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Kurze Prosastücke

Gustav Sack: Kurze Prosastücke - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Sack
titleKurze Prosastücke
booktitleProsa - Briefe - Verse
publisherAlbert Langen Georg Müller
editorDieter Hoffmann
year1962
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141019
projectidaaeeb89e
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Der Rubin

Um die Zeit, in der an der Küste die Linden blühen, saß der Einjährig-Freiwillige Wiekannmannur rittlings auf der Mauer, die das Kasernement umschloß. Denn außer dem dreitägigen Arrest und der Degradierung zum Gefreiten bestand seine Strafe, die er sich wegen einer handgreiflichen Äußerung moralischer Dekadenz zugezogen hatte, in der Einkasernierung. Darum mußte er sich allnächtlich aus der Stube, in der er mit den Leuten seiner Korporalschaft schlief, herausstehlen, mußte sich sachte über den Flur und die hallenden Treppen und durch die lauernden Schatten des Kasernenhofes schleichen und dann sich über die Mauer ins Freie schwingen. Dort erwartete ihn die blonde Madelon, mit der er eilig in seiner Wohnung verschwand.

Knarrend zog die alte Uhr Luft in ihre rostigen Lungen und rief zwölf rasselnde Schläge in die Nacht, und hart und dumpf tapsten die nägelbeschlagenen Stiefel der patrouillierenden Posten auf dem Pflaster oder glitten langsam und tückisch über den knirschenden Kies. Ringsum aber breitete sich in weißen Lachen und Seen der Nebel, aus dem gleich wulstigen Echsenköpfen die Wipfel der Ulmen und Linden ragten und die Lichter einer Bahn wie rote Kakerlakenaugen glotzten; und mitten aus der sternleeren Nacht hing der Mond wie eine blankgescheuerte Messingampel herab. Eine Handvoll verlorener Klänge kam durch die Luft und flatterte träumerisch zwischen den rotbraunen Gebäuden und versank gerade wimmernd in den traurigen Nebeln.

»Halt!«

Mit einem brutalen Griff packte ihn eine rote, haarige Faust am Fuß und zog ihn herab. Aber fluchend riß er sich hoch, trat dem Kerl mit Wut ins Gesicht, daß er zurücktaumelte und Helm und Gewehr auf die Erde kollerten, und schwang sich herab.

»O Madelon!«

In dichten Wolken quoll aus den Lindenblüten der Duft in das Zimmer, von dessen Decke braune Schattenfransen in das rote Licht herabhingen, das da zwischen den vier Wänden lag wie ein riesiger Rubin. Und willst du den Rubin gelten lassen, so wirst du die zitternd graue Rauchwolke, die aus einer bläulichen Aschenschale hochstieg, sich schirmartig verbreitete und in phantastischen Akanthuskapitälen und krausen Arabesken sich auflöste, als einen vertikalen Riß oder eine Trübung des Steines ansprechen dürfen. Und nicht mehr als Trübung, sondern als das innerste Geheimnis, als das Herz des Edelsteines wirst du die Karaffe öligen Weins bezeichnen müssen, in der es zuweilen in einem tiefen Purpur aufleuchtete, als sei es eben das pulsierende Herz des roten Rubins. Aber eine hohe weiße Flamme, den brennenden, sehnsüchtigen Geist des Steins, muß ich Madelon nennen, als sie in unbekümmerter Nacktheit an das Lager trat, auf das sich ihr Geliebter hingeworfen hatte.

»Willst du dich nicht ausziehen?«

»Nein, denn du siehst weißer und seidener aus neben dem stumpfen Blau und dem knalligen Rot und den grellblanken Knöpfen dieses – ach, dieses Ehrenrockes! O Madelon!«

Dann zog er sie an sich und bat sie, sich rittlings auf seine Brust zu setzen. Darauf faßte er ihre Hände und suchte ihre Augen und versenkte sich in ihrer strahlenden Bläue wie in ein immer grundloseres Meer.

»Hast du gesehen, wie draußen der Mond in der sternleeren Nacht hing, wie eine einsam leuchtende Ampel, wie ein vergessenes Licht? So hänge auch ich in meiner Welt, ratlos und einsam in ihrer unbeschreiblichen Sinnlosigkeit und ihrer ewigen Brutalität. Ich habe dieser Welt nicht fluchen können, ich bin viel zu klug zum Fluch; denn ich weiß, mein Fluch wäre bedingt und bejahte irgendein Gespenst, ein fernes, irrlichterndes Ideal. Ich baue mir auch nicht auf diesem Fundament und trotz diesem Fundament von Sinnlosigkeit und Brutalität ein hohes helles Haus; ich bin viel zu schwach zu diesem ›Trotz‹, und mein Wille zergeht in dem Licht meiner Augen. Ich gehe abseits und vergesse die Welt im Rausch, in dem rigorosen Wegsehen von allem und dem inbrünstigen Untertauchen in deiner roten Liebe und deinem seidenen Leib.

Du schöne gischtende Welle, die der Sturm da draußen ins Leben rief und brausend weitertreibt und sie nicht ruhen heißt, bis sie den Felsen, den sie umschäumt und umstrudelt und umkost Tag und Nacht, in ihre weichen Arme sinken sieht.

Ist es nicht wie in einer Kirche, in deren dämmernden Bögen und Nischen sich Weihrauchwolken und Orgeltöne verfangen? Willst du nicht trinken? Sieh, der Wein ist so rot, rot wie die Knäufe deiner stolzen Brüste.

