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Kurze Prosa

Gerrit Engelke: Kurze Prosa - Kapitel 1
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authorGerrit Engelke
titleKurze Prosa
publisherBüchergilde Gutenberg
editorHermann Blome
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Tagebuchnotizen

1912

Wagners Musik: eine Musik mit umgebogenen Spitzen.

Die George-Schule: eine Kunstgewerbeschule.

Rembrandt: das ist ganz Inhalt gewordene Form.

Richard Strauß ist glänzendes Ende, nicht Anfang.

Richard Strauß: man ist immer mehr in die Farbentöpfe gestiegen und immer weniger in den tiefsten Resonanzkasten der Seele.

Schiller: ein deutscher Grieche, getauft mit Revolutionsblut.

Rodin: das ist ein verkleinerter, impressionistischer, französischer, d.h. etwas femininer – Michelangelo.

Beethoven: der Maler der Seele.

Beethoven: ein Wille, der alle Schranken bricht.

Beethoven – das ist: welterschütternd dröhnende Sehnsucht. Das Volk soll zur Kunst hinauferzogen, nicht die Kunst zum Volke hinabgezogen werden.

Der aus der Landschaft hervorgehende Mensch –

Stil ist gesteigertes Nervengefühl.

Rhythmus ist Blutgefühl.

 

1913

Immer in der modernen Kunst, Literatur: das Geschlechtsteil als Mittelpunkt des künstlerischen Körpers. Nicht so – das Herz ist der Mittelpunkt! Das Herz mit seiner Hauptbeziehung zum Hirn, und mit der anderen Beziehung zum Geschlecht.

Dem Geschlecht, der Liebe ihr Recht: darüber aber das Herzhirn! Der Künstler sei nicht allein Spiegel der Dinge – er sei ein höheres:

Quelle! das heißt: Persönlichkeit, starke Persönlichkeit von innen nach außen, und Welt-Erde-Graber und Berghäufer. Es soll kein Mensch an einem Kunstwerk ändern: streichen oder bessern, allein nur der Schöpfer! Es sei sonst, wie es sei. (Wagners, H. v. Bülows, Mahlers Änderungen an Beethoven und anderes.) Es soll kein Mensch in einem Kunstwerk nach des Künstlers Unterkleidung suchen! Es ist ein anderes und hat nichts mit dem Werk gemein.

Aus unserer Malerei wird vor dem Gericht der Zeit nur Hodler bestehen. (Der Mann hat Rhythmus im Leibe!)

Um eine Antwort zu geben auf die wiederkehrende »Was ist das?-Frage« des Beschauers meiner Gefühlszeichnungen: – »Unbewußte Musik!«

Der christliche Dichter braucht nur Begriffsworte wie: Gott, Maria, Himmel, selig – usw. zu setzen, so erweckt er bei dem christlichen Leser schon erhabene, wesenserfüllte Vorstellungen. Aber nicht seine eigenen, einfachen Meinungsworte, sondern neunzehn christliche Jahrhunderte begründen diese Wirkung.

Anders der pantheistische Dichter.

Sein Glaube ist eigentlich ein immer neues Gebiet, und er war dieses wohl auch in den wenigen pantheistischen Erscheinungen der alten Zeiten.

Er setzt bei dem Leser keinen Vorstellungsgipfel voraus, sein Glaube lebt und wirkt in die Breite.

Hat der christliche Dichter am Ende die gotische Domspitze erreicht, so ist zu gleicher Verhältniszeit der pantheistische Dichter in Nichts und Alles zerflossen.

I. Das, was ich als einen Fehler Dantes in der Göttlichen Komödie zu erkennen glaubte: daß er den Schluß des Epos' noch in der Vergangenheit erzählt! Während er am höchsten Punkte (Gott) angekommen ist und somit überhaupt am Ende steht, steht er doch noch hinter diesem Ende und kann niemals zu einem letzten Ende kommen – eben bedingt durch die Vergangenheitsform. Also im Epos etwa: Vergangenheit und Gegenwart! Die Hauptperson vielleicht in der Mitte stehend, und von da aus (in der Gegenwartsform) weiterschreitend (mein Epos!).

