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Kubinke

Georg Hermann: Kubinke - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleKubinke
publisherDas neue Berlin
printrun3. Auflage
firstpub1910
year1951
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131031
projectide71df329
wgs9110
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Introduktion

Nur Leute, die gar nichts vom Leben verstehen, Greenhorns, Neulinge, blinde Hessen im Geiste, Analphabeten vor dem Schicksalsbuch können behaupten, daß der erste April ein Tag wie alle Tage wäre. Eingeweihte werden wissen, daß der erste April ein Tag von höchster Bedeutung ist, ein Tag, an dem Geschicke beginnen und Geschicke enden, ein dies fatalis, ein dies ater, ein geheimnisvoller Tag, der seine Schatten bis weit in das Jahr oder sogar über die Jahre hinaus wirft; ein Tag, der Menschen für alle Zeiten verbindet, zusammenführt oder für alle Zeiten trennt, der über Glück und Unglück, Wohl und Wehe entscheidet. Und – frage ich, – könnte ich vielleicht einen besseren Tag finden, an dem meine Geschichte anfängt, als den ersten April? Und wirklich, – zufällig fängt sie genau am ersten April an. Und da die Menschen nicht zu allen Zeiten gleich sind, sondern in Sitten und Gebärden ständig sich verändern, so will ich es noch bestimmter sagen, sie fängt genau am ersten April des Jahres 1908 an. Und da die Rede- und Denkweise keineswegs an allen Orten dieselbe ist und da das Land oder die Stadt, in der wir leben, binnen kurzem auf jeden abfärbt, ihm und seiner Art Stempel und Gepräge gibt, so will ich noch hinzusetzen, daß meine Geschichte in Berlin spielt. Aber Berlin ist groß, und jeder hat eine andere Meinung von Berlin. Der Osten liegt fern vom Westen und der Süden weit vom Norden. Es sind Städte für sich. Jede Straße, jeder Komplex ist eine Insel für sich. Hier ist es die neue Stadt des Reichtums und dort die harte Stadt der Arbeit. Hier ist es das Thule der Gelehrten oder dort die Veste der Macht. Hier ist seine Schönheit gepriesen und dort seine Häßlichkeit verachtet. Hier in diesem Winkel berühren sich alle Gegensätze, reiben sich Anmut und Laster, Reichtum und Elend. Hier jagen die Eisenbahnen schlafscheuchend an rauchgeschwärzten Hinterhäusern vorüber, und dort gleiten und huschen die hellen Hochbahnzüge, wie leuchtende Glasschlangen in ihre schwarzen Löcher hinab und steigen mühelos aus ihnen empor. Dort liegen Nebenstraßen, ganze Viertel, lang, einsam, unheimlich und finster; und hier schiebt sich die Menschenwoge im bunten Narrenkleid der tausend Stände, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung, stockend, langsam, schrittweis, ruckweis ... schiebt sich, – immer wieder sich bindend und immer wieder sich lösend – über die Plätze hin, die, von ganz hoch oben herab, von den mattblauen Monden der Bogenlampen bestrahlt werden.

Oh, Berlin ist groß, und sein Gewand schillert in tausend Farben. Hier ist es grau und abgewetzt und lumpenhaft jämmerlich, und dort ist es wie alter Brokat. Hier ist es wie schwerer, roter Sammet und dort nur wie gezwirnte, billige Krefelder Seide. Und jedes Berlin ist weltfern und verschieden dem anderen. Und wenn ich hier von Berlin spreche, so meine ich nicht das Berlin der Arbeit, nicht das des Elends und des Lasters, nicht das des Reichtums und des Überflusses, ja ich muß gestehen, das Berlin, von dem ich hier spreche, ist ja gar nicht recht und eigentlich mehr Berlin, es ist Schöneberg, es ist Wilmersdorf, es ist Charlottenburg, es ist weit draußen, es ist das Berlin der reichen Leute, die kein Geld haben. Es ist das Berlin der billigen gezwirnten Krefelder Seide, die auf den ersten Blick recht gut aussieht, aber verflucht schlecht hält. Wie alt ist es denn? Kaum fünf, zehn, zwanzig Jahre, da waren da nur Gräben und Feldraine, Weidenalleen und Buschketten, Wiesen, Kartoffeläcker und Mohrrübenfelder; und der Sonnenbruder kletterte zur Nacht an eingeschlagenen, rostigen Nageln auf den Weidenbaum. Und wo jetzt die Straßenbahnen bis nachts um drei entlang brausen, da lag der schöne alte Feldweg mit seinen tiefen Gleisen, ganz einsam, – und rechts und links standen mit den kurzen, dicken, gewundenen Stämmen die Bäume, morsch, rissig, gekröpft, mit großen, runden Büscheln grüner Gerten. Ganz in Nesseln standen sie, – man könnte sagen, sie standen bis zur Brust in diese Nesseln gedrückt. In ihren Rissen und Höhlungen nisteten Fink und Bachstelze; und ganz in der Nähe zog der alte Graben vorüber, überall von Gestrüpp umrahmt, das mit Hopfen umflochten, schwer und üppig ausschaute, und das sich mit Fenchel, Schilf und Schierling zu dem schwarzen, schleppenden Wasser neigte. Im Frühjahr waren die Wiesen zwischen den Gräben gelb von Dotterblumen; dann wurden sie weiß und rot von Schaumkraut und Bachnelken; dann färbten sie sich braun von Ampfer; und dann wurden sie getupft von den stachligen Köpfen der Karden und Disteln. Hunderte von Schmetterlingen tummelten sich hier, wo der Wind heute nur noch Papierfetzen den Asphalt hinabtreibt. Mit großen Streifen über den Flügeln saßen die Admiräle an der sonnenbeschienenen Rinde; und die Jungen liefen mit bloßen Füßen hinter den Kohlweißlingen her, quer durch die Wiesen, schlugen mit der Jacke nach ihnen und sangen dazu:

»Kalitte, Kalitte setze dir,
Ich jebe dir auch Brot und Bier,
Brot und Bier, das jeb ich dir,
Kalitte, Kalitte setze dir.«

Aber Kalitte dachte nicht daran und machte, daß sie weiter kam, über Gräben, Felder und Hecken.

Ach Gott, wo sie nach Kaulquappen und Salamandern fischten, da ist der Graben längst zugeschüttet und da werden jetzt auf dem schmalen Streifen zwischen zwei Brandmauern Teppiche geklopft. Wo aber des Abends aus der Laube der Gärtnerei, aus dem Urwald von Sonnenblumen, Goldruten, Balsaminen und Georginen heraus die milden, melancholischen Klagetöne der Ziehharmonika durch den blauen Herbstdunst schwebten, da ist jetzt durch vier Stockwerke ein richtiges Konservatorium für Musik, und den ganzen Tag und die halbe Nacht schwirren die Tonwellen der Kadenzen, Fingerübungen und Läufe gleich den geheimnisvollen Strahlungen einer elektrischen Station straßauf, straßab, überall hin, vom Keller bis unter die Böden hinauf.

