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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 5
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Trasteverina.

Das Stück war zu Ende. Während das Publikum, die vom Gesehenen empfangenen Eindrücke austauschend, nach vorn drängte, während sich der breite Menschenstrom in die von den Kronleuchtern erhellten Vorräume des Theaters ergoß, erwarteten einige Freunde des Dichters, unter denen auch ich mich befand, denselben an der für die Künstler bestimmten Thüre, um ihm unsere Glückwünsche auszusprechen. Einen außergewöhnlichen Erfolg hatte sein Stück allerdings nicht errungen. Es entsprach nicht der Geistesrichtung, dem banalen Geschmack des heutigen Publikums; es versuchte kühn die Schranken zu durchbrechen, welche der »Bühnenfähigkeit« gesetzt sind, es kümmerte sich nicht um die Grenzen des dramatisch Zulässigen. Die pedantische Kritik fällte das Urtheil: »Das gehört nicht auf die Bühne,« und die alles bespöttelnden Pflastertreter der Boulevards rächten sich dafür, daß viele der prächtigen Verse sie in eine gewisse weiche Stimmung versetzt hatten, indem sie immer und immer wiederholten: »Darauf geht kein Mensch ins Theater. Das bringt auch nicht einen Sou ein.« Wir aber waren stolz auf unsern Freund, der gewagt hatte, eine solche Sprache zu sprechen, der seine Ansichten in so herrlichen, wohlklingenden Versen niederzulegen vermochte, der seine Gestalten gezeichnet hatte, wie sie sich in Wirklichkeit finden, nicht wie es die Optik des modernen Theaters verlangt, die vom Zuschauer entweder schlechte Augen oder gefärbte Augengläser beansprucht.

Mitten zwischen Maschinisten, Feuerleuten und Figurantinnen kam der Dichter aus dem Gebäude und näherte sich uns. Sein langer Oberkörper schien etwas gebeugt, und als ob es ihn fröstelte, hatte er den Rockkragen 33 emporgeschlagen, sodaß dieser den grauen Bart und das lange, ebenfalls schon ergrauende Haupthaar zum Theil bedeckte. Der Dichter schien in trüber Stimmung zu sein. Die Beifallsbezeugungen der Claque, der guten Freunde und einiger Gebildeter waren doch schließlich nur auf eine Ecke des Saales beschränkt geblieben; das sagte ihm schon jetzt, daß er sich nur auf sehr wenige Wiederholungen Rechnung machen dürfe. Außerdem hatten die Zuschauer kaum besonders Obacht gegeben, als sein Name als der des Autors verkündigt wurdeAuf Pariser Bühnen wird der Name des Autors einer Novität erst nach Beendigung der ersten Aufführung von der Bühne herab verkündet. Es ist dieses das Kennzeichen für die ehrenvolle Aufnahme des Stückes, da im andern Fall die Zwischenrufe des Publikums den Regisseur an der Namensnennung verhindern., vielleicht war er überhaupt ungehört verhallt – das alles war tief verstimmend. Wenn man zwanzig Jahre lang arbeitet, wenn man fühlt, daß Talent und Kraft sich auf ihrer Höhe befinden, dann hat die Blödigkeit der Menge, die nicht verstehen will, etwas Entmuthigendes, ja sogar etwas Niederschmetterndes. Man sagt sich: »Vielleicht haben die Leute doch Recht!« –Man fürchtet, man zagt –

Unsere Zurufe, unsere Händedrücke ermuthigten ihn wieder ein wenig. »Glaubt ihr wirklich, daß es gut gegangen ist? Das Eine kann ich zuversichtlich sagen: Ich habe gethan, was überhaupt in meinen Kräften steht.« Und er legte seine fieberhaft zitternden Hände in die unsrigen, und seine Augen, in denen die Thränen aufstiegen, suchten in den unsrigen einen Blick der Zuversicht und der Aufrichtigkeit. Solchen Blick heftet ein Kranker auf den Arzt, wenn er die Frage ausstößt: Nicht wahr, ich muß nicht sterben? – Nein, Dichter, du wirst nicht sterben. Die Operetten und die Ausstattungsstücke, die Hunderte von Vorstellungen erleben und Tausende von Zuschauern herbeilocken, werden schon lange vergessen, sie werden 34 sammt ihren Ankündigungen längst zu Grabe getragen sein, wenn sich dein Werk noch jung und lebensfrisch erhalten hat.

