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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 6
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Sängerpaar.

Wie hätten sie sich denn auch nicht lieben sollen? Beide waren sie schön und berühmt, beide sangen in denselben Opern, beide hatten fast an jedem Abend vier bis fünf Stunden lang dieselben Leidenschaften darzustellen, sich in denselben Gefühlen zu ergehen. Man spielt nicht ungestraft mit dem Feuer. Man ruft nicht zwanzig Mal während des Monats in den schmelzendsten Tönen und mit Violinen- und Flötenbegleitung: »Ich liebe Dich!« ohne daß schließlich die Stimme wirklich in der eigenen Bewegung, übermannt vom eigenen Gefühl, zittert. In dem gleichen künstlerischen Streben fanden sie sich, die rührenden Liebeslieder ergriffen sie, die glänzenden Kostüme bestachen sie – und so verliebten sie sich Angesichts der gemalten Welt. Die Liebe schlich sich in beider Herzen durch das geöffnete Fenster, wenn sie als Lohengrin und Elsa an demselben standen und er mit einschmeichelnden Tönen sang:

»Athmest du nicht mit mir die süßen Düfte?
O wie so hold berauschen sie den Sinn.«

Sie drang zu ihnen zwischen den weißen Säulen hindurch auf den Balkon des Hauses der Capulets, wenn sie als Romeo und Julia beim ersten Morgensonnenstrahl einander trösteten:

»Es war die Nachtigall und nicht die Lerche.«

Sie überraschte sie mit ihrem holden Zauber, wenn sie in mondbeglänzter Nacht als Faust und Margarethe traulich bei einander saßen, von Jasmin und blühenden Rosen halb verdeckt, und sie mit bittender Miene sang:

»O laß mich, laß mich schauen dein Gesicht.«

Ganz Paris kannte bald die Liebesaffaire und interessirte sich natürlich höchlichst dafür; es war eben eine 43 Neuigkeit mehr in der Saison. Mit verdoppeltem Interesse beobachtete man nun Spiel und Gesang der beiden Sterne, die, beide gleich groß und gleich herrlich erglänzend, den musikalischen Himmel der Großen Oper zierten. Endlich, nachdem eines Abends der Beifall ein ganz außerordentlicher, wahrhaft orkanartiger gewesen und der Vorhang sich immer und immer wieder hatte heben müssen, der die enthusiasmirte Zuschauermenge von dem mit Blumenbouquets und Kränzen bedeckten Schauplatz der Handlung trennte, kam es zwischen Romeo und seiner Julia, die im weißen, mit Camelien geschmückten Atlaskleid wieder prächtig aussah, zum Aussprechen. Die beiden Sänger waren wie von einem überirdischen Feuer ergriffen, wie von einer unwiderstehlichen Macht angespornt. Ihre Liebe, die bisher etwas Anempfundenes gehabt haben mochte, kam durch den beiderseitigen Triumph zum vollen Ausbruch; die Hände fanden sich, und während das Bravo und der Jubel aus dem Zuschauerraum noch immer herüberschallte, wurden auf der Bühne innigste Liebesschwüre gewechselt. Die beiden Sterne hatten sich auf ihrer Bahn getroffen und sich nun zu gemeinsamem Laufe vereinigt.

