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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 3
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Madame Heurtebise.

Von der Natur war sie offenbar ganz und gar nicht dazu ausersehen, die Gattin eines Künstlers oder Schriftstellers zu werden, am allerwenigsten eines so ungezwungenen, lebendigen, ja sogar wilden und leidenschaftlichen Menschen, der allezeit die Nase hoch in die Luft hielt, den Schnurrbart unternehmend drehte, als hätte er die edle Absicht, alle schlicht bürgerlichen Sitten und Gebräuche über den Haufen zu werfen, der alles Conventionelle und alle kleinen Vorurtheile haßte und dessen Name schon so komisch klang – wie ein Hohn auf alles Überlieferte und Altgewohnte. Er hieß Heurtebise.

Welches Wunder war geschehen, daß diese kleine, in einem Bijouterieladen aufgewachsene Frau, die bisher weiter nichts verstanden hatte, als Uhrketten vorzulegen, Perlen zu Colliers aneinanderzureihen und Ringe zu verkaufen, daß gerade diese Frau den Dichter an sich zu fesseln vermochte.

Jede ihrer Bewegungen verrieth die Ladenmamsell; dasselbe thaten die ausdruckslosen Züge ihres Gesichts, der kalte und doch immer lächelnde Blick der Augen, die ganze, stets freundliche und ruhige Physiognomie, der Mangel an wahrer Eleganz, die Vorliebe für Glanz und Flitterstaat, die sie ohne Zweifel von ihrem Vater geerbt hatte und die auch die Veranlassung waren, daß sie immer und immer wieder sich mit ihrem Vorrath von Gürteln, Schnallen und Seidenstoffen beschäftigte; wie sah sie so gewöhnlich aus mit ihrer auffallenden Haartracht, unter der die kleine schmale Stirn zum Vorschein kam. Diese selbst zeigte zwar nicht das kleinste Fältchen, das sprach aber 15 weniger für ihre Jugend, als es vielmehr ein vollgiltiger Beweis für den absoluten Mangel an eigenen Gedanken und Ideen war. Und trotzdem sie so beschaffen war, liebte sie Heurtebise, hatte er um sie angehalten, und – da er selbst einiges Vermögen besaß – auch ohne große Mühe ihr Jawort erhalten.

Was sie besonders gereizt hatte, seinen Antrag anzunehmen, war der immer gehegte Wunsch, einen Schriftsteller zu heirathen; einen Mann, der in der Öffentlichkeit bekannt ist und der ihr so viel Theaterbillets geben könnte, als sie nur haben mochte. Was ihn betrifft, so muß ich wirklich annehmen, daß die ihr anhaftende falsche Eleganz der Verkaufsdame – ihre gesuchten Manieren, der zusammengepreßte Mund, der stets von dem betreffenden Gegenstande fort und frei in der Luft gehaltene kleine Finger, kurz die ganze nachgeahmte und gekünstelte Zierlichkeit – ihn verblendet hatte, sodaß er glaubte, er hätte es mit vollendeter Pariser Feinheit und mit dem feinsten Geschmack zu thun. Denn er war als der Sohn eines Bauern geboren, und trotz seines Geistes und Wissens war ihm doch ein großer Theil bäuerischer Anschauungen geblieben.

Entzückt darüber, daß er nun wieder das friedliche Glück des Familienlebens genießen könnte, das er so lange vermißt hatte, verbrachte Heurtebise zwei Jahre fern von seinen Freunden und Bekannten. Er hatte sich auf dem Lande, nicht weit hinter dem Weichbilde von Paris, angesiedelt, damit er immer mit der großen Stadt in Beziehung bleiben könne, deren Atmosphäre zwar drückend ist und die Nerven beunruhigt, aber doch auch so anregend wirkt. Das ist wie mit jenen Kranken, denen man den Aufenthalt an der See anordnet; direct an der Küste können sie nicht wohnen, dort ist die Luft zu stark und zu schwer für sie – deshalb begeben sie sich an Orte die mehr im Innern liegen, an denen man aber doch die Seeluft verspürt.

