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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Künstlers Apotheose

Johann Wolfgang von Goethe: Künstlers Apotheose - Kapitel 1
Quellenangabe
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typedrama
authorJohann Wolfgang von Goethe
booktitleKleinere Schriften
titleKünstlers Apotheose
publisherCarl Hanser Verlag
seriessämtliche Werke
volumeWerke 4.2.
editorKarl Richter
year1990
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20151201
senderwww.gaga.net
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Johann Wolfgang von Goethe

Künstlers Apotheose

Drama

 

Es wird eine prächtige Gemäldegalerie vorgestellt. Die Bilder aller Schulen hängen in breiten goldenen Rahmen. Es gehen mehrere Personen auf und ab. An einer Seite sitzt ein Schüler, und ist beschäftiget, ein Bild zu kopieren.

Schüler indem er aufsteht, Palette und Pinsel auf den Stuhl legt, und dahinter tritt
Da sitz' ich hier schon Tage lang,
Mir wird's so schwül, mir wird's so bang',
Ich male zu und streiche zu,
Und sehe kaum mehr was ich tu'.
Gezeichnet ist es durchs Quadrat;
Die Farben, nach des Meisters Rat,
So gut' mein Aug' sie sehen mag,
Ahm' ich nach meinem Muster nach;
Und wenn ich dann nicht weiter kann,
Steh' ich wie ein genestelter Mann,
Und sehe hin und sehe her,
Als ob's getan mit Sehen wär';
Ich stehe hinter meinem Stuhl
Und schwitze wie im Schwefelpfuhl –
Und dennoch wird zu meiner Qual
Nie die Kopie Original.
Was dort ein freies Leben hat,
Das ist hier trocken, steif und matt;
Was reizend steht und sitzt und geht,
Ist hier gewunden und gedreht;
Was dort durchsichtig glänzt und glüht,
Hier wie ein alter Topf aussieht,
Und überall es mir gebricht,
Als nur am guten Willen nicht,
Und bin nur eben mehr gequält,
Daß ich recht sehe was mir fehlt.

Ein Meister tritt hinzu
Mein Sohn, das hast du wohl gemacht,
Mit Fleiß das Bild zu Stand gebracht!
Du siehst, wie wahr ich stets gesagt:
Je mehr als sich ein Künstler plagt,
Je mehr er sich zum Fleiße zwingt,
Um desto mehr es ihm gelingt.
Drum übe dich nur Tag für Tag,
Und du wirst sehn, was das vermag!
Dadurch wird jeder Zweck erreicht,
Dadurch wird manches Schwere leicht,
Und nach und nach kommt der Verstand
Unmittelbar dir in die Hand.

Schüler Ihr seid zu gut und sagt mir nicht,
Was alles diesem Bild gebricht.

Meister Ich sehe nur mit Freuden an,
Was du, mein Sohn, bisher getan.
Ich weiß, daß du dich selber treibst,
Nicht gern auf Einer Stufe bleibst.
Will hier und da noch was gebrechen,
Wollen wir's ein andermal besprechen.
    Entfernt sich

Schüler das Bild ansehend
Ich habe weder Ruh' noch Rast,
Bis ich die Kunst erst recht gefaßt.

Ein Liebhaber tritt zu ihm
Mein Herr, mir ist verwunderlich,
Daß Sie hier Ihre Zeit verschwenden,
Und auf dem rechten Wege Sich
Schnurstracks an die Natur nicht wenden.
Denn die Natur ist aller Meister Meister!
Sie zeigt uns erst den Geist der Geister,
Läßt uns den Geist der Körper sehn,
Lehrt jedes Geheimnis uns verstehn.
Ich bitte, lassen Sie Sich raten!
Was hilft es, immer fremden Taten
Mit größter Sorgfalt nachzugehn?
Sie sind nicht auf der rechten Spur;
Natur, mein Herr! Natur! Natur!

Schüler Man hat es mir schon oft gesagt.
Ich habe kühn mich dran gewagt;
Es war mir stets ein großes Fest:
Auch ist mir dies und jen's geglückt;
Doch öfters ward ich mit Protest,
Mit Scham und Schande weggeschickt.
Kaum wag' ich es ein andermal;
Es ist nur Zeit, die man verliert:
Die Blätter sind zu kolossal,
Und ihre Schrift gar seltsam abbreviert.

Liebhaber sich wegwendend
Nun seh' ich schon das Wo und Wie;
Der gute Mensch hat kein Genie!

Schüler sich niedersetzend
Mich dünkt, noch hab' ich nichts getan;
Ich muß ein andermal noch dran.

