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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 11
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Witwe des großen Mannes.

Als man erfuhr, daß sie sich wieder verheirathen wolle, war eigentlich niemand erstaunt. Trotz seiner großen Geistesgaben, oder vielleicht auch gerade wegen derselben, hatte der bedeutende und berühmte Mann, mit dem sie fünfzehn Jahre lang vermählt gewesen, recht sehr unter dem ehelichen Joche zu seufzen gehabt. Mit ihren launischen Einfällen, mit ihren Schrullen und überspannten Ideen hatte sie ihm das Leben vergällt, das wußte ja ganz Paris.

Es war ihm beschieden, in kürzester Frist die Ruhmesbahn zu durchlaufen und die größten Triumphe zu erringen – wie es gerade jenen so oft bestimmt ist, die jung sterben; und sie hatte immer in einer Ecke seines Triumphwagens gesessen, hatte mißmuthig und freudelos dem Treiben zugesehen und scheinbar nur auf den Moment gewartet, daß eine Stockung in dem schnellen Fluge eintrete, daß ein Ungefähr den Wagen aus seinem Geleise werfe und es mit dem Triumphiren und Jubeln ein Ende habe. Wenn sie sich über seine persönlichen Eigenthümlichkeiten beklagte, so hatte sie alle gegen sich. Verwandte, Freunde, alle Welt sagten ihr: »Achte seine Eigenheiten und setze dich über seine Schwächen hinweg. Es sind die Eigenheiten eines Genies; störe ihn nicht, daß er nicht an sich selbst irre wird. Bedenke doch, daß dein Gatte nicht dir allein gehört; mehr noch, als seiner Familie, gehört er der Gesammtheit, dem Lande, der Kunst. Kann man denn wissen, ob jene Eigenschaften, die du als Fehler bezeichnest und fortwährend tadelst, es nicht grade sind, die ihn seine herrlichen Werke haben schaffen lassen?«

91 Sie hörte jedoch auf solche guten Ermahnungen nicht. Der Unfriede herrschte für immer in dem Hause; es gab Vorwürfe, Beleidigungen, Kränkungen, heftige Scenen in Fülle und man dachte schon ernsthaft an eine Trennung – eine Affaire, die jedenfalls den berühmten Namen auf die dritte Seite der Journale gezerrt hätte, dahin, wo die neuesten Scandalgeschichten aufgetischt werden – als plötzlich der Gatte starb.

Die Aufregungen der unglücklichen Ehe, die Unruhe, die durch die letzte kurze Krankheit des Gemahls erregt war, der ganz unerwartete Eintritt des Todes, der doch wenigstens ein bischen das Gefühl von Zuneigung wieder auffrischte, das sie in der ersten Zeit ihrer Ehe empfunden, die ersten Monate des Witwenthums – das alles beeinflußte den Gesundheitszustand der jungen Frau doch einigermaßen, und die Ärzte riethen ihr, zu ihrer Erholung und Zerstreuung ins Bad zu reisen.

Die nun einmal gebotene Zurückhaltung vom öffentlichen Leben und seinen Vergnügungen kam der jungen Witwe recht zu Statten; der Leidenszug in ihrem Gesicht machte sie sehr interessant, und so durchlebte sie mit ihren fünfunddreißig Jahren noch eine zweite Jugend, in der sie womöglich noch verführerischer erschien, als in der ersten. Außerdem kleidete sie das Schwarz ihres Trauergewandes sehr gut und sie wußte sich ganz vortrefflich das Air einer halb beneidenswerthen und halb bedauernswürdigen Frau zu geben, die nun so ganz verlassen auf der weiten Gotteswelt steht, dafür aber auch die Ehre hat, einen berühmten Namen zu tragen. Oh, sie war so besorgt, den Ruhm des theuern Hingeschiedenen für alle Zeiten zu sichern (den vielmals verwünschten Ruhm, der sie früher so viele Thränen gekostet); jetzt hegte und pflegte sie ihn wie eine herrliche Blume, die mit ihren Wurzeln im Grabhügel des Verblichenen haftet und aus der Erde des Grabes stets neue Nahrung empfängt. Jetzt konnte man sie sehen, wie 92 sie, in den schwarzen Witwenschleier gehüllt, die Theaterdirectoren und die Verleger ihres Gatten besuchte, mit Jenen über die Neueinstudirung und Aufführung der Opern des Verstorbenen, mit Diesen über den Druck der nachgelassenen Werke, der noch nicht veröffentlichten Arbeiten unterhandelte – und das alles that sie so würdig und so weihevoll, als handele es sich für sie dabei nur um die Erfüllung einer heiligen Pflicht.

