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Kulturgeschichtliche Skizzen

Helfrich Peter Sturz: Kulturgeschichtliche Skizzen - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorHelfrich Peter Sturz
booktitleDie Reise nach dem Deister
titleKulturgeschichtliche Skizzen
publisherRütten & Loening
editorKarl Wolfgang Becker
year1976
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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Fragment aus den Papieren eines verstorbenen Hypochondristen

Hypochondrie, polypenartiges Ungeheuer! hier lieg ich ohne Rettung und winsle, von deinen tausend Armen umstrickt.

Freilich war es meine Schuld (und dies vermehrt meine Qual), daß ich mich im Genuß des Lebens übereilte und seine Freuden und mich in einer gedankenlosen Jugend erschöpfte. Ich war noch nicht dreißig Jahre alt, als ich schon zu leiden anfing. Immer schlug mir, wie einem Übeltäter, das Herz; ich holte mühsam, wie Sisyphus unter seinen Felsen, Odem; auf traurige Tage folgten jammervolle Nächte; die Welt ekelte mir; ich seufzte nach Einsamkeit und konnte mir selbst nicht entfliehn. Ein französischer Arzt versicherte mich, daß ich nichts bedürfe, als viermal im Jahr einen Coup de lancette. »Ihre Humeurs«, sprach er, »kochen und streben; Ihre Gefäße sind überfüllt, Ihre Nerven überspannt, und das freie Spiel Ihrer Lunge ist gefesselt.« Ich folgte viele Jahre seinem Rate, und meine Beschwerden nahmen fürchterlich zu.

»Danken Sie Gott, daß Sie noch leben«, schrieb mir ein Praktikus; »denn Aderlassen ist ein langsamer Mord. Die Natur, die sonst allen Überfluß wegräumt, hat, wie Sie wissen, dem Blut keinen ordentlichen Ausgang geöffnet. Nun arbeitet Ihr ganzes Räderwerk träge, indem es an Säften, an Blut, an Öl zum Reibezeug mangelt. Ihr Magen hat seine Reizbarkeit verloren und bereitet statt Nahrung ein schleichendes Gift. Nehmen Sie von meinen Tropfen, die, ohne Ruhm zu melden, Wunder tun, und trinken Sie alten wohltätigen Wein.« Anfangs fruchtete diese Kurart; aber es waren nur Freuden eines Rausches, nur Opiumsträume. Denn morgens, eh ich meine Tropfen verschluckte, befand ich mich bald elender als jemals, und nachmittags entfloh das Gefühl der Gesundheit mit den Dünsten des Weins.

»Wohl!« – deklamierte mein gelehrter Professor, ein anderer hätte das ohne Tiefsinn vermutet. Denn eine gewaltsame Anstrengung entkräftet immer in dem nämlichen Verhältnis; »man hat Ihre Nerven nur angespornt, nicht gestärkt. Ihre Tropfen sind nichts als eine Art Aquavit, und der Wein ist nicht mehr der gesunde Saft der Traube, sondern eine halb verdorbene, fermentierte, oft durch Arsenik und Bleizucker Ein Beispiel einer solchen Vergiftung, dessen ein neues englisches Werk erwähnt, interessiert die Menschheit. Drei junge Leute von guter Familie hatten ziemlich viel jungen Franzwein getrunken, der mit Arsenik abgeläutert war. Zwei starben wenige Tage darauf. Der dritte, vielleicht weil er stärker war oder weniger trank, entging zwar dem schleunigen Tode, aber sein Körper wurde mit Blutflecken bedeckt; alle seine Ausleerungen, sein Speichel, sein Harri, waren mit Blut gefärbt; er wurde odematös, erholte sich scheinbar, führte einige Jahre ein sieches Leben und starb an der Wassersucht. Siehe »Observations Critical and Historical on the Wines of the Ancients« – by Sir Edward Barry, Brt. 1776. Manche Patrioten haben diese tödlichen Mißbräuche gerügt. Unzer in seinem »Arzt« entdeckt eine Menge schädlicher Weinverfälschungen. Nur unsre Polizei ist noch träge, diesem Meuchelmord zu steuren und die Verbrecher zu strafen. vergiftete Infusion, ein Getränk, das Krankheiten zeugt, entwickelt und nährt und dessen sich die Vorsicht ebenso zweckmäßig wie der Pest und Bajonetten bedient, um Raum für künftige Geschlechter zu machen. Wasser und nichts anders müssen Sie trinken, und Sie können des Guten nicht zuviel tun.« Ich füllte, wie die Danaiden, ganze Ladungen Wasser in meine Gefäße, dehnte meine Gedärme wie Sprützenschläuche aus, ohne daß darum meine Kräfte sich mehrten; ich wandelte immer kränker und schwächer und endlich wie ein Schatten umher.