Während wir so auf dem einsamen Trottoir standen und uns bemühten, unseren Freund zu trösten und wieder aufzurichten, rief dicht neben uns eine überaus kräftige Stimme in der unverfälschten und nicht gerade sehr schön klingenden italienischen Mundart:

»He, Du! Jetzt ist aber genug von der Dichterei gesprochen worden. Jetzt wollen wir nach Hause gehen und einen Stufato essen.«

Gleichzeitig ergriff eine ziemlich corpulente Dame, die in eine Capotte und in einen roth karrirten Mantel gehüllt war, den Arm des Dichters, und zwar geschah dies auf so unfeine, so befehlerische Weise, daß er sich, wie sein Gesichtsausdruck und seine Haltung uns nur zu deutlich verriethen, tiefinnerlich gekränkt fühlte.

»Meine Gattin!« sagte er zu uns gewendet, und dann drehte er sich zu ihr um und, sich zu einem Lächeln zwingend, fragte er:

»Wollen wir sie nicht einladen, damit sie sehen, wie trefflich du den Stufato zu bereiten verstehst?«

Die Italienerin war bei ihrer Eitelkeit gepackt worden, und so willigte sie denn ziemlich freundlich darein, uns zu bewirthen; wir gingen also, fünf oder sechs Mann stark, mit ihnen auf den Montmartre, wo sie wohnten, den besprochenen Rindsbraten zu essen.

Ich muß nun gestehen, daß ich schon lange den Wunsch hegte, das Heim dieses Mannes kennen zu lernen. Seit seiner Verheirathung lebte unser Freund sehr zurückgezogen; er war fast immer auf dem Lande. Aber das, was ich von seinem Leben bisher gehört hatte, mußte nothwendigerweise meine Neugierde erregen. Vor fünfzehn Jahren, als ihm Kopf und Herz noch voll romantischer Gestalten und Hirngespinnste gewesen, war er in der Nähe von Rom 35 einem reizenden Mädchen begegnet, in das er sich auch sofort sterblich verliebte. Maria Assunta bewohnte mit ihrem Vater und einer ganz fabelhaften Menge von Brüdern und Schwestern eines jener kleinen Häuser von Trastevere, die in den Tiber hineingebaut sind, und an deren Mauern alte Fischerkähne befestigt sind.

Eines Tages sah er die schöne Italienerin, die mit bloßen Füßen in einem rothen faltigen Rock und die Hemdärmel bis zu den Schultern aufgestreift, auf dem Boden saß und die Aale zurückhielt, die aus einem großen Netz zu entrinnen versuchten. Die geschmeidigen Thiere, von denen die Wassertropfen wie Perlen rannen, der Fluß in der Nähe, der hellfarbige Rock, die schönen schwarzen Augen, die so unendlich tief, so gedankenreich ausschauten, wie in einem süßen Traum befangen – das alles zusammen erregte die Phantasie des Künstlers; vielleicht nicht einmal in höherem Grade, als es der Kupferstich auf dem Umschlag einer musikalischen Romanze auch zu thun im Stande ist, aber es kam dazu, daß des Mädchens Herz noch völlig frei war, daß sie bisher einzig und allein ihren dicken rothgelben Kater geliebt hatte, der auch eine Leidenschaft für den Aalfang zu haben schien und der sich sträubte und fauchte, wenn jemand sich seiner Herrin näherte.

Unserem Liebhaber gelang es, die ganze Umgebung des Mädchens, sowohl Menschen wie Thiere, für sich einzunehmen; so vermählte er sich denn in der Kirche Santa Maria zu Trastevere und brachte die schöne Assunta und ihren Cato nach Frankreich.

Ach, du Ärmster! Weißt du, was du außerdem noch hättest mitbringen müssen? Einen Sonnenstrahl aus dem schönen Süden, ein Stückchen von dem ewig blauen Himmel, das excentrische Costüm, etwas Rohr und Schilf aus dem Tiber, dann die großen Netze, die dort immer so malerisch am Ponte Rosso hängen – und schließlich eine außerordentliche Menge Einbildungskraft. Dann wäre 36 dir nämlich die grausame Enttäuschung erspart geblieben, die so früh, ach nur zu früh deiner harrte.

