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Kurze Texte über historische Persönlichkeiten

Stefan Zweig: Kurze Texte über historische Persönlichkeiten - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
authorStefan Zweig
titleKurze Texte über historische Persönlichkeiten
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Otto Weininger. Vorbeigehen an einem unauffälligen Menschen

1926

 

Von keiner der bedeutenden Gestalten unserer Generation sind weniger Begegnungen berichtet als von Otto Weininger, der mit 24 Jahren, knapp vor dem Anbruch seines Ruhms, sich mit einer Revolverkugel den Schädel zerschmetterte.

Oft hatte ich diesen hageren, unsicheren, häßlichen, gedrückten Studenten im Kolleg gesehen, wußte, daß er Weininger hieß, kannte ebenso vom Namen her die anderen an seinem Kaffeehaustisch, Oskar Ewald, Emil Lucka, Arthur Gerber, Hermann Swoboda, wie sie mich kannten, der ich damals schon mit zwei Büchern ihnen vorausgeschossen war. Aber zur Bindung fehlte eine einzige dumme Kleinigkeit – wir waren einander nicht »vorgestellt«; und obwohl unsere Kreise, der dichterische wie der philosophische, sich heimlich sehr füreinander interessierten, obwohl Botschaft und Gespräch zwischen uns Zwanzigjährigen neugierig spazieren wanderte, kam es doch niemals oder lange nicht zu einer offiziellen »Vorstellung«.

Schließlich, ich muß es gestehen, auch meinerseits unternahm ich nie einen ernstlichen Versuch, mit ihm bekannt zu werden. Weininger, der Name sagte damals nichts, und sein Gesicht war weniger als anziehend. Er sah immer aus wie nach einer dreißigstündigen Eisenbahnfahrt, schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend, und der Mund unter dem dünnen Schnurrbärtchen quälte sich irgendwie schief herab. Seine Augen (erzählten mir später die Freunde) sollen schön gewesen sein: ich habe sie nie gesehen, denn er blickte immer an einem vorbei (auch als ich ihn sprach, fühlte ich sie keine Sekunde lang mir zugewandt): all dies verstand ich erst später aus dem gereizten Minderwertigkeitsempfinden, dem russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten. Nochmals: ich wußte nicht, was mich an dem Kollegen Weininger, damals im siebenten Semester, hätte interessieren sollen.

Da verbreitete sich plötzlich Ende 1902 in unseren Kreisen das Gerücht, ein Student unserer engeren Wissenschaft habe Professor Jodl eine Dissertation vorgelegt, die dieser erstaunt und erschreckt als genial bezeichnet habe. Sie sei Teil eines grundlegenden, ganz neuartigen Werkes, dem Professor Jodl jetzt einen Verleger suche, der Verfasser Otto Weininger. Weininger? – unwillkürlich betrachtete ich ihn nun mit anderem, eindringlicherem Blick (den er wohl spüren mußte); aber das Gefühl des Unheimlichen wollte nicht weichen vor diesen scheuen, in sich verkrochenen Augen, vor diesem bittern Mund, vor dieser – ich sage es aufrichtig – unangenehmen physischen Struktur. Auf einen solchen verbogenen, in sich geduckten Menschen konnte man auch als Kollege nicht zugehen, ihn kordial ansprechen, das spürte ich sofort. So blieb die Neugier latent.

Eines Nachmittags nun kam ich in den kleinen Lesesaal der Universität, bestellte mir ein Buch und setzte mich an den einzig freien Platz. Neben mir rückte jemand höflich zur Seite, ich sah unwillkürlich hin: Weininger! Vor ihm lag ein Stoß Korrekturen – die Fahnen zu »Geschlecht und Charakter«, wie ich später feststellen konnte. Unsere Ärmel streiften sich einander; wenn wir aufschauten, merkte ich, daß wir einander beobachteten und daß dies Nebeneinandersein und Sichkennen und Sichnichtkennen jeden von uns irritierte. Ein selbstverständliches kollegiales Wort hätte diese Spannung sofort gelöst, aber (manche werden das aus eigenem Erleben wissen) es gibt Menschen, denen die Scheu vor der Mißdeutung zu tief im Blute steckt, als daß sie die gerade, die Walt-Whitmansche Brudergeste als Sympathie jemals leibhaft werden lassen könnten. So saßen wir gewaltsam fremd nebeneinander: Ich sah eine zarte, merkwürdig weibische Hand Korrekturen einzeichnen, aber bald stand er auf und – grüßte zu meiner eigenen Überraschung. Der erste Schritt war getan.

Und seltsam: drei Tage später stand ich mit einem Kollegen zusammen; Weininger kam vorbei, mein Kollege sprach ihn an. Und plötzlich, unser reserviertes Gegenüberstehen bemerkend, fragte er erstaunt: »Ja, kennt Ihr Euch denn nicht?« Wir sagten nicht Ja und nicht Nein, stellten uns nicht mit Namen vor (es wäre lächerlich gewesen) und reichten einander die Hände. Und nun will ich ganz aufrichtig sein: ich habe selten mit einem Menschen ein kälteres, unpersönlicheres Verlegenheitsgespräch geführt als damals mit Weininger. Ich fragte ihn, der schon promoviert hatte, nach der Art der Prüfung, er riet mir sachlich, sachlich, wie man sich zu verhalten habe: man müsse den geschwätzigen Professor Müllner selbst zum Reden locken und bei Professor Jodl alles Idealistische stark betonen...

Daß diese erste, eigentlich negative Begegnung zugleich die letzte blieb, war Weiningers tragische Schuld. In jenem Juni 1903 erschien sein Buch, dann fielen die Sommerferien ein, im September erst kam ich von Italien zurück. Niemand hatte dies großartige, grundlegende Werk bishin bemerkt, einzig in unseren engsten Kreisen begann es eben Erregung zu bewirken. Ich las es noch im September, wir Freunde diskutierten darüber erbittert eine ganze Nacht, und ich freute mich schon, bei der nächsten Begegnung ihn nun wissender, persönlicher ansprechen zu können. Aber es kam anders: Am 5. Oktober stand schon in der Zeitung, ein junger Privatgelehrter Otto Weininger habe sich in seiner Wohnung, in Beethovens Sterbehaus, erschossen.

Unser wirkliches Begegnen war versäumt. Doch von wenigen Menschen habe ich so deutlich sinnliche Erinnerung wie von dieser tragischen, nah an mir vorbeigegangenen Gestalt.

Ich erzähle absichtlich diese scheinbar unbedeutende Begegnung mit äußerster, kalter Wahrhaftigkeit und ohne jede Ausschmückung, obgleich ich dieser Art eingestehe, einem so bedeutenden Menschen räumlich und zeitlich nahe gewesen zu sein, ohne ihn innerlich geahnt oder erreicht zu haben. Aber mir erscheint es wichtiger, dem unheilbar an das romantische Ideal der pittoresken Erscheinung verschworenen Publikum wieder einmal unbarmherzig zu exemplifizieren, daß fast niemals das wahrhaft Geniale eines Menschen in Antlitz und Wesensart seiner Umgebung kenntlich wird, sondern daß, gleichsam gesetzmäßig, die Natur ihre merkwürdigsten Formen in Geheimnis hüllt. Nur geistig, nicht bildnerisch-plastisch, tritt das Schöpferische in die Welt: nur vom Geiste aus läßt sich's ahnen und ertasten.

Immer noch wie in mythischen Zeiten ist Unkenntlichkeit der Göttlichen liebstes Gewand und Verkleidung auf Erden.

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