Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl May >

Kürzere Orienterzählungen

Karl May: Kürzere Orienterzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl May
titleKürzere Orienterzählungen
correctorreuters@abc.de
created20131001
Schließen

Navigation:

Der Zauberteppich

Der Zauberteppich

In der Hauptmoschee zu Meschhed Hossein, der berühmten schiitischen Pilgerstadt, ist unter der Gebetsnische ein Teppich zu sehen, dessen Geschichte man folgendermaßen erzählt:

Zu Ijâr, dem im ganzen Morgenland bekannten Teppichweber, kam Yussuf el Kürkdschi, der ebenso berühmte Musan'nif, um einen Teppich zu bestellen, der Eigentum seines Freundes Masah, des jungen Kutubi, werden sollte. Ijâr sprach:

»Ich habe eigentlich keine Zeit zu dieser Arbeit, jedoch weil du es bist, will ich sie übernehmen. Sie ist für Masak bestimmt, dem meine Achtung angehört; darum werde ich dir nicht etwas Gewöhnliches, sondern das Beste liefern, was ich liefern kann.«

Nach einiger Zeit kam Yussuf el Kürkdschi wieder, um die begonnene Arbeit zu betrachten. Als er dies getan hatte, sagte er:

»Ich bin unzufrieden mit dir, o Ijâr. Ich will ein Muster, das allen Leuten, besonders aber den Packträgern und Eselsjungen gefällt; du aber scheinst mich nicht verstanden zu haben.«

Da antwortete der Teppichweber:

»Du hast diese Arbeit für Masak, den Kutubi, bestimmt, der weder Lastträger noch Eselsjunge ist, und wenn du glaubst, daß meine Kunst um das Wohlgefallen der Verständnislosen zu buhlen habe, so irrst du dich. Laß mich machen, wie ich will; du wirst zufrieden sein!«

»Was ist es, was du willst?« fragte Yussuf.

»Einen Zauberteppich, der jeden Fuß, der ihn betritt, zum Pfad der Liebe lenkt. Ich webe ihn aus Fäden, die nie vergehen, sondern ewig währen.«

Diese Versicherung genügte dem Kürkdschi; er ging beruhigt fort. Aber als er nach einigen Tagen wiederkehrte, um die fortschreitende Arbeit in Augenschein zu nehmen, verfinsterte sich sein Angesicht, und er sprach:

»Ich sehe Gestalten, die mir nicht gefallen und auch keinem anderen gefallen werden! Und ich sehe den Untergrund gefüllt mit Sprüchen der Weisheit, der Liebe und Barmherzigkeit, die das Auge des Beschauers stören. Ich bitte dich, ja nicht in dieser Weise fortzufahren!«

Da schaute ihn der Weber ernst an, schüttelte verwundert seinen Kopf und erwiderte:

»Ich habe dich für einen Kenner meiner Kunst gehalten und geglaubt, daß du Vertrauen zu mir hegest. Sollte ich mich geirrt haben? Willst du ein Werk von mir, so störe sein Entstehen nicht, sondern warte mit deinem Urteil, bis es fertig ist. Kannst du das aber nicht, so gehe in den Basar, wo man mit Schmerzen auf die Käufer wartet und heute verschachert, was morgen schon zerrissen wird.«

Der Kürkdschi entfernte sich schweigend. Er war nicht mit Ijâr einverstanden, obgleich er ihm nichts entgegnen konnte. Aber als er zum drittenmal kam und seinen Blick auf den nun halbfertigen Teppich fallen ließ, rief er aus:

»Maschallah! Was sehen meine Augen! Du füllst trotz meines Wunsches den Untergrund noch immerfort mit unwillkommenen Worten, und die Gestalten, die auf ihm entstanden sind, werden das Mißfallen jedes wahren Gläubigen erregen! Kürze das Werk und füge schnell den Rand hinzu! Da ich es bestellt habe, werde ich es behalten, obgleich es mir nicht gefällt. Zwar wird der Teppich nun kürzer, als ich dachte, aber auf dem Basar sind genug andere zu haben, die ich für Masak, den Kutubi, hinzufügen kann, damit er befriedigt werden möge.«

Da erhob sich Ijâr von seiner Arbeit, lächelte wehmütig und sprach:

