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Kulturgeschichtliche Skizzen

Helfrich Peter Sturz: Kulturgeschichtliche Skizzen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeessay
authorHelfrich Peter Sturz
booktitleDie Reise nach dem Deister
titleKulturgeschichtliche Skizzen
publisherRütten & Loening
editorKarl Wolfgang Becker
year1976
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
created20100915
projectidda79a9b5
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Über die Verbesserung der Landschulen

Unsre Philanthropen sind nicht damit zufrieden, Menschen für ihren Wirkungskreis zu bilden; sie wollen, wie es scheint, die Gattung veredlen. Die Pflanze soll vollkommner in ihren Töpfen gedeihen und, in die alte Erde versetzt, künftig allen Witterungen trotzen. Was will man nicht alles aus Bauernjungen erziehen? Aufgeklärte, polemische Christen, Patrioten, Weise, die, mit ihrem Zustand zufrieden, gegen alles Leiden gewappnet sind, Philosophen, welche Ursache und Wirkung, Grund und Verhältnis, Wahrheit und Irrtum erklären. Der Knabe soll's begreifen, daß Gehorsam, Zwang und Druck Befestigung seiner Wohlfahrt sind; ein Satz, der dem Greise nicht anschaulich einleuchtet, wenn man ihm seinen Sohn exportiert oder wenn er seinen Acker verlassen und das Land seines Herrn pflügen muß. Und was fodert man, um alle diese Wunder zu wirken? Nur die Kleinigkeit, eine Herde echter Menschenkenner, die, wie Sokrates, spielend Weisheit einflößen und jedem Alter, jedem Geiste verständlich sind, die jeder eigenen Empfänglichkeit tiefsinnig nachspüren, in alle vielartige Triebfedern des Willens eingreifen und jedem Kinde sein verdauliches Teil Unterricht mit der Waage des Sanktorius zuwägen. Ich wünsche unsern Zeiten Glück, wenn die Resewitze, die Basedowe, die Salis, die Rousseaus, die Condillacs so zahlreich sind und wenn man sie für hundert Taler zu jeder Dorfschule mieten kann.

Und doch ist die Frage, was sich von der überfeinerten Erziehung erhält, wenn der abgerichtete Zögling, in die verwilderte Welt geschleudert, unter allen Leidenschaften seines Alters herumtreibt. Wird gegen mächtiges Gefühl etwas übriggebliebener Wortkram verschlagen? und die Ahndung entfernter Folgen den Reiz des Genusses überwinden? auf dem Lande, wo Sklavenarbeit auch wieder Sklavenfreude fodert, wie des Hundes, der seiner Kette entrinnt? Wie behauptet sich Lehre gegen das Beispiel der Alten, das wenig Tugenden predigt? wie ein Sittenspruch gegen manche Erfahrung, daß eine Lüge fruchtet, eine Wahrheit schadet und der Betrug oft besser gelingt als die Redlichkeit? Ferne sei's, daß ich Arbeit und Wünsche würdiger Menschenfreunde tadeln sollte. Ich bin von dem elenden Zustand unsrer Schulen überzeugt; und warum sollten sie nicht verbessert werden können? Aber erwartet keine Sprünge, keine ungeheure Revolutionen, weder im Reiche der Natur noch der Vernunft.

Bildung der Seele bis ins vierzehnte Jahr ist nichts mehr, als was in diesem Alter Ringen und Laufen, Heben und Tragen für den Körper ist, noch nicht bestimmte Anwendung, sondern Übung, Prüfung, Entwickelung der Kräfte. Im jungen Geist ist nichts geschäftig als Gedächtnis und Einbildungskraft; jenes soll genährt, nicht überladen, dieses erwärmt und nicht entzündet werden. Alle Erziehungsarbeit schränkt sich darauf ein, das Vermögen junger Köpfe durch beständige Ermunterung zu der besten Richtung sanft zu lenken und an ihrer Sinnlichkeit vorsichtig zu bauen.