16 Von Zeit zu Zeit lasen wir Heurtebise's Namen unter einem Artikel in Zeitschriften und Journalen. Sein Stil war nicht mehr so elegant und schneidig wie früher, seine Beredtsamkeit nicht mehr so feurig und hinreißend, wie sonst – wir dachten uns aber: Er ist so glücklich, sein Glück verwöhnt ihn.

Eines Tages suchte er wieder unsern Kreis auf und nun sahen wir allerdings, daß er durchaus nicht glücklich sei. Sein Gesicht war bleich, sein Wesen zerstreut, seine Züge drückten eine gewisse Stumpfheit aus, die Heftigkeit mancher Bewegungen zeugte von großer Nervosität, sein Lachen klang nicht mehr so voll und herzlich wie früher, sondern gezwungen – mit einem Worte: Er war wie ausgewechselt. Da er zu stolz war, um einzugestehen, daß er sich schmählich getäuscht habe, beklagte er sich mit keinem Worte; aber die alten Freunde, denen sein Haus sich nun öffnete, hatten nur zu bald Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß seine Ehe die denkbar unglücklichste und daß sein ganzes Leben verpfuscht sei ohne Aussicht auf Besserung oder Änderung.

Madame Heurtebise dagegen erschien uns nach zweijähriger Ehe noch genau ebenso, wie wir sie am Hochzeitstage in der Sakristei gesehen hatten; das gesucht liebenswürdige Lächeln trug sie noch immer zur Schau, ihr Wesen war noch immer das einer aufgedonnerten und geputzten Ladenmamsell, nur mit dem Unterschiede, daß sie sich jetzt auch als feingebildete Dame aufspielen wollte. Sie sprach jetzt. In den Unterhaltungen über Kunst und künstlerische Principien, in denen sich Heurtebise stets mit besonderer Vorliebe erging und in denen er oft ein unumstößliches Urtheil aussprach, unterbrach uns plötzlich die affectirt und fade klingende Stimme seiner Gattin, die ein häßliches Schmähwort als Tadel oder gemachten Enthusiasmus als Lob vorbrachte. Gleich uns allen mußte dann natürlich auch er dem albernen Gewäsch zuhören, dem 17 sinnlosen Schwatzen, das fast nie auf den eigentlichen Gegenstand der bisherigen Unterhaltung Bezug hatte. Verlegen und beschämt blickte er dann vor sich nieder, warf uns wohl auch einen Blick zu, wie wenn er uns um Vergebung für die Störung bitten wollte und versuchte endlich, in der unterbrochenen Unterhaltung fortzufahren. Sie aber begann ihren Widerspruch immer von neuem, sie blieb mit abschreckender Beharrlichkeit bei ihren albernen Einwürfen, sie, die innerlich so leer und hohl war, blähte und spreizte sich noch – er hielt es nun für das Beste, ganz zu schweigen und sie reden zu lassen, was sie wollte und so viel sie wollte. Aber dieses Schweigen mißfiel der Dame erst recht; es erschien ihr beleidigender und ärgerlicher, als der heftigste Widerspruch. Ihre Stimme wurde kreischend; sie tobte und zankte und geberdete sich so unausstehlich, daß schließlich auch dem Gatten die Geduld riß und er auch seinerseits grob und heftig wurde.

Die unaufhörlichen Scandalscenen endeten regelmäßig mit einer Thränenflut, aber wie der Rasen frisch und kräftig wird, wenn man ihn eifrig begießt, so wurde auch sie nach jeder solchen Flut energischer, kräftiger und widerstandsfähiger; er dagegen war ermattet, auch wohl fieberhaft erregt, jedenfalls unfähig zur Arbeit. Mit der Zeit ließ auch seine Heftigkeit bei der Erwiderung ihrer Zornesausbrüche nach. So hatte ich z. B. eines Abends einer der bekannten peinlichen Scenen beigewohnt. Madame Heurtebise erhob sich triumphirend von ihrem Platze am Tische; ich sah auf ihren Gatten, der während ihres Zankens und Keifens ganz ruhig geblieben war, in dessen Gesicht aber die tiefste Verachtung gemischt mit grimmigstem Zorn sich ausdrückte. Alles Blut war ihm zu Kopfe gestiegen; die Augen standen ihm voll Thränen, um den zusammengepreßten Mund spielte ein ironisches Lächeln – so wartete er, bis seine Frau sich entfernt hatte. Als sie nun aber die Thüre hinter sich ins Schloß geworfen hatte, 18 da machte er hinter ihr eine Grimasse, die seine Wuth und seinen Haß ausdrücken sollte, – gerade wie es der Lehrjunge hinter seinem Meister macht. Im nächsten Moment hörte ich ihn murmeln und seine Stimme schien erstickt vor Bewegung: »Oh, wenn nur das Kind nicht wäre! Wie schnell würde ich sie dann von mir abschütteln!«