II. Und doch: hat Dante nicht das Recht zu dieser Form, mußte er nicht so sprechen? Denn: er erlebt diese Komödie nur im Geiste, als ein geistiges Erlebnis in soundsoviel Tagen – dann kehrt doch der Mund, der gesprochen, in das tägliche Leben zurück! Dann kehrt der Mensch, der diese geistige Reise beendet hat, in das wirkliche Leben zurück! Er muß also hinter dem Ende der Komödie stehen, er mußte die Vergangenheitsform setzen.

III. Beide Meinungen haben wohl die gleiche Berechtigung, gleichen Wert. Da die zweite (die Vergangenheitsform) jedoch die anschaulichere, die wirkendere ist, ist sie die bessere, die angebrachtere.

Leidenschaft ist innerer Rhythmus.

Erkenntnis (Eindringung) ist Alles!

Schillers Gedichte: Ein Darstellen (weniger: Gestalten) von seinem Kopf, von seinem Willen aus – kein Eindringen in die Dinge, kein »Für-die-Dinge-reden«.

 

Arno Holz: »Die Kunst hat die Tendenz, die Natur zu sein; sie wird sie nach Maßgabe ihrer Mittel und deren Handhabung.«

... Die Kunst hat nicht die Tendenz, unvollkommene Natur (dieses könnte sie nach Maßgabe ihrer Mittel nur werden) zu sein!

Kunst ist: Das Eindringen (Erkenntnis des innersten Wesens) in die Dinge, Herausschöpfen des unbedingt Wesentlichen – und die Gestaltung (nach Absonderung der übrigen Fülle, da die Kunst nach Maßgabe ihrer Mittel nicht die ganze vollkommene, vielfältige Natur geben kann) durch die Persönlichkeit, durch den Filter der Persönlichkeit zur begrifflichen Form.

Also: nicht Wiedergabe (Photographie) sondern Umschaffung – ja, Schöpfung eines ganz Neuen.

 

Zu den Versuchen einiger, das Tragische mit dem Komischen zu verschmelzen:

Es ist ein ewiger Widerspruch zwischen dem Komischen und dem Tragischen, der in dem Wesen der beiden Begriffe begründet ist.

Das Tragische und das Komische sind Gegensätze! In dem ganzen weltlichen Geschehen sind Gegensätze, vor allem diese beiden: Freude und Trauer – Und doch Pantheismus? Ja und ja! im ersten Grunde und in letzter Höhe, in dem, was außer unserem weltlichen, begrifflichen Geschehen ist: ist alles gleich!

Und was ist ein Drama? Doch nur ein winzig Stück Menschengeschichte gegenüber den größten kosmischen Zusammenhängen, die wir Menschen nur ahnen, nicht erfassen können.

Es ist dem Menschen unmöglich, zu tun, was nur der Gott-Geist vermag: Ungleiches zu Gleichem zu zwingen.

 

Hebbel. – Wollen wir nicht lieber Lichthöhen als dunkle Tiefen? Hebbel war ein Tiefbohrer, kein Turmbauer, (keiner, der aus Weltstoff seinen Turm baut und von ihm aus seinen kosmischen Gefühls-, Gesichtskreis weithinausrundet) – darin liegt die Beschränkung seiner Größe.

Hierin liegt des Tragikers Wert, des – Auswirkens-auf-die-Menschen überhaupt.

Wollen wir nicht lieber helle freie Turmfreude, als engen dunklen Schacht-Ernst? Der Tragiker – die Beschränkung, der große Lichtdichter aber die Weltweite!

Große Persönlichkeit, das ist – quellstarke, durch den Träger selbst ungehemmte Kraft, die sich den Menschen aufzwingt.

Auf den Grabsteinen immer: »Hier ruht in Gott« – welche Anmaßung der Zurückgebliebenen! Ihre Trauer gibt ihnen den Mut, soll ihnen das Recht zu dieser doch meist falschen Behauptung geben.

Rhythmus ist Leben – Leben ist Gott.

Um Wagners Musik genießen und würdigen zu können, ist es nötig, daß man den Menschen Wagner von dem Werk trennt.

Es ist so: die zeitlichen, die zeitgebundenen Gedichte sind voll rauschenden Lebens; die zeitlosen, die ewigen Gedichte, das sind die negativen: Wir kommen – Wir gehen, – Wir wissen nichts! – Das ist ihr Klang.

Ich glaube daß es gar keine Entwicklung des inneren Wesens der Kunst gibt, – sondern daß alle Kunstäußerungen, (sichtbar in den Gesamtwerken der einzelnen Künstler), nur immer wieder von neuem, gliedgleich vorgetriebene Sichtbarmachungen von einem Zentrum, dem Urgrund aller Kunst sind.

