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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 4
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Credo der Liebe.

Sie hatte es sich stets als das Herrlichste ausgemalt, die Frau eines Poeten zu sein! Aber das unerbittliche Schicksal hatte es anders beschlossen, und anstatt ihre ehrgeizigen und romantischen Wünsche und Hoffnungen zu erfüllen, hatte es ihr ein ziemlich stilles und bescheidenes Loos bescheert – sie mußte einen reichen Rentier zu Auteuil heirathen, einen recht liebenswürdigen und jovialen Herrn, der ein bischen viel älter war als sie selbst und der nur eine einzige, harmlose und durchaus nicht aufregende Schwäche hatte, nämlich die für den Gartenbau. Der gute Mann verbrachte seine Zeit damit, zu jäten, zu pflanzen, hier eine Collection prächtiger Rosen umzusetzen, dort verschiedene Blumensorten zu veredeln, dort wieder zu schaufeln und zu gießen, und man muß doch schließlich zugeben, daß in solcher Beschäftigung für ein Gemüth, das nicht gerade den höchsten Idealen zustrebt, auch Reiz und Anregung genug enthalten ist.

Fast zehn Jahre lang war sie nun mit ihrem Gatten verbunden. Ach, der Gang durchs Leben schien ihr genau so gerade, so eben, so monoton, wie die sorgfältig beschnittenen Laubengänge in seinem Garten. Fast zehn Jahre lang hatte sie nun das eintönige Geräusch mit angehört, das entweder von der Gartenscheere herrührte oder von den Wasserstrahlen, die aus der Gieskanne leise und sanft auf die Beete niederflossen. Der eingefleischte Blumenfreund behandelte und pflegte seine Frau genau nach den Vorschriften, die zur Pflege seiner Blumen galten. Er beobachtete genau die Temperatur, die in dem mit exotischen Pflanzen geschmückten Salon herrschte; er suchte sie nach Möglichkeit vor den Einflüssen der Aprilkälte und der 25 Märzsonne zu schützen und wie er, je nach der Jahreszeit, für gewisse in Kübel gesetzte Pflanzen bald den Aufenthalt im Freien, bald den im Treibhause für besser hielt, so bestimmte er auch die Lebensweise seiner Gattin – immer im Hinblick auf das Barometer und den Mondwechsel.

Lange, lange lebte sie also wie abgeschlossen von der Welt hinter den vier Mauern, die den Garten ihres Eheherrn umgaben; still und bescheiden wie ein Veilchen verbrachte sie ihre Tage, dennoch aber sehnte sie sich nach fremden, weniger regelmäßig und kunstvoll angelegten Gärten, wo Schlingpflanzen sich an den Bäumen emporranken und über die Kronen derselben sich in den Lüften wiegen, wo prächtige, dem gewöhnlichen Menschenkinde unbekannte, nur unter heißerer Sonne gedeihende Blumen ihre Schönheit entfalten, wo das Auge trunken wird von all dem phantastischen Glanze. Solche Gärten findet man häufig in den Schriften der Dichter geschildert, und deshalb las sie auch soviel Verse und Dichtungen, als sie in der engen Klause des Pflanzers überhaupt auftreiben konnte. Seine ganze Literaturkenntnis aber beschränkte sich auf die schönen Witterungsregeln und Kalenderverse, z. B.:

Wie um St. Medard es der Himmel treibt,
So das Wetter vierzig Tage bleibt.

Ohne Wahl, ohne Plan las die Ärmste, was ihr an Dichtungen unter die Hand kam. Sie verschlang förmlich auch die jämmerlichsten Machwerke. Sie war glücklich, wenn sie Reime auf »Liebe«, »Herz«, »Seele« u. s. w. gefunden hatte; dann schlug sie das Buch zu, versank in stundenlange Träumereien, und wenn sie aus diesen dann erwachte, seufzte sie: »Oh, wie schändlich hat mich mein Mann getäuscht.«

Es würde übrigens alles äußerst harmlos verlaufen sein, es wäre sicherlich bei dem stillen Hoffen, Wünschen und Sehnen geblieben, wenn nicht gerade in dem 26 gefährlichen Zeitpunkt, da sie dreißig Jahre alt wurde (die dreißig sind für die Tugend einer Frau von ebenso bestimmendem Einfluß, wie die Mittagsstunde für die Gesammtwitterung des Tages), also wenn nicht gerade zu dieser Zeit der unwiderstehliche Amaury ihren Weg gekreuzt hätte.

Amaury konnte für das Prototyp des Genres gelten. Wie er dastand! Von Kopf bis Fuß ein vom Unglück Heimgesuchter, mit umflortem Auge und bleichen Wangen, dabei übrigens sorgfältigst nach russischer Mode frisirt und den Schnurrbart mit ungarischer Bartwichse gedreht! Er war einer von jenen, die am Leben verzweifelt haben (wie die Damen es ja so sehr lieben), die aber doch immer nach der neuesten Mode gekleidet sind; ein Lyriker, der sich um das alltägliche Treiben nicht kümmert, bei dem sich aber die Freiheit und Ungebundenheit einzig und allein in der mit genialer Leichtfertigkeit umgelegten Cravatte äußert, die gar zu lose sitzt und sich wohl im nächsten Moment ganz lockern wird. Man mußte nun sehen, welchen Erfolg er jedesmal erzielte, wenn er etwas aus seiner großen Dichtung »das Credo der Liebe« deklamirte; mit leiser, zitternder Stimme sprach er, und wenn er an die schöne Stelle kam:

Ich glaube an die Liebe wie an den höchsten Gott –

dann war alles hingerissen.

