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Kulturgeschichtliche Skizzen

Helfrich Peter Sturz: Kulturgeschichtliche Skizzen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeessay
authorHelfrich Peter Sturz
booktitleDie Reise nach dem Deister
titleKulturgeschichtliche Skizzen
publisherRütten & Loening
editorKarl Wolfgang Becker
year1976
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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Über Titel

Kamiran aus Indien brachte nach Frankreich, wo er Geld zu fodern hatte, einen Brief an einen Herrn mit, der Markgraf, Ritter eines königlichen Ordens und Herr (die Aufschrift nennte nur Namen) von sechs Provinzen, Städten, Dörfern oder Gütern war. Er fand seinen Mann nach langer Nachfrage in einer kleinen Gasse, auf dem vierten Stock eines elenden Hauses; er war Schiffslieutenant, trug das kleine Ludwigskreuz, war Kadett einer Familie, die ehmals Güter besessen hatte, und lebte kümmerlich von einer kleinen Pension.

Kamiran, über den Titel und den Mann noch ganz nachdenkend, hörte in einem Café, que Monsieur Necker étoit l'homme du premier merite en France. Und keinen Titel als Monsieur! dachte er bei sich. Den muß ich besuchen. Er fragte sich bald hin. »Ich will Monsieur Necker kennenlernen.« – »Das wolltest du, Pavian!« rief ihm der Schweizer entgegen. »Monsieur hat sich mit einem Paar Herzogen eingeschlossen, und dann wird er gleich zum Könige fahren.«

Kamiran ging und murmelte in sich: »In diesem Lande sehen die Menschen ihren Titeln nicht ähnlich.« Aber wie erstaunte er, als er andre Titel in Europa und ihre Bedeutung erfuhr. Da, sagte man ihm, gab es einen Beschützer des Glaubens, der den nämlichen Glauben aus dem Lande vertrieb; mehr als ein Mehrer des Reichs hat das Reich gewaltig vermindert; der Knecht der Knechte Gottes behauptet seinen Rang über Könige. Man erzählte ihm den unermeßlichen Abstand zwischen Sire und Messire, le Sire und pauvre Sire, von der Würde eines Grafen des heiligen Palastes, die für wenige Taler feil ist, von den Millionen gnädigen Herren und Frauen, deren Gnade niemand begehrt, und von einem ehrwürdigen Herrn, der neulich in London gehenkt ward. Er fand unsre Gebräuche unerklärbar und seltsam.

»Aber wie«, fragte man ihn, »pflegt ihr in eurem Lande euern Nabob zu nennen?« – »Der Nabob«, sagte Kamiran, »ist ein Verwandter der Sonne; sie geht nie in seinen Staaten unter; er ist die Rose der Freude und der Morgentau des Glücks; Könige zittern vor ihm, und er beschützt die Unterdrückten.« – »Aber er läßt sich's gefallen«, fiel man ihm lachend in die Rede, »daß ihn der Offizier einer Kaufmannsgesellschaft absetzt.«

Unsre Begriffe müssen sich noch heller aufklären, ehe wir der hohen Einfalt der Alten näherkommen. Die Archonten und Ephoren in Griechenland, die Konsule, Tribunen, Prätoren in Rom drückten ganz bestimmt ihre Ehrenämter aus. Die mohammedanischen Könige sind Vettern des Propheten; unsre Könige haben ihre Cousins, die nicht näher mit ihnen verwandt sind. Ein König von England mußte, einer mächtigen Partei zu Gefallen, eine hohe Stelle an jemand vergeben, den er haßte; der Minister, um seiner Empfindlichkeit zu schonen, brachte das Patent ohne Namen nach Hof: »Whom shall I put in?« – »Put the devil in.« – »And shall he be called your majesty's trusted and wellbeloved cousin?« »Wen soll ich hineinsetzen?« – »Den Teufel!« – »Aber soll er Euer Majestät hochbetrauter und geliebter Vetter genannt werden?«

»Très haut, très puissant, très glorieux« usw., redete ein Stadtsyndikus Heinrich den Vierten an. »Ajoutés très las«, sagte der König und eilte weg.

Jedermann belacht und verachtet die Titel, und doch werden auch Vernünftige beleidigt, wenn man ihrem Titel nur eine Silbe abkürzt. Rabenern schrieb ein Landedelmann »Wohledler Herr«; »Geborner Herr«, schrieb er ihm gleich wieder zurück. Ein aufrichtiger Deutscher schrieb an Pius den Vierten »Pio IV., servo servorum dei« und ward dafür in den Kerker geworfen. Ein Mylord begegnete einem seiner Bekannten: »Wie leben Sie, wertester Freund?« – »Recht wohl, wertester Freund!«, und die wertesten Freunde wurden unversöhnliche Feinde. Im Shakespeare wird Cäsar einigemal Mylord genannt. Der Dichter schrieb für den Hof der Elisabeth, and she was a most courteous princess.

Nur im äußersten Norden, wo sich noch immer alte Sitte erhält, kennt man unsre Erfindungen des herabgesunkenen Menschenverstandes nicht. Ein Normann nennt seinen Monarchen noch du. In der neuern Zeit kam zu einem dieser Könige ein Bauer mit einem Buch in der Hand. »Hier«, sprach er, »hast du dein Buch wieder. Wir brauchen's nicht weiter, denn es wird nicht gehalten.« – Es war das nordische Gesetzbuch; der Bauer wurde von seinem Amtmann gedrückt, und der König half und strafte. Eigentlich hätte er sagen müssen: »Euer Königliche Majestät geruhen allermildest sich alleruntertänigst vortragen zu lassen.« – Hätte das wohl kräftiger gewirkt?

Nichts ist abgeschmackter als ehrwürdige, gebräuchliche Titel, von unbedeutenden Menschen usurpiert. Der Kanzler So heißt in einigen kleinen Reichsstädten der Stadtschreiber. in Frankreich und in Bopfingen, Magnifizenzen sans aucune magnificence. – In einer Stadt von Deutschland nennt man die Senatoren Euer Herrlichkeit. Ein Fremdling von kurzem Gedächtnis wollte sich den Titel durchs Vaterunser erinnern und nannte seinen Gönner Euer Ewigkeit.

Titel ohne Macht werden lächerlich, und Macht kann der Titel und des Gepränges entbehren. Als der Staatsminister Torcy in Geertruidenburg für Ludwig den Vierzehnten Frieden bitten mußte, traf er in Heinsius' Hause niemand als eine alte Magd an und mußte lang auf den Herrn warten. Mynheer Pensionaris (das war der ganze Titel des Mannes) entschied damals das Schicksal von Europa.

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