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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 14
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Was der Palmen-Frack erzählte.

Mit diesem Morgen begann für den Bildhauer Guillardin der schönste Tag seines Lebens.

Er war zum Mitglied des Instituts ernannt und wollte in der feierlichen Sitzung der vereinigten fünf Akademieen sein Akademiker-Gewand einweihen, den prächtigen mit grünen Palmen gestickten Frack, dessen neues Tuch so hübsch glänzte und dessen Seidenstickerei so schön in der Farbe der Hoffnung schimmerte. Das glückverheißende Gewand! Da lag es wie hingegossen auf dem Sessel; es schien nur darauf zu warten, angezogen zu werden, und nachdem Guillardin seine weiße Kravatte sorgfältig angelegt hatte, betrachtete er den Rock mit dem Ausdruck tiefstgefühlter Liebe und Zärtlichkeit.

»Vor allen Dingen wollen wir uns nicht übereilen; wir haben noch viel Zeit,« sagte der gute Mann zu sich selbst.

Er hatte sich nämlich thatsächlich aus begreiflicher Erregung volle zwei Stunden zu früh angekleidet, und die schöne Madame Guillardin, die immer ziemlich langsam Toilette machte, hatte ihm ausdrücklich erklärt, daß sie an diesem Tage genau zur angesetzten Zeit zum Ausfahren bereit sein würde – keinesfalls auch nur eine Minute früher – wohlverstanden.

Armer Guillardin! Was sollst du beginnen, um die Zeit bis zu jenem Moment todtzuschlagen?

»Wir können ja immerhin einmal unsern Rock anziehen,« meinte er, und nachdem er nochmals den Tüll und die Spitzen mit innigem Behagen gestreichelt hatte, nahm er das kostbare Kleidungsstück, zog es mit fast unglaublicher Vorsicht an und stellte sich dann vor den Spiegel.

115 Ah! Welch herrliches Bild strahlte ihm aus dem Glase entgegen! Das war einmal ein netter neugebackener Akademiker, so glücklich, so heiter, so zufrieden lächelnd; seine Haare spielten schon etwas ins Graue, seine Figur war ein bischen stark und die kurzen Arme bewegten sich wegen der neuen Ärmel mit einer Würde und Steifheit, die an's Automatenhafte grenzte – aber das that ja nichts. Seine Tournüre genügte offenbar allen Ansprüchen. Guillardin ging auf und nieder; grüßte, wie er es bei seinem Eintritt in den Sitzungssaal thun wollte, lächelte seinen Collegen von den schönen Künsten zu und übte sich in den andern bekannten Bewegungen, die bei den Akademikern so beliebt sind.

Aber wenn man von seiner eigenen werthen Persönlichkeit auch noch so eingenommen ist, so kann man doch unmöglich zwei Stunden lang vor dem Spiegel auf- und abgehen. Das ermüdete mit der Zeit also auch unsern Akademiker, und da er fürchtete, sein neues Gewand zu drücken, zog er es wieder aus und legte es wieder sorgsam auf einen Sessel. Er selbst setzte sich ihm gegenüber in eine Ecke am Kamin, streckte die Beine aus, faltete die Hände über der Weste und gab sich, immer den grüngestickten Frack betrachtend, seinen Träumen hin.

Wie der Reisende, der am Ziele seiner Wanderschaft angelangt ist, sich noch einmal alle Gefahren, alle Hemmnisse ins Gedächtnis zu rufen pflegt, die er auf der langen Fahrt zu überwinden hatte, so blickte jetzt Guillardin auf sein bisheriges Leben zurück. Jahr für Jahr ließ er an seinem geistigen Auge Revue passiren, mit dem Tage beginnend, da er in Jouffroy's Atelier zum ersten Male einen Meißel in die Hand bekommen hatte. Ach du heilige Kunst, wie ist doch der Anfang so hart, so schwer! Er gedachte der zahlreichen Winter, in denen er kein Feuer anzünden konnte; der Nächte, in denen er sich, von Sorgen gequält, ruhelos auf dem ärmlichen Lager wälzte; der 116 zahlreichen und nutzlosen Wege, die er gemacht, um Aufträge zu erhalten; er dachte, wie oft er von jener verzweiflungsvollen Wuth ergriffen war, in der man sich selbst so klein, so untüchtig, so nutzlos, ja so überflüssig erscheint inmitten der großen Menge, die den Unbekannten stößt, drängt, hetzt und zu zermalmen droht. Und nun sich sagen zu können, daß er es ganz allein, ohne Protektor, ohne Vermögen so weit gebracht habe! »Oho, einzig und allein mein Talent hat das vermocht!« Und den Kopf zurückwerfend, die fast geschlossenen Augen nochmals halb öffnend, so beendigte der ehrenwerthe Mann sein Nachdenken und wiederholte mit ziemlich lauter Stimme: »Einzig und allein mein Talent! Einzig und allein mein Tal . . .«