Die Wirthschaft war nämlich kaum eingerichtet – er hatte die vierte Etage eines Hauses auf dem Montmartre bezogen – da sah er seine schöne Trasteverina auch schon in einer häßlichen und unförmigen Crinoline stecken, in einem Kleide mit unzähligen Falten und Besätzen; da sah er auf ihrem Haupte auch einen Pariser Hut, der nur schlecht auf den zusammengesteckten schweren Haarflechten befestigt war und der deshalb immer auf die bedenklichste Weise hin- und herrutschte und schwankte. Bei der kühlen Temperatur und unter dem klaren Himmel von Paris, wo man alles in seinem richtigen Lichte schaut, erkannte der Bemitleidenswerthe auch bald, daß seine Frau dumm sei, ganz unglaublich dumm. Die schönen schwarzen Augen, die beständig in tiefes Nachdenken und Träumen versunken schienen, spiegelten in Wirklichkeit auch nicht einen einzigen, wenn auch nur den kleinsten Gedanken wieder. Sie zeigten nur das Bild der größten Seelenruhe, des höchsten Behagens, wie es schließlich ja auch ein Thier empfinden kann – sonst absolut nichts. Außerdem war aber die Erziehung, welche die Dame genossen hatte, nichts weniger als fein gewesen; sie war derb, grob, gewöhnt, mit der Rückseite der flachen Hand die Ordnung in ihrem väterlichen Hause herzustellen; der mindeste Widerstand konnte sie zu unglaublichsten Zornesausbrüchen reizen.

Wer hätte wohl sagen mögen, daß dieser reizende Mund, der, wenn er geschlossen war, so schön aussah, wie wir es nur bei den herrlichsten Bildwerken der Alten finden, sich eines schönen Tages öffnen und daß sich aus ihm eine Flut der gröblichsten und häßlichsten Ausdrücke ergießen würde? Ohne Rücksicht auf ihren Gatten oder auch nur auf sich selbst, fing sie auf offener Straße, im gefüllten Theater oder wo sie sich sonst gerade befand, ganz laut zu zanken an, oder machte ihm Scenen aus gänzlich 37 unbegründeter Eifersucht. Um das Unglück voll zu machen, hatte sie nicht den geringsten Sinn für künstlerische Thätigkeit; das Verständnis für ihres Mannes Beschäftigung und Beruf ging ihr ebenso vollständig ab, wie das für seine Sprache, für die Umgangsformen, für alles, was sie umgab. Das Bischen Französisch, das man ihr nach und nach mit Mühe und Noth beibrachte, ließ sie ihr Italienisch vergessen, und nun bildete sie sich einen aus beiden Sprachen zusammengesetzten Jargon, der komisch genug klang. Kurz und gut – diese Liebesgeschichte, die wie ein Gedicht von Lamartine begann, endete wie ein Roman von Champfleury. Nachdem der Schriftsteller sich lange die redlichste Mühe gegeben, die Dame seiner Wahl einigermaßen zu civilisiren, mußte er schließlich schweren Herzens darauf verzichten, dieses Vorhaben jemals auszuführen. Da er zu ehrenhaft war, sie zu verlassen, sie vielleicht trotz alledem immer noch ein Bischen liebte, beschloß er schließlich, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen, niemand bei sich zu sehen und recht fleißig zu arbeiten. Die wenigen Freunde, die bei ihm verkehrt hatten, bemerkten bald, daß sie ihn genirten und kamen nicht wieder. So lebte er seit fünfzehn Jahren in seinem Hause wie ein Einsiedler oder richtiger wie ein Kranker, dessen Berührung jeder zu meiden sucht.