Predigt darum weniger Religion und Tugend, sondern, wie ein großer Schriftsteller sagt, umringt die Seelen der Jugend damit. Laßt alles, was heilige Ehrfurcht verdient, immer in feierlichem Ernst und Würde erscheinen. Tief haftet sinnlicher Schauer und stimmt auf immer Begriffe von Gott und Erwartung eines künftigen Lebens. Auch uns Klügere befriedigt über das Unsichtbare Empfindung mehr als Erklärung, und Wortkram und Beweise verwehn bei dem Knaben wie Schall in der Luft. Lehrt Kinder Wohltun durch Wohltaten lieben, ehrt jede kindliche Tugend, Mitleiden, Güte, Dankbarkeit, pflegt jede junge Freundschaft, die alle Freuden des Lebens verherrlichet, und erstickt in keinem Herzen die Blume Edens, Fröhlichkeit, die freiwillig keimt, aber in ihrer zarten Blüte oft durch einen Hauch getötet wird. Ein froher Knabe wird ohne Kunst ein zufriedener und ein glücklicher Mann.

Wo finden wir Lehrer? Darauf kommt freilich alles an. Schulgesetze, vorgeschriebene Methoden haben noch niemand erleuchtet, und es läßt sich keine Klugheit verordnen. Seminarien sind nur in großen Ländern möglich, und ich verlange keine Kandidaten des Predigtamts, wenn die Schule das Fegefeuer und die Kanzel der Himmel sein soll. Meine Lehrer müssen ihren Beruf als eine gewählte Bestimmung ihres Lebens innig lieben, und fern bleibe von meinem Knaben die Blendlaterne: Kompendiumsweisheit. Ältere Schüler aus den Gymnasien sind selbst nur ältere Knaben, ganz ohne Menschenkenntnis und ohne Sanftmut und Geduld. Nur die Klasse bleibt übrig, aus welcher man unsre Dorfschulen gewöhnlich besetzt, Schulmeistersöhne, Söhne armer Priester und kleiner Beamten, die, fertig im Lesen, Schreiben und Rechnen, einen Schuldienst als das Ziel ihrer Wünsche betrachten und sich bis dahin mit Dienen ernähren. Knechte für den erhabensten Beruf der Menschheit? – Wer hat die Söhne der edelsten Römer erzogen? Ich verlange für meine Bauerjungen keine Lehrer aus einer höheren Kaste.

Meine Bedingungen sind erfüllt, wenn ihr Charakter sanft und folgsam, ihr Verstand offen, unverderbt, ihr Wandel sittlich ist. Ihre Vorbereitung wird in einer Normalschule vollendet, deren Einrichtung Muster und Gesetz für alle Schulen des Landes sein wird. Jeder künftige Schulmeister muß darin ein ganzes Jahr gearbeitet haben.

Zu Lehrern dieser Normalschule sind ein paar aufgeklärte Männer nötig, die reichlich bezahlt werden müssen. Warum sollten sie nicht ebensogut als ein wohlversorgter Priester bedacht sein, der der Blüte wartet, da jene den Baum an der Wurzel pflegen? Warum hat man immer den Erinnerer so sehr über den Lehrer erhöht?

Ich fodre wenig Wissenschaft, nur eine Gabe Basedows, ohne welche keine Erziehung gelingt, das Talent, die Freundschaft der Jugend zu gewinnen. Alles ist verloren, wenn der Knabe Unterweisung als eine Plage flieht und sich irgendwo glücklicher als in der Gesellschaft seines Lehrers fühlt.

Religion ist der ehrwürdigste Teil des Unterrichts. Ich rede nur furchtsam davon. Das Christentum ist leider! eine Wissenschaft geworden, und wer begehrt den Rat eines Laien? Allgemein gibt man zu, daß eine brauchbare Anweisung, welche die Glaubenslehren dringend und deutlich und für die Kinder begreiflich enthält, noch unter die frommen Wünsche gehört. Ein solches Lehrbuch ist allerdings schwer. Nicht, weil es nicht angeht, die Wahrheiten unsers Glaubens in einen verständlichen Vortrag zu kleiden, sondern weil man dazu eine Sprache wählen müßte, die den Wächtern in Zion zu unsymbolisch und darum zu gefährlich klingt. Wonne dem wohltätigen Mann, der sich an die bedenkliche Arbeit wagt! Ihn müßte Christus' Lehrart erleuchten, der wenig Geheimnisse predigte, aber innig Liebe empfahl, der gern tröstete, selten dräute und sich immer zum Begriffe seiner Zuhörer herabließ, der nichts tiefsinnig erklärte, sondern durch Beispiele und Gleichnisse sprach und der seine himmlische Weisheit nie durch schulgerechte Schlüsse bewies.