Ein zweiter Meister tritt zu ihm, sieht seine Arbeit an und wendet sich um, ohne etwas zu sagen.

Schüler Ich bitt' euch, geht so stumm nicht fort,
Und sagt mir wenigstens ein Wort.
Ich weiß, ihr seid ein kluger Mann,
Ihr könntet meinen Wunsch am allerersten stillen.
Verdien' ich's nicht durch alles was ich kann,
Verdien' ich's wenigstens durch meinen guten Willen.

Meister Ich sehe was du tust, was du getan,
Bewundernd halb und halb voll Mitleid an.
Du scheinst zum Künstler mir geboren,
Hast weislich keine Zeit verloren:
Du fühlst die tiefe Leidenschaft,
Mit frohem Aug' die herrlichen Gestalten
Der schönen Welt begierig fest zu halten;
Du übst die angeborne Kraft,
Mit schneller Hand bequem dich auszudrücken;
Es glückt dir schon und wird noch besser glücken;
Allein –

Schüler       Verhehlt mir nichts!

Meister                                     Allein du übst die Hand,
Du übst den Blick, nun üb' auch den Verstand.
Dem glücklichsten Genie wird's kaum einmal gelingen,
Sich durch Natur und durch Instinkt allein
Zum Ungemeinen aufzuschwingen:
Die Kunst bleibt Kunst! Wer sie nicht durchgedacht,
Der darf sich keinen Künstler nennen;
Hier hilft das Tappen nichts; eh' man was Gutes macht,
Muß man es erst recht sicher kennen.

Schüler Ich weiß es wohl, man kann mit Aug' und Hand
An die Natur, an gute Meister gehen;
Allein, o Meister, der Verstand,
Der übt sich nur mit Leuten die verstehen.
Es ist nicht schön, für sich allein
Und nicht für andre mit zu sorgen:
Ihr könntet vielen nützlich sein,
Und warum bleibt ihr so verborgen?

Meister Man hat's bequemer heut zu Tag,
Als unter meine Zucht sich zu bequemen:
Das Lied, das ich so gerne singen mag,
Das mag nicht jeder gern vernehmen.

Schüler O sagt mir nur, ob ich zu tadeln bin,
Daß ich mir diesen Mann zum Muster auserkoren?
    Er deutet auf das Bild, das er kopiert hat.
Daß ich mich ganz in ihn verloren?
Ist es Verlust, ist es Gewinn,
Daß ich allein an ihm mich nur ergetze,
Ihn weit vor allen andern schätze,
Als gegenwärtig ihn, und als lebendig liebe,
Mich stets nach ihm und seinen Werken übe?

Meister Ich tadl' es nicht, weil er fürtrefflich ist;
Ich tadl' es nicht, weil du ein Jüngling bist:
Ein Jüngling muß die Flügel regen,
In Lieb' und Haß gewaltsam sich bewegen.
Der Mann ist vielfach groß, den du dir auserwählt,
Du kannst dich lang' an seinen Werken üben;
Nur lerne bald erkennen, was ihm fehlt:
Man muß die Kunst, und nicht das Muster lieben.

Schüler Ich sähe nimmer mich an seinen Bildern satt,
Wenn ich mich Tag für Tag damit beschäft'gen sollte.

Meister Erkenne, Freund, was er geleistet hat,
Und dann erkenne, was er leisten wollte:
Dann wird er dir erst nützlich sein,
Du wirst nicht alles neben ihm vergessen.
Die Tugend wohnt in keinem Mann allein;
Die Kunst hat nie ein Mensch allein besessen.

Schüler So redet nur auch mehr davon!

Meister Ein andermal, mein lieber Sohn.

Galerieinspektor tritt zu ihnen
Der heut'ge Tag ist uns gesegnet,
O, welch ein schönes Glück begegnet!
Es wird ein neues Bild gebracht,
So köstlich, als ich keins gedacht.

Meister Von wem?

Schüler                 Sagt an, es ahndet mir.
    Auf das Bild zeigend, das er kopiert.
Von diesem?

Inspektor             Ja, von diesem hier.

Schüler Wird endlich doch mein Wunsch erfüllt!
Die heiße Sehnsucht wird gestillt!
Wo ist es? Laßt mich eilig gehn.

Inspektor Ihr werdet's bald hier oben sehn.
So köstlich, als es ist gemalt,
So teuer hat's der Fürst bezahlt.