Während der ersten Zeit nach der Vermählung betraten sie die Bühne nicht; erst nachdem der erste Wonnenrausch verflogen, sangen sie wieder, und zwar abermals in »Romeo und Julia«. Von diesem Tage an trat eine seltsame Wandlung ein. Früher war von beiden der Mann der angesehenere, mehr geschätzte Theil. Er war älter, erfahrener, kannte das Publikum und seine schwachen Seiten und wußte deshalb genau, wie man es nehmen mußte; er spielte und sang sozusagen ins Parquet und in die Logen hinein. Im Vergleich mit ihm war der andere Theil nur eine hochbegabte Schülerin, der man schon jetzt huldigte in der Voraussetzung, daß sich ihre geniale Beanlagung später herrlich entwickeln würde. Ihre Stimme hatte noch so manche Schärfe und Härte, es fehlte der 44 letzte Schliff, die vollendete Rundung, gerade wie auch ihre Schultern noch nicht so schön und voll waren, wie man es gewünscht hätte. Nach ihrer Rückkehr zur Bühne trat sie nun in einer ihrer alten Rollen auf, und der volle, weiche, prachtvolle Ton der Stimme frappirte und entzückte schon bei den ersten Noten. Der Anschlag war sicher, wie nie zuvor; der Ton glockenhell und rein – ein Beifallssturm ging durch den Saal, so lange sie auf der Bühne war; das Erstaunen war allgemein, während des Abends war das Gesammtinteresse auf ihre Person concentrirt, und der Löwenantheil des Beifalls fiel auf sie. Für die junge Frau war es einer der schönsten Tage ihres Lebens. Sie fühlte sich glücklich, unsagbar glücklich; sie hätte jauchzen mögen vor Wonne und Seligkeit, sie athmete so erleichtert – war doch nun alles so, wie sie es sich nur je hatte träumen lassen. Ihr Gatte freilich war ziemlich karg ausgegangen, man hatte fast vergessen, auch ihn zu applaudiren, und wie jedes gar zu helle Licht tiefe Schatten hervorbringt, fühlte er sich zurückgesetzt, behandelt wie der letzte Comparse, der in den hintersten Ecken der Bühne zu stehen hat, und war in Folge dessen tief gekränkt. Daran dachte er nicht, daß einzig und allein er die Ursache des leidenschaftlichen, glühenden Spiels, des trefflichen Gesanges der Künstlerin war; daß die Innigkeit und Wärme, von der das Publikum so begeistert war, nur in seiner Liebe ihren Ursprung hatte, daß einzig und allein er selbst in ihren tiefen Augen das Feuer entfacht hatte. Schon dieser Gedanke hätte ihn stolz machen müssen, aber wie gesagt – er dachte an so etwas nicht, denn die Eitelkeit des Komödianten war zu sehr verwundet. Sofort nach Schluß der Vorstellung ließ er den Chef der Claque kommen und machte ihm die heftigsten Vorwürfe: sein Auftreten, seine Abgänge wären nicht bejubelt worden, nach der großen Scene im dritten Acte habe sich keine Hand gerührt, er werde sich einfach beim Director beklagen!

45 Du lieber Himmel! Er mochte sich beklagen, so viel er wollte, und die Claque mochte aus Leibeskräften arbeiten, es nützte alles nicht; das Publikum hatte nun einmal seine Gunst ausschließlich der Gattin zugewandt, und daran konnte er nichts ändern. Sie hatte zudem noch das große Glück, gerade jetzt nur in Rollen aufzutreten, die ihr »lagen«, wie es in der Kunstsprache heißt, in denen sie auch schon öfters gespielt hatte, die ferner ihr Talent und ihre äußeren Vorzüge so recht zur Geltung kommen ließen. Da trat sie denn auf die Bühne mit einer Ruhe und Sicherheit, wie eine Dame von Welt einen Ballsaal betritt – des Erfolges im voraus gewiß. Und bei jedem neuen Erfolge wurde der Gatte verstimmter, verdrießlicher, nervöser – es war allerdings auch zu ärgerlich, wie schnell er aus der Mode gekommen war, und wie sich die allgemeine Huldigung auf sie vereinte. Lange versuchte er vor allen Menschen, ganz besonders vor seiner Frau, zu verbergen, wie unangenehm ihm die neue Strömung war; als sie aber eines Abends die zu ihrer Garderobe führende Treppe hinaufgingen und die Sängerin kaum alle Bouquets tragen konnte, die man ihr heute wieder geworfen, sagte sie in dem Hochgefühl des Triumphes (und man hörte ihrer Stimme die innere, frohe Bewegung an): »Heut haben wir ein reizendes Haus gehabt.« Er entgegnete nur: »Findest du –« das aber so ironisch, so bitter, daß sich vor der jungen Frau die Wahrheit mit einem Schlage enthüllte.

Ihr Gatte war eifersüchtig! Aber es war nicht die Eifersucht des Liebhabers, der seine schöne Frau für sich allein zu haben wünscht, der einem andern auch nicht einen Blick aus ihren Augen gönnt – es war die häßliche, neidische, unversöhnliche Eifersucht des Künstlers. Jetzt konnte sie sich vieles erklären. Jetzt wußte sie auch, warum er, wenn sie zum Schlusse einer Arie mit Beifall überschüttet wurde und das Bravorufen und Klatschen gar 46 kein Ende nehmen zu wollen schien, theilnahmlos und zerstreut ins Publikum blickte, und warum sein Blick dann wieder einen so eigenen Ausdruck annahm, als wollte er den Zuhörern sagen: »Wenn ihr mit euerm Klatschen aufgehört habt, werde ich ja wohl anfangen dürfen zu singen.«