Ja, wie das so wurde! Da wurde eines schönen Tages Sand gefahren; da wurden eines schönen Tages Straßen gezogen; da kamen eines schönen Tages Rammen und Dampfwalzen; da wurden Bäume gefällt; die Felder verkamen, versandeten und wurden aufgeschüttet; Laubenkolonien kamen und wuchsen hoch; wurden wieder fortgebrochen, rückten weiter und weiter hinaus. An der einen Ecke kam ein Haus empor; dann an der anderen Ecke. Halb fertig ließ man es stehen. Prozesse wurden geführt; Gerichte behelligt; Urkunden geschrieben; Geld geliehen; Geld gewonnen; Geld verloren. Und wo noch vor kurzem bunte Knabenkräuter im Maiwind ihre Blüten gewiegt hatten, da trieb jetzt nur noch die Bauspekulation und der Häuserschwindel seine Blüten. Pferde wurden geschunden; Arbeiter um ihren Lohn gebracht; Handwerker betrogen. Die Häuser gingen von Hand zu Hand, wechselten dreimal den Besitzer, ehe sie fertig wurden. Trockenmieter kamen und unterschrieben Kontrakte mit Mietssummen, die sie nie in ihrem Leben beieinander gesehen hatten und sehen würden. Wo heute ein Käsegeschäft war, war morgen ein Schuhgeschäft; und übermorgen standen elektrische Lampen im Fenster. Nur die Destillationen blieben, die Restaurants »Zum gemütlichen Schlesier«; und sie blieben so lange, bis auch die letzte Lücke in der Straße, der letzte öde Bauplatz geschwunden war, bis die Ziegelhaufen nicht mehr auf dem Bürgersteig standen, die Zementwagen nicht mehr vor den Bauzäunen hielten, die Kräne nicht mehr schnarrend ihre Lasten hoben, und alles neu, sauber und propper war. Dann aber hielt sie keine Macht der Welt mehr, und sie zogen den Laubenkolonien nach, zwar nicht ganz so weit wie sie, nur bis zum halben Weg; sie machten es gerade wie die Straßenbahnen, die auch von Jahr zu Jahr ihr letztes Ziel weiter hinausschoben, von alten, sichern Plätzen, immer wieder zu neuen, unwirtlichen, werdenden, halbfertigen Häuserblocks. Die »gemütlichen Schlesier« wurden dick und fett dabei, und sie fragten nicht, ob der Tischler auch seine Fensterrahmen bezahlt bekommen hatte, oder der Parkettleger seinen Fußboden, oder der Maurer seine Überstunden, nein, bei ihnen hieß es nur: »Bar Geld lacht.« Und wenn sie selbst ihre Stammgäste einmal im Oktober Gänse ausknobeln ließen, – auch da kamen sie immer noch auf ihre Kosten.

Jetzt natürlich, zu der Zeit, da unsere Geschichte beginnt, am 1. April 1908, da war die Straße eben hochherrschaftlich geworden, und der gemütliche Schlesier hatte hier nichts mehr zu suchen. Bei dem bißchen Laufkundschaft hätte er auch verhungern können, und selbst die Leute, die hier nunmehr im Gartenhaus vier Treppen hoch wohnten, wußten zu genau, was sie der Zentralheizung und der Warmwasserversorgung, dem Safe in der Wand und dem Fahrstuhl schuldig waren, als daß sie sich etwa zu den Gästen des gemütlichen Schlesiers gerechnet hätten. Und da der nicht Idealist genug war, um auf einem verlorenen Posten auszuharren, so lud er gegen Ablohnung in Viktualien vier seiner alten handfesten Stammgäste ein und schleppte mit ihnen den Schanktisch vor die Tür, die Bierdruckapparate und all die schönen dickbauchigen Flaschen, mit den stolzen Inschriften »Anisette«, »Curaçao«, »Nordhäuser« und »Pfefferminz«; den Schießautomaten brachte er heraus und die Stühle und Tische; und er vergaß auch den großen Phonographen nicht, gegen dessen ungeschwächtes Gebrüll die Nachbarn drei Jahre hindurch vergeblich mündliche und schriftliche Einwendungen bei der Behörde erhoben hatten. – Ja, er nahm sogar fürsichtig von den Wänden alle Plakate, die wohlbeleibte Herren mit Doppelkinn und Weißbiergläsern in den Wurstfingern zeigten und Offiziere mit schmalen Schultern, die an kleinen. Gläschen nippten. Und er ließ dem Wirt nichts, als Nägel, Flecke an den Tapeten, einiges Ungeziefer, achtzehn leere Flaschen, einen verstopften Abort und schmutzige Scheiben.

 

Endlich brachte man auch aus einer geheimen Kabuse die Betten und Matratzen, das Küchenspind und den Kleiderschrank in das helle Licht des jungen Apriltages, verstaute alles liebevoll und vorsichtig auf einem kleinen, offenen einspännigen Bretterwagen, und die Besitzerin zog und band höchstselbst die Stricke und Riemen über die Spinde und Stühle und sah zu, daß auch die Bierhähne auf dem Schanktisch nicht etwa verbogen würden. Man wird sich vielleicht wundern, warum ich mit einem Male hier von der Besitzerin spreche; aber diese einfache Frau, mit der ledernen Stoßkante um den wollenen Rock, die nie etwas von sich hermachte, hatte wohl und gut das Recht dazu, sich hier um die Dinge zu kümmern. Denn der gemütliche Schlesier lebte schon seit Jahren mit ihr in einem gesetzlich geregelten Haushalt, in dem das Geschäft und die Möbel ihr gehörten und er sich in rührender Bescheidenheit damit begnügte, die von ihm eingeforderten Geldbeträge schuldig zu bleiben.

Und wie alles wohl befunden und in Ordnung war und die Zinkwanne mit den beiden Plektogynien, die immer im Fenster gestanden hatten, noch oben auf dem Bock neben dem gemütlichen, hemdärmeligen Schlesier Platz gefunden hatte: da nahm der gemütliche Schlesier die Peitsche, nahm die Zügel, rief: »Hü, holla, los«, und der hochbeladene Wagen schwankte langsam ab, gen Westen, während die vier, – nunmehr schon leicht pendelnden – handfesten Stammgäste, rechts und links am Riemenwerk sich haltend, nebenher gingen, und während die einfache Frau mit der ledernen Stoßkante um den wollenen Rock, mit einer Gardinenstange unterm Arm und einem Emailleeimer, aus dem höchst intime Toilettengegenstände wenig verschämt emporlugten, in der Hand den Zug beschloß.

Und wie in dieser langen, hellen, frischbesonnten Straße, zwischen den vier Baumreihen, zwischen den gelben Häuserfronten der Zug des gemütlichen Schlesiers immer kleiner und kleiner wurde, wie er zeitweise von den langen Donnerwagen fast verdeckt wurde, wie sich Autos und Droschken an ihm vorüberschoben, wie er noch einmal für Augenblicke durchleuchtete, ehe er hinten um die letzte, ferne Ecke verschwand und sich unsern Blicken ganz entzog, ... so wurde das Haus, das der gemütliche Schlesier hinter sich gelassen hatte, von Minute zu Minute stolzer, schöner, vornehmer, hochherrschaftlicher. Man fühlte ordentlich, wie die Mieten stiegen.

Ja, es war jetzt wirklich ein hochherrschaftliches Haus, wie es so in der Sonne lag, gelbgrün wie Kurellasches Brustpulver. Unvermittelt und plötzlich, – wie Badekästen an Vogelbauern, – hingen die Glasverschläge der Wintergärten an der Fassade. Und über dem gequetschten Portal saß mit dem Kopfe gegen eine Fensterbrüstung eine kaum bekleidete Dame mit einem Merkurstab und tauschte mit einem leicht geschürzten Jüngling, der einen Amboß liebkoste, verheißungsvolle Blicke aus. Die Balkons quollen rund und schwer, wie Bierbäuche aus der Front, und hatten vergoldete Gitter, dünn wie Spatzenbeine und unruhig wie Regenwürmer, die immer zwischen je zwei kleinen Stuckbären mit Wappenschildern hin und her liefen. Aber nicht genug der Schmuckfreude, umspannten oben unter dem Dach, unter dem Giebel, noch den runden Rachen eines Bodenfensters zwei Seejungfrauen, die ihre Fischschwänze ineinander kringelten und ›ihrem Berufe getreu‹ eine Lorbeergirlande mit flatternden Enden gemeinsam in erhobenen Armen hielten. Es war eben ein hochherrschaftliches Haus! Es hatte keinen Torweg, sondern ein Vestibül mit einer Marmorbank, hart und kalt wie das Herz eines Wucherers. Und es hatte da einen Kamin mit einer Bronzefigur aus Zinkguß. Auf einem Felsblock, der mit Efeu umrankt und mit gelben elektrischen Leitungsdrähten umwickelt war, stand eine schöne Person in edler Nacktheit, stolz wie eine Tochter Capris, und hielt in jeder Hand ein grünes Glasgefäß, aus dem nur manchmal zu feierlichen Gelegenheiten ein magisches Licht strömte. Ja, es war ein hochherrschaftliches Haus mit roten Läufern auf der Treppe und mit goldenen Tapeten an den Wänden und mit farbigen Flurfenstern, grün und rosa, wie Pistazien- und Himbeereis. Und zum Überfluß kullerte noch hinter Drahtgittern ein Fahrstuhl und brachte jeden dorthin, wohin er gerade wollte, wenn er nicht eben seine Mucken hatte und stecken blieb. Es hätte gar nicht draußen am Torweg zu stehen brauchen ›Nur für Herrschaften‹, man hätte es auch so gemerkt. Die Dienstmädchen, die Hausdiener und die Handwerker, die mußten natürlich durch den Nebeneingang gehen. Ja, wie gesagt, es war eben ein hochherrschaftliches Haus!