Man thut dem Faxenmacher aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß er an Gott ebensowenig glaubte, wie an irgend etwas anderes. Aber um derlei Kleinigkeiten kümmern sich ja die Frauen bekanntlich nicht. Die schönen Worte waren der Köder, auf den sie alle anbissen und jedesmal, wenn Amaury sein »Credo der Liebe« deklamirte, konnte man sie um ihn im Kreise sitzen sehen; dann öffneten sich die Rosenmündchen und dann verschluckten sie alle den mit so vieler Schlauheit ausgeworfenen Angelhaken der 27 Sentimentalität. Du lieber Himmel! Man denke doch nur: Ein Poet, der einen so schönen Schnurrbart hat und der dabei an die Liebe glaubt wie an den höchsten Gott!

Der Gattin unseres Blumenzüchters ging es wie allen anderen, sie konnte nicht widerstehen. Nachdem sie das Gedicht dreimal gehört hatte, war sie überwunden. Da sie aber, wenn auch träumerisch und schwärmerisch, doch eine ehrenhafte und stolze Natur war, so war sie eine Feindin alles Zweideutigen und Zweifelhaften. In seinem »Credo« hatte der Dichter doch auch ausdrücklich erklärt, daß er durchaus kein Verständnis für jene Sorte von Anbetern hätte, die mit hoch erhobenem Haupte einhergehen, als verachten sie jedes Gesetz und jede Sitte.

Die junge Frau nahm sich also das »Credo der Liebe« zur Richtschnur, entwich plötzlich aus dem Garten zu Auteuil und warf sich in die Arme ihres Dichters. »Ich kann nicht mehr mit diesem Menschen leben! Erlöse mich!« In solchen Fällen wird nämlich der eigene Gatte immer mit »dieser Mensch« bezeichnet, hier bezog es sich also auf den Blumenzüchter.

Amaury war einen Moment starr vor Staunen. Wie zum Teufel kam die dreißigjährige Dame auf den Gedanken, das, was er in einem Liebesgedicht gesagt, ernst zu nehmen und ihm nun kurz und bündig zu folgen? Er machte aber gute Miene zum guten Spiel, nahm freundlich an, was ihm das Schicksal so unverhofft bescheert und da sich die Dame in ihrem Garten zu Auteuil in Folge der guten Luft und der aufmerksamen Pflege sehr gut conservirt hatte, so hatte er in keiner Beziehung etwas einzuwenden.

In den ersten Tagen war es wirklich reizend. Man fürchtete die Verfolgung des betrogenen Gatten; man mußte sich unter falschem Namen verbergen, häufig die Wohnung wechseln und dabei natürlich recht unscheinbare, 28 wenig auffällige Quartiere in den entlegensten Vorstädten von Paris aussuchen. Man konnte nur des Abends ausgehen, spähte dabei fleißig nach allen Seiten und machte schließlich sentimentale Mondscheinpromenaden längs der Festungswerke.

O du wunderbare Macht der Romantik! Je mehr Furcht sie empfand, je erfinderischer er in Vorsichtsmaßregeln war, je dichter er die Vorhänge an den Fenstern und die Schleier um ihr Gesicht wünschte, desto größer und bedeutender erschien in ihren Augen der Dichter. Des Nachts öffneten sie das kleine Fenster ihres Zimmers, sahen zu den Sternen auf, die noch schöner funkelten als die Signalflammen am benachbarten Eisenbahndamm und dann ließ sie sich von ihm deklamiren:

Ich glaube an die Liebe wie an den höchsten Gott.

Das war alles wunderschön.

Leider dauerte die Freude aber nicht lange. Der Gatte ließ sie vollständig ruhig gewähren und von sich selbst nichts hören und sehen. Was will man auch von ihm? Er war eben ein Philosoph, »dieser Mensch«. Nachdem seine Frau ihn schmählich verlassen, hatte er den Eingang zu seiner Oase wieder geschlossen, war zur Pflege seiner Rosen zurückgekehrt und hatte seine stille Freude daran, daß diese ihn wenigstens nicht verlassen könnten, da sie mit langen und festen Wurzeln im Erdreich hafteten. Unsere Liebenden fanden auch bald ihre Ruhe wieder, sie kehrten nach Paris zurück und – da schien es der jungen Frau mit einem Male, als ob man ihren göttlichen Dichter vertauscht hätte. Die Flucht, die Angst, überrascht zu werden, die Furcht vor Entdeckung, die fortwährende Unruhe, alles, was ihrer Leidenschaft immer neue Nahrung gegeben hatte, fiel jetzt von selbst fort, und nun begann sie ihn zu verstehen, jetzt endlich sah sie klar. Bei jedem kleinen Umstand, bei der Einrichtung der Häuslichkeit, bei all den tausend Einzelheiten des alltäglichen 29 bürgerlichen Lebens lernte sie den Mann kennen, mit dem sie jetzt lebte.