Oh, der Beifall, das Klatschen, das Jubeln, das Hervorrufen! Wie dringt das durch alle Räume des Theaters, wie hört man es auf der Bühne, hinter den Coulissen, in den Garderoben! Wenn man einmal den Genuß kennen gelernt hat, kann und mag man ihn nicht mehr missen. Große Künstler, welche die Bühnencarrière aufgegeben haben, sterben nicht an irgend einer Krankheit oder an Altersschwäche, sondern sie schwinden hin, weil sie es nicht ertragen zu leben, ohne applaudirt zu werden. Unser Sänger gerieth durch die Theilnahmlosigkeit des Publikums in einen Zustand gelinder Verzweiflung. Er ärgerte sich, er wurde zänkisch, giftig und gallig. Er versuchte hin und wieder, sich selbst Vernunft zu predigen, er wollte die ihm ungünstige Stimmung wie ein unabwendbares Schicksal tragen, er sagte zu sich selbst, bevor er auf die Scene trat: »Es ist ja schließlich doch meine Frau, und ich liebe sie!« – Umsonst! Jedes wahre, echte Gefühl verstummt, sobald es sich um die künstlich gemachten und geschraubten Gefühle im Bühnenleben handelt. Er liebte seine Frau noch immer, aber als Sängerin haßte und verabscheute er sie. Sie bemerkte das nur zu gut und sie achtete auf sein Thun und Lassen, auf seine Stimmung und sein Gebahren, wie man einen Kranken beobachtet. Anfänglich versuchte sie selbst ihre Triumphe zu verringern, indem sie nicht mit ganzer Kraft spielte, nur mit halber Stimme sang und was ähnliche Mittel mehr waren; aber vor dem Lampenlicht waren solche Entschlüsse bald wie weggeweht und weggeblasen. Es ging ihr darin wie ihrem Mann, der auch nicht seiner besseren Einsicht zu folgen vermochte. Sie sang bald wieder mit altgewohnter Verve – ihr 47 Talent ließ sich nun einmal nicht in Fesseln schlagen. Dann suchte sie sich ihm ergeben und dankbar zu zeigen, indem sie ihn um entscheidenden Rath, um seine maßgebende Ansicht bat, z. B. wie sie in dieser oder jener Partie sei, wie sie diese oder jene Rolle auffassen solle u. s. w.

Er war natürlich niemals zufrieden. Im Tone des gönnerhaften Wohlwollens, der falschen und unzuverlässigen Kameradschaft, den die Schauspieler unter sich so häufig anschlagen, sagte er zu ihr an Abenden, die ihr wieder außerordentliche Triumphe eingebracht hatten: »Du mußt mehr auf dich achten, meine Kleine! Heute war's wieder gar nichts! So wirst du es nie und nimmer zu etwas Ordentlichem bringen!«

Dann suchte er sie wieder auf alle mögliche Weise am Singen zu hindern: »Nimm dich in Acht, du verschwendest deine Mittel! Du gehst über deine Kraft hinaus! Halt eine Zeit lang inne, du mußt pausiren, du mußt dir durchaus Ruhe gönnen!«

Er verschmähte sogar die nichtigsten Vorwände nicht, um sie am Auftreten zu hindern: »Singe heute nicht, du bist verschnupft! Es könnte deiner Stimme schaden!« Manchmal ging er sogar so weit, ihr ganz ungerechtfertigte Vorwürfe zu machen: »Im Finale des Duetts hast du heute wieder viel zu schnell gesungen. Du hast mir meinen Effect vollständig verdorben, du hast mir die ganze Partie geworfen!«

Der Verblendete merkte nicht einmal, daß das Umgekehrte der Fall war, daß er sie im Spiel hinderte und genirte, daß er immer zu früh einfiel und ansetzte, blos um ihr einen Applaus abzuschneiden, und daß er, um sich dem Publikum nur ja recht deutlich zu zeigen und sich ihm wieder ins Gedächtnis zurück zu rufen, immer im Vordergrund der Bühne spielte und seine Gattin in die zweite Reihe zu drängen suchte. Sie beklagte sich niemals, dazu liebte sie ihn viel zu sehr. Ihre Triumphe machten 48 sie auch nachsichtig, stimmten sie zu steter Milde. Aber was nützte das? An jedem Abend versuchte sie sich bescheiden zurückzuziehen, immer aber wieder wurde sie hervorgejubelt und statt im stillen Dunkel sich erholen zu können, mußte sie das ertragen, was der Ruhm und die Ehre für sie im Gefolge hatten.