Ins Lehrbuch der Religion gehört zugleich die Moral, eine Frucht des nämlichen Baums. Beide sind Gesetze der Liebe. Alles Glück der Menschen ruht auf dem Rat: Begegne deinem Nächsten, wie du wünschest, daß er dir begegne. Wenn diese Liebe mehr im Herzen als im Verstände, durch Beispiele mehr als durch Worte in der Jugend erweckt wird, so gedeiht sie gern in jedem Busen. Hiemit sollte man, nach dem Rat der wohltätigen Kaiserin, »Instruction pour la commission des loix«. einen faßlichen Auszug der Landesgesetze verbinden; denn der Bauer sollte wissen, was das Gesetz von ihm fodert, damit er es nicht durch unverschuldete Strafen oder mit seinem Untergang durch Rabulisten erfahre.

Ein Satz würde nach dem andern vorgenommen, nicht durch peinliche Verhöre, nicht durch Auswendiglernen ohne Verstand, sondern der Lehrer muß sich nach Schlossers und Rochaus Rat im Ton des Gesprächs mit seinen Schülern unterhalten und jede Wahrheit so lang durch Fragen und Exempel erläutern, bis der Schüler, ohne die Worte des Lehrers zu wiederholen, den Sinn begreiflich machen kann. Eher haftet nichts, und dieser Versuch ist Probe des Eindrucks. Ältere Schüler schreiben ihren Begriff nach Vollendung des Unterrichts nieder. Nichts berichtiget das Erkenntnis mehr, als wenn man zu dem Gedanken den schriftlichen Ausdruck finden muß.

Fertiges Rechnen und Schreiben ist dem Landmann unentbehrlich. Letzteres würde nach gestochenen Vorschriften geübt; es ist ebensoleicht, eine gute Hand als eine schlechte zu lernen. Zur Erholung würde zuweilen aus Gellerts faßlichsten Schriften etwas laut vorgelesen. Strafen bestünden im Heruntersetzen und im Ausschließen von Ergötzlichkeiten; Belohnung, außer dem Heraufrücken, wäre eine Bank im Chor der Kirche, die Bank der guten Schüler genannt. Der Abt von Sagan schlägt Konduitenlisten vor, ein Einfall, der mit den Regimentslisten verwandt ist. Man muß durch die Form die Sache nicht erschweren. Dafür ist's genug, wenn auf jeder Kirchenvisitation jeder Lehrer einige der besten Schüler nennt, und diese werden mit kleinen Geschenken an Büchern und Kleidungsstücken erfreut.

Aufsicht über die Schulen bliebe bei dem Konsistorium; aber ein Mitglied desselben wird zum Schulinspektor ernannt, der den Superintendenten auf die Visitationen begleitet und die Geschäfte der Schulen in der Versammlung vorträgt. Auf seinen Vorschlag würden auch die fleißigsten Lehrer durch außerordentliche Geschenke ermuntert.

Aber, ruft mir ein wärmerer Jugendfreund zu, die Seele der Bauern ist höherer Aufklärung fähig. Man muß mit einer verständlichen Logik anfangen, als Wissenschaft die Vernunft zu gebrauchen – vermutlich, weil die Professoren der Logik die allervernünftigsten Menschen sind? – Und soll, fragt man ferner, der Bauer in seinem Beruf unwissend bleiben? Nicht den Ackerbau nach richtigen Vorschriften lernen, damit endlich die schädlichen Vorurteile schwinden? – Freilich ist nichts herrlicher als Theorie, und wir würden alle besser chaussiert sein, wenn der künftige Schuster sein Handwerk nach Grundsätzen lernte.