Ein lautes, trocken, heiser und geisterhaft tönendes Gelächter unterbrach ihn plötzlich. Ziemlich verdutzt sah sich Guillardin in seinem Zimmer um: Er war allein, ganz allein – im tête-à-tête mit seinem grünen Gewand, diesem Schatten jedes rechtschaffenen Akademikers; es lag ihm gegenüber auf einem Sessel. Dabei dauerte das unverschämte Lachen fort. Jetzt aber sah der Bildhauer genauer hin und da glaubte er zu bemerken, daß sein Rock nicht mehr so auf dem Sessel lag, wie er selbst ihn eben noch hingelegt; nein, er saß wirklich und wahrhaftig auf dem Fauteuil, hatte die Schöße gehörig placirt, die Ärmel auf die Stuhllehnen gestützt, und der obere Theil hatte sich gewölbt und hob und senkte sich, als wenn er ein lebendes Wesen umschließe. Von dorther kam das Lachen; aber konnte das denn möglich sein? Es gab jedoch keine andere Erklärung; der grüne Rock gab sich ganz offenbar dem Ausbruche der größten Heiterkeit hin, er bewegte sich und schüttelte sich, seine Schöße flogen ordentlich auf und nieder und die Ärmel umklammerten fast krampfhaft die Stuhllehnen, als fürchteten sie, sonst in der Lustigkeit einen gar zu ausgelassenen Streich zu begehen. Und jetzt 117 hörte man gar, wie unter Schluchzen und Schlucken mit feiner Stimme und so recht malitiös klingend die Worte ausgestoßen wurden: »Mein Gott! Mein Gott! Nein, das ist komisch! Da möchte man ja gleich vergehen vor Lachen!«

»Zum Teufel auch – was in aller Welt hat denn das zu bedeuten?« fragte der bedauernswerthe Akademiker, die Augen weit aufreißend.

Die Stimme ließ sich wieder vernehmen, und jetzt klang sie womöglich noch feiner und noch malitiöser als vorhin: »Ich bin es ja, Guillardin! Ich bin es, dein Palmenfrack, der es kaum noch erwarten kann, mit dir zur Sitzung zu gehen. Ich bitte vielmals um Vergebung, daß ich mit meinem unzeitgemäßen Lachen dich in deinen Träumen gestört habe, aber es war doch wirklich zu komisch, dich von deinem Talente sprechen zu hören, und da habe ich mir das Lachen nicht verhalten können. Sage mir doch einmal – aber ganz aufrichtig: War das denn dein Ernst? Glaubst du denn wirklich und ganz ernsthaft, daß dein Talent genügt hat, dich so schnell vorwärts zu bringen, dir eine so hohe Stelle auf der Stufenleiter des Lebens zu verschaffen, dir alles zu geben, was du jetzt dein eigen nennst: Rang, Ansehen, Ruhm, Vermögen? Guillardin! Hältst du das wirklich für möglich? Geh einmal ein bischen mit dir zu Rathe, bevor du mir antwortest. Denke immer noch besser nach, das kann gar nicht schaden. So, jetzt antworte mir! Nun siehst du wohl, du wagst es gar nicht.«

»O doch,« brachte Guillardin stammelnd hervor und sah dabei unendlich komisch aus. »Ich – ich habe – ich habe viel gearbeitet.«