O Madelon, in deiner Liebe liegt für mich die Möglichkeit, die Welt anzuschauen als ein Gemälde, an dessen Buntheit und Farbenreichtum ich mich erfreue, ohne nach dem Zweck, dem Schöpfer und der Zusammensetzung der Farben zu fragen. Du süße Aster, du roter Wein und seidener Leib, o du gischtende Welle, du letztes verlorenes Glück und veilchenblaues Lächeln im Winkel – du – mein Gott!«

Da rieselte es über ihren Leib, und sie sank über ihn so, daß sein Kopf zwischen ihren Brüsten zu liegen kam.

Als der Einjährig-Freiwillige Wiekannmannur am nächsten Tage vom Feldwebel aus dem Bett geholt wurde und erfuhr, daß er mit zehntägigem Arrest und Verlust der Schnüre bestraft werden würde, nahm ihn einer seiner Kameraden beiseite: »Ich verstehe Sie nicht! Ein Mädchen, das Sie notorisch betrügt! Ich habe noch heute morgen gesehen, wie sie von Ihnen drei Häuser weiter zu einem andern auf die Bude stieg. Und da Sie auch des Nachts erst um zwölf zu Ihnen kommt, nicht wahr? und Sie nicht wissen können –.«

Da ging der Einjährig-Freiwillige Wiekannmannur auf seine Wohnung, entkleidete sich gemächlich und legte sich in die Kissen, die noch die Wärme ihres Körpers trugen. Dort wartete er, bis die Patrouille kam, die ihn abholen wollte, und in dem Augenblick, da sie die Tür aufrissen, schoß er sich die Kugel in den Mund.

»Wirst du nun zugeben, daß du mit ihm verkehrt hast? Wirst du?«

Und da sie schwieg und sich nur wimmernd vor ihm krümmte, fuhr wiederum die Peitsche klatschend über ihren Rücken.

»Es ist ein Skandal! Sich wegen so einer Dirne zu erschießen! Gib es wenigstens zu! Hörst du?«

Und da sie immer noch schwieg und sich nur wimmernd vor ihm krümmte, fuhr wiederum die Hundepeitsche klatschend ein-, zwei-, dreimal über ihren entblößten Rücken. Dann ließ er ihre Hand los, daß die vor ihm Kniende zusammenbrach und mit der Stirn auf die Stuhlkante schlug; und so blieb sie liegen.

Er aber lief schnaufend in dem Zimmer umher, in dem eine saure Bier- und Tabaksatmosphäre brütete, fuchtelte mit der Peitsche und warf sie schließlich mit einem »Du Aas!« auf den striemenbedeckten Rücken der blonden Madelon. Dann trat er an das Fenster, öffnete es und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Da flog zitternd die Nachtluft herein und streichelte Madelons zerwühltes Haar und hielt vor ihre schluchzenden Augen das Bild von dem dunklen Rubin und seinem purpurnen Herzen.

Als aber dieser Musensohn ihren Hauch auf seiner zerhauenen Stirn fühlte, riß er einen Mensursäbel von der Wand und warf sich in Fechterpositur und begann mit dröhnenden Quarten das Ofenrohr zu bearbeiten.

Da verlor Madelon den roten Rubin und vergaß zu weinen und fing an, leise in sich zu lächeln, und als der Unermüdliche den Säbel polternd in die Ecke warf, einen Kasten Flaschenbier an das Sofa zog und zu trinken begann, ließ sie ihre Augen leuchten und wartete nur auf das »Na, Kind, wir wollen uns wieder vertragen«. Und wie es endlich kam, rutschte sie auf den Knien zu ihm und umfaßte mit ihren Armen seinen trunkenen Leib.

Dann zog sie ihm Stiefel und Strümpfe aus und drückte ihre Lippen auf seinen Fuß.

Am nächsten Morgen um neun lag die Sonnenglut auf der Straße wie ein böses weißes Tier, das mit seinen gläsernen Tatzen und seinem stickenden Atem jeden ansprang, der aus der nächtigen Kühle der Wohnungen trat; dann preßte es ihm die Lungen zurück, griff beißend und brennend in seine Augen und hängte sich ihm schwer wie Blei an die Füße. Und je höher die Sonne stieg, desto größer wurde das Tier und desto weißer seine gläserne Haut; desto höher kletterte es an den Häusermauern hoch und stieg durch die Fenster und wälzte sich in die Zimmer, faul und schwer und schwül. Am wohlsten aber fühlte es sich und blähte sich vor Vergnügen in dem Zimmer, in dem neben dem zerbeulten Ofenrohr und den geleerten Bierflaschen der schartige Säbel an der Erde lag. Da sog es in tiefen Zügen den Schweiß- und Bierdunst ein, erwärmte ihn glühend in seiner Brust und hauchte ihn mit einem teuflischen Grinsen über die beiden Schlafenden wieder aus.

Davon erwachte Madelon. Und da sie den hellen Tag und das weiße Sonnentier sah, wandte sie sich um und weckte ihren Geliebten und ließ über sein rotgedunsenes Gesicht, seinen halbgeöffneten Mund, aus dem der sauersüße Alkoholschwaden stieg, und seine verschleimten Augen die ihren in ihrer blauesten Zärtlichkeit streifen. Dann preßte sie sich an seinen warmfeuchten Leib und fühlte, wie plötzlich ein klebriger Schweiß aus allen seinen Poren quoll.

»O Liebling, nun bist du nicht mehr böse.«

Da hallten ein, zwei, drei Salven durch den Morgen.

»Nun haben sie ihn begraben.«

Aber sie schüttelte mit lächelndem Unwillen ihr Haar, ein Sturm süßer Zärtlichkeit flog über ihr feines Gesicht, und während sie den behaglich Grunzenden fiebernd umklammerte, flüsterte sie in seine roten Eselsohren: »Warum habe ich dich nur so lieb?«

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