Sie hatten nämlich auch ein Kind, einen kleinen, hübschen aber ziemlich unsauberen Jungen, der sich auf der Erde und in den Winkeln herumsielte, mit den Hunden, die noch größer als er selbst waren, mit Erde und eingefangenen Spinnen spielte. Die Mutter wußte von ihm nichts anderes zu sagen, als daß er ganz abscheulich sei und sie es tief bedauere, ihn nicht irgendwohin in Pflege gegeben zu haben. Sie hatte in ihrer Wirthschaft zäh an den Manieren der kleinbürgerlichen Ladenbesitzer festgehalten; die Zimmer waren nie ordentlich aufgeräumt, sie selbst aber ging vom frühen Morgen an elegant gekleidet und wohlfrisirt herum – rief sie sich dadurch doch die ihrem Herzen so theuern Tage des Geschäftslebens zurück, da sie in einer Pause, wenn gerade kein Käufer im Laden war, schnell einmal in das hinter dem Laden befindliche von Unsauberkeit starrende, niemals recht gelüftete Zimmer springen konnte, um in aller Hast auf ungedecktem Tische irgend eine schlecht zubereitete Speise zu essen, mit dem Ohre immer auf der Wache, immer lauschend, ob die Klingel an der Ladenthüre nicht das Nahen eines Käufers anzeigte. Von ihrem Geschäftsleben her hatte sie auch die Vorliebe für die belebten Straßen; auf den Straßen gehen ja die Käufer, die Müßiggänger, die am Schaufenster stehen bleiben, und hier sieht man die große Masse des Volkes, die an Sonntagen hinauszieht ins Freie und alle Wege und Straßen erfüllt. Das war etwas für sie! Oh, wie langweilte sie, die Unglückliche, sich hier auf dem Lande! Wie sehnte sie sich nach Paris! Heurtebise dagegen glaubte hier draußen bleiben zu müssen, um seinem 19 Geiste die nöthige Frische zu wahren. Das Treiben in Paris machte ihn abgespannt wie einen Provinzialen, der zum Besuch nach der Hauptstadt kommt. Die Frau verstand das natürlich nicht und beklagte sich fortwährend über ihre Einsamkeit.

Um sich zu zerstreuen, lud sie ihre alten Freundinnen ein. Wenn ihr Gatte dann gerade nicht anwesend war, unterhielt man sich damit, seine Papiere, seine Notizen zu durchstöbern, und die begonnenen Arbeiten durchzusehen.

»Nun sehen Sie bloß, meine Liebe, das ist doch wirklich zu drollig! Er schließt sich ein, um solches Zeug zu schreiben! Er geht allein spazieren, er spricht mit sich selbst – ich habe noch keine Ahnung von dem, was er eigentlich treibt.«

Und dann folgten, besonders im Rückblick auf die Vergangenheit, endlose Vorwürfe.

»Oh! Wenn ich das gewußt hätte! Wenn ich bedenke, daß ich Aubertot und Fajon, die Weißwaarenhändler, hätte heirathen können –«

Sie nannte immer die beiden Associés gemeinschaftlich, gerade als ob sie beide hätte heirathen können. Auch in Gegenwart ihres Gatten legte man sich bald nicht mehr den mindesten Zwang auf. Sie störte ihn auf jede erdenkliche Weise; sie hinderte ihn an der Arbeit, indem sie gerade in seinem Schreibzimmer sich mit einigen abscheulichen Weibsbildern in eine recht laut geführte Unterhaltung einließ, in der weidlich auf die Schriftsteller raisonnirt wurde und auf die Schriftstellerei, die so wenig einbringt und bei der selbst die größte Arbeit doch nur einem geschäftigen Müßiggange gleich zu achten ist.