Gemäldehändler tritt auf
Nun kann die Galerie doch sagen,
Daß sie ein einzig Bild besitzt.
Man wird einmal in unsern Tagen
Erkennen, wie ein Fürst die Künste liebt und schützt.
Es wird sogleich herauf getragen;
Es wird erstaunen wer's erblickt.
Mir ist in meinem ganzen Leben
Noch nie ein solcher Fund geglückt.
Mich schmerzt es fast es wegzugeben:
Das viele Gold, das ich begehrt,
Erreicht noch lange nicht den Wert.
    Man bringt das Bild der Venus Urania herein und setzt es auf eine Staffelei.
Hier! wie es aus der Erbschaft kam,
Noch ohne Firnis, ohne Rahm.
Hier braucht es keine Kunst noch List,
Seht, wie es wohl erhalten ist!

Alle versammeln sich davor.

Erster Meister Welch eine Praktik zeigt sich hier!

Zweiter Meister Das Bild, wie ist es überdacht!

Schüler Die Eingeweide brennen mir!

Liebhaber Wie göttlich ist das Bild gemacht!

Händler In seiner trefflichsten Manier.

Inspektor Der goldne Rahm wird schon gebracht.
Geschwind herbei! geschwind herein!
Der Prinz wird bald im Saale sein.

Das Bild wird in den Rahmen befestiget und wieder aufgestellt.

Der Prinz tritt auf und besieht das Gemälde.
Das Bild hat einen großen Wert;
Empfanget hier, was ihr begehrt.

Der Cassier hebt den Beutel mit den Zechinen auf den Tisch und seufzet.

Händler zum Cassier
Ich prüfe sie erst durchs Gewicht.

Cassier aufzählend
Es steht bei euch, doch zweifelt nicht.

Der Fürst steht vor dem Bilde, die andern in einiger Entfernung. Der Plafond eröffnet sich, die Muse, den Künstler an der Hand führend, auf einer Wolke.

Künstler Wohin, o Freundin, führst du mich?

Muse Sieh nieder und erkenne dich!
Dies ist der Schauplatz deiner Ehre.

Künstler Ich fühle nur den Druck der Atmosphäre.

Muse Sieh nur herab, es ist ein Werk von dir,
Das jedes andre neben sich verdunkelt,
Und zwischen vielen Sternen hier
Als wie ein Stern der ersten Größe funkelt.
Sieh, was dein Werk für einen Eindruck macht,
Das du in deinen reinsten Stunden
Aus deinem innern Selbst empfunden,
Mit Maß und Weisheit durchgedacht,
Mit stillem treuem Fleiß vollbracht!
Sieh, wie noch selbst die Meister lernen!
Ein kluger Fürst, er steht entzückt,
Er fühlt sich im Besitz von diesem Schatz beglückt;
Er geht und kommt, und kann sich nicht entfernen.
Sieh diesen Jüngling, wie er glüht,
Da er auf deine Tafel sieht!
In seinem Auge glänzt das herzliche Verlangen,
Von deinem Geist den Einfluß zu empfangen.
So wirkt mit Macht der edle Mann
Jahrhunderte auf seines Gleichen:
Denn was ein guter Mensch erreichen kann,
Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen.
Drum lebt er auch nach seinem Tode fort,
Und ist so wirksam als er lebte;
Die gute Tat, das schöne Wort,
Es strebt unsterblich, wie er sterblich strebte.
So lebst auch du durch ungemeßne Zeit.
Genieße der Unsterblichkeit!

Künstler Erkenn' ich doch, was mir im kurzen Leben
Zevs für ein schönes Glück gegeben,
Und was er mir in dieser Stunde schenkt;
Doch er vergebe mir, wenn dieser Blick mich kränkt.
Wie ein verliebter junger Mann
Unmöglich doch den Göttern danken kann,
Wenn seine Liebste fern und eingeschlossen weint;
Wer wagt es, ihn beglückt zu nennen?
Und wird er wohl sich trösten können,
Weil Eine Sonne ihn und sie bescheint?
So hab' ich stets entbehren müssen,
Was meinen Werken nun so reichlich widerfährt;
Was hilft's, o Freundin, mir, zu wissen,
Daß man mich nun bezahlet und verehrt?
O hätt' ich manchmal nur das Gold besessen,
Das diesen Rahm jetzt übermäßig schmückt!
Mit Weib und Kind mich herzlich satt zu essen,
War ich zufrieden und beglückt.
Ein Freund, der sich mit mir ergetzte,
Ein Fürst, der die Talente schätzte,
Sie haben leider mir gefehlt;
Im Kloster fand ich dumpfe Gönner;
So hab' ich, emsig, ohne Kenner
Und ohne Schüler mich gequält. –
    Hinab auf den Schüler deutend.
Und willst du diesen jungen Mann,
Wie er's verdient, dereinst erheben,
So bitt' ich, ihm bei seinem Leben,








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