Entwicklungen, wie etwa: Bach, Beethoven, Wagner, Strauß, sind nur durch die Zeiten bedingte Formveränderungen. Die Formen wechseln, das Wesen ist unveränderlich, ewig.

Ich glaube, daß es keinen guten Künstler gibt, der nicht, nach irgendeiner Richtung hin, mehr oder weniger musikalisch ist. Ein vollständig unmusikalischer Künstler kann keiner von den ganz echten sein, keiner, dem goldenes Blut strömt.

Muß nicht ein großer, guter Architekt nach Beethovenschen Sinfonien Häuser bauen können? –

Der Rhythmus, der Rhythmus!

Alles Geschehen in der Welt – Variationen eines göttlichen Themas.

Widersprüche im Dichter: (die die Rezensenten ihm gern vorhalten!) – Im Dichter schläft das Chaos.

Musikfarbe: Beethoven: tiefer, satter Blutgoldton. Grieg: der Silberton, der Silberluftton. Bach: das ist die All-Orgel.

In folgender Dreiteilung könnte vielleicht ein Kapitel über mich geschrieben werden, (man kennt sich selbst am besten):

I. Der Weltmensch, (Stadt- und Weltgedichte).
II. Der Künstler, (Einfache Gedichte und Lieder).
III. Der Fantast, (Kosmische Gedichte).

Jede Verfeinerung der Kunst ist eine Gefahr für diese. In unserer Zeit ist bis jetzt im allgemeinen nur eine Schärfung der Mittel erreicht. Das ist die Gefahr. Sie muß durch eine neue Ursprünglichkeit beseitigt werden.

Aus Verdauung unseres Kulturreichtums soll die neue Ursprünglichkeit erstehen. Ursprünglichkeit ohne voraufgehende Kulturüberwindung ist Primitivität. So aber wird es reiche Einfachheit werden.

Kunst dem Leben gegenüber:

Letzten Grundes entspringt die Kunst doch einer gewissen Dekadenz. Die Kunst der Kulturvölker (Europäer, Inder, Japaner) entsteht aus einer Kulturhochspannung, die bis zum Kulturekel umschlägt.

Verfeinerung (Kultur) ist Zersetzung. Ist Kunst dem naturkräftigen Leben gegenüber etwas anderes als Dekadenz? –

 

1914

Leben und Denken: Chaos.

Es gibt keine absolute Einheit in Welt und All. Überall Gegenlinien, Gegenbewegungen, immer neue und wieder neue: Leben!

Die großen Denker sind doch nur Seiler, die einige große Stränge zusammenflechten. Auch sie sind nur Menschen: Daseinspunkte im Chaos umhergewirbelt, wie alle anderen, und nur scheinbar Hirn-Herrscher.

Man könnte sich einen Gott denken, der alles in den Händen hält. – Gott allein ist die Einheit.

Jede Ruhe ist Stillstand: der geringe Wert der »stillen Dichter« und der »Stillen im Lande« für fortschreitendes Leben und Kunst!

 

Blick auf das Vergangene, Wirkung des Vergangenen: Alles Vergangene erscheint uns geschlossener, bedeutender, ausdrucksvoller als unsere augenblickliche Umwelt. Wir leben mit in unserer Zeit. Wir treiben in Strömungen, so daß wir nur, wenn wir uns in Ruhepausen aus ihnen erheben, das Vergangene wie ein Meer mit vielen Inseln, wie Welten übersehen können.

Hieraus resultiert auch die künstlerische Formung des Vergangenen aus der Erinnerung. Erst die Erinnerung ist dem Künstler (in größtem Maße dem Dichter und dem Denker) die Befreiung vom Erleben – das ist die erste Treppe zum Aufstieg der Übersicht. Dann kommt die Gestaltung in Reife. (Hierzu: die starke Wirkung der Dichtungen [Epen], die in der Vergangenheitsform auftreten!).

 

Kunst aus Kunst (man wird wissen, was ich meine):

Kunst aus Kunst ist Inzucht! (wenn nicht gar mitunter Inzest) – lebensunkräftige Kinder werden geboren.

Das Weltleben soll immer der Mutterkuchen des werdenden herrlichen Kindes »Kunst« sein.