Während ich noch immer über die wahrhaft bemitleidenswerthe Existenz, die mein Freund zu führen gezwungen war, nachdachte, betrachtete ich auch das eigenthümliche Ehepaar, wie es da vor mir herging. Er – lang, schlank, vorn etwas übergebeugt; sie stark und vierschrötig. Dabei zog und zerrte sie immer an dem Shawl, der ihre Schultern bedeckte und ihr offenbar unangenehm zu tragen war; schließlich hatte sie ihn glücklich ganz abgestreift. Dabei holte sie aus und trat auf, wie es sonst nur ein Mann thut. Sie war offenbar bei sehr guter Laune, sprach sehr laut, drehte sich von Zeit zu Zeit um, 38 zu sehen, ob wir auch folgten; diejenigen von uns, welche sie schon von früher her kannte, rief sie mit ihren Namen an – und zwar ganz gemüthlich, so recht familiär und kurzweg. Wenn sie jemand rief, so legte sie immer die Hand an den Mund; das war sie wahrscheinlich noch von früher her gewohnt, als sie die Fischerkähne auf dem Tiber anrief.

Als wir an unserem Ziele anlangten, wollte der Hausmeister, der über die zu so ungehöriger Zeit noch lärmende Gesellschaft ärgerlich wurde, uns den Eingang verwehren. Da gab's denn zwischen ihm und der Italienerin auf dem Treppenflur eine heftige Scene. Inzwischen stiegen wir die von einer tief herabgeschraubten Gasflamme nur spärlich erleuchteten Treppen hinauf; ein Gefühl des Unbehagens und der Mißstimmung überkam uns und wir überlegten schon, ob es nicht das Beste wäre, einfach wieder umzukehren.

Dem Zweifel machte der Schriftsteller ein Ende. »Kommt schnell, wir wollen hinaufgehen,« flüsterte er uns zu, und wir folgten ihm schweigend, während sich die Italienerin auf das Geländer stützte, das unter der Last ihres Gewichtes und ihres Zornes zu schwanken schien, und von oben herab auf das Haupt des Portiers eine Flut von Verwünschungen und Schmähungen ausgoß – ein ganzes Vocabularium von römischen Schimpfworten und solchen, die sie auf den entlegensten Boulevards gehört und aufgeschnappt hatte. So kehrte der Dichter heim, der heute ausgegangen war, um das ganze gebildete und kunstbegeisterte Paris zu entzücken, und in dessen Augen man noch die fieberhafte Erregung wahrnehmen konnte, in welche ihn seine »Première« versetzt. Welch häßliche Rückkehr zum Alltagsleben!

Um den Kamin in dem kleinen Salon geschaart, machten diese Empfindungen jedoch bald anderen und freundlicheren Platz und wir hätten das ganze Vorkommnis wohl 39 bald wieder vergessen, wenn uns nicht immer wieder die Signora daran erinnert hätte, die mit durchdringender Stimme und dabei laut lachend draußen in der Küche ihrem Mädchen erzählte, was sie alles gesagt habe und wie gut sie es verstände, mit derartigem Pack umzuspringen.

Der Tisch wurde gedeckt, und als die Vorbereitungen zum Souper getroffen waren, setzte sie sich zu uns, und nun, wo sie Shawl, Hut und Schleier abgelegt hatte, konnte ich sie genauer betrachten. Sie war nicht mehr schön. Die starke Figur, das breite Gesicht mit dem Doppelkinn, die schon ergrauenden und nicht eben sehr sorgfältig geflochtenen Haare, vor allem aber der gewöhnliche, fast gemeine Ausdruck und der Zug um den Mund contrastirten ganz sonderbar mit dem sinnenden, träumenden Blick der Augen. Sie stützte beide Ellenbogen auf den Tisch, saß in so recht ungenirter und nachlässiger Haltung da und betheiligte sich am allgemeinen Gespräche, ohne übrigens auch nur einen Blick von ihrem Teller zu verwenden. Gerade über ihr hing, als Prachtstück des mit Kostbarkeiten nicht gerade reich ausgestatteten Salons, ein Porträt, das in der Ecke den Namenszug eines berühmten Meisters trug; es stellte Maria Assunta im Alter von zwanzig Jahren vor. Das hellblaue Costüm, die blendende Weiße des vielfach gefalteten Brusttuches, der Glanz der vielen und jedenfalls unechten Schmuckgegenstände – das alles paßte so wunderbar, das harmonirte so entzückend mit dem herrlichen Teint, mit den tiefdunkeln Flechten, mit den die Stirn beschattenden kleinen Löckchen, mit den prachtvoll geschwungenen Augenbrauen, die sich als feine, kaum sichtbare Linien unterhalb der Stirne abhoben. Und dieses Meisterwerk der Schöpfung, diese personifizirte Schönheit hatte mit der Zeit zum Abbild des Gewöhnlichen, des Alltäglichen herabsinken können! Ich konnte es nicht fassen, und immer, wenn die Trasteverina sprach, mußte ich meinen Blick auf die Leinewand heften, und da suchte 40 ich den herrlichen Blick des Auges in seiner ganzen Tiefe zu ergründen.