Von Zeit zu Zeit suchte sich Heurtebise diesem Treiben, das ihm mit jedem Tage unerträglicher wurde, zu entziehen. Er kam nach Paris, miethete sich in einem Hotel ein kleines Zimmer und versuchte sich einzureden, daß er noch Junggeselle sei; dann erinnerte er sich plötzlich seines 20 Sohnes, es überkam ihn eine fast närrische Sehnsucht, ihn zu umarmen – und so kehrte er noch an demselben Abend aufs Land zurück. Um nun bei der Heimkehr keiner heftigen Scene ausgesetzt zu sein, nahm er gewöhnlich einen Freund mit sich und behielt ihn draußen, so lange es irgend anging. So lange er nicht allein und einzig auf die Gesellschaft seiner Frau angewiesen war, lebte er wieder auf, sprach davon, daß er die unterbrochenen Arbeiten wieder aufnehmen wollte und fühlte neue Schaffensfreude in sein Herz einziehen. Welche moralische Zerrissenheit folgte aber dann, wenn man ging. Immer aufs neue versuchte er seine Gäste zurückzuhalten; mit der ganzen Kraft, die ihm sein Kummer gab, hängte er sich an sie. Wie traurig, wie niedergeschlagen war er, wenn er uns nach der Haltestelle des Omnibus begleitete, der uns vom Weichbilde zurück nach Paris brachte! Und wenn wir dann abgefahren waren, wie lauschte er, mit verschränkten Armen dastehend, dem Rollen des sich entfernenden Wagens, bis er auf der staubigen Landstraße langsam den Heimweg antrat!

Das Alleinsein mit seiner Gattin wurde ihm schließlich unleidlich, ja unmöglich. Um dasselbe zu vereiteln, lud er sich nun das Haus voll Gäste und mit seinem guten Herzen, seiner Sorglosigkeit und dem Mangel an vernünftiger Auswahl hatte er es denn bald so weit gebracht, daß sämmtliche literarische Hungerleider sich bei ihm ein Rendezvous gaben. Ein Heer von Soldschreibern, Faullenzern und Narren ging bei ihm aus und ein, war bei ihm mehr zu Hause, als er selbst es war, und da seine Gattin nun einmal dumm und urtheilslos war, so fand sie alle entzückend und viel bedeutender als ihren Mann – wahrscheinlich, weil sie mehr schrieen als dieser. Mit den abgeschmacktesten Unterhaltungen wurde die Zeit todtgeschlagen. Da war ein Wortschwall zu hören, Discussionen und Debatten zu vernehmen, wie man es sich nicht 21 schlimmer denken kann, und der arme Heurtebise befand sich unbeweglich und stumm inmitten dieses Gesindels und begnügte sich damit, verächtlich zu lächeln und die Achseln zu zucken. Als jedoch einmal nach einer endlos langen Mahlzeit seine Gäste, sämmtlich die Ellenbogen auf den Tisch stützend, bei einer Flasche Lebenswasser saßen und ihre Bemerkungen zum Besten gaben, die so nichtig, so gehaltlos waren, wie der Rauch einer Cigarre, da ergriff ihn ein tiefer Abscheu, und weil er nicht die Energie hatte, die Elenden sammt und sonders zum Hause hinaus zu werfen, ging er selbst und blieb auch acht Tage lang fort.

»Mein Haus steckt voll Narren,« sagte er eines Tages zu mir; »ich kann nicht mehr dahin zurückgehen.«

Da er sich nun einmal in solcher trostlosen Verfassung befand, schrieb er natürlich auch nichts mehr. Sein Name erschien immer seltener in den Zeitungen und auch mit seinem Vermögen ging es auf die Neige, wurde es doch auf die sinnloseste Art verschwendet, da sein Haus aller Welt Obdach und Verpflegung bot.