Keine Zeit kann sich vom Materiellen frei machen. Darum wollen wir nicht: Überwindung des Materialismus, sondern: Durchgeistigung desselben. Solches ist uns bitter not. Ein Freund sagt mir: »Du wiederholst dich in deinen Gedichten.« (Im Anschauen der Welt, kann er nur meinen.) Ich: »Schließlich gibt es ja auch nur ein Thema. Alle Milliarden von bunten und wirbelnden Erscheinungen des Daseins sind nur Variationen des einen Themas vom Leben, vom Lebensrhythmus!«

 

Warum solch ein Geschrei um die Futuristen und Kubisten? – Sie geben doch nur unvollkommene Kunst, glänzende Einseitigkeit. Sie geben chaotischen Inhalt ohne zusammenzwingende Form. Gewiß ist der umschließende Bogen der Form in allen Künsten weiter gespannt vor der wachsenden Fülle der Zeitereignisse; hier aber ist er überhaupt nicht da – und er muß immer da sein. Die Form kann eben gar nicht da sein, da die Futuristen und Kubisten (die Formgrenzen ihrer Kunst verkennend) ganz unmögliche Gebiete wählen. Wirbelndes Leben, Bewegtheit kann nur (und nur in einigen Fällen) der Dichter (der vor dem bildenden Künstler über umfassendere, beweglichere Ausdrucksmittel verfügt) – oder der lautmalende Orchesterkomponist darstellen. Doch werden beide Darstellungsweisen immer unzulänglich sein.

Der bildende Künstler (im stärksten Maße natürlich der Plastiker) kann jeweils immer nur eine Erscheinung (ausnahmsweise wohl einige, wenn sie ganz in Ruhe verharren) aus dem Leben greifen und sie dann zum vollkommenen Kunstwerk (das ist: die vollständige, wechselseitige Durchdringung von Form und Inhalt) ausgestalten; nie aber Dutzende rastlos bewegter Erscheinungen.

Kandinskys »Improvisationen« können beim Beschauer nur Interesse für die raffinierten Farbenzusammenstellungen und (bestenfalls) rhythmo-musikalische Gefühle erwecken; sinkt im ersteren Falle für den Menschen mit einfachem Kunstverstand diese Kunst zur Dekoration herab, so wird sich im letzteren der »Einfühlende« des Eindrucks der kindisch-raffinierten Primitivität dieser »Klänge« nicht erwehren können. Es ist so, als wollte ein Dichter durch gehäufte Alliteration Musik machen, als wollte ein Orchester nur stumpfe Rhythmen ohne sinngebende Melodien darbieten –es ist Unzulänglichkeit (wenn auch glänzende). Es ist auch hier (im Futurismus und Kubismus), wie in manchen Gebieten der anderen Künste nur eine Schärfung der Ausdrucksmittel erreicht, die unter dem Drucke der Übertreibung, der neurasthenischen Überhitztheit, der falschen oder maßlosen Anwendung zur Zersplitterung, zur Auflösung dieser Kunstrichtung führen müssen.

Wir wollen Kunstwerke, die wie Blöcke sind. (Und dann noch: mir persönlich erscheint dieser ganze Futurkubismus als hirnberechnete, ungesunde Massensuggestion, die schon zu viele Gegenden und Köpfe verwirrt und verschlechtert hat.)

 

Ich denke bei Wagners Tristan (auch bei Teilen des Tannhäusers) daran, daß Aubrey Beardsley Wagners Musik liebte. – Das ist Wesensverwandtschaft. Beider Kunst ist morbide. – Ein germanischer Stoff ist im Haschischrausch zur blühenden Hysterie geworden. (Von hier ab datiert das Überhandnehmen der Kunstfertigkeit, die die Ursprünglichkeit erstickt.)

 

Zum Thema: Epigonische Gefolgschaft, die mehrere deutsche Schriftsteller und Dichter den nordischen leisten:

Eine gute Umdichtung einer fremden Poesie ins Deutsche steht hoch über einer philologischen Übersetzung; – es gibt aber Fälle, in denen man eine Übersetzung der »Umdichtung« vorzieht.