Wird der Knabe seinen Vater bekehren? Oder glaubt ihr, wenn er heranwächst, wenn er endlich selbst ein Eigentümer wird, daß er nun seinen geübten Landesgebrauch auf das Ansehen seines Schulmeisters ändert? Lehrt durch Beispiele, ihr klügeren Wirte! Wenn eure Künste Vorteil bringen, so wird der Bauer sinnlich zur Nachfolge gereizt. Dennoch, fährt mein wohlgesinnter Erziehungslehrer fort, kommt und seht, was in einer höheren Sphäre die Salis, die Basedowe mit ihrer Jugend ausrichten, wie die Rochaue ihre Bauerjungen erziehen! Auf dem Sandfelde hinter meinem Hofe gelang es mir, durch Dünger, Kosten und Arbeit eine grasreiche, blühende Wiese zu erschaffen; aber die Kunst, die Lüneburger Heide urbar zu machen, ist darum noch nicht erfunden. Wer in unserer Welt allein nach hoher Vollkommenheit ringt, wird viel Vortreffliches sagen und wenig Gutes tun.

Bittschrift an das künftige Erziehungstribunal

Wenn euch ein Vater des Volks einst versammelt, o ihr Freunde der Jugend, so erwägt auch mein Leiden und eifert gegen das Vorurteil, dessen Opfer ich bin. Ich und meine Schwester sind Zwillinge und uns äußerlich so ähnlich wie die Blätter eines Baums, aber eine parteiische Erziehung hat uns zu ganz verschiedenen Geschöpfen gemacht. Mich Arme gewöhnte man früh, meine Schwester als eine vornehmere Person zu betrachten. Sie nahm bei jeder Gelegenheit den Rang über mir. Sie allein wurde belehrt und gebildet, und ich wuchs wie eine Bäurin heran. Sie wurde im Zeichnen, Schreiben und in nützlichen Kenntnissen unterwiesen, ich, wie eine Magd in der Familie, nur zu verächtlichen Arbeiten geübt, und wenn ich es wagte, die Nadel oder die Feder zu ergreifen, so waren empfindliche Schimpfwörter, ja nicht selten die Rute mein Lohn. Ist es nicht ungerecht, alle Zärtlichkeit an einem Kinde zu verschwenden? anerschaffne Fähigkeiten nicht zu entwickeln? eine Rangordnung unter Geschwistern zu dulden, die alles wechselseitige Vertrauen aufhebt? – In unserm Hause fügt es sich zum Unglück, daß wir beide unsre Brüder und Schwestern ernähren müssen, und diese Sorge fällt größtenteils auf meine wohlerzogene Schwester. Man setze den Fall, daß sie bettlägrig würde (und sie ist leider! mit Gichtflüssen geplagt), müßte denn nicht Hunger und Elend unser unvermeidliches Los sein? Denn ich bin nicht geschickt genug, einen Bettelbrief zu schreiben, und muß mich auch zu diesem Aufsatz fremder Hände bedienen. Sie kann sterben, und so bleibt unsrer verlaßnen Familie keine Versorgerin übrig.

O gebieten Sie den Eltern gegen alle ihre Kinder eine ungeteilte, unparteiische Liebe. Ich bin

Ihre demütige Dienerin
die linke Hand.

Der konzipierende Anwalt sah einen Knaben in England, der mit beiden Händen gleich fertig schrieb ohne irgendein Kunststück, als daß man ihn gewöhnte, die nämliche Vorschrift wechselsweise mit der linken und rechten Hand abzuschreiben; denn beide Hände müssen gleich geübt werden, wenn die Schrift sich ähnlich bleiben soll. Als Jouvenet durch einen Schlagfluß gelähmt ward, fing er mit glücklichem Erfolg an, mit der linken Hand zu malen, und es ist nach einem seiner historischen Gemälde ein Kupfer mit der Unterschrift bekannt: P. Jouvenet dextra paralyticus sinistra pinxit. Jeder Instrumentspieler erfährt, wie gelehrig die linke Hand sei. Die Sache verdient aller Erziehungsphilosophen Aufmerksamkeit.

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