Das Wenige, was ihm die Natur an höheren, heldenhaften und innigen Empfindungen verliehen hatte, war in seinen Versen so aufgebraucht, daß er für den eigenen Bedarf nichts übrig behalten hatte. Er war kleinlich, egoistisch und vor allem, was die Liebe niemals vergiebt, höchst geizig. Er hatte ja auch, um den etwaigen Verfolgungen zu entgehen, seinen Schnurrbart sich abnehmen lassen müssen, und dadurch erschien er sehr entstellt. Wie ganz anders hatte er doch damals ausgesehen, als er ihr – ein Jüngling mit gebrannten Locken – zum ersten Male im Lichte der Kerzen erschienen war und sein »Credo« deklamirt hatte! Jetzt, in der Zurückgezogenheit, in der er ihretwegen bleiben mußte, ließ er sich vollständig gehen und nun kamen alle seine Schwächen und Albernheiten ans Tageslicht; die schlimmste von allen war, daß er sich fortwährend einredete, krank zu sein, und wenn man sich eine Zeit lang einredet, daß man sehr leidend ist, dann wird man es bekanntlich schließlich wirklich. Der brave Amaury hüllte sich in Flanell und Gichtpapier, auf seinem Kamin stand eine Flasche Medicin und eine Schachtel mit Pulvern und Pillen neben der andern. Längere Zeit mußte die kleine Frau alle Arbeiten einer grauen Schwester, einer Krankenpflegerin von Fach verrichten. Mit Ergebung trug sie dieses Loos, schien es ihr doch, als könne sie dadurch ihren Fehltritt sühnen und als habe andererseits nun erst ihr Leben einen vernünftigen Zweck. Dann aber erkaltete ihr Eifer auch in dieser Beziehung. In dem stickig heißen Zimmer, in welchem der in wollene Binden eingewickelte Dichter saß, dachte sie zurück an ihren Garten, in dem es so lieblich duftete, in dem solche gesunde Luft herrschte – und der gute Blumenzüchter erschien ihr dann im wachen Traume, wie er zwischen den Blumen und Bäumen einherging, so still, so einfach, so 30 uneigennützig. Ach, wie sehr gewann er im Vergleich mit jenem exaltirten und selbstsüchtigen Menschen, neben dem sie jetzt saß.

Nach Verlauf eines Monats liebte sie ihren Gatten, und sie liebte ihn mit echter, wahrhafter, nicht eingebildeter unaffectirter Zuneigung. Eines schönen Tages schrieb sie ihm eine lange Epistel voll der leidenschaftlichsten Versicherungen ihrer Reue und ihrer jetzt erwachten Liebe. Er antwortete gar nicht; vielleicht dachte er, daß sie noch nicht genug gestraft sei. Nun schickte sie ihm Briefe auf Briefe, bat in den flehendsten Ausdrücken um Vergebung und um Erlaubnis, zu ihm zurückkehren zu dürfen, versicherte, daß sie ihn jetzt mehr liebe, als ihr eigenes Leben und daß sie lieber sterben möchte, als mit »diesem Menschen« noch länger leben. Jetzt war der ehemalige Liebhaber also an der Reihe mit »dieser Mensch« bezeichnet zu werden. Selbstredend schrieb sie ganz heimlich, denn sie glaubte fest und sicher, daß Amaury noch immer in sie verliebt sei, und ebenso sehr, wie sie sich nach der Verzeihung ihres Gatten sehnte, fürchtete sie auch die eifersüchtigen Regungen ihres Liebhabers.

»Er würde mich niemals von sich lassen,« dachte sie bei sich selbst.

Als endlich in Folge der unausgesetzten Bitten ihr Vergebung ausgesprochen wurde und der Blumenzüchter sich damit einverstanden erklärte, sie wieder bei sich aufzunehmen – wir haben ja schon gesagt, daß er ein Philosoph war – betrieb sie die Vorbereitungen zur Rückkehr an ihren eigenen Herd so geheimnisvoll, als handle es sich um eine gefährliche Flucht. Sie ließ sich durch ihren Gatten geradezu entführen, das war doch gewiß alles Mögliche. Eines Abends, als der Dichter, dem das Leben zu Zweien schon längst höchst langweilig geworden und der auf seinen wieder gewachsenen Schnurrbart sehr stolz war, in eine Gesellschaft ging, um daselbst 31 sein »Credo der Liebe« zu deklamiren, hüllte sie sich in ihren Mantel, lief bis an die nächste Straßenecke, woselbst ihr Gatte in einer Droschke sie schon erwartete, stieg ein und kehrte so nach ihrem Gärtchen zu Auteuil zurück, für immer von der Sehnsucht geheilt, die Gattin eines Dichters sein zu wollen.

An dem einen Dichter, der allerdings auch darnach war, hatte sie sich den Geschmack für immer verdorben. 32

 


 

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