»So hast du also auch mir nur Ware des Basars zugemutet, und mich für einen Sohn gewöhnlichen Geschmacks gehalten! Wäre ich das, so säße ich bei den anderen auf der Ladenbank und müßte mich wie sie um die Käufer heiser schreien. Aber ich webe nach Gedanken, die nicht zu kürzen sind, und wenn ich fertig bin, so haben diese Gedanken eine Tat vollbracht. Gehe getrost hin und kaufe da, wo du nun kaufen willst! Du brauchst meine Arbeit nicht zu behalten und nicht zu bezahlen. Nicht mein Geschäft, sondern Allah sorgt für mich!«

Yussuf el Kürkdschi entfernte sich zögernd, begleitet von der Ahnung, daß er töricht gehandelt habe. Ijâr aber sandte den Teppich, als er ihn vollendet hatte, an El Akil, den weisesten der Kalifen.

Dieser ließ ihn vor seinem Thron ausbreiten, rief die Großen seines Reiches zusammen und sprach, als sie vor dem Teppich standen:

»Betet die heilige Fatha, und laßt euch dann auf dieses Gewebe nieder! Es wurde mir gesagt, daß es ein Teppich der Beratung sei. Ich will ihn prüfen.«

Da trat der Großwesir hervor und sagte:

»Wolltest du nicht die heilige Fahne des Propheten entfalten, um die Lehren des Islams auf den Spitzen unserer Schwerter hinaus in alle Welt zu tragen? Laß uns beraten, ob es der Wille Allahs ist!«

»Es sei euch gewährt«, antwortete der Kalif, »kniet auf den Rand des Teppichs, um zu beten!«

Sie gehorchten alle. Der Teppich war von grauer Farbe und nichts, kein Spruch, kein Bild auf ihm zu sehen. Aber kaum sprachen sie dem Vorbeter die ersten Worts der Fatha nach, so begann er sich zu beleben. Der Spiegel des Gewebes füllte sich mit Dunkel, auf dem, goldig glänzend, Spruch um Spruch in der Reihenfolge erschien, in der vom Ijâr gewebt worden war. Die grüne, wehende Fahne des Propheten wuchs hervor, und um sie scharten sich alle die Gestalten, die Yussuf el Kürkdschi nicht gefallen hatten: heulende und tanzende Derwische, Softas, Ulemas, Missionare, stürzende Säulen, Tempelmänner. Das alles kam und stand deutlich vor den Augen der Betenden, bis sie die letzten Worte der Fatha sprachen:

»Und führe uns nicht den Weg der Irrenden!«

Kaum waren diese Worte gesprochen, so begannen sich die Gestalten zu verwandeln, und zwar waren es gerade so viel, wie es Beter gab, und jeder von diesen hatte sein eigenes Bild gerade vor sich stehen, ihm ähnlich, zum Erstaunen ähnlich, aber doch das Zerrbild seines eigenen Glaubens.

Da sprang der Vorbeter erschrocken auf und rief voller Entsetzen:

»Nein, nein, das bin ich nicht! O Allah, gib, daß ich ein anderer bin!«

Da stieg El Akil, der Kalif, von seinem Thron herab, stellte sich auf die Mitte des Teppichs und sprach:

»Ihr seid es alle, wie ihr euch hier seht. Es zeigt der Teppich euch die Züge eures Glaubens. Habt nun wohl acht, was jetzt geschehen wird!«

Sie sahen zu ihm auf, voller Erwartung, was nun geschehen werde. Sein Gesicht verwandelte sich; seine Gestalt wurde eine ändere; nicht mehr der Kalif, sondern Ijâr, der Weber, stand auf seinem Teppich. Er erhob gebieterisch seine Hand und sprach:

»Tretet zurück; ihr habt genug gesehen! Wenn dieser Teppich euch ein besseres Bild von eurem Glauben zeigt, dann ist es euch erlaubt, die Fahne des Propheten zu entfalten. Ihr seht jetzt meinen Geist, der hier bei seinem Werke lebt. Ich lege es in Allahs Tempel nieder. Geht hin, sooft ihr euch beraten wollt! Mein Geist wird doch euch stets die Wahrheit sagen!«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so war er wieder verschwunden und mit ihm der Teppich vor ihren erstaunten Augen. Am anderen Tag aber verbreitete sich das Gerücht, daß in der Moschee zu Meschhed Hossein ein großer, grauer Teppich unter der Gebetsnische liege, den man von dort nicht entfernen könne. Er sei unsichtbar über Nacht gekommen, und niemand habe ihn gebracht; und alle Wächter der Moschee seien bereit, dies zu beschwören.

*

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.