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Arkadij Timofejewitsch Awertschenko: Kurzgeschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
year1940
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeshortstory
booktitleWas für Lumpen sind doch die Männer
authorArkadij Awertschenko
translatoranonymus
publisherPaul Neff Verlag
addressBerlin
titleKurzgeschichten
created20060705
modified20170719
sendergerd.bouillon
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Der Maler und sein Bild

Der berühmte Maler Petrow entschloß sich, ein Bild zu malen.

»Weißt du«, sagte er zu seinem Freund, dem Bildhauer, »das Sujet ist folgendes: Eine nackte, von der Sonne ausgebrannte Steppe, am Wege ein Bauernkarren, ein zusammengebrochenes Pferd, neben dem Pferd ein Bauer mit verzweifeltem Gesicht. Das Bild soll ›Der Tod des Freundes‹ heißen.«

»Die Idee ist nicht übel«, sagte der Bildhauer, »hast du das Bild schon begonnen?«

»Noch nicht, ich brauche Leinwand. Früher war das ganz einfach, man ging in einen Laden, der Malerrequisiten führte, und holte sich die Leinwand.«

»Heute ist es auch ganz einfach. Geh in die Zentralstelle zur Verteilung von Leinwand und besorge sie dir dort.«

»Schön, ich werde gehen!«

*

Als der Maler in der Zentralverteilungsstelle erschien, fragte ihn der Angestellte:

»Was wünschen Sie?«

»Ich brauche Leinwand!«

»Wozu brauchen Sie Leinwand?«

»Ich will ein Bild malen.«

»Was für ein Bild?«

»Ein gewöhnliches Bild. Bekomme ich die Leinwand oder nicht?«

»Wieviel brauchen Sie?«

»Zwei Arschin!«

»Was, so viel? Das sind doch 1400 Millimeter!«

»Bekomm' ich sie oder bekomm' ich sie nicht?«

»Sie werden sie bekommen, bitte mir aber vorher Ihr Arbeitsbuch zu geben.«

»Woher soll ich ein Arbeitsbuch haben, wenn ich ein Maler bin?«

Der Angestellte lächelte und rief: »Das hätten Sie sofort sagen sollen. Ich darf nur mit Arbeitsbuch Ware ausfolgen.«

»Wo bekommt man so ein Arbeitsbuch?« fragte nervös der Maler.

»Im Arbeitskommissariat. Gehen Sie dorthin, nehmen Sie ein Buch, und Sie bekommen sofort Ihre Leinwand.«

*

Der Maler erschien im Arbeitskommissariat.

»Ich bitte um ein Arbeitsbuch!«

»Was, sind Sie vielleicht ein Schlosser?«

»Warum ein Schlosser? Ich bin ein Maler, ich male Bilder.«

»Auch eine Kunst, Bilder malen – das kann jeder.«

»Bekomme ich ein Arbeitsbuch oder nicht?«

»Womit malen Sie Ihre Bilder?«

»Mit Farben, mit Öl.«

»Schmeckt es gut?«

»Was?«

»Das Öl!«

»Weiß der Teufel, ich hab' es nicht gekostet.«

»Die Menschen haben nichts zu essen, und Sie verschwenden Öl?«

»Bekomme ich mein Arbeitsbuch?«

»Aber selbstverständlich, nur müssen Sie vorher vom Proletkult eine Bestätigung bringen, daß dies für den Staat nützlich ist.«

*

Der Maler pilgerte zum Proletkult. Wandte sich direkt an den Kommissar:

»Ich bitte um eine Bestätigung zur Erlangung eines Arbeitsbuches, damit ich Leinwand bekomme. Ich bin ein Maler.«

»Schön, und was wollen Sie malen?«

»Eine Steppe, einen Karren, daneben ein gestürztes Pferd und einen Bauern mit gesenktem Kopf. Das Bild soll ›Der Tod des Freundes‹ heißen.«

»Weshalb ist das Pferd gestürzt?«

»Weil es nichts zu fressen hatte.«

»Ich würde Ihnen raten, das Sujet zu verändern. Den Bauern ziehen Sie als Arbeiter an, und zu seinen Füßen soll der Kapitalist liegen!«

»Gestatten Sie, das ist doch ein anderes Sujet.«

»Gar kein anderes, es wird nur der Karren fehlen. Wer braucht einen Karren? Zeichnen Sie lieber das Innere einer Fabrik.«

»Aber die ausgebrannte Steppe . . .«, bemerkte der Maler.

»Ausgebrannte Steppe, Dürre – ja, da müssen Sie sich an die Kommission zur Bekämpfung der Dürre wenden, und wenn die nichts dagegen hat . . .«

*

Der Maler landete bei der Kommission zur Bekämpfung der Dürre.

»Was wünschen Sie?«

»Ich brauche eine Bestätigung, daß Ihr Amt nichts dagegen hat, daß ich auf ein Bild einen Karren male, der in einer ausgebrannten Steppe steht. Ich benötige das zur Erlangung eines Arbeitsbuches, da ich sonst keine 140 Zentimeter Leinwand erhalte, um diesen Karren in der Steppe zu malen.«

»Ich verstehe kein Wort. Gehen Sie auf Zimmer 67.«

*

Der Maler erschien auf Zimmer 67.

»Was wünschen Sie?«

»Bitte, geben Sie mir eine Bestätigung, daß Sie nichts dagegen haben, daß auf meinem Bilde ein Karren in einer ausgebrannten Steppe steht. Ich brauche das zur Erlangung eines Arbeitsbuches, um dann Leinwand zu bekommen.«

»Das ist zu kompliziert. Wenn Sie wollen, lasse ich Sie von Ihrer Frau scheiden. Hier ist das Scheidungsamt. Eine einfache Formalität. Wie heißen Sie?«

»Aber ich bin ja gar nicht verheiratet.«

»Wozu sind Sie dann überhaupt hierhergekommen? Gehen Sie auf Zimmer 84. Dort wird man alles erledigen.«

*

Zimmer 84.

Der Maler ließ sich erregt im Sessel nieder.

»Was ist passiert? Beruhigen Sie sich!« bemerkte der Beamte.

»Erlauben Sie mir einen Karren . . .«

»Was für einen Karren? Als Leiter der Holzverteilungsstelle kann ich Ihnen eine Anweisung an die Zentrale geben, diese wird die Organisation anfragen und . . .«

»Aber wozu brauche ich die Holzverteilungsstelle? Ich brauche Leinwand?«

»Sie brauchen Leinwand? Ja, lieber Freund, dann müssen Sie zur Zentralstelle zur Verteilung von Leinwand gehen, dort wird alles schnell erledigt werden, gehen Sie, gehen Sie!«

*

Mitten auf der Straße stand ein Mann, stützte sich an einen Laternenpfahl und weinte. Ringsherum stand eine große Menge.

»Warum weint er denn?«

»Er will Leinwand haben.«

»Jetzt, wo man keine Leinwand bekommt? Und deshalb regt er sich so auf?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sicher hat er jemand bei einem Eisenbahnzusammenstoß verloren.«

Der Maler rief nervös: »Die Steppe, der Karren!«

»Ah«, sagt jemand aus der Menge, »sicher war seine Frau im Karren und ist vom Zuge überfahren worden.«

Der Mond war aufgegangen, der Abend brach an, und der Maler stand noch immer da. Dann ging er müde nach Hause und nahm am nächsten Tag einfach sein Hemd, um darauf sein Bild zu malen.

Als das Bild ausgestellt wurde, bekam es vom Proletkult den ersten Preis.

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