiere ich mir, das ist die einzige Möglichkeit.«

»Was notierst du?«

Er nahm sein Notizbuch aus der Tasche und sagte :

»Lach mich nicht aus, das alles ist viel zu ernst. Ich werde dir einiges vorlesen:

Helena, ein gutes und ruhiges Mädchen. Herrliche Zähne. Schlank. Singt, spielt Klavier, liebt es, Ljalja genannt zu werden. Bevorzugt gelbe Rosen. Humor. Trinkt gern Sekt. Sehr fromm, man muß vorsichtig sein bei Gesprächen über Religion. Über ihre Freundin Kitty darf man nicht mit ihr sprechen. Sehr eifersüchtig.

Gehen wir weiter:

Kitty, ein kleines, lustiges Geschöpf. Schreit, wenn man sie aufs Ohr küßt. Keine Umarmung in Gegenwart Fremder! Liebt Hyazinthen, trinkt nur Rheinwein. Tanzt wunderbar. Ißt gezuckerte Kastanien, haßt Musik. Den Namen Helenas nicht erwähnen!«

Korablew hob sein ermüdetes Gesicht:

»So geht es der Reihe nach! Manchmal glaube ich, daß ich an einem Abgrund stehe. Manchmal nenne ich Kitty Nastja und Nastja Maria. Dann gibt es Tränenausbrüche und Szenen.«

»Und alle sind sie dir treu?«

»Gewiß. Das erschwert die Sache noch. Zum Beispiel heute: ich soll um halb sieben bei Helena sein, um mit ihr zu speisen. Aber um sieben erwartet mich schon Nastja, die in einem andern Stadtteil wohnt.«

»Was wirst du tun?«

»Ich werde für einen Augenblick zu Helena kommen und ihr Vorwürfe machen, weil ich sie angeblich mit einem jungen Mann gesehen habe. Da es nicht wahr ist, wird sie eine Szene machen, ich werde ihr empört widersprechen und wütend davonlaufen.«

Korablew griff nach seinem Hut und blieb nachdenklich stehen.

»Was gibt's?«

Er nahm den Siegelring vom Finger und steckte ihn ein. Dann stellte er seine Uhr vor und ging zum Schreibtisch.

»Was machst du?«

»Siehst du, da steht das Bild Nastjas. Sie will, daß es auf meinem Schreibtisch steht. Heute erwartet sie mich, also kann ich das Bild ruhig in die Lade legen. Du fragst, warum ich das tue? Kitty macht vielleicht einen Sprung zu mir und schreibt mir ein paar Zeilen. Ich werde also ihr Bild auf den Schreibtisch stellen.«

»Und wenn Maria kommt und Kittys Bild sieht?«

»Dann werd' ich ihr sagen, daß dies das Bild meiner verheirateten Schwester ist.«

»Und warum steckst du den Siegelring ein?«

»Nastja hat ihn mir geschenkt. Helena will nicht, daß ich ihn trage. Ich kann ihn also erst wieder anstecken, wenn ich wütend fortgelaufen bin. Außerdem muß ich auf meine Krawatte Rücksicht nehmen, ich muß meine Uhr vor- oder zurückschieben, muß den Hausbesorger bezahlen und mich an alles erinnern, was eine von meinen sechs Freundinnen mir gestern gesagt hat. Mit einem Wort – ich bin der unglücklichste Mensch!«

Er drückte meine Hand und verließ das Zimmer.

*

Ich ging nach ihm fort, und sah Korablew fast einen ganzen Monat nicht. Zweimal bekam ich sonderbare Telegramme:

»Am 2. und 3. Februar waren wir zusammen in Finnland, irr dich nicht, wenn du Helena triffst.«

Das zweite Telegramm lautete: »Der Siegelring ist bei dir, du hast ihn einem Juwelier gegeben, willst dir denselben machen lassen. Sag dies Nastja.«

Als ich einmal Nastja zufällig traf, erzählte ich ihr, daß ich bei Korablew einen Siegelring geliehen hätte, um mir einen ebensolchen zu bestellen. Nastja war begeistert:

»Und ich habe ihm einen solchen Wirbel gemacht! Gottlob, daß es wahr ist! Wissen Sie, daß er sich zwei Wochen in Moskau aufhält?«

»So? Ach ja, ich wußte es.«

Später erfuhr ich, daß Korablew tatsächlich in Moskau war und daß ihm dort ein furchtbares Unglück passierte.

Als er wieder zurückgekehrt war, suchte er mich auf.

