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Künstler-Ehen

Alphonse Daudet: Künstler-Ehen - Kapitel 10
Quellenangabe
typesketch
booktitleKünstler-Ehen
authorAlphonse Daudet
translatorAdolf Gerstmann
year1884
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleKünstler-Ehen
pages121
created20161125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fragment eines Damenbriefes.

(Gefunden in der Rue Notre-Dame-des-Champs.)

». . . . . was hat es mich alles gekostet, was habe ich alles aufbieten müssen, um einen Künstler heirathen zu können! Aber die jungen Mädchen setzen sich doch nun einmal allerhand dumme Ideen in den Kopf. Ach, meine liebste Freundin, wenn ich das alles gewußt hätte! Versetze dich in meine Lage. Im Ausstellungs-Kataloge las ich die Adressen der Künstler; sie wohnten fast alle in den entlegenen ruhigen Straßen, ganz am äußersten Ende von Paris. Ich malte mir aus, wie still und friedlich es sich dort wohnen lassen müßte. Jeder ist auf sich angewiesen, denkt an nichts, als an seine Arbeit und seine Familie – und weil ich mich doch kenne und weiß, welch große Anlage zur Eifersucht ich habe, sagte ich zu mir selbst: Einen von diesen möchte ich zum Gatten haben. Er wird immer bei mir, um mich sein; den ganzen Tag über trennen wir uns nicht. Er wird an seinem Gemälde oder an seiner Bildhauerarbeit thätig sein, ich sitze neben ihm und lese – wir brauchen das Atelier gar nicht zu verlassen. Ein schöner Gedanke!

Aber wie habe ich arme Unschuld mich getäuscht. Ich hatte ja keine Ahnung davon, wie es in einem Atelier zugeht, welche eigenthümliche, ganz sonderbare Wirthschaft in einem solchen herrscht und auf was man sich daselbst gefaßt machen muß. Wenn ich früher einmal die Statuen der Göttinnen angeblickt hatte, die meistens in etwas sehr auffälliger Weise decolletirt sind, so war mir auch nicht im Traume der Gedanke aufgestiegen, daß es Frauen – daß es Mädchen – daß es überhaupt jemand geben könnte, der es fertig bekäme – ja, daß ich selbst –

83 Ich bitte dich, glaube meiner Versicherung: hätte ich nur die leiseste Ahnung davon gehabt, nie im Leben hätte ich einem Bildhauer meine Hand gereicht. Sicherlich nicht! Du mußt nämlich wissen, daß in meiner Familie alle gegen diese Verbindung eingenommen waren, trotzdem mein Gatte Vermögen besitzt, einen bedeutenden Ruf als Künstler hat und für uns beide ein reizendes kleines Wohnhaus hatte bauen lassen. Ich – ich war es ganz allein, die für die Verbindung eiferte. Er war ja so nett, so aufmerksam, so zuvorkommend. Ich fand wohl, daß er sich hin und wieder ein bischen zu sehr in meine Toiletten- und Coiffüren-Angelegenheiten mischte, »tragen Sie das Haar doch nicht so, sondern lieber so« – und dann geruhte der Herr Bräutigam eine Blume in meinen Locken zu befestigen, und ich muß gestehen, er that es mit mehr Geschick und Geschmack, als unsere Friseusen und Modistinnen. Ein derartiges Verständnis, eine solche Wissenschaft bei einem Mann – das ist doch etwas Auffallendes? Nicht wahr? Ich hätte doch Verdacht schöpfen müssen! Aber höre nur, was geschah.

Wir waren von unserer Hochzeitsreise zurückgekehrt. Während ich mich in meinem reizenden und wunderhübsch möblirten Boudoir häuslich einrichtete – du kennst ja das herrliche Zimmer und weißt, wie gemüthlich es ist – hatte mein Mann wieder seine Arbeit aufgenommen und begab sich tagtäglich in sein Atelier, das nicht in unserm Wohnhause gelegen ist. Wenn er dann des Abends heimkehrte, erzählte er mir mit Freude und Eifer von dem Werke, das er auf die nächste Kunstausstellung schicken wollte, der Vorwurf war: »Eine Römerin, dem Bade entsteigend.« Besonders bemühte er sich, wie er sagte, im Marmor jenen leisen Schauer wiederzugeben, der den Körper überläuft, sobald er ganz der Luft ausgesetzt ist; ferner das feine Gewebe des Mantels, der von den Schultern herabfällt und mehr derartiges – ich besinne mich 84 nicht mehr auf die Einzelheiten. Unter uns gesagt: Wenn er von seiner Arbeit sprach und schwärmte, verstand ich ihn nicht ganz, aber ich entgegnete doch immer zuversichtlich und vertrauensvoll: »Das muß ja ganz reizend werden,« und ich sah mich im Geiste schon auf einer Allee in den Parkanlagen promeniren, das Werk meines Gatten bewundern – wie prächtig mußte sich das weiße Marmorbild von dem grünen Hintergrund abheben – und ich hörte im Geiste schon die Spaziergänger um mich herum murmeln und flüstern: »Die Gattin des Künstlers.«

Eines Tages wurde ich endlich doch auch neugierig zu sehen, wie weit wir eigentlich mit der edlen Römerin wären, und da kam mir der Gedanke, ihn in seinem Atelier, das ich noch niemals betreten hatte, zu überraschen. Es war einer der ersten Spaziergänge, die ich ohne jede Begleitung unternahm und – weiß der Himmel, ich hatte mich recht schön gemacht zu dem großen Ereignis.

Ich komme an Ort und Stelle und finde den Haupteingang zu dem parterre in einem Gartenhause gelegenen Atelier weit offen stehen. Ich hatte doch sicherlich die Berechtigung einzutreten, nun gehe ich näher und – denke dir meine Entrüstung, sehe meinen Mann in einem Maurerkittel dastehen; das Haar hängt ihm wirr auf die Stirn herab, seine Hände sind mit Lehm und Thon beschmiert, und vor sich hat er eine Frau! Meine liebe Freundin, denke dir, eine große Weibsperson steht vor ihm auf einem Trittbrett! Und wie sah sie aus? Nur halb bekleidet! – Sie stand so ruhig da, als gehörte sich es nicht anders und als wäre die ganze Sache die natürlichste in der Welt. Ihre abgelegten Kleider, die wie aus dem Straßenschmutz gezogen aussahen, ihre Stiefel mit schiefgetretenen Absätzen und ihr Hut mit zerdrückter Blume – das alles lag, wie sie es eben hingeworfen hatte, auf einem Stuhle in ihrer Nähe. Ich übersah das alles mit einem Blicke und du kannst dir denken, daß ich an diesem einen Blicke auch 85 vollauf zur Genüge hatte. Etienne wollte mich zurückhalten, mir etwas sagen, aber ich entsetzte mich vor seinen schmutzigen Fingern, lief fort und eilte, so schnell mich meine Füße zu tragen vermochten, zu meiner Mama, bei der ich halbtodt ankam.

Du kannst dir meinen Eintritt und den Empfang denken.

»Aber um Gottes willen, mein liebes Kind, was ist dir? Was hast du?«

Ich erzählte der Mama, was ich soeben gesehen hatte, und wie die elende Person dagestanden hätte und in welchem Aufzuge. Und dann weinte ich, weinte ich so heftig. – Meine Mutter, die natürlich auch sehr betroffen war, versuchte mich zu trösten und mir zu erklären, daß jene aller Wahrscheinlichkeit nach ein Modell sei.

»Wie? Oh das ist aber ganz abscheulich! Vor meiner Vermählung hat man mir nichts davon gesagt!«

Inzwischen war auch Etienne gekommen. Er war ganz bestürzt und außer sich und wollte mir in langer Rede auseinandersetzen, daß eine Modellsteherin ein Weib sei wie andere auch und daß die Bildhauer ohne sie nicht existiren könnten; da kam er aber bei mir schlecht an. Ich ließ mich nicht bethören und nicht überreden und erklärte ihm ein für alle Mal, daß ich keinen Ehemann haben wolle, der sich tagtäglich in einem tête-à-tête mit solchen – Frauenzimmern befände.

»Aber, lieber Sohn, das wird sich doch arrangiren lassen,« meinte Mama, die sich abmühte, alles wieder ins Gleiche zu bringen. »Thun Sie doch Ihrer Frau den Gefallen. Können Sie sich nicht als Modell eine Puppe aus Holz oder Pappe construiren lassen?«

Mein Gatte biß seinen Schnurrbart, was er immer thut, wenn er sehr ärgerlich ist.

»Das ist ganz unmöglich, theure Schwiegermama.«

»Aber es muß doch nun einmal sein, mein Lieber. 86 Sehen Sie, die Putzmacherinnen haben doch auch Köpfe aus Pappe und Wachs, denen sie die neuen Hüte aufsetzen, um zu sehen, wie sie kleiden. Und was für den Kopf möglich ist, sollte das nicht auch für –«

Es schien aber doch wohl nicht möglich zu sein. Wenigstens versuchte Etienne, uns dies mit allen Details und einer Menge technischen Ausdrücken auseinanderzusetzen. Er schien wirklich ganz unglücklich zu sein, das merkte ich, als ich endlich meine Thränen trocknete; mein Kummer hatte ihn auch ganz niedergeschlagen gemacht. Endlich; nach langer und wenig erquicklicher Debatte, kamen wir dahin überein, daß sein Modell, da es nun doch einmal unentbehrlich sei, nur dann zu ihm kommen solle, wenn ich dabei wäre. Neben seinem Atelier befand sich ein kleiner, sehr bequemer Alkoven, von dem aus ich alles übersehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. – Es ist abscheulich, wirst du sagen, der Eifersucht solchen Spielraum zu gewähren und sie auch so offen zur Schau zu tragen. Aber glaube mir, mein liebes Kind, man muß erst Derartiges durchgemacht haben, um darüber ein richtiges Urtheil zu haben und ein vernünftiges Wort dabei mitsprechen zu können.

Am nächsten Tage sollte das Modell wiederkommen. Ich nehme meinen ganzen Muth zusammen und begebe mich auf meinen Lauscherposten, nachdem ich meinem Manne das heilige Versprechen abgenommen, daß er, sobald er ein Glockenzeichen hört, und sollte es ein auch noch so leises sein, augenblicklich zu mir kommen würde.

Kaum habe ich meinen Platz eingenommen, so kommt auch schon das abscheuliche Modell vom vergangenen Tage, Gott weiß wie aufgedonnert und geschmacklos gekleidet, ohne jede Spur von Chic und Tournure, so daß ich mich selbst fragen mußte, wie man auf solches Geschöpf überhaupt eifersüchtig sein kann – auf ein Wesen, das unsaubere Kragen und Manschetten trägt und sich in ein 87 verschossenes und ausgefranztes altes grünes Shawltuch hüllt. Als ich nun aber gar sah, wie dieses unverschämte Geschöpf den Shawl abwarf und auch das Kleid ablegte, und sich ganz unverfroren mitten im Atelier entkleidete, gerade als müßte es so sein – ja, meine Liebe, da wußte ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Der Zorn wallte in mir auf – ich drücke auf die Glocke, Etienne kommt herbei. Ich zitterte, war keines Wortes mächtig. Er machte sich erst über meinen Ärger lustig, redete mir dann gut zu und wandte sich endlich wieder zu seiner Arbeit. Jetzt war das Weib da draußen schon auf ihrem Posten; sie war nur halbbekleidet, ihr langes Haar war aufgelöst und fiel ihr in mächtigen Wellen über den Rücken – das war nicht mehr ganz die abscheuliche Person von vorhin, sie schien eine Statue zu sein, trotz ihrer ermüdeten und abgespannten Züge, ihres ordinären Gesichtes.

Das Herz schlug mir hörbar, aber ich sagte nichts. Plötzlich höre ich meinen Mann rufen: »Das linke Bein! Setzen Sie das linke Bein etwas mehr nach vorn!« Und da das Modell ihn nicht sofort verstand, näherte er sich ihr und wollte – aber nein! Das konnte ich nicht ertragen, das ging über meine Kräfte! Ich klingelte, er hört mich nicht; ich klingele wieder und wieder, ich klingele endlich so heftig, als wollte ich Todte mit dem Geräusch erwecken. Endlich kommt er zu mir, Falten auf der Stirn, offenbar ärgerlich, mitten in der Arbeit gestört zu sein.

»Aber ich bitte dich, Armande, so sei doch vernünftig.«

Ich schwamm in Thränen; ich lehnte den Kopf an seine Schulter und schluchzte fortwährend: »Es ist zu viel! Ich kann nicht!« Da ging er ohne mir etwas zu erwidern und sichtlich verletzt in das Atelier zurück und gab diesem Ungethüm von Weib einen Wink, so daß es sich ankleidete und fortging.

Während der nächsten Tage ging Etienne nicht in sein Atelier. Er blieb immer bei mir, ging nicht aus dem 88 Hause, wollte niemand sehen, empfing nicht einmal seine Freunde und war offenbar sehr mißgestimmt und übellaunig, wenn er äußerlich auch ein freundliches Wesen zur Schau trug.

Einmal wagte ich ihn ganz schüchtern zu fragen: »Weshalb arbeitest du denn nicht mehr?« »Ohne Modell kann man nicht arbeiten,« war die kurze Antwort. Ich hatte anfänglich nicht den Muth, in ihn zu drängen, denn ich fühlte nur zu sehr, daß ich an seiner Verstimmung schuld und daß sein Ärger ein durchaus berechtigter sei. Dennoch brachte ich ihn durch allerhand Schmeicheleien und Zärtlichkeitsbeweise endlich soweit, daß er wieder in sein Atelier ging und versuchen wollte, seine Statue nach – wie sagt man doch? – nach Gedanken, also frei aus dem Kopfe zu vollenden, dann, als dies nicht ging, mit Hilfe einer hölzernen Puppe, so wie Mama es ihm vorgeschlagen hatte. Ich selbst fand, daß es sich ganz gut arrangiren ließe, aber mein armer Mensch von Gemahl war entgegengesetzter Ansicht und erklärte alles, was er auf diese Weise arbeitete, für verfehlt. Mit jedem Tage wurde er niedergeschlagener, und wenn er abends aus dem Atelier heimkehrte, war er entmuthigt und verstört. Wenn das so fortging, mußte er krank werden; ich hatte meine liebe Noth, das kannst du mir glauben. Ich erklärte seine Arbeit zwar immer für ausgezeichnet, aber in Wirklichkeit wollte sie gar nicht fortschreiten. Ich zweifle, daß er zuletzt überhaupt noch eine Hand anlegte. Wenn ich in sein Atelier kam, fand ich ihn entweder rauchend oder lesend auf einem Divan liegend oder mit einem Ball spielen, den er gegen Wände und Decke warf und mit anerkennenswerther Geschicklichkeit wieder auffing.

Eines Nachmittags war ich wieder dort und sah mir die arme halbfertige Römerin an, die sich nun schon so lange Mühe gab dem Bade zu entsteigen und, wie es schien, niemals damit fertig werden sollte. Da durchzuckte mich 89 eine phantastische Idee. Die Römerin hatte so ziemlich meine Figur – vielleicht, daß ich zur Noth –

»Was gehört denn eigentlich zu dem, was man ein schönes Bein nennt?« fragte ich plötzlich meinen Gatten.

Er erklärte es mir lang und breit und bewies mir schließlich, daß ein solches es eben sei, was ihm jetzt fehle und daß er ohne entsprechendes Modell seine Statue nie und nimmer vollenden könne. Der arme Mensch, er sagte es in so kläglichem Ton; es ging ihm offenbar sehr nahe. Weißt du, was ich nun that? Meiner Treu', ich konnte nicht anders; ich nahm das faltige Gewand, das in einer Ecke des Ateliers lag, und ging in den Alkoven. Dann – ganz leise, ganz sachte, ohne ihm ein Wort zu sagen, stellte ich mich, während er in Träume versunken seine Statue anstarrte, ihm gegenüber auf das Trittbrett und zwar genau in demselben Costüm und in derselben Haltung, wie ich es bei jener abscheulichen Modellsteherin gesehen hatte. Ach, meine Liebste, was machte er für ein Gesicht, als er den Kopf umwandte und mich sah! Wie bewegt und entzückt war er! Ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich muß ganz roth geworden sein. Dann hatte er auch an allen Enden und Ecken des Überwurfs zu ziehen und zu ordnen – aber das ist ja ziemlich gleichgiltig. Etienne war von meinem Einfall so entzückt, daß ich mich über alles andere nicht weiter beunruhigte. Stelle dir nun noch vor, meine liebe Freundin, daß das Verständnis . . .« 90

 


 

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