Im Theater wird jeder einzelne Fall von Rollenneid sofort entdeckt und die Collegen amüsirten sich natürlich über das Ehepaar und ließen es an schlechten Witzen und Bemerkungen nicht fehlen. Man machte dem Sänger eine Unzahl Complimente über das Talent seiner Gattin. Man gab ihm die Zeitungen zu lesen, in denen der Kritiker in vier langen Spalten die phänomenalen Leistungen der Sängerin verhimmelte, während des so ziemlich ganz aus der Mode gekommenen Sängers nur in wenigen Zeilen gedacht wurde. Nachdem dieser eines Abends wieder einmal solchen Artikel gelesen, lief er fast rasend vor Wuth in die Garderobe seiner Gattin und indem er ihr das zerknitterte Zeitungsblatt vor Augen hielt, schrie er: »Ist dieser Mensch vielleicht früher ein Liebhaber von dir gewesen?« Zu solch gemeinen Beleidigungen und Verdächtigungen ließ er sich hinreißen.

Die arme Frau! Wie sehr wurde sie vergöttert, gefeiert und beneidet! Ihr Name war auf allen möglichen Gegenständen zu lesen, auf Schleifen und Cravatten, auf den Cartons der Papierfabrikanten, der Confiseure, der Parfumeure – und welch trauriges, bemitleidenswerthes Leben führte sie. Sie wagte kaum noch eine Zeitung aufzuschlagen, aus Furcht, ihr Lob darin zu lesen; mit ihren Thränen benetzte sie die Blumen, die man ihr warf, und die sie unbeachtet in einer Ecke ihres Garderobenzimmers vertrocknen ließ, bloß um sie nicht in ihre Behausung zu nehmen und in ihnen immer das grausame Zeichen ihrer abendlichen Triumphe vor Augen zu haben.

Sie wollte sich schließlich ganz von der Bühne 49 zurückziehen, aber das litt ihr Gatte nicht. »Man wird sagen, daß ich die Veranlassung zu diesem Schritte bin.«

Das unangenehme, höchst peinliche Verhältnis zwischen beiden dauerte also fort.

Am Abend einer ersten Vorstellung trat die Sängerin auf die Bühne. Jemand flüsterte ihr zu: »Sehen Sie sich wohl vor. Man hat etwas vor; es ist eine Kabale gegen Sie in Scene gesetzt.«

Sie mußte über die Warnung lachen. Eine Kabale gegen sie? Du lieber Himmel, weswegen denn? Sie erfreute sich ja der allgemeinen Sympathie, sie stand ja ganz außerhalb jeder Clique und Coterie.

Das war alles richtig, und dennoch hatte der Warner Recht. Mitten in der Oper, während eines Duetts mit ihrem Gatten, als sie eben die höchsten Töne ihrer hohen Stimmlage anschlug und sie rein und klar zu Gehör brachte, als sie immer in gleicher Höhe einen Ton dem andern folgen ließ, als reihe sie Perlen zur Kette, da wurde plötzlich die tiefe, fast weihevolle Stille im Saale durch lautes Zischen unterbrochen. Alle Zuhörer geriethen außer sich vor Staunen und Entrüstung, gerade wie sie selbst; niemand wagte zu athmen in Erwartung dessen, was nun noch kommen würde. Sie selbst hatte die Passage unterbrechen müssen, denn ihrer Brust entrang sich kein Ton. Plötzlich kommt ihr eine entsetzliche Idee; ein Gedanke durchzuckt sie, der ihr im nächsten Moment selbst hirnverbrannt erscheint – aber dennoch – er stand allein mit ihr auf der Bühne, er stand ihr gegenüber – sie sah ihn scharf an, als wollte sie ihn mit ihrem Blicke durchdringen – und da entdeckte sie in seinen Augen, um seinen Mundwinkel ein höhnisches Lächeln. Die arme Frau verstand alles. Thränen stiegen in ihre Augen und, in heftiges Weinen ausbrechend, flüchtete sie sich in das Dunkel hinter den Coulissen.

Ihr eigener Gatte hatte sie auszischen lassen! 50

 


 

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