*

»Wie ist das geschehen?«

»Weiß Gott! Ein Taschendieb hat mir das Notizbuch in Moskau gestohlen! Ich habe Inserate einrücken lassen, hab' eine Unmenge Finderlohn versprochen, aber es ist und bleibt verloren. Jetzt steh' ich vor einer Katastrophe.«

»Versuch doch, deine Aufzeichnungen nach dem Gedächtnis wiederherzustellen!«

»Du hast leicht reden. Während der beiden Wochen hab' ich mich ausgeruht und alles vergessen! Ich weiß nicht, ob Maria gelbe Rosen liebt oder sie haßt. Wem hab' ich Parfüms aus Moskau versprochen? Wer bekommt die Handschuhe? Wer wird mir beides ins Gesicht schmeißen, ach Gott! Wer hat mir die dunkelrote Krawatte geschenkt mit der Verpflichtung, sie immer zu tragen? Wer hat verlangt, daß ich den grünen Hut nie mehr nehme, und wessen Photographie soll ich verstecken und vor wem?«

»Armer Teufel! Wenn ich dir helfen kann – den Ring hat dir Nastja geschenkt, wie? Das darf Helena nicht wissen. Und wenn Kitty kommt, muß man Marias Bild verstecken, wenn aber Nastja kommt, muß man es nicht verstecken, das Bild der einen gilt für deine Schwester, nur weiß ich nicht, ob es Kittys oder Marias Bild ist.«

»Ich weiß es auch nicht!« rief er verzweifelt. »Hol's der Teufel, ich fahr' trotzdem hin!«

»Steck den Ring ein!«

»Maria weiß nichts vom Ring!«

»Zieh die dunkelrote Krawatte an!«

»Wenn ich nur wüßte, wer sie mir geschenkt hat! Vielleicht haßt Maria Dunkelrot! Na, einerlei . . .«

*

Die ganze Nacht über fürchtete ich für meinen Freund. Am nächsten Morgen war ich bei ihm. Er saß müde und abgespannt hinter dem Schreibtisch und schrieb irgendeinen Brief.

»Nun, was gibt es Neues?«

Er machte eine müde Handbewegung.

»Alles ist vorbei. Ich bin wieder allein.«

»Was ist geschehen?«

»Ein Skandal. Ich hab' die Handschuhe gepackt und bin zu ihr gefahren. ›Meine teure Ljalja‹, sagte ich zu ihr, ›da hast du alles, was du dir gewünscht hast. Ich hab' auch Karten für die Oper genommen, weil es dir Vergnügen macht.‹

Sie nahm die Schachtel, warf sie in die Ecke, fiel auf den Diwan und schluchzte laut:

›Fahren Sie zu Ihrer Ljalja und schenken Sie ihr diese Handschuhe. Sie können auch mit ihr in die Oper gehn. Mich freut es nicht.‹

›Aber, Marussja‹, bat ich, ›es war ein Mißverständnis!‹

›Gewiß ist es ein Mißverständnis, denn ich heiße seit meiner Geburt Sonja. Bitte, verlassen Sie mein Haus!‹

Von ihr fuhr ich zu Helena, vergaß den Ring einzustecken, brachte ihr gezuckerte Kastanien und fragte: ›Warum hat meine Kitty so traurige Augen?‹

Sie warf mir eine Vase an den Kopf.

Dann ging ich zu Kitty. Bei ihr waren Gäste. Ich führte sie hinter die Portiere und küßte sie aufs Ohr. Sie gab mir eine Ohrfeige und wies mich hinaus. Ich fuhr zu Marussja, und zu Nastja, und zu Maria. Überall dasselbe. Ich bin ein unglücklicher Mensch!«

»Mir fällt etwas ein, Korablew«, sagte ich. »Was geschieht, wenn dir eine von ihnen verzeiht?«

Er blickte mich an. »Wenn sie mir verzeiht? Nun, was meinst du? Vielleicht weiß ich dann, welche die Richtige ist . . .«

Ich. stand auf, um mich zu empfehlen. Das Telephon begann zu läuten. Korablew nahm den Hörer ab. Es war Helena.

»Du bist es?« rief Korablew. »Und nicht mehr böse? Mein Kleines, ich danke dir! Heute abend – wann du willst. Leb wohl!«

Dann wandte er sich zu mir und sagte aufatmend: »Es ist Helena.«

»Viel Glück!« erwiderte ich und reichte ihm die Hand. In diesem Augenblick klingelte es von neuem.

»Marussja?« fragte Korablew erstaunt. »Du rufst mich an? Du verzeihst mir? Hm – gewiß, mein Täubchen! Heute abend? Ich komme. Leb wohl!«

Er drehte sich um und sah mich hilflos an. Ich schüttelte empört den Kopf. »Laß dir erklären . . .« begann er. Das Telephon schrillte.

»Maria?« hörte ich Korablew sagen.

Da setzte ich meinen Hut auf und griff nach meinem Stock. »Du hast zuviel Glück bei Frauen – dir ist nicht zu helfen, Korablew!« sagte ich und schlug die Tür hinter mir zu.

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