Wir hatten uns längere Zeit nicht gesehen. Da erhielt ich eines Tages ein Billet mit seiner lieben Handschrift, aber wie hatte diese sich verändert! Früher waren die Schriftzüge kräftig und fest, jetzt kritzlich und zitternd. – »Wir sind in Paris. Komm, besuche mich. Ich langweile mich furchtbar.«

Ich fand ihn mit seiner Frau, seinem Kinde und seinen Hunden in einer kleinen, dunkeln Wohnung in der Vorstadt Batignolles. Hier war die unordentliche Wirthschaft noch deutlicher erkennbar als damals auf dem Lande, da hier alles noch auf engerem Raume angehäuft war. Das Kind und die Hunde stolperten übereinander und sielten sich wie gewöhnlich auf dem Fußboden, und Heurtebise lag krank im Bette, das Gesicht zur Wand. Er befand sich im Zustand vollkommener Hilflosigkeit, und seine Gattin, die natürlich wie immer sich ein Air zu geben 22 suchte, wie immer liebenswürdig lächelte, kümmerte sich gar nicht um ihn.

»Ich weiß gar nicht, was ihm eigentlich fehlt,« meinte sie im Tone größter Sorglosigkeit.

Als er mich sah, war er einen Moment offenbar freudig überrascht, er machte sogar einen schwachen Versuch zu lächeln – gleich darauf aber schien ihm alles wieder gleichgiltig zu sein.

Auch hier in Paris hielt man an dem Treiben fest, das draußen auf dem Lande eingeführt worden; um die Frühstücksstunde kam, ohne sich zu geniren, ohne zu bedenken, daß der Hausstand durch Krankheit und andere Einflüsse ins Wanken gerathen war, ein Schmarotzer der schlimmsten Sorte. Es war ein kleiner, kahlköpfiger, pockennarbiger Mensch mit starrem Blick und widerlichem Gesichtsausdruck; im Hause nannte man ihn nicht anders, als den »Mann, der Proudhon gelesen hat«. So stellte ihn auch Heurtebise, der aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht seinen Namen kannte, aller Welt vor. Wenn man ihn fragte: »Wer ist denn das?« so antwortete er bedeutungsvoll: »Oh, das ist ein sehr tüchtiger Kerl! Er hat den Proudhon gelesen.« Mehr hätte sich von ihm auch schwerlich sagen lassen, denn der große Geist ließ sich nie in ein Gespräch mit jemand ein, und wenn er ja einmal etwas sagte, so war es nur bei Tische, um sich über ein schlecht gebratenes Huhn oder das Fehlen einer Sauce zu beklagen. An diesem Tage z. B., an dem ich zugegen war, raisonnirte »der Mann, der den Proudhon gelesen hatte« über das abscheulich schlechte Frühstück, was ihn jedoch nicht hinderte, die Hälfte der aufgetragenen Speisen ganz allein zu verzehren.

Diese Mahlzeit am Krankenlager erschien mir sehr lang und ganz unsäglich peinvoll. Die Frau schwatzte wie immer, gab hin und wieder dem Kinde eine Ohrfeige, warf den Hunden einen Knochen und dem Philosophen einen 23 lächelnden Blick zu. Heurtebise wandte sich nicht ein einziges Mal zu uns um, obwohl er nicht schlief; ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt noch an etwas dachte.

Lieber, braver Junge! Bei diesen unaufhörlichen und niederträchtigen Angriffen mußte sogar der Widerstand seiner so kräftigen Natur gebrochen werden. Er starb langsam ab. Dieses stille Hinsiechen, das man besser ein allmähliches Verzichten auf das Leben nennen könnte, dauerte mehrere Monate. Dann sah Madame Heurtebise sich als Witwe. Eben so wenig wie ihre Thränen um den Hingeschiedenen den Glanz ihrer Augen hatten beeinträchtigen können, ebensowenig hatte sie auch ihre Sorgfalt in Betreff ihrer Frisuren vermindert, und da Aubertot und Fajon noch frei waren, so heirathete sie Aubertot und Fajon. Vielleicht Aubertot, vielleicht Fajon, vielleicht sogar alle beide. Auf jeden Fall war sie nun dem Leben wiedergegeben, zu dem sie eigentlich berufen war, dem der gehaltlosen Schwätzerei, des unausgesetzten Lächelns der Ladenmamsells. 24

 


 

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