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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gräfin Irma.

»Charles d'Athis, Schriftsteller, hat das Vergnügen Ihnen die Geburt eines Sohnes, der den Namen Robert tragen soll, anzuzeigen.

Das Kind befindet sich wohl.«

Es sind jetzt etwa zehn Jahre her, daß das gesammte schriftstellerische und künstlerische Paris diese auf feinem satinirten Papier gedruckte, mit dem Wappen der Grafen von Athis-Mons geschmückte Anzeige erhielt. Charles d'Athis war der letzte Sprosse des Geschlechtes und hatte sich, so jung er auch war, doch schon einen Namen als Dichter errungen.

»– Das Kind befindet sich wohl.«

Und die Mutter? Ach, natürlich – von ihr verlautete in der Anzeige nichts. Alle Welt kannte ja die Geschichte. Sie war die Tochter eines alten Wildschützen aus dem Departement Seine-et-Oise, war als Modell bekannt unter dem Namen Irma Sallé, und ihr Bild hatte man auf allen Ausstellungen sehen können, wie sie selbst in allen Maler-Ateliers heimisch war. Ihr Gesicht war von ganz eigenartiger Schönheit, es bot die Vermischung des Gewöhnlichen mit dem Lieblichen – eine Hühnermagd mit griechischen Zügen; die niedrige Stirn, die etwas aufgeworfenen Lippen nahmen sich ganz seltsam aus zu dem wunderhübsch geformten Gesicht, dessen etwas dunkler Teint dem blonden Haare einen Reflex gab, daß es wie goldgelbe Seide aussah. Vollendet wurde das anmuthige Bild durch herrliche grünlich schimmernde Augen, die von dichten dunkeln Augenbrauen überwölbt wurden.

d'Athis war in einer schönen Nacht mit ihr auf dem Opernball gewesen, hatte mit ihr soupirt und – dieses 107 Souper zwei Jahre lang fortgesetzt. Aber obgleich Irma vollständig im Hause des Dichters lebte, obgleich sie an allem, was er that und dachte, innigsten Antheil nahm, kann man aus der Fassung jenes Billets doch zur Genüge erkennen, welche Stellung sie in seinem Hause einnahm. Thatsächlich war in dieser »provisorischen Wirthschaft« die Frau nichts anderes als die Verwalterin, die das Hauswesen des aristokratischen Dichters mit einer Sorgfalt versah, welche gleichviel vom Landmädchen wie vom Stadtfräulein an sich hatte. Jedenfalls verrieth Irma auf Schritt und Tritt das Bestreben, sich unentbehrlich zu machen. Zu ungebildet und zu schlicht, um das große Talent d'Athis' ganz zu verstehen, dessen Gedichte so gedankentief und so formvollendet waren, daß sie ihn zu einem französischen Tennyson machten, hatte sie es doch fertig bekommen, sich ganz in seine Ideen und Anschauungen einzuleben; außerdem war bei ihr, die doch aus ganz niederen Verhältnissen stammte, immer jener Respect rege geblieben, den der Bauer vor seinem Gutsherrn, der Bedienstete vor seinem Gebieter empfindet. Die Geburt des Kindes hatte an ihrer vollständig machtlosen Stellung im Hause nichts geändert.

Sobald die verwitwete Gräfin d'Athis-Mons, die Mutter des Dichters, eine sehr feine und vornehme Dame, gehört hatte, daß ihr ein Enkelkind geboren sei, ein kleiner niedlicher Vicomte, der von seinem Vater nach allen Vorschriften des Gesetzes als rechtmäßig anerkannt worden, empfand sie die lebhafteste Sehnsucht, den Kleinen zu sehen und zu küssen. Es war ja für die ehemalige Vorleserin der Königin Maria Amalia peinlich und bitter genug, zu denken, daß der Erbe des berühmten Namens von einer solchen Mutter abstammte; wenn sie sich aber an die Fassung der Geburtsanzeige erinnerte, dann redete sich die alte Dame ein, zu vergessen, daß jenes Geschöpf überhaupt existire. Wenn sie kam, um den 108 Säugling zu sehen, so wählte sie immer höchst vorsichtig solche Tage aus, an denen sie sicher war, niemand sonst im Hause zu treffen, und dann bewunderte und küßte sie den Kleinen, und machte ihn zu ihrem Herzblättchen, ihrem Ideal und zu Großmütterchens Liebling – und wie dies ja immer der Fall ist, sagte auch sie, daß sie nur deshalb noch ein paar Jahre zu leben wünsche, um den Kleinen heranwachsen zu sehen.