Eine meiner Muhmen, eine sittsame Witwe, schickte mir ihren jungen Hausmedikus zu, und dieser trug eine ganz neue Lebensordnung vor. »Man hat«, lispelte er, »Ihre Konstitution zu ungestüm behandelt. Wir müssen leisere Schritte tun und den Launen Ihres Magens mit mehr Behutsamkeit schmeicheln. Trinken Sie Milch, die schon ein halbes Blut ist und der Natur die Arbeit der Chilifikation erspart. Meiden Sie das Fleisch; denn nur eine verdorbene Üppigkeit hat diesen blutgierigen Geschmack eingeführt. Wir sind nicht zu Tigern im Walde erschaffen. Das Pflanzenreich bietet uns eine gesündre Nahrung dar, und ganze Völker befinden sich vortrefflich dabei.« – Unter allen Diäten ist mir keine übler bekommen. Um die Zeit fiel mir ein Buch von einem Edinburgher Arzt in die Hände, der alles, was die Natur Genießbares auftischt, für eine gesunde Nahrung der Menschen hält. »Wir können«, lehrt er, »ohne Gefahr bei dem Kuräken und dem Hottentotten schmarotzen. Nur die Menge, nicht die Mannigfaltigkeit schadet. Diese nützt vielmehr oft, indem eine Speise die schädliche Wirkung der andern aufhebt, wie zum Beispiel das Alkali des Fleisches die sauren Pflanzensäfte mildert. Es ist wahrer Unsinn, das Fleisch zu verbieten, das sich am leichtesten mit unsrer Substanz assimiliert, das unser Magen begehrt, für welches unsre Zähne gebildet sind. Wir Briten leben vom Fleisch und sind nervig und blutreich und werden unter jedem Himmelsstrich alt; auch hat die Erfahrung im letzten Krieg in Indien gelehrt, daß ein Heer Banianen vor einem kleinen Haufen Fleischfresser flieht.«

Mir gefiel die Toleranz dieses Mannes; aber ich versuchte sie zu meinem Unglück, vermutlich, weil meine Natur schon lange nicht mehr die angeborne, sondern eine verkünstelte, verdorbene Natur war.

Nebenher wechselte ich ebensooft mit Arzneimitteln ab. Ich gebrauchte Stahl, China, Kräutersäfte, Assa fötida, Seifenpillen usw., je nachdem ich die Schwindsucht, die Wassersucht, die Gelbsucht oder irgendeine von den hundert Suchten befürchtete. Ein neuerer Genius hat den Einfall, für jede Sucht einen Arzt zu bestellen, um jede gründlich zu erforschen. Nach einer flüchtigen Berechnung der namhaften Seuchen, die ein Ingrediens dieser besten, freudigen Welt sind, besoldete der Regent alsdann ungefähr anderthalb hundert Leibärzte; erst würde der Schnupfenarzt, dann der Fieberarzt, zuletzt der Schwindsuchtarzt geholt. Man denke sich den Kompetenzstreit, die Praeventiones fori; der hat sicher im Kartätschenfeuer gewandelt, der da mit seinem Leben entwischt. Da ich auch meinen Zustand in jedem Brunnenbuch und zahlreiche Beispiele bescheinigter Kuren antraf, so trinke ich schon seit zehn Jahren die mineralischen Wasser, wie sie auf der Landkarte folgen.

Im verwichenen Sommer trat in Pyrmont eine hagre, hohläugige Gestalt zu mir. »Haben Sie«, fragte das Gespenst mit bebender Stimme, »auch das kalte Bad schon gebraucht? Es stärkt gewaltig.« – Hier fiel es in Ohnmacht. Ich leugne die Kräfte des kalten Wassers nicht. Im Wasser zu leben, nennt Maillet Unter dem Namen Telliamed behauptet er mit vielem Witze, daß wir ursprünglich im Wasser lebten. »Nichts ist so abgeschmackt, was nicht irgendein Philosoph behauptet hätte«, sagt Cicero. »respirer l'air natal«, und es kann sein, daß es zuweilen das ekelhafte Dasein manches Invaliden verlängert. Mir aber geriet die Kur nicht, ich gebe vielmehr der Erkältung dabei meine Gliederschmerzen schuld, welche weder die Dusche noch das Senfbad, noch das Dampfbad, noch irgendein warmes Bad lindern will.

O Äskulape, zürnet nicht, wenn mein Glauben an eure Kunst zu wanken beginnt, wenn ein unglücklicher Aktienspieler über die Mäkler in Change-Alley schmält! Oft helft ihr unstreitig, wenn uns ein wütendes Fieber ergreift, wenn die Natur nur bestürmt, nicht zerrüttet ist; ihr dämpft den Aufruhr; ja, ihr rettet zuweilen, wenn die Flamme durch alle Stockwerke lodert – wenn das Gebäude nur noch fest ist. Aber wenn der Grund wegsinkt, wenn die Fäulnis tief in den Hauptständern sitzt, wenn ein chronisches Übel an unsrer Lebenskraft nagt, hilft alsdann Hygiea dem Elenden noch? Gibt es eine Wissenschaft, die unterliegende Natur aufzurichten? oder, wenn ihr Funken noch glimmt, wenn sie noch strebt, ist es weise, sie durch Arzneien zu ermüden? in ihrem Gange zu verwirren? Und wer wählt unter der zahllosen Menge von Mitteln, die oft nur die Mode des Tages in Schutz nimmt? Von der Transfusion an bis zu Pommes Pomme, ein Arzt in Paris, der vor acht Jahren alle Krankheiten mit Hühnerbrühen heilte. Brühen, welche Reihe von Pflanzen, Salzen, Gummi, Metallen und Giften? Teerwasser, Schierling, Harzrauch und Eicheln, Guajak und Pomeranzenblätter, Käfer, Würmer und Belladonna, Vipernsuppen und Eselsmilch, alle haben ihren Ruf überlebt; die Quassia ringt mit der China, und man fängt an, vom Quecksilber übel zu sprechen; Dominicetti fumigiert alle Zufälle weg; jener lockt funkenweise Krankheiten ab oder zieht sie durch Magnete wie Eisenstaub an; K. hilft durch die vim centrifugam, und P. heilt durch den Beischlaf das: Podagra. Wehe dir Kranken, wenn du in die Hände eines Amateurs fällst, der dich wie einen Apparatus betrachtet, um an der Veränderung deiner Farbe, deinem Puls, deinem Schweiß, deinen Zuckungen die unterhaltende Unterhaltend heißt, nach der Sprache eines neuern Arztes, eine Komplikation ungewöhnlicher Martern. Wenn ein Elender, mit aufgetriebenem Bauch, verdrehten Augen und hängender Zunge, in schrecklichen Zuckungen heult, das ist ein unterhaltender, interessanter Kasus. Als d'Amiens zerfleischt ward, drängte sich ein wohlgekleideter Herr mit einem Fernglas ans Gerüste, um die Operation näher zu betrachten. Der Henker half ihm ehrerbietig mit den Worten durchs Gedräng: »Place, place, Monsieur est un amateur.« Wirkung seiner Versuche zu beobachten! Wenn in einem Haarröhrchen eine Stockung entsteht, so verordnet man dir auflösende Mittel. Diese sollen, im Magen mit fremden Säften vermischt, hundertfältig verändert, in tausend Kanäle verteilt, mit einem Tausendteilchen an dem kranken Ort noch mächtig genug sein, um die Verstopfung aufzulösen? Und wer ist dir Bürge, daß ein allzustarkes Resolvenz auf dem Wege zum Übel nicht ein größeres Unheil anrichtet? Könnt ihr irgendeinen wirkenden Balsam zu einer innern Wunde bringen? Nerven beruhigen, die lang zum Krampf gewöhnt sind? ihre Federkraft herstellen? oder muß sich der Elende mit dem Araber trösten, der, in seinem Harem isoliert, umsonst von Niebuhrs Reisegefährten nur noch einmal die Freuden einer Nacht kaufen wollte?

Von Berger und Zimmermann, Wohltäter der Menschen, wenn euch einst Muße am Abend eurer Tage erwartet, so schreibt ein Buch, das noch nicht geschrieben ist, von gewisser Erfahrung. Ihr beobachtet mit hippokratischem Geist, ihr denkt großmütig und edel, ihr verachtet die Systemsucht und forschet nach Wahrheit, denn euer Herz ist empfindlich –; gesteht der Welt die Lücken eurer Wissenschaft und krönt dadurch euer segenreiches Leben; beschreibt heilbare Krankheiten durch untrügliche Zeichen; nennt zuverlässige Mittel, und in zweifelhaften Fällen ruft den Trostbegierigen zu, sich in die Arme der liebreichen Natur zu werfen, die öfter hilft als die Kunst und gewiß seltner verdirbt! Euer Buch wird nicht groß sein – ein berühmter englischer Arzt versprach, die ganze gegründete Arzneikunst auf einem Bogen zu hinterlassen. – Es sei euer Kodex, künftige Ärzte; und wenn es nicht geschrieben wird, so rat ich euch, was Sydenham Blackmoren riet: lest nie ein ander Buch als den »Don Quixote«.

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