Und das Gartenhaus war genau so schön wie das Vorderhaus. Da gab's Schilder mit ›Nebeneingang I‹ und ›Nebeneingang II‹ mit ›Nur für Herrschaften‹ und ›Bitte Füße reinigen‹ gerade wie vorn. Da gab es auf dem engen quadratischen Hof ein Miniaturlabyrinth von Inseln, Beeten und weißen Fliesenwegen in höchst raffinierter Einteilung. Kleine vergilbte Tannenbäumchen und zerschlissene Thujakegel scharten sich im dunklen Boden um schwarze Säulenstümpfe, auf denen Büsten von Dante, Luther und dem Apoll von Belvedere schwermütig dahinträumten, vielleicht weil keiner von ihnen zu dem Besitzer des Hauses in irgendwelchen persönlichen Beziehungen stand. Und es gab im Gartenhaus dieselben Himbeer- und Pistazieneisfenster und die gleichen Goldtapeten; während bei den beiden Nebenaufgängen nur die schmalen Treppen wie Korkenzieher von Stockwerk zu Stockwerk sich wanden, – kaum erhellt von den kleinen quadratischen Luken, die sich Fenster nannten. Und der Fahrstuhl blieb ebenso stecken, wenn er seine Launen hatte; und die Heizung schnurgelte ebenso unter den Fenstern; und das Warmwasser war ebenso lau und verschlagen wie im Vorderhaus –; nur daß alles so ein bißchen schäbiger, so ein bißchen kleiner, geringer, kümmerlicher war, als im Vorderhaus. Aber endlich kann doch kein Mensch für 1500 Mark eben das verlangen wie für 3000 Mark; und ein kleiner Unterschied muß sein, ... sonst möchten ja gleich alle ins Gartenhaus ziehen! Ja – vorn hatten die Wohnungen also eine Diele und hinten nur einen Flur. Und vorn hatten sie Zimmer zum Essen; Säle für Gesellschaften; und Hundelöcher zum Schlafen; während die hinten keine Räume für Gesellschaften hatten und auch in Hundelöchern aßen. Ja, es war eben ein vornehmes, hochherrschaftliches Haus, von oben bis unten, vom Keller bis zum Dach!

Und die Häuser ringsum, rechts und links, geradeüber und schräg drüben waren alle genau ebenso vornehm und hochherrschaftlich. Da war keins, das nicht einen Giebel gehabt hätte, keins ohne Erker und ohne spitzige Türmchen und Dachreiter. Etwelche waren ganz aus roten Ziegelsteinen aufgeführt, wie nordische Kirchen; und andere daneben schienen wieder nur aus Orgelpfeifen zusammengebunden zu sein. Und die Eckhäuser bekrönten stolze, hohe, vielseitig gerundete Kuppeln, Riesentintenfässer mit reichlichem Gold. Oder riesige Fußbälle lagen da plötzlich auf dem Dach. So vornehm und hochherrschaftlich war die Straße. Und sie hatte etwa keine Gasbeleuchtung mehr, sondern hoch oben, an scharfgespannten Drähten, schwebten die riesigen Calvillen der Bogenlampen, mitten über dem Damm, hoch über dem niederen Netzwerk der Straßenbahnleitungen, ja fast über den vier Reihen von Ulmen und Linden, die, immer, immer kleiner werdend, rechts und links, soweit man nur sehen konnte, sich die Straße hinabzogen. Des Abends, da war das, wenn man auf der Mitte des Damms stand, wie eine einzige, lange, leicht gekrümmte Kette von Perlen, die zuerst in rechter Entfernung voneinander an der unsichtbaren Schnur hingen, und die dann immer enger und enger zusammenrückten, um in einen langen, leuchtenden Schweif auszulaufen. Auf dem Bürgersteig aber zeichneten sich im Winter und im ersten Frühjahr ganz fein, scharf und genau, die Schatten aller Äste, Zweige und Zweiglein ab. Später, im Frühling, Sommer und Herbst aber, wenn das Laub an den Bäumen war, ging man hier des Abends in einem schönen, mattgrünen Halblicht dahin, das sich nach den Häusern und Torwegen, sobald die Läden geschlossen waren und ihr Licht eingestellt hatten, in ein für die dort plaudernden Paare höchst angenehmes und schützendes Dunkel verwandelte.

Wer sollte zweifeln, daß es eine hochherrschaftliche Straße war? Und wahrlich, – wer jetzt die beiden Möbelwagen gesehen hätte, die da im hellen Licht der Sonne, wahre Riesen ihres Geschlechtes und grün wie der schönste Maientag, in allen Fugen knarrend heranschwankten, einer hinter dem andern, ganz langsam und gemächlich, Schritt vor Schritt, und die, als die Stärkeren, der Straßenbahn nicht auswichen, so sehr ihr Führer auch klingeln mochte, die sich von den Schienen nicht rückten und rührten, bevor sie nach dem Hause herüberschwenkten, das der ›gemütliche Schlesier‹ hinter sich gelassen hatte ... wer das gesehen hätte, der hätte auch keinen Augenblick mehr gezweifelt, daß hier vornehme Leute wohnen. Die kleine Fuhre des Herrn Piesecke, des neuen Vizewirts, und seiner Gattin mit den Betten, dem Muschelschrank, dem Spiegel mit dem vergoldeten Papierrahmen, dem Küchenspind und dem Regulator, – die verschwand ordentlich dahinter. Die kam vor den beiden Möbelwagen gar nicht mehr in Betracht; die wurde einfach übersehen. Und Herr und Frau Piesecke hatten ihre paar Sachen schon lange in der Portierloge, als die Ziehleute noch nicht vom Frühstück gekommen waren. Denn da zu ihrer großen Enttäuschung der ›gemütliche Schlesier‹ eben ausgeflogen war, so sahen sie sich leider genötigt, eine Nebenstraße weiter zu gehen, und sie ließen nur einen Mann, klein und breit und dickköpfig wie ein Gnom, bei den Pferden zur Deckung zurück, mit dem Herr Löwenberg eine längere Unterhaltung hatte.

»Wo sind denn die Leute?« sagte Herr Löwenberg und rückte seinen Zylinder ins Genick. Denn seitdem er vor drei Jahren einmal geschäftlich auf vierzehn Tage in London gewesen, trug er nur noch Zylinder.

»Aas!« sagte der Mann und gab, ohne sich stören zu lassen, dem Handpferd einen Knuff in die Weichen, daß der alte Schimmel nur so mit den Hufen gegen die Deichsel ballerte.

»Wo die Leute sind!« rief Herr Löwenberg und zupfte seinen Zylinder tief in die Stirn.

»Hä? Sie missen lauter mit mir reden, ich bin nämlich 'n bißchen taub auf de Ohren«, sagte der Mann und sah Herrn Löwenberg freundlich auf den Mund.

»Wo – die – Leute – sind!?!« brüllte Herr Löwenberg, daß man es bis Schmargendorf hören konnte.

»Ach so, des meinen Se! Wo soll'n se denn sin? Die frihsticken! Sie sind man eben jejangen. Det kann 'ne ganze Weile dauern, bis se wiederkommen«, sagte der Mann und machte sich wieder mit seinem Schimmel zu schaffen, der in einem Anflug von Menschlichkeit seinen Nachbar um jeden Preis vom Futtertrog wegzubeißen versuchte.