Als nun mit der Zeit der kleine Vicomte größer wurde und dieselben Räume, wie sein Vater und seine Mutter bewohnte, traf man, damit die alte Gräfin nicht auf die ihr lieb gewordenen Besuche zu verzichten brauchte, ein neues Abkommen: sobald nämlich die Großmama klingelte, zog sich Irma still und ohne Aufsehen aus dem Wohnzimmer zurück; man führte das Kind wohl auch zum Besuch zu seiner Ahne. Auf diese Weise von beiden Müttern verhätschelt und verzärtelt, liebte es sie beide und wunderte sich nur manchmal darüber, wenn es ihm vorkam, als machte jede der Frauen Anspruch darauf, allein das Recht der Zärtlichkeitsbeweise zu haben. d'Athis war inzwischen von seinen Arbeiten außerordentlich in Anspruch genommen. Sein Dichterruhm wurde immer größer, er selbst war ganz unbesorgt, begnügte sich damit, seinen kleinen Robert anzubeten und zu vergöttern, und aller Welt zu erzählen, wie auch sich selbst steif und fest einzureden, daß der Kleine ihm, ihm allein gehöre und an sonst niemand hänge. Die Illusion sollte nicht allzu lange dauern.

»Ich wünschte wohl, dich endlich verheirathet zu sehen,« sagte eines schönen Tages seine Mutter zu ihm.

»Ja – aber das Kind?«

»Da kannst du ganz unbesorgt sein. Ich kenne ein junges Mädchen, das zwar arm, aber aus sehr vornehmer Familie ist und dich verehrt. Ich habe es so einzurichten gewußt, daß sie mit Robert Bekanntschaft machte, und 109 jetzt sind sie schon die besten Freunde. Während des ersten Jahres eurer Ehe werde ich übrigens den lieben Kleinen zu mir nehmen, und wie es weiter einzurichten ist, werden wir dann ja schon sehen.«

»Und – dieses – dieses Mädchen?« stotterte der Dichter verlegen hervor. Es war nämlich das erste Mal, daß er zu seiner Mutter von Irma sprach.

»Pah!« meinte die verwitwete Gräfin lächelnd und die Achseln zuckend; »wir werden ihr eine hübsche Mitgift aussetzen, und ich bin überzeugt, daß auch sie sehr bald einen findet, der sie heirathet. Der Kleinbürger von Paris nimmt es nicht so genau.«

Am selben Abend noch sprach d'Athis, der niemals der Narr seiner Geliebten gewesen, von den geplanten Arrangements und fand sie, wie immer, unterwürfig und mit allem einverstanden. Als er aber am nächsten Tage von einem Besuche heimkehrte, war die Mutter mit ihrem Kinde verschwunden. Nachdem man beide lange vergeblich gesucht hatte, fand man sie endlich bei Irma's Vater in einer am Rambouillet'schen Walde gelegenen häßlichen, alten, kleinen und baufälligen Hütte; und als der Dichter dieselbe betrat, da fand er seinen Sohn, seinen kleinen ganz in Sammet und Spitzen gekleideten Grafen, auf den Knien des alten Wildschützen, da sah er ihn mit dessen Pfeife spielen, hinter den Hühnern herlaufen und so munter und vergnügt sich herumjagen, daß seine blonden Locken in der Luft flogen.

d'Athis war natürlich über das Bild, das sich ihm darbot, höchst erstaunt, nahm aber die Sache von der komischen Seite und machte schließlich Anstalten, die beiden Flüchtlinge wieder mit nach seinem Hause zu nehmen. Damit war aber Irma durchaus nicht einverstanden. Man vertrieb sie aus ihrem bisherigen Heim – gut, sie ging, ihr Kind nahm sie aber mit. Das war doch ganz selbstverständlich. Da fruchtete kein Bitten, kein Zureden, sie 110 willigte nicht eher in die Rückkehr, als bis ihr der Dichter feierlichst versprochen hatte, sich nicht zu verheirathen. Und auch dann hatte sie noch einzelne Bedingungen zu stellen. Man hatte zu lange vergessen gehabt, daß sie Roberts Mutter sei. Das stete Verbergen, das Verschwinden, sobald die Gräfin d'Athis das Haus betrat, paßte ihr nicht mehr; der ganze Zustand war ihr unerträglich geworden. Das Kind war auch schon zu groß, als daß sie sich vor ihm derartigen Erniedrigungen aussetzen mochte. Und so wurde denn beschlossen, daß, wenn die alte Gräfin mit der Geliebten ihres Sohnes nicht zusammentreffen und verkehren wollte, sie fernerhin nicht mehr in sein Haus kommen, der Kleine dafür aber jeden Tag zu ihr gebracht werden sollte.

Für die alte Großmutter begann nun eine wahre Leidenszeit. An jedem Tage fand sich ein Vorwand, um den Besuch Roberts bei seiner Ahne zu vereiteln. Einmal war er gefallen; dann war es zu kalt; dann regnete es wieder einmal. Später mußte er sich im Freien Bewegung machen, mußte reiten und turnen. Sie bekam ihren Enkel gar nicht mehr zu sehen, die arme Alte. Anfänglich wollte sie sich bei ihrem Sohne beklagen; aber die Frauen sind nun einmal Meisterinnen im kleinen Kriege, ihre Listen sind unergründlich und unerfindlich, wie die verborgenen Nähte und Nadeln, mit denen sie die Volants und die Spitzen an ihren Kleidern befestigen. Der Dichter mochte sich anstrengen, so sehr er wollte, er konnte bei Irma keine böse Absicht entdecken und die tieftraurige Großmutter verbrachte ihre Zeit nun damit, von Tag zu Tag auf den Besuch ihres Lieblings zu warten. Hin und wieder gelang es ihr nach langem Warten und Harren, ihn auf der Straße zu sehen, wenn er in Begleitung eines Dienstboten spazierte; dann gab sie ihm schnell ein paar Küsse und überhäufte ihn mit Schmeichelnamen; der mütterlichen Zärtlichkeit genügten aber solche 111 Momente der Freude nicht, und sie konnten ihr auch nicht genügen.