 

Wir konstruieren ganz erstaunliche Wunder der Technik: kilometerlange Brücken, wolkenhohe Häuser, Luftschiffe und andere rasendschnelle Beförderungsmittel – und denken nicht, daß wir nicht glücklicher dadurch werden, daß wir nur Hast und Angst in unser Leben tragen: daß wir nur schneller leben – und daß wir uns immer mehr vom Materiellen, von Stahl und Dampf und Elektrizität, daß wir uns immer mehr von den neuen Mitteln zu neuen Bedürfnissen, die wir unnötiger- und zweckloserweise uns schaffen, – knechten lassen! Wann werden die Kräfte, die jetzt nur für den äußeren Menschen angewandt werden, auf den inneren Menschen gerichtet?

Die Liebe kann das Idealste oder das Gemeinste sein. Jeder schafft sich selber den Grad des Wertes.

Baukunst: Romanisch – »materialgerechte« Architektur des praktischen Stilgeistes.

Gotisch: materialaufhebende, das Gesetz der Schwere durchbrechende Architektur der mystisch hochstrebenden Seele.

Unsere Zeit ist groß durch – Zersetzung. (Militarismus, Kriegsmaschinen, Industrie, Technik, die immer vollkommener werden und daher mit wachsendem Erfolg die meiste menschliche Arbeitstätigkeit in mechanisch-maschinelle Kompliziertheit auflösen.) Dichtung der Jungen, die sich in verstandesscharfer Zuspitzung der Ausdrücke gar nicht genug tun kann, (dadurch natürlich das letzte bißchen ursprünglichen Gefühlserlebnisses zu Draht macht), – und sich in immer neuen Abstraktionen selber zu übertrumpfen sucht. Malerei, die sich in Ölfarbe und deren mehr oder weniger raffinierten Verwendung erschöpft. Musik, die zu den tausend Nerven, mitunter gar nur zu den Trommelfellen spricht – statt zur Seele. Unser kluger Materialismus ist jetzt schon fast restlos »vollkommen«. Möge uns zer-...

[Zeile fehlt im Buch. Re]

... technisierte Menschen bald wieder ein panisches Grundgefühl beseelend durchdringen.

Nicht starres Schema, sondern gewachsene Form, lockere oder aufgelöste Form, wie man sagt – aber nicht lockere, nicht aufgelöste Formen.

Sonett, Stanzen usw. mit Worten aufzufüllen, dazu bedarf es keines besonderen Abwägungsgefühls beim Dichter, während die »lockeren« Formen ein stark entwickeltes Großrhythmus- und Feinrhythmusgefühl bedingen. Das ganze Gedicht und jedes einzelne Wort hat das Blutgefühl des neuen Dichters genau abzuwägen, ehe das Ganze als ausmodulierter Klang dasteht. Also keine willkürliche Formlosigkeit, sondern Mußform.

Dies starke Rhythmusgefühl des neuen Dichters konnte erst unsere starke Zeit erregen.

 

1915

Leben heißt: Erleide deine Welt!

Die Kunst hat den einzigen Zweck: den Menschen zu erheben. Sie tut dies gleicherweise durch Freude wie Schmerz. Sie hat immer nur den einen notwendigen Beruf: den Menschen in seinem heimlichsten Innern anzurühren.

Zur bildlichen Darstellung Marias und Jesus Christus: Während Maria fast immer durch die Würde der Mutterschaft als Verkörperung des urweiblichen Prinzips tief menschlich und darüberhinaus als Gottkindgebärerin göttlich ergreifend wirkt – bleibt Jesus, weil ihm entgegengesetzt das Symbolhaft-Männliche, also das Zeugungskräftige (im höchsten also auch geistigen Sinne verstanden) fehlt, und weil er kein Heros, sondern der große Dulder ist – für das westeuropäische Empfinden immer eine Verbildlichung des Unmännlichen und daher – nichtmenschlich.

Um wieviel mehr packt die kaum darstellbare Gestalt des Vaters, des ehernen alttestamentlichen Gottes! –

Jeder formt sich nach seinem Gefühl das Bild seines Gottes. Und so ist es recht.

 

Aus den Entwürfen zu Don Juan: Ganz aussprechen und hingeben kann man sich immer nur dem einen einzigen Herzen, das man immer sucht. Ist es nicht so, als sei es unser eigenes Herz, das außerhalb unseres eigenen Körpers irgendwo in der Welt auf uns wartet – nach dem wir auf ruheloser Entdeckungsfahrt Zeit unseres Lebens jagen? Ich habe es immer gesucht. –

 

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