Und der Mann sollte recht behalten. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zurückkehrten.

Herr Löwenberg aber ging indessen immer vor seinen beiden Möbelwagen auf und nieder, damit sie ihm nicht abhanden kämen, und klopfte dazu mit seinem Spazierstock aufs Pflaster. Und er betrachtete nicht ohne Wohlgefallen die helle, lange Straße, die doch ganz etwas anderes war und weit vornehmer als die Neue Roßstraße, in der er bisher gewohnt hatte. Und Frau Betty Löwenberg erschien oben auf dem Balkon, im braunen Pelzhut mit lederfarbenen Rosen, beugte sich über das goldene Gitterchen und schrie herunter:

»Max, sieh doch mal, daß die Ziehleute bald anfangen!'''

Aber Herr Piesecke, der neue Vizewirt, hatte gerade noch Zeit, in Ruhe die roten Läufer bis zum ersten Stock von den Stufen abzurollen und die Ampeln im Vestibül und im Treppenhaus beiseite zu binden, damit sie nicht beschädigt würden – er konnte noch den Torweg recht breit und weit aufsperren, damit auch das Büfett gut durchginge – ehe die Ziehleute so ganz langsam zu zweien und dreien angetrottet kamen.

Dann aber, ehe man es sich versah, ging die rechte Freude los. Alles lief und rief durcheinander.

»Nicht kanten, Willem! Wirste nich kanten, oller Dussel!« »Oogenblick, Ede, ick will mir bloß 'n Gurt unterziehn!« »Na heer mal, nimm mir doch hier mal eener ab.« »Kiek mal, die Mebel sind alle nach Zeichnung!« »Herr Löwenberg, wo soll'n det Spind hin? In'n Keller? Na, det müssen se eenem doch sagen, det det Spinde in'n Keller soll. Wenn't Schweinebraten wär, hätten wer't ja jerochen!«

Hier zogen zwei Riesen langsam und keuchend mit einer schweren eichenen Kredenz ab, und hier ging ein ganz kleiner Kerl mit drei Stühlen und einem Blumentisch in den Torweg, während ihm noch an ein paar Fingern der linken Hand ein Eimer mit Küchengeschirr pendelte, – und er ging mit alledem so ruhig wie ein Saumtier.

Und alles, ein Stück nach dem anderen, kam auf die Straße und durfte sich sonnen: das Schlafzimmer im Biedermeierstil, in hell Ahorn, mit seinen Betten mit den schwarzen Kränzchen am Kopfende und den schwarzen Köpfchen am Fußende – es war ein Jüngling mit Vatermördern und eine Dame mit Schute und Löckchen – das Schlafzimmer kam zuerst. Und der Toilettentisch mit violetter Seide bespannt kam. Und der Rahmen mit dem gemalten Gobelin, mit den beiden Amoretten, die selig in Wolken schwärmten, er, der sonst erst beide Betten zu einer schönen Einheit zusammenfügte, er trennte sich auch hier nicht von ihnen. Und dann kamen erst die einzelnen Söller, Zinnen, Forts und Türme des Büfetts – das in seiner Vollendung wie eine richtige Ritterburg aussah, – ehe der mächtige Leib, das Hauptkastell, sich aus dem schweren Bauch der Riesenwagen nachschob. Das romanische Herrenzimmer trottete gewichtig hinterher, mit seiner Bibliothek und seiner Zeitschriftentruhe, die zugleich als Bank diente – und die wohl vor allem als Bank diente. Denn niemals in seinem sechsunddreißigjährigen Leben hatte Herr Max Löwenberg bisher eine Zeitschrift gehalten. Der Kirschholz-Salon im Jugendstil kam fürder hinterher getänzelt, in die Sonne hinaus, mit seinem Sofaumbau und dem Eckarrangement. Fein, zierlich und gebrechlich und im ganz modernen Geschmack. Das heißt – als Herr Löwenberg ihn vor fünf Jahren kaufte, hatte der Möbelhändler geschworen, daß es reinster Jugendstil wäre, während alle seine Freunde, – die von der Branche etwas verstanden – später behaupteten, daß es weit eher Sezession als Jugendstil sei.

Und all das gruppierte sich so schön blank auf dem Bürgersteig, und wenn ein Stück nach oben kam, so spien die doppelt geöffneten Tore der Möbelwagen dafür gleich vier neue aus. Und Herr Max Löwenberg ging zwischen all seinen Sachen auf und nieder, schob den Zylinder in die Stirn, ließ den Stock spielen und er sagte sich, daß diese Möbel in der jetzigen Wohnung sich doch ganz anders machen würden, als bei den schiefen Zimmern in der Neuen Roßstraße, wo sie wirklich nicht recht zur Geltung gekommen waren.

Immer mehr und mehr ergoß sich aus dem Wagen; Schränke und Küchenmöbel; und die filzbezogenen Etageren mit ihren Puscheln und Bällchen aus dem Damenzimmer schlossen mit den Gardinenstangen enge Freundschaft. Das ganze Trottoir war bald voll von den Herrlichkeiten, und die Leute, die vorübergingen, blieben einen Augenblick stehen, betrachteten das Schlafzimmer im Biedermeier- und den Salon im Jugendstil, – der eigentlich Sezession war, – und gingen dann mit der Überzeugung weiter, daß hier hochherrschaftliche Mieter einzögen. Und dieser Gebirgszug von Möbeln, der sich aus dem Wagen herausschob, verdeckte beinahe die kleine Ritze von Friseurladen; wahrlich, wenn nicht über der Tür das blanke Messingbecken, das im Wind leicht schwankte, in der Sonne geblitzt und durch sein helles Flackern auf sich aufmerksam gemacht hätte, niemand hätte auf den Friseurladen geachtet. Und dabei war es doch ein richtiger moderner Laden, mit ausgebauten Auslagen, – nur Glas und Messing von oben bis unten – und mit einer hohen Glastür; und des Abends war er ganz strahlend hell von den drei Grätzinkugeln im Fenster. Kein Hoffriseur hätte überhaupt früher ein so schönes Schaufenster gehabt wie Herr Ziedorn.

Zwei Damen standen da im Fenster, nicht ganz etwa, sondern nur halb, nicht Fleisch, sondern Wachs, mit geschweiften Augenbrauen und langen schwarzen Seidenwimpern über den himmelblauen Glasaugen, und lächelten. Eine Rote und eine Schwarze. Und die Rote hatte um die stattliche Büste einen violetten Schal geknüpft und die Schwarze einen gelben. Man sah sofort, daß sie in Balltoilette waren, man brauchte gar nicht erst auf die Zelluloidkämme mit den blitzenden Glassteinen zu achten, die sie im Haar trugen, und auf die goldenen, leicht angegrünten Herzchen und Kreuzchen, die um ihren Hals hingen. Nein, diese Frisuren an sich waren schon die richtigen Ballfrisuren. In der Hinterpartie neigten sie mehr der griechischen Form zu (welches allerdings nicht jeder Dame steht!), während vorn Naturlocken rechts und links zum Hals herabnickten. Sie waren schick und leger zugleich, und sie bewiesen nur von neuem, daß Herr Ziedorn den zweiten Preis im Schaufrisieren, dessen Diplom unter Glas und Rahmen im Laden hing, voll verdient hatte. Und um diese beiden Damen herum stand eine ganze Wildnis von Flaschen, Dosen und Schachteln. Da lagen Zahnbürsten jeden Kalibers neben falschen grauen, braunen und schwarzen Zöpfen, neben Paketen mit Haarnadeln und Bündchen mit ledernen Lockenwickeln. Seifen lagen da, feierlich in kleinen, blumengeschmückten Kartons zu dreien und dreien; und den Abschluß bildeten Plakate aus gepreßten Oblaten, auf denen junge Mädchen ihren Kopf in Rosen bargen, oder Herren mit Monokel die Bartbinde umtaten. Aber am zahlreichsten waren doch die Flaschen mit dem Haaröl »Ziedornin«. Da gab es ganz große, mittlere, kleine und ganz kleine – und Probeflaschen. Gleich in ganzen Schwadronen waren sie angerückt, und es war da ein großer Bogen, der mit Anpreisungen und Urteilen über »Ziedornin« bedruckt war. Wenn man sie las, war man überzeugt, daß im »Ziedornin« geradezu geheimnisvolle Urkräfte walteten, und daß es der Stoff sei, nach dem für die Pflege des Haares und für die Förderung und Wiedererweckung des Haarwuchses man seit zwei Jahrtausenden vergeblich gesucht hatte. Wo niemals bisher sich Haare befunden hatten, erzeugte sie »Ziedornin« binnen kurzem in einer geradezu traumhaft kühnen Üppigkeit. Man konnte natürlich auch zuerst eine Probeflasche nehmen; – aber bei einer großen Flasche zu fünf Mark, die auch im Einkauf sich viel günstiger stellte, wäre der Erfolg so gut wie besiegelt. Daß hier Maniküre betrieben wurde und Shampooing, und daß Herr Edmund Ziedorn geprüfter Heilgehilfe war, Rennwetten vermittelte und noch einige Fernsprechnebenanschlüsse zu vergeben hatte, kam gegenüber der epochalen Wirkung des »Ziedornins« kaum mehr in Betracht.