Um diese Zeit fand Irma Sallé, immer als Beschützerin und Pflegerin des Kindes, den Weg zum Herzen seines Vaters. Jetzt war sie das Oberhaupt im Hause, empfing die Freunde, gab Feste, mit einem Worte: repräsentirte, wie sonst nur die wirkliche Frau vom Hause zu repräsentiren pflegt. Bei alledem vergaß sie nicht, von Zeit zu Zeit den kleinen Vicomte – natürlich immer in Gegenwart seines Vaters – zu fragen: »Erinnerst du dich noch der Hühner bei Großpapa Sallé? Willst du nicht wieder einmal hingehen um sie dir wieder anzusehen?« Und durch derartige leichte Hinweise auf die Möglichkeit eines abermaligen Entfernens befestigte sie ihre Stellung im Hause immer mehr, wie sie es denn auch nicht an Winken fehlen ließ, die ihrer Hoffnung Ausdruck gaben, den Grafen zu heirathen.

Fünf Jahre vergingen noch, bevor sie Frau Gräfin wurde – aber endlich wurde sie es doch! Sie hatte es durchgesetzt! Eines Tages kam der Dichter zagend zu seiner Mutter um ihr mitzutheilen, daß er fest entschlossen sei, seine Geliebte zu heirathen und wider alles Erwarten nahm die alte Dame die Nachricht ganz freundlich auf, begrüßte sie dieselbe doch als eine Befreiung aus höchst fataler Lage, und sah sie doch in dieser Heirath die einzige Möglichkeit, wieder in's Haus ihres Sohnes zurückkehren und mit ihrem kleinen Robert verkehren zu können. Thatsächlich fühlte sich in den Flitterwochen des jungen Paares niemand glücklicher, als die Großmama. Nachdem d'Athis den Staatsstreich vollführt, wollte er sich für einige Zeit aus Paris entfernen – er fühlte sich doch einigermaßen genirt. Da nun das Kind, das nicht von der Mutter lassen wollte, das ganze Haus so recht eigentlich regierte, beschloß man auf's Land zu gehen und zwar dahin, wo sich Irma heimisch fühlte. So ließen sich denn alle in 112 der Nähe von Papa Sallé's Hühnern nieder. Das war nun ein ganz eigenthümliches Heim, eine Wirthschaft, wie man sie seltsamer sich nicht denken kann. Die gute Mama d'Athis und Großpapa Sallé trafen sich allabendlich, wenn ihr beiderseitiger Enkel zu Bette gebracht wurde. Der alte Wildschütz, der in einem Mundwinkel die Spitze seiner alten, längst schwarzgewordenen Tabakspfeife hielt, und die alte Vorleserin aus dem Palaste, die sich noch immer die Haare puderte und sich solch vornehmes Air zu geben wußte, blickten dann gemeinsam das hübsche Kind an, das sich in seinem Bette von der einen Seite auf die andere warf; sie bewunderten es und fanden wechselseitig neue gute Eigenschaften an ihm. Sie brachte ihm aus Paris die neuesten, reizendsten und theuersten Spielsachen mit, er schnitzte ihm Pfeifen mit einem Mundstücke aus Hollunderholz – und, weiß der Himmel, der kleine Thronfolger in der Regentschaft des Hauses d'Athis war oft genug nicht einig mit sich, welchen Geschenken er den Vorzug geben sollte.

Unter allen, welche sich um das Kinderbett drängten und gruppirten, war nur einer, der sich unbehaglich und wirklich unglücklich fühlte, und das war Charles d'Athis. Sein aristokratischer Geist, sein elegantes Wesen litten bei diesem Waldleben, wie die feinen Pariserinnen unter der Landluft leiden, die ihnen zu klar, zu würzig ist. Er arbeitete nicht mehr, und da er sich von jenem entsetzlichen Paris entfernt hatte, welches die Abwesenden so schnell vergißt, so war auch er binnen kurzem fast dem Vergessen anheimgefallen. Glücklicherweise aber war das Kind da, und wenn dieses lächelte, dann dachte der Vater nicht mehr an seine Erfolge als Dichter und auch nicht mehr an die Vergangenheit Irma Sallé's.

Und will man wissen, welchen Abschluß dieses eigenartige Schauspiel fand? Man braucht nur das schwarzgeränderte Billet zu lesen, das ich vor einigen Tagen 113 erhielt und das als Schluß dieses echt Pariser Abenteuers gelten kann:

»Der Graf und die Gräfin d'Athis machen Ihnen schmerzerfüllt die Mittheilung vom Tode ihres Sohnes Robert.«

Die Unglücklichen! Welch traurigen Anblick boten sie, als sie alle vier das leere Bettchen umstanden! 114

 


 

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