Zu dieser Zeit lernte ihr nachmaliger zweiter Gatte sie kennen. Auch er war Musikus, wenn auch noch ein recht unbekannter; er hatte einige Walzer, mehrere Lieder und zwei kleine Opern componirt, die sämmtlich in sehr hübscher Ausstattung gedruckt und erschienen waren, die aber nicht viel häufiger gespielt als gekauft wurden. Er hatte ein leidlich hübsches Äußeres, stammte aus guter bürgerlicher, sonst aber ganz unbekannter Familie und besaß ein ziemliches Vermögen. Vor dem Genie empfand er unbegrenzte Ehrfurcht, staunte alle Berühmtheiten an wie Wesen aus einer andern Welt und hatte sich noch den ganzen naiven Enthusiasmus junger Künstler bewahrt. So glaubte er auch eine überirdische Erscheinung zu sehen, als man ihm die Witwe des verblichenen Meisters zeigte. Ihm war zu Muthe, als hätte er eine Vision, ja, als wäre die Muse in Person zu ihm hinabgestiegen. Natürlich hatte er auch nichts eiligeres zu thun, als sich in dieses sein Ideal zu verlieben, und da die junge Witwe nunmehr auch schon wieder Gesellschaften gab, ließ er sich in ihrem Hause einführen. In den Räumen, denen das früher hier hausende Genie seinen Stempel aufgedrückt hatte, ja in deren Luft man noch das Wehen und Athmen des Genius zu spüren glaubte, in diesen Räumen wuchs natürlich seine Neigung bis zur Leidenschaft. Da war die Büste des Meisters, dort das Pianino, an dem er zu componiren pflegte; überall auf Tischen und Etageren sah man die von ihm selbst geschriebenen Partituren seiner Werke und 93 auch kleine Blätter, auf denen musikalische Einfälle, kurze Notizen u. s. w. flüchtig niedergeschrieben waren. Alle diese kleinen, der Erinnerung an den großen Todten gewidmeten Gegenstände umgaben die reizende und fesselnde Witwe, wie ein düsterer Rahmen ein farbenprächtiges Bild umschließt, um seinen Reiz nur um so mehr in das rechte Licht zu setzen; natürlich war der junge Componist bald bis über beide Ohren verliebt.

Nachdem er lange gezaudert und gezögert hatte, faßte der gute Mensch sich endlich ein Herz und erklärte sich. Aber in welch bescheidener, fast furchtsamer Weise that er das! Du lieber Himmel! »Er wüßte wohl, wie wenig er selbst noch gelte; er sähe ja nur zu sehr ein, welch schlechten Tausch sie mache, wenn sie ihren berühmten Namen gegen seinen noch unbekannten hingebe.« Diese und noch tausend ähnliche Naivetäten stammelte er in seiner Verwirrung. Nun muß man wissen, daß die Dame im Grunde ihres Herzens sich sehr geschmeichelt fühlte, daß sie diese Eroberung gemacht; in der Öffentlichkeit aber spielte sie die Komödie der Entsagung. Sie that, als hätte sie in dieser Welt bereits auf alles Glück verzichtet, als sei sie erhaben über den irdischen Nichtigkeiten, und als hätte sie mit dem Leben schon abgeschlossen, ohne hoffen zu dürfen, jemals ihren Entschluß zu ändern. Sie, die in Wirklichkeit niemals so ruhig und stillvergnügt war, als seit dem Tode ihres großen Gatten, verstand es, sich noch Thränen des Jammers über seinen Verlust auszupressen und in enthusiastischer Weise von ihm zu sprechen als von einem unersetzbaren Kleinod. Das mußte natürlich die Liebesglut des jungen Anbeters zur hellen Flamme entfachen; er wurde immer stürmischer, immer dringlicher – kurz, das strenge Witwenthum endete mit einer Vermählung.

Aber die junge Ehefrau hörte nun durchaus nicht auf, Witwe zu sein; im Gegentheil – obwohl jetzt verheirathet, 94 fühlte sie sich mehr als je vorher als die Witwe des großen Mannes. Sie wußte nur zu gut, daß in den Augen ihres zweiten Mannes gerade in dieser ihrer Eigenschaft ihr Hauptverdienst und Hauptreiz lag. Sie war älter als er, und nun glaubte sie sich mit einer gewissen Würde umgeben zu müssen, sollte der Altersunterschied nicht etwas Verletzendes in sich tragen. Aber er fand weder hierin noch in irgend sonst einer Thatsache etwas Verletzendes. Er war vollständig überzeugt von ihrer Unfehlbarkeit und fand es deshalb auch ganz natürlich, daß sie die Erinnerung an einen solchen erhabenen Mann, wie ihr erster Gatte gewesen, unauslöschlich und unausrottbar in ihrem Herzen eingegraben. Um ihn in dieser demüthigen und mehr als bescheidenen Ansicht zu bestärken, las sie oft mit ihm zusammen die Briefe durch, die der Meister ihr damals gesandt, als er ihr noch den Hof machte. Dieses Versenken in die Vergangenheit verjüngte sie um fünfzehn Jahre, gab ihr die Frische und auch die Sicherheit einer jungen, schönen, angebeteten und in überschwänglichen Gedichten verhimmelten Frau. Daß die Sache sich später geändert hatte, das kümmerte ihren neuen Gatten wenig; er verehrte sie und betete sie an – er fröhnte durch ihren Besitz eben seiner jedenfalls ganz eigenthümlichen Eitelkeit. Wahrscheinlich war er auch stolz, jetzt in den Besitz desjenigen Wesens gekommen zu sein, an das all' diese Liebesbetheuerungen gerichtet waren und dabei gewissermaßen eine große und beneidenswerthe Erbschaft angetreten zu haben.

Es war ein sonderbares Ehepaar, und es verlohnte sich wirklich der Mühe, beide näher zu betrachten. Einmal traf ich sie im Theater. Niemand würde in ihr die Frau von ehedem erkannt haben, die so zurückhaltend, fast scheu war; die, wenn sie in Begleitung des Maestro ging, fast unbeachtet blieb durch den mächtigen Eindruck, den er selbst machte; die in seinem Schatten fast verschwand, jedenfalls 95 bedeutend von ihm verdunkelt wurde. Jetzt saß sie vorn an der Logenbrüstung, so daß sie allen auffallen mußte, und mit Stolz war sie erfüllt, wenn sie aller Augen auf sich gerichtet sah. Man pflegte wohl zu sagen, daß ihr Haupt umstrahlt sei von dem Ruhmesglanz ihres ersten Gatten, und wo sie sich zeigte, wurde sein Name mit Ehrfurcht genannt. Sein Nachfolger saß bescheidentlich hinter ihr; er sah aus, als hätte er alle Leiden der Welt auf sich genommen und beobachtete mit gespanntester Aufmerksamkeit alle Bewegungen seiner Gebieterin, um ihr nöthigenfalls einen Dienst zu leisten.

In ihrer Häuslichkeit trat das merkwürdige Verhältnis noch auffallender zu Tage. Ich erinnere mich einer Soiree, die sie etwa ein Jahr nach ihrer Vermählung arrangirten. Der Hausherr ging zwischen seinen Gästen umher, offenbar stolz und wohl auch ein bischen verlegen darüber, daß er die ganze gute Gesellschaft in seinen Salons vereinigt sah. Die Gattin war abgespannt, blickte melancholisch drein, und war an diesem Abend die Witwe des großen Mannes, wie man sie sich vollkommener gar nicht vorstellen kann. Sie hatte dabei eine so besondere Art, ihn über die Achsel anzusehen, ihn zu rufen: »Mein armer Freund« (so im Ton des Mitleids und des Bedauerns); dann behandelte sie ihn wohl auch von oben herab und sagte auch zu ihm: »Du bist lange nicht so gut, wie jener es war.« Um sich hatte sie einen Kreis von alten Freunden und Bekannten versammelt, die bei den Erfolgen und Triumphen des Meisters stets zugegen gewesen waren. Mit ihnen unterhielt sie sich im Ton und in der Art eines kleinen Mädchens. Gott, sie hatten sie ja alle schon gekannt, als sie noch so jung war. Fast alle nannten sie »Anaïs« wie sie als Kind gerufen worden war. Es ging gerade so zu wie bei einem Leichenmahl und der arme Gatte näherte sich respectvollst und hörte ergebenst das Lob seines Vorgängers singen. Man sprach von jenen 96 großartigen Premièren, jenen Abenden, die immer zum Ruhme des großen Mannes endeten; man erinnerte sich seiner Eigenheiten, seiner Art zu arbeiten, und daß, wenn ihm einmal die Inspiration fehlte, seine Gattin sich neben ihn setzen mußte. – »Sie erinnern sich doch noch, Anaïs?«

Und Anaïs seufzte und erröthete.

Dann sprach man von jener Zeit, in der die meisten seiner schönen Werke entstanden, ganz besonders der »Savonarola«, jene herrliche Oper, in der das große Duett vorkommt, das bei Mondschein, bei Rosenduft und Nachtigallengesang sich abspielt. Ein Enthusiast spielte die Stelle auf dem Piano, und die Rührung wurde eine allgemeine. Bei der letzten Note der prachtvollen Pièce mußte die Dame des Hauses sich die Augen trocknen. »Es ist zu viel,« sagte sie; »es ergreift mich zu sehr. Ich habe diese Stelle niemals hören können, ohne zu weinen.« Die alten Freunde des Dahingeschiedenen bemühten sich nun um seine unglückliche Witwe, sie sprachen ihr Beileid aus, versicherten sie der Reihe nach ihres tiefsten Mitgefühls – alles wie bei einem Leichenbegängnisse. Sie drückten ihr auch zitternd die Hand und flüsterten: »Fassung, Anaïs! Muth und Fassung!«

Und das Komischste an der Sache war, daß der zweite Gatte neben seiner Gemahlin stand, daß er tief ergriffen und bewegt war und daß auch er sich an den Trostspendungen und Beileidsbezeugungen betheiligte.

»Welch ein Genie! Welch ein Genie war es!« sagte er und wischte sich die Augen.

Es war wirklich rührend und doch auch so unendlich komisch mit anzusehen. 97

 


 

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