Und als Emil Kubinke nun mit seinem grauen Köfferchen, das mit dickem, handfestem Bindfaden verschnürt war und das halb von der flatternden Pelerine verdeckt war, langsam über den Damm kam, da sah er erst den Laden kaum vor all den schönen Dingen des Herrn Löwenberg, dann aber stellte er sich einen Augenblick vor das Schaufenster und betrachtete es mit Kennermiene. Die Dekoration sah gut aus! Das war doch etwas anderes als bei seinem alten Chef die paar Schminkdosen, auf denen der Staub so hoch lag, daß man überhaupt die Firmen nicht mehr lesen konnte. Der Laden da war auch das reine Erbbegräbnis gewesen, keine Katze kam dahin; und die paar Abonnenten ließen sich noch zehnmal mahnen, ehe sie ihre Karten bezahlten. Das Geschäft hier, in der Gegend – und so weit man sehen konnte, keine Konkurrenz – das mußte ja eine Goldgrube sein.

Und dann trat Emil Kubinke klein und bescheiden mit seiner grauen Pelerine und seinem grauen, alten, bindfadenumschnürten Köfferchen in den Laden, säuberte umständlich an der Fußdecke seine Stiefel und zog schüchtern seinen weichen Hut.

»Ist der Chef da?« fragte er halblaut.

Aber der junge Mann, der gerade mit Haarschnitt beschäftigt war und einem Kunden – der im Frisiermantel wie ein großer Schaumkloß, auf dem plötzlich ein Menschenkopf thront, vor ihm saß, – soeben mit zartem Mundspitzen einige zurückgebliebene Härchen aus den Ohren in den Nacken und aus dem Nacken in die Ohren blies, ... der neue Kollege sah kaum auf.

»Der Chef ist gegenwärtig nicht momentan«, sagte er und begann aus dem Schaumkloß eine menschliche Figur auszuwickeln, »aber er muß jeden Augenblick zurückkommen.«

Und während der neue Kollege nun mit der Linken noch den Frisiermantel ausstäubte und mit der Rechten schon der eben entwickelten menschlichen Figur etwas Seifenschaum gegen die Wangen spritzte, – denn er wollte nur an den Schläfen noch ausrasieren, – stand Emil Kubinke ganz klein, reglos und bescheiden und ließ seine Augen wandern. Hell war es. Sehen konnte man, und – oh, da waren ja richtige Marmorbecken – gleich mit warmem und kaltem Wasser, und die Spiegel hatten Goldleisten. Das Alphabet war dick gefüllt mit Abonnementskarten, und sogar unter dem ›Q‹ steckten etwelche. Die Spritzflakons und die Puderdosen waren alle aus Nickel, und die Schaumbecken mit ihren Zahlen gingen in die Hundert. Von den Tuben mit Bartwichse, von dem flüssigen Heftpflaster und den Mundpillen schien man sogar hier auch etwas zu verkaufen, denn die Kartons, an denen sie aufgereiht, waren schon halb leer. Aber Emil Kubinke war zu sehr Fachmann, um sich durch Äußerlichkeiten blenden zu lassen. Und richtig, – hinten in dem Verschlag, in dem die Streichriemen hingen, konnte man sich ja kaum umdrehen, und das Handtuch, das da hervorlugte, – das zum Händetrocknen für die Gehilfen, – wartete sicherlich schon viel zu lange auf die Wäsche. Endlich war es eben überall gleich – im Geheimratsviertel genauso wie in der Brunnenstraße.

Aber während Emil Kubinke noch so seine Beobachtungen machte und seine Schlüsse zog, und während er nur so mit einem Ohr hinhörte, wie der Kollege den Kunden fragte, ob »Spritzen angenehm« wäre oder »Puder gefällig«, ob »Öl, Crême oder Stein« verlangt würde – währenddessen kam Herr Ziedorn.

»Sie, Meister«, rief der Kunde, der eben nach dem langen Sitzen hin und her trampelte, um wieder in den richtigen Gebrauch seiner Gliedmaßen zu kommen, – »Sie! Mit Ihrem verfluchten ›Ziedornin‹ haben Sie mich ja nett reingelegt. Sehen Se mal hier, – die Haare werden mir ja janz jrau danach!«

»Das muß in Ihrer Familie liegen, Herr Markowski, und außerdem finden Sie ja bereits frühzeitiges Ergrauen bis in das höchste Alter«, versetzte der Chef mit höflicher Bestimmtheit. »Bei meinem ›Ziedornin‹ ist eine derartige Nebenwirkung noch niemals beobachtet worden.«

Aber Herr Markowski war gekränkt. Auf seine Familie ließ er nun ein für alle Male nichts kommen. »Meine Großmutter hat mit fünfundachtzig Jahren noch kein einziges graues Haar gehabt«, sagte er, »und mein Vater mit siebenundsechzig auch nicht.«

Aber Herr Markowski war trotzdem ein durchaus nobler Charakter, und er ließ seinen Unmut über die Mißwirkung des »Ziedornins« keineswegs etwa einen Unschuldigen entgelten. Und Emil Kubinke sah deutlich, wie Herr Markowski dem neuen Kollegen, als jener ihm in den Mantel half, mit lässiger Geste ein Geldstück in die Hand gleiten ließ.

›Die Gegend ist wirklich recht gut‹, – sagte sich Emil Kubinke. Er stand immer noch, trat von einem Fuß auf den andern, und sein Köfferchen war ihm recht schwer.

Nachdem die Tür hinter Herrn Markowski geklappt hatte, fuhr Herr Ziedorn, ohne auf Emil Kubinke zu achten, im Laden auf und nieder. Er war mißgelaunt. Nichts stand da, wo es stehen sollte, und dieser Mensch hatte ihn sogar vor seinem eigenen Personal blamiert. Endlich schien er des harrenden jungen Mannes ansichtig zu werden. »Ah«, sagte er mit der Miene des vielbeschäftigten Leiters eines Welthauses, als ob er sich nur ganz dunkel der Existenz des anderen erinnerte, »sind Sie nicht der neue Gehilfe? Wie heißen Sie doch gleich?«

Emil Kubinke stotterte seinen Namen.