Als bei Tische die Unterhaltung eine allgemeine geworden war, fand auch sie ihre gute Laune wieder. Sie versuchte ihren Gatten, der sich den immerhin nur zweifelhaften Erfolg sehr zu Herzen nahm, aufzumuntern und schlug ihn deshalb wiederholt auf den Rücken, lachte selbst aus vollem Halse und fing immer und immer wieder in ihrem durchaus nicht hübsch klingenden Idiom an von dem Hausmeister zu erzählen.

»Nicht wahr, Cato, er ist verrückt,« wandte sie sich plötzlich zu dem alten Kater, der längst lahm und mit Reißen behaftet war und jetzt zusammengekrümmt vor dem Kamine lag. Dann, mitten in einer sehr anregenden und interessanten Unterhaltung, schrie sie in ihrer beliebten kreischenden Manier den Gatten an: »Du Schreibersmensch, gieb Acht auf die Lampe!«

Schnell unterbrach der bedauernswerthe Mann seine Rede, um die Lampe weiter in die Mitte des Tisches zurückzuschieben. Wie aufmerksam, wie besorgt er war um eine von jenen Scenen zu vermeiden, die er so sehr fürchtete. Sie sollte ihm dennoch nicht erspart bleiben.

Als wir vom Theater heimkehrten, waren wir für einen Moment ins Maison d'or gegangen und hatten daselbst eine Flasche vorzüglichen Wein gekauft, mit welchem der Stufato begossen werden sollte. Auf dem ganzen Wege hatte Maria Assunta die Flasche, sorgfältigst in einen Zipfel ihres Shawls gewickelt, getragen, und zu Hause hatte sie dieselbe auf den Tisch gestellt und warf ihr nun ungezählte liebevolle und fast zärtliche Blicke zu, denn die Römerinnen lieben guten Wein ganz ausnehmend.

Zwei- oder dreimal hatte sie schon, wenn ihr Gatte bei einer schnellen Bewegung mit dem Arme der Flasche zu nahe gekommen war, ängstlich ausgerufen: »Nimm dich bloß mit der boteglia in Acht; du wirst sie noch hinunterwerfen!«

41 Als sie schließlich in die Küche ging um den famosen Stufato höchsteigenhändig aufzutragen, sagte sie noch einmal: »Sieh dich nur mit der boteglia vor!«

Sobald die holde Gattin nicht zugegen war, fühlte sich der Dichter freier. Er sprach von der Kunst, vom Theater, von Erfolgen – er sprach mit Innigkeit, mit Wärme und Feuer, da – pardautz! eine schnelle Armbewegung zu seinen Zuhörern, und die berühmte Flasche lag in tausend Scherben mitten auf dem Parquet des Salons. Noch niemals vorher habe ich einen Menschen so erschrecken sehen. Er war ganz bleich geworden und wie gelähmt. In demselben Moment ließ sich auch schon Maria Assunta's liebliche Stimme vernehmen. Die Italienerin erschien an der Thüre – ihre Augen schossen Blitze, ihre Lippen zitterten vor ungeheurer Aufregung, die Röthe des Zornes stieg in ihrem Gesichte auf.

»Die boteglia!« schrie sie mit dem Ausdruck des höchsten Entsetzens.

Furchtsam beugte er sich zu mir herab und flüsterte mir ins Ohr: »Sag', daß du es gewesen bist.«

Und der Ärmste war so erschrocken, daß ich fühlte, wie seine langen Beine, die unter dem Tische die meinigen berührten, heftig zitterten. 42

 


 

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