»Jawohl, viel! Ganz enorm viel! Weißt du, was du bist? Ein Steinklopfer bist du, ein Tagelöhner, ein richtiger Akkordarbeiter. Du berechnest das so nach Tagen und Stunden, genau wie ein Droschkenkutscher. Von dem echten Arbeiten, von dem Ringen und Schaffen des wahren 118 Talents hast du keine Ahnung. Oh, ich kenne eine ganze Menge tüchtiger Männer, die auch arbeiten und zwar ganz anders als du, mit all der Emsigkeit, mit all der fieberhaften Anspannung derjenigen, die etwas Großes zu erreichen hoffen – und die es doch niemals so weit bringen werden, wie du es jetzt schon gebracht hast. Bleib' ganz ruhig sitzen! Wir sind ja allein, und können also einmal ein vernünftiges Wort und im Vertrauen sprechen. Einmal im Leben hast du unläugbar Talent und Findigkeit bewiesen – als es nämlich galt, eine hübsche Frau heimzuführen.«

»Ich muß doch sehr bitten –« fiel Guillardin ein und wurde dabei ganz roth.

Die Stimme aber ließ sich nicht einschüchtern, sondern fuhr fort:

»Siehst du, das ist hübsch. Dieser Ausbruch des Unwillens gefällt mir an dir. Er beweist mir, was alle Welt schon längst weiß, daß du nämlich mehr ein Narr als ein Schurke bist. Na, na – du brauchst mich gar nicht mit solch wüthenden Blicken anzusehen. Denn wenn du mich rauh anfassest und ich dabei nur den geringsten Kniff oder die kleinste Falte erhalte, so kannst du unmöglich mit mir in die Sitzung und Madame Guillardin dürfte dann schwerlich ruhig und zufrieden bleiben. Sie ist nämlich die alleinige Ursache der ganzen Wonne dieses schönen Tages und ihr gebührt auch aller Ruhm. Sie allein ist es, welche die fünf Akademieen nun bald empfangen und begrüßen wollen und ich versichere dich, wenn ich ins Institut gelangte, indem ich ihre hübsche und trotz ihrer Jahre noch immer elegante und schlanke Taille umspannte, so würde ich noch einen ganz anderen Erfolg erringen, als wenn du mich trägst. Zum Teufel auch! Guillardin – man muß sich über alles im Klaren sein, und muß sich von allem Rechenschaft ablegen! Du verdankst alles dieser Frau; alles, dein Haus, deine 119 vierzigtausend Francs Rente, deine Orden, deine Lorbeeren, deine Medaillen –«

Dabei erhob der grüne Rock einen seiner gestickten Ärmel und wies auf die unter Glas und Rahmen befindlichen Diplome und Ehrenbriefe, welche die Wände des Zimmers bedeckten. Und als wollte es sein Opfer noch mehr quälen, als wollte es dasselbe verhindern, wo anders hin zu sehen oder irgend eine Bewegung zu machen, näherte sich jetzt das grausame Kleidungsstück dem Kamin, neigte sich in höchst vertraulicher und ungezwungener Weise zu dem unglücklichen Bildhauer und sagte in recht gemüthlichem Tone und als wenn er mit einem alten Bekannten spräche:

»Sieh mal, mein alter Junge, was ich dir soeben erzählte, scheint dir unangenehm zu sein. Es ist aber doch durchaus nöthig, daß auch du weißt, was alle Welt schon längst weiß. Und wer sollte es dir mittheilen, wenn nicht dein eigener Rock? Rechnen wir also einmal ein wenig. Was hattest du, als du dich verheirathetest? Nichts! Was hat dir deine Frau in die Ehe gebracht? Nichts! Wie erklärst du nun dein jetziges Vermögen? Du wirst natürlich wieder sagen, daß du viel gearbeitet hast. Aber, du Unglücksmensch, wenn du auch Tag und Nacht gearbeitet hättest, so hättest du, trotz aller Gefälligkeitsaufträge und trotz aller Arbeiten für die Regierung – die dir seit deiner Verheirathung ja nicht gefehlt haben – dir kaum ein jährliches Einkommen von fünfzehntausend Francs verdient. Meinst du, daß diese Summe genügt, um die Kosten eines Hausstandes zu bestreiten, wie der deinige ist? Bedenke doch nur, daß die schöne Madame Guillardin wie eine Dame aus der eleganten Welt zu allen großen Gesellschaften geladen war, daß sie immer in solchen Kreisen verkehrte, in denen das Geld mit vollen Händen ausgegeben wird. Wahrhaftig, ich weiß ganz wohl, daß du von morgens bis abends in deinem Atelier wie festgenagelt saßest und über all diese Dinge noch nicht einmal 120 ernsthaft nachgedacht hast. Du begnügtest dich, zu deinen Freunden zu sagen: Ich habe eine Frau, die sich wie keine andere auf den Haushalt versteht. Mit dem, was ich verdiene, weiß sie nicht nur auszukommen, sondern sie richtet sich so ein, daß wir noch etwas ersparen.

Armer Mann, du warst doch von einer erstaunlichen Leichtgläubigkeit. In Wirklichkeit hattest du nämlich eins von jenen reizenden Ungeheuern geheirathet, wie man sie in Paris so oft findet – eine anspruchsvolle und lebenslustige Frau, die sehr ernst von deinen Ausgaben sprechen konnte und sehr leichtsinnig über die ihrigen sprach, die für euren gemeinsamen Hausstand und ihr eigenes Vergnügen auf gleiche Weise besorgt war und die für beides auch die Mittel zu finden wußte. Das Leben solcher Frauen, mein Verehrtester, gleicht einer Tanzkarte, auf welcher man einfache Nummern vermerkt hat an Stelle der Namen der Tänzer. Deine Gattin dachte einfach folgendermaßen: Mein Mann hat kein Talent, kein Vermögen, noch weniger Gewandtheit im Umgange; er ist aber ein ganz ausgezeichneter Mensch, gefällig, leichtgläubig – er wird mich also nicht besonders geniren. Wenn es ihm recht ist, daß ich mich ungestört amüsire, so werde ich meinerseits ihm zu allem verhelfen, was ihm jetzt fehlt. Und seit jenem Tage regneten förmlich die Aufträge in dein Atelier, und es regnete Geld, das solchen hübschen Klang hat, und Orden mit Bändern in allen möglichen Farben und aus allen möglichen Ländern. Ja, ja – so kam's. Und eines schönen Morgens kam Madame auf den Gedanken, die Gattin eines Akademikers sein zu wollen, und da war es wieder ihre feinbehandschuhte Hand, welche dir nach und nach alle Thüren geöffnet hat, durch die man in das Heiligthum tritt. Donnerwetter, mein alter Junge! Was es dich gekostet hat, diesen Rock mit den grüngestickten Palmen tragen zu dürfen, das könnten dir einzig und allein deine Collegen sagen!«

121 »Du lügst! Du lügst!« schrie Guillardin, der vor Ärger ersticken zu müssen glaubte.

»O nein, mein alter Freund, ich lüge durchaus nicht. Du hast nur nöthig, dich gehörig umzusehen, – wenn du – was ja bald der Fall sein wird – den Sitzungssaal betrittst. In allen Augen wirst du Schadenfreude lesen können, auf allen Lippen wirst du ein Lächeln sehen und während du dich auf deinen Platz begiebst, wird man einander zuraunen: »Da ist der Gatte der schönen Madame Guillardin.« Denn etwas anderes, mein Lieber, wirst du in deinem ganzen Leben nicht sein als – der Gatte einer schönen Frau.«

Das war zu viel, das konnte Guillardin nicht aushalten! Bleich vor Wuth erhob er sich, um das unverschämte und geschwätzige Kleidungsstück ins Feuer zu werfen, nachdem er die schöne grüne Blattstickerei abgerissen – da öffnete sich eine Thüre und eine ihm wohlbekannte Stimme, in deren Ton sich Geringschätzung und Herablassung paarte, erweckte ihn aus seinem fürchterlichen Traum.

»Ah! Das sieht dir wahrhaftig recht ähnlich! An einem solchen Tage in der Kaminecke einzuschlafen!«

Madame Guillardin stand vor ihm – groß, noch immer schön, wenn auch ein wenig stark; da stand sie und ihr rosiger Teint sah fast so aus, als verdanke er allein der Natur seine Farbe, ihre Haare waren gepudert und den Augen verlieh ein seiner schwarzer Strich unter dem Augapfel erhöhten Glanz. Mit einer gebieterischen Handbewegung ergriff sie das palmengestickte Gewand und langsam half sie ihrem Gatten dasselbe anziehen, wobei ein feines Lächeln um ihre Mundwinkel spielte. Der arme Mann aber trocknete sich den Schweiß von der Stirn; ihm war als sei ihm ein Alp von der Brust genommen; er athmete tief auf und sagte zu sich selbst: »Welch ein Glück – es war also blos ein Traum!«

 

Ende.

 

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