»Nun«, sagte der Chef begütigend, »lejen Se sich man vor allem ordentlich bei's Damenfrisieren und bei de Haararbeiten dahinter. Dann können Se bei mir 'ne Lebensstellung haben.« Und dann wandte Herr Ziedorn seinen markanten Männerkopf dem andern Gehilfen zu. »Herr Tesch, Sie werden sich mit Herrn Kubinke, der Ihr neuer Kollege ist, zu vertragen haben«, sagte er. »Vielleicht bringen Sie ihn erst nach oben; kommen Sie aber bald wieder, – und dann zeigen Sie ihm hier alles.«

Und Emil Kubinke trottete mit seinem Köfferchen hinterher durch einen langen Gang, der von zwei, drei durchbrochenen Türen sein höchst kümmerliches Licht bekam und so eng mit Kommoden, Körben und Schränken verstellt war, daß Emil Kubinke sich mit seiner Pelerine und seinem Köfferchen kaum durchwinden konnte. Die Luft mit ihrem Gemisch von Küchengerüchen und dem multrigen, feuchten Dunst der Keller- und Tiefparterrewohnungen war Emil Kubinke nicht fremd und kaum noch unangenehm. Er hatte durch Jahre zuviel in den gleichen, ebenerdigen Zimmern geschlafen, um vor ihr zurückzuschrecken.

»Früher haben wir hier gewohnt«, flüsterte Herr Tesch und zeigte auf eine Tür, »aber seitdem der Chef sein Zeug janz alleine braut, da braucht er die Zimmer wieder. Und wissen Se, oben is es auch janz jut. Da kann man machen, was man will, – da fragt keen Mensch nach einem.«

»Wie is denn der Chef?« fragte Emil Kubinke, während er langsam die engen Windungen der Korkenziehertreppe emporstieg und nur einen Augenblick auf einer der kleinen Inseln hielt, die sich vor den Küchentüren dehnte und die noch einmal zum Überfluß jedes Stockwerk unterbrachen.

»Der Olle is soweit janz nett«, meinte der Kollege. Aber er verschwieg dabei, daß Herr Ziedorn Ostpreuße war und daß dieser Charakterfehler sich eben nie wieder gut machen ließ.

»Ja, mein voriger Chef war auch ein janz anständiger Mann«, meinte Emil Kubinke.

»Warum sind Se denn da eigentlich wechjejangen?!« fragte Herr Tesch, und der Ton seiner Worte war ebenso unsicher wie der Emil Kubinkes. Sie waren noch wie zwei Hunde, die erst die Nasen aneinander reiben und noch nicht recht wissen, ob sie lecken oder beißen sollen.

»Mein vorjer Chef is alle jeworden. Was er nu macht, weeß ich ooch nich. Es war da nischt los.«

Herr Tesch war zufrieden. Der da würde nicht zuerst beißen.

Ein blonder Kopf kam neugierig durch eine Türspalte.

»Na, Fräulein Hedwig, was machen Se denn? Sie haben's jut. Den janzen Tag über können Se in de Küche sein.«

»Du ahnst es nicht«, versetzte Hedwig. Und jetzt schob sich auch ein Arm und ein Teil einer fülligen Barchentbluse durch die Türspalte.

»Letzten Sonntag haben Se doch wieder mit Ihrem Schlächter bis zwei Uhr im Hausgang jestanden. Haben Se mich nich jesehn? Nee? Aber ick Sie. Nich zu knapp!«

»Is jrade was Scheenes«, versetzte Hedwig und zeigte Herrn Tesch wie ein ungezogenes Kind die Zunge zwischen den weißen Zähnen.

»Sehen Se – und mit mir jehen Se nie aus!«

»Ach wat, mit Ihnen verschlag ick ma ja bloß de Kunden.«

Emil stand abseits mit seinem Köfferchen, und er war rot geworden. Denn dem anderen Geschlecht gegenüber, vor allem wenn es jung, frisch und hübsch war – und das war Hedwig, Donnerwetter noch einmal! – dem anderen Geschlecht gegenüber war er noch sehr schüchtern.

»Is das vielleicht Ihr neuer Kollege? Ja? Na sehen Se, mit den könnt ick zum Beispiel jleich jehn! Der jefällt ma viel besser wie Sie. For schwarze Männer schwärm ick!«

»Sie wissen ja noch gar nicht, ob ich mit Ihnen gehen will«, versetzte Emil, und er war selbst erstaunt, daß er das herausbrachte. Ganz heiß wurde ihm dabei.

»Na denn nich! Meinen Sie vielleicht, mir macht das was? Ick brauch bloß so zu machen, denn hab ick an jedem Finger zehne!«

Drinnen in der Küche hörte man rumpeln, und Hedwig zog schnell ihren Kopf wieder zurück.

»Adje, Herr Tesch«, sagte sie noch und winkte mit den Augen, während sich schon – als ob ein Vorhang darüber fiele – die Tür leise zuzog.

»'n nettes Mädchen«, sagte der keineswegs gekränkte Herr Tesch befriedigt und belehrend. »Es sind überhaupt sehr nette Mädchen hier im Haus!«

Es ging immer weiter die schmale Wendeltreppe hinauf.

»Wie hoch geht denn das noch?« fragte Emil Kubinke.

»Noch immer höcher! Noch immer höcher«, sagte Herr Tesch. »Oben bein Vorboden, jleich neben de Rollstube wohnen wir. Und jleich neben 'n Dienstbotenbad. Wissen Se, so in de Burschenstube. Ach Jott, de Luft is janz jut da oben, und jetzt is auch janz nett. Aber im Winter – da hätten Se ma hier sein sollen! Da war det so kalt, sag ick Ihnen, daß ein' ordentlich de Bettdecke an' Mund anjefroren is.«

Emil Kubinke kannte das.

»Se können ja auch wo anders hinziehen. Aber der Olle sieht et nich jern. Denn ihn kostet doch die Stube nischt, die hat ihm der Wirt noch so for 20 Mark das Jahr jejeben. Und uns rechnet er sechs Mark im Monat.«

Aber Emil Kubinke war ganz zufrieden. Er fand einen großen, sauberen, weißgetünchten Raum mit einer schrägen Wand mit zwei Betten, zwei Schränken, zwei eisernen Waschtischen und kleinen Spiegeln darüber. Und der Kollege hatte sich alle möglichen Bilder aus alten Witzblättern ausgeschnitten und mit Reißnägeln an die Wand gepinnt. Sehr nett war es und nicht unfreundlich. Durch das schräge Dachfenster sah man ein Stück blauen Himmels, das von dreißig schwarzen Strichen der Telephondrähte mitten durchgeschnitten wurde. Und wenn Emil Kubinke sich auf die Fußspitzen stellte, dann sah er etwas von der seltsamen Welt der Höhe, von den schweren Würfeln der Schornsteine, von den schwarzen Schellenbäumen der Telephone mit ihren weißen Glöckchen, von den schrägen, braunroten Stirnwänden der Dächer, von den schweren blechernen Rinnen, von den weiten, kiesbestreuten Dachflächen, auf denen allerhand welkes, hartes, vorjähriges Kraut im Wind zitterte ... Hinten Schornsteine, wieder Schornsteine, Dächer, ein Türmchen, ein Giebel, irgendeine stehende Figur in der Sonne, riesig, grau und splitternackt, mit einem großen goldenen Reifen in einsamer Höhe. Drüben badeten Spatzen in einer verstopften Dachrinne. Drei waren eben dabei, und vier andere sahen zu und warteten, daß sie drankämen. Und zwischen zwei Schornsteinen hüpfte ein großer schwarzer Vogel – ein Tier wie eine Drossel – hin und her.

Wirklich – das ist gar nicht so übel, sagte sich Emil Kubinke.

»Aber Herr Kolleje, nu machen Se man schon«, rief Herr Tesch. »Lejen Se ihre paar Lumpen man schnell da rein. Wir können nich so lange bleiben. Der Olle jeht nämlich heute nachmittag aus.« Er sah auf das Bett. » Eine Decke?« meinte er. »Nee, des is jetzt noch zu wenig! Da wer' ick doch jleich der Frau sagen, daß se noch eene mit rauf gibt.«

Und Emil Kubinke hatte seine paar Sachen, seinen Sonntagsanzug, seine Hemden und was er sonst noch an Weißzeug besaß, seine Strümpfe und seine paar Bücher soeben untergebracht, und er hatte einen Blick auf seine Rasierbestecke geworfen, ob sie den Transport auch gut überstanden hätten, – als zur gleichen Zeit einige Treppen tiefer in Herrn Löwenbergs neuer Wohnung die Ziehleute ihre Arbeit vollendet hatten, und nun alle vierzehn wie die Bäume, still, schwer und groß, um Herrn Max Löwenberg herumstanden, der trotz seines Londoner Zylinders bedenklich schmal und klein vor diesen Enakssöhnen erschien. Der Sprecher, der Dicke in der blauen Schürze mit dem gestickten Vergißmeinnichtkranz und der Inschrift ›Immer feste!‹, der den Transport des Flügels mit der Taktik eines Feldherrn überwacht hatte, mit ›Nich kanten, links rüber! rechts rüber! hupp! hupp! hupp! nachlassen, Weber!‹ ... der Dicke in der Schürze hielt Herrn Löwenberg einen längeren Vortrag über die Schwierigkeit gerade dieses Umzugs. Sie hätten vorjestern einen Justizrat mit zwei Klaviere jezogen, ... aber det wäre ja det reine Kinderspiel jejen Ihnen jewesen. Daß sie den Flüjel bei die modernen Treppen überhaupt raufjekriegt hätten, wäre een wahres Wunder. Und bei dem Büfett, da hätten se fest und sicher jejlaubt, schon jleich wie se't jesehn hätten, – alle hätten se jejlaubt, daß se 's auseinandersäjen müßten. Ein anderer Spediteur hätte des jarnich raufjebracht. Und er hoffe deswejen, daß bei dem Trinkjeld das berücksichtigt würde.

Und als Herr Löwenberg zwei blanke Goldstücke dem Dicken mit der blauen Schürze in die schweißige Hand drückte – und nun Wunder dachte, was er getan hatte – da rückte sich keiner von den vierzehn vom Fleck, und sie blieben noch alle stehen, wie die Bäume. Der Sprecher aber sah ohne Groll, nur mit stillem Vorwurf Herrn Max Löwenberg mit großen Augen von der Seite an.

»So'n Fuffzijer for jeden«, sagte er mit einer Bescheidenheit, die keinen Widerspruch duldete, »so'n Fuffziger for 'ne kleene Weiße könnte doch noch abfallen. Die Leute haben sehr jearbeitet.«

Und als sie auch den noch herausgeschunden hatten, da reichte der Sprecher zuerst Herrn Löwenberg die Hand und wünschte viel Glück zur neuen Wohnung. Und alle vierzehn folgten seinem Muster, denn sie wußten doch, was feine Lebensart war. Dann verließen sie unter Donnergepolter die Zimmer, in denen es noch aussah wie nach einem Pogrom. Und ein kleiner breiter Kerl mit einer Narbe über dem linken Auge – der Don Juan seines Standes – faßte noch ganz schnell draußen Frau Löwenberg mit dem rechten Arm fest um die Taille und fragte: »Na Madamken, mal scherbeln?« Und dann torkelte auch er zur Tür hinaus.

Und das kam so plötzlich, daß Frau Löwenberg ganz vergaß, nach ihrem Mann zu rufen.

Unten aber weihte Herr Tesch Emil Kubinke in die Mysterien des Betriebes ein. Denn trotzdem jede Barbierstube genau wie die andere aussieht, und trotzdem man in jeder Barbierstube ebenso gut oder ebenso schlecht sich aufgehoben glaubt wie in der anderen – so herrschen doch in jeder geheimnisvolle Regeln, nach der die Kunden bedient werden. Und was uns als plötzliche Eingebung des Augenblicks erscheint, das ist, wie das Impromptu des Schauspielers, meist wohl überlegt und meist mühselig einstudiert. Und gar in der Behandlung und Unterbringung der Materialien und Ingredienzien, da folgt jede Barbierstube ihrer geheiligten Überlieferung, die kein Neuling kennen kann. In keinem monarchisch geleiteten Staatswesen ist so sehr der Wille des Staatsoberhauptes Gesetz wie in der kleinsten Ritze von Barbierladen der des Chefs.

Doch Emil Kubinke war kein heuriger Hase. Umsonst hatte er nicht dreiundeinhalbes Jahr gelernt und war nicht schon seit drei Jahren junger Mann, um nicht schnell zu sehen, worauf es ankam. Er konnte alles. Er hatte sogar schon zwei Kurse für Damenfrisieren genommen. In seinem Fache machte ihm keiner so leicht etwas vor. Und Herr Tesch brauchte Emil Kubinke nur einmal zu sagen: »Sie, lassen Se des nich den Ollen sehn, – der Olle wünscht des nich so«, – so wußte Emil Kubinke ganz genau, woran er war.

Und wirklich, das Geschäft ging. Der eine gab dem andern ordentlich die Klinke in die Hand. Und selbst jetzt, um diese sonst stille Tageszeit, saßen immer zwei auf den Rasierstühlen, und ein dritter wartete und studierte mit Leichenbittermiene die uralten Witzblätter, die nach der Versicherung des Herrn Tesch gerade diesmal vorzüglich waren. Emil Kubinke, der so anhaltendes Arbeiten nicht mehr gewöhnt war, fühlte bald seinen rechten Arm. Aber er wußte auch, daß es in drei Tagen ein für alle Male vorüber sein würde. Und der Chef kam hin und wieder vor, auf eine kurze Inspektionsreise, duftend nach den geheimnisvollen Urkräften des »Ziedornins«. Mißtrauisch ging er um seinen neuen Gehilfen herum, denn er fühlte, daß er sich gerade jetzt für alle Zeiten etwas vergäbe, wenn er den neuen Gehilfen nicht wegen irgend etwas anschnauzte. Und er war indigniert, daß er nicht recht etwas herausfinden konnte.

Doch als Herr Ziedorn wieder vorkam, da trug er einen hellen Sommerüberzieher, und aus seiner Brusttasche lugte lieblich und verlegen ein blaues Taschentüchlein. Und auf seinem Haupte hatte Herr Ziedorn einen Zylinder, der dem des Herrn Löwenberg, was Höhe, Fasson und modernen Schwung betraf, nichts nachgab.

»Herr Tesch«, sagte Herr Ziedorn mit der ernsten Miene des Geschäftsmanns, der vor wichtigen Transaktionen steht, »ich gehe jetzt Rechnungen einkassieren. Vor Abend kann ich wohl kaum zurück sein. Sagen Sie das meiner Frau, wenn sie nach mir fragen sollte.«

Weswegen Herr Ziedorn seine Gattin von diesen Mahngängen nicht im voraus in Kenntnis setzte, das entbehrte nicht der tieferen Begründung. Seine Frau sah nämlich diese Mahngänge nicht gern. Und es war schon häufiger ihretwegen zu höchst resoluten ehelichen Unterhaltungen gekommen. Aber Herr Ziedorn war nicht der Mann, der sich durch häusliche Rücksichten bestimmen ließ, in seinen Geschäftsprinzipien wankend zu werden.

Und so wollte er auch jetzt, am 1. April 1908, nachmittags um vier Uhr, eben wieder die Klinke in die Hand nehmen, als die Tür sich von außen öffnete und ein Herr – den Zylinder tief in der Stirn und den Spazierstock zwischen den Fingern – eintrat.

»Mein Name ist Max Löwenberg«, sagte er mit liebenswürdiger Bestimmtheit, »ich wohne hier oben im ersten Stock. Sie können von morgen früh täglich einen jungen Mann um halb neun zum Rasieren hinaufschicken. Aber bitte pünktlich, – da ich mich sonst nach einem anderen Barbier umsehen müßte.«

»Sie werden mit uns zufrieden sein«, meinte verbindlich Herr Ziedorn und griff mit zierlichen Fingern an die Krempe seines Zylinders. »Herr Kubinke, Sie werden von morgen an den Herrn bedienen. Und ich möchte Ihnen die größte Pünktlichkeit ans Herz gelegt haben. Sie werden jetzt überhaupt die Kundschaft außer dem Hause zu bedienen haben. Herr Tesch wird Ihnen die Liste geben und Sie mit den Wünschen der einzelnen Herren bekannt machen.«

»Sehr wohl, Herr Ziedorn«, versetzte Emil Kubinke und zwickte den kleinen Jungen, der vor ihm saß und sich die Haare verschneiden ließ, mit der Schere ins Ohr. Und Herr Tesch sagte ohne aufzusehen: »Bitte, beehren Sie uns bald wieder!«

Emil Kubinke aber war mit diesem Auftrag recht zufrieden. Denn da brauchte er doch nicht den ganzen Tag im Laden zu hocken. Da kam er doch wenigstens in die Luft, da sah und hörte er doch etwas. Die Kundschaft außer dem Hause zu bedienen, das hatte er sich wirklich schon lange wieder einmal gewünscht.

Als aber Herr Ziedorn und Herr Max Löwenberg ihre Zylinder jetzt unbeschädigt durch die Tür gebracht hatten und es still im Raum geworden war, da fragte Emil Kubinke ganz leise: »Wo jeht'n der Chef hin, Herr Tesch?«

Aber Herr Tesch kniff nur das eine Auge ein. »Na, seine Olle wird ihm ja wieder 'n netten Transch machen. Passen Se mal morjen uff«, flüsterte er.

Herr Ziedorn führte ein mit dunklen Punkten reich verziertes Leben; – und zu dem Kundenkreise des Herrn Ziedorn gehörten auch Damen, durchaus keine Damen zweifelhaften Rufes, im Gegenteil, sie hatten einen völlig zweifellosen Ruf, es waren höchst achtungsbedürftige Damen, und sie wohnten hier in einer Nebenstraße, Haus bei Haus, in kleinen, gut möblierten Gartenwohnungen. Und sie fuhren sogar jeden Abend mit der Droschke in das Innere der Stadt hinein und fuhren spät nach Mitternacht mit der Droschke wieder heim. Und diese Damen nahmen auf Kredit aus dem Laden des Herrn Ziedorn Parfüms und Seifen, Puder und Schminken, Haarfärbemittel und falsche Locken, und was sie sonst noch benötigten, um aus einem grauen, armseligen, abgegriffenen und abgematteten Hascherl jenes Wesen hervorzuzaubern, das die Männer entflammen sollte. Und diese Damen vergaßen meist zu zahlen. Und dann ging Herr Ziedorn am nächsten Ersten hin und mahnte sie. Oder bei größeren Summen ließ er es nicht bei der einmaligen Mahnung bewenden. Und mit der Zeit hatte sich zwischen Herrn Ziedorn und seinen Kundinnen jene primitive Form des Handels herausgebildet, die noch heute bei allen Urvölkern gang und gäbe ist und die nationalökonomisch als Tauschverkehr bezeichnet wird. Aber Frau Ziedorn sah das nicht gern, und sie hatte ihren Gatten oft gebeten, er solle doch diese Kundschaft aufgeben. Ja, sie befleißigte sich sogar, wenn sie gerade im Laden war, dieser Sorte von Kundinnen gegenüber einer außerordentlich geringen Freundlichkeit. Herr Ziedorn jedoch erklärte ihr immer und immer wieder, daß von Aufgeben nicht die Rede sein könnte und daß er, wenn er endlich auch nur die Hälfte bezahlt bekäme, durch den hohen Verdienst, der bei diesen Artikeln hängen bliebe, immer noch auf seine Rechnung käme. Und damit hatte Herr Edmund Ziedorn eigentlich auch ganz recht. Und wer von dem Einmaleins des Kaufmanns auch nur das Geringste versteht, muß ihm beipflichten.

Und Frau Ziedorn fand auch leider nie ausreichende Gelegenheit, um diese Sorte von Kundinnen endgültig fernzuhalten, ... da sie sich, mit geringen Unterbrechungen, jahraus, jahrein in jenem Zustand befand, vor dem zwar im alten Sparta die Soldaten durch Senken des Speeres ihre Ehrerbietung zu zeigen hatten, den man aber im modernen Berlin in einem vornehmen Friseurladen vor den Kunden nicht gern öffentlich zur Schau stellt.

Und so also war am 1. April 1908, nachmittags um vier Uhr, Herr Ziedorn wieder einmal Rechnungen einkassieren gegangen.

Und als Frau Ziedorn mit ihrer Körperfülle hereingerollt kam, da begrüßte sie gar nicht den neuen Gehilfen Emil Kubinke, sondern fragte nur: »Wo ist mein Mann, Herr Tesch?«

»Er kassiert Rechnungen ein«, sagte Herr Tesch, ernst wie das Grab. »Vor Abend, hat er jesagt, kann er kaum wiederkommen.«

»So!« sagte Frau Ziedorn. Sonst nichts. Und warf die Tür hinter sich zu, daß der kleine Junge, den Emil Kubinke immer noch unter seinen Fingern hatte, beinahe von seinem hohen Stuhle fiel. Und dann hörte man draußen bums! bums! bums! bums! eine reine Kanonade von zugeschlagenen Türen.

Und der Nachmittag ging Emil Kubinke hin, als wenn die Stunden Flügel hätten. Hier gab's doch Arbeit, und man mußte sich nicht alle halbe Stunden wieder mühsam vom Stuhl emporreißen, wenn ein Kunde in den Laden trat, wie das bei seinem alten Chef war. Und jeder der Leute hatte hier seine Eigenart, die ihm erst abgeluchst werden mußte. Der wünschte, daß man ihn unterhielt, und der war beleidigt, wenn man an ihn das Wort richtete. Der war wie ein rohes Ei so verletzlich, und der andere robust wie kaltes Eisen. Herr Graff mußte beim Namen genannt werden; aber bei Herrn Levysohn war die Namensnennung verpönt. Herr Tesch kannte jeden und verstand ihn zu nehmen. Und er wußte Emil Kubinke oft mit einem Augenzwinkern zu verständigen, was zu tun und was zu lassen sei. Ja, das Geschäft hier! Solch ein Geschäft hätte Emil Kubinke auch mal haben mögen.

Und während nun draußen die ganze Straße sich mit einem roten Halblicht füllte, während das Abendlicht einen schönen Tag für morgen versprach und der Himmel im Zenit zwischen den dunklen Häusern ganz weiß, gelb und rosig leuchtete und sein magisches Licht über allem schwebte, während alles so seltsam hell war, wie scheinbar am ganzen Tag noch nicht, nur um langsam zu verglühen und zu verlöschen ... und während wie mit einem Schlag alle Bogenlampen spangrün aufleuchteten und, ohne noch ihr Licht zu versenden, nur in sich glühten und gleich riesigen, spangrünen, japanischen Ballons da oben in einer langen Kette hingen, ... und während unten im Schaufenster im Laden Emil Kubinke die kleinen rötlichen Grätzinkugeln aufblitzen ließ ... währenddessen ... ja ... da turnte oben bei Herrn Max Löwenberg der Tapezierer auf der Leiter herum und machte die kühnsten Draperien, Überwürfe und Raffungen. Er schwelgte ordentlich in Stoff und Falten, und er zog unermüdlich aus seinem Mund kleine blaue Nägel hervor, mit denen er den flüchtigen Gebilden seiner kunstfertigen Hand Dauer verlieh. Und auf einer anderen Stehleiter, hinter dem Tapezierer, voltigierte der Monteur mit klirrenden Kristallkronen; – während aus der Küche die Hammerschläge der Arbeiter kamen, die den Gasometer setzten, und aus dem Schlafzimmer das Lötfeuer der Wasserarbeiter, die den Waschtisch anschlossen, sein Brodeln und seine Zischlaute durch die ganze Wohnung schickte. Die schnell herbeigezogene Frau Piesecke rutschte zwischen all denen auf den Knien herum und scheuerte die Fußböden. Frau Löwenberg aber briet mitten auf dem Eßtisch, auf einem Patentkocher, für ihren Mann Setzeier; – die einzige lebende Erinnerung, die ihr aus dem Kochkursus in der Pension von Fräulein Beate Bamberger geblieben war. Denn Herr Löwenberg mußte sich unbedingt stärken. Seit drei Stunden ging er nämlich von einem Zimmer ins andere, stand den Arbeitern im Wege, stolperte über Frau Piesecke, war überall da, wo man ihn nicht brauchen konnte, