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Kulturgeschichtliche Skizzen

Helfrich Peter Sturz: Kulturgeschichtliche Skizzen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeessay
authorHelfrich Peter Sturz
booktitleDie Reise nach dem Deister
titleKulturgeschichtliche Skizzen
publisherRütten & Loening
editorKarl Wolfgang Becker
year1976
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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Etwas von Regenschirmen

»Ich fürchte den Regen nicht«, sagte Joseph auf der Parade zu Metz, als ein freundlicher Offizier ihm seinen Regenschirm anbot, mit gastfreier Aufopferung seiner Frisur.

Die Franzosen sind durch eine strengere Kriegszucht seit dem letzten Kriege ganz umgebildet. Ihre Hälse sind in rote Binden geschnürt, und man treibt ihren Körper wie einen Leisten in ein altpreußisches Kleid; ja mancher Befehlshaber ist schon so aufgeklärten Sinns, daß er die armen Königsknechte wie freie Deutsche prügelt. Aber Eleganz und Behaglichkeit bleiben in dem Charakter dieses Volks ein Paar unvertilgbare Züge, die man nicht wegprügelt und nicht wegphilosophiert.

Der Mann dort im seidenen Wagen, der sich wollüstig auf Stahlfedern wiegt, ist Führer eines furchtbaren Volks, das auf seinen Wink Tod und Verwüstung verbreitet.

Cäsar ging zu Fuße an der Spitze seines Heeres; sein kahles Haupt war nur mit einem Lorbeerkranze Den er nach einem Dekret des Senats beständig tragen durfte. bedeckt. Wenn der kühne Imperator, mit der Flamme im Blick, einem fliehenden Signifer den Adler wegriß und dann rief: »Gefährten, wer den Tod verachtet, folge mir nach, teile Tod aus, eh er ihn empfängt!«, das mußte Römerseelen erschüttern.

Denkt euch nun manchen neueren Feldherrn, halb zur Mumie gebeizt und gewickelt in Vigognewolle, wenn er mit einer sublimierten Stimme zwitschert: »France! France! mes enfants, la journée est à nous!«, muß das nicht die Helden à quatre sols par jour zu gewaltigen Empfindungen stimmen?

Die Franzosen haben's oft mit einer ihnen eigenen Naivheit wiederholt, daß wir Neuern oder sie wenigstens tapferer sind als die Alten, weil wir uns ohne Helm und Schild herumschlagen und mit einer Sommerweste ins Kanonenfeuer gehen. Aber die Krankenwärter zur Pestzeit, welche des Brots wegen tausendfachen Tod wagen, sind darum den Primipilen der Römer nicht ähnlich. Wenn ihr eure Armee durch Rippenstöße in lange dünne Reihen geordnet habt, sind das Heere, wie Ossian sie schildert? »As roll a thousand waves to the rocks, so Swaran's host came on; as meets a rock a thousand waves, so Innisfail met Swaran.« Wie tausend Wellen gegen die Felsen rollen, so kam Swarans Heer heran; wie ein Fels tausend Wellen empfängt, so empfing Innisfail Swaran.

Lechzt jeder Krieger mit dürrer Zunge nach Rache? Tobt in jeder Brust lodernde Ungeduld, den Feind zu fassen und seine Seele zu schleudern auf eine vom Blitze des Himmels gerötete Wolke?

Oder ist es eine aufgetriebene Herde, zum Dezimieren verurteilt, die fühllos und oft zitternd erwartet, wer der zehnte, der zwanzigste sein wird, den das blind geworfene Todeslos trifft?

Eure Chocs – wenn die im Rauche schwankenden Massen durch die Gesetze ihrer Organisation unwillkürlich aufeinandertreiben –, gleichen sie den Handgemengen im Homer?

»Unter dem Streich der starken Hände knirschten die Rücken,
Und der nasse Schweiß lief von den Gliedern herunter;
Viele Striemen mit stockendem Blut entschwallen den Seiten
Und den Schultern.«

Ilias, XXIII. Gesang, 705, Stolbergs Übersetzung

Oder noch besser im Ossian: »Each rushes to the grasp of his foe; their sinewy arms bend round each other; they turn from side to side, and strain and stretch their large spreading limbs below.« Jeder läuft, seinen Feind zu umfassen. Ihre nervigen Arme schlingen sich umeinander; sie kehren sich von Seite zu Seite und strecken und dehnen am Boden ihre großen, mächtigen Glieder. Und wie klingt euer Kommandowort gegen den Zuruf des Vultejus: »Comites, decernite letum!«

Unsre Verfeinerung, Polizierung, Filigranisierung, das ganze künstliche System unserer Knechtschaft hat freilich einige Arten des Übels ausgerottet und manchen würdigen Mann, auch manchen Schurken, der Erde länger erhalten. Wir leben sicherer und schlafen unsere sieben Stunden ruhiger; aber die Sehne des Geistes ist erschlafft und klingt nicht mehr auf unserm Bogen von Korkholz.

Wer forscht nach Hochgefühl der Menschheit, Vaterlandsleidenschaft, Opferdurst für Freiheit und Gesetze, der sehe sich um in den »Tales of former times«.

Ein nordischer König, erzählen die Sagen, rüstete ein Schiff aus und wollte nur tapfere Gefährten. In seiner Halle lag ein Stein; wer den nicht aufheben konnte, wer ein furchtsames Wort aussprach, wer das Gesicht verzog, wenn man mit einer Lanze, die nicht selten traf, darnach warf, der blieb zurück; man verglich sich über Gesetze: der Degen mußte kurz sein, jeder mußte seinen Feind gefaßt haben, Wunden wurden nur den folgenden Tag verbunden, im Sturm durfte nie das Segel unter die Hälfte des Mastes herabgelassen werden. Nach vollendeten großen Taten kamen sie zurück. Ein schreckliches Ungewitter stürmte. Die einzige Rettung war, das Schiff zu erleichtern oder das Segel ganz herunterzulassen. Alle drängten sich, und die ersten am Rande sprangen ins Meer. Das Schiff wurde leichter, und das Segel blieb. Es bedurfte des Loses nicht. Jeder eiferte, für die Gesetze zu sterben.

Diese Erzählung schildert den Geist eines Volkes, das in kleinen Haufen Thronen erschüttert, das man ausrotten, aber nicht unterjochen kann.

Freilich sind Sie uns, Monsieur le Marquis, mit Ihren Kaloschen, auf unserm Parkett mehr als diese Seeungeheuer willkommen, und wir wünschen auch die Zeiten der Regner, Lodbroge und der Innisfaile nicht wieder zurück, weil wir den Stein in der Halle doch liegenlassen müssen. Aber, als Soldaten betrachtet, war das schmutzige Häufchen wohl so brauchbar als Ihre Legion portant des casques dorés, ombragés d'une touffe de crins blancs en forme d'éventail; und wenn Voltaire voller Verwundrung fragt:

»Comment ces courtisans doux, enjoués, aimables,
Sont-ils dans les combats des lions indomptables?«

(Poeme de Fontenoy),

so ließe sich das Rätsel wohl noch erklären – weil es eigentlich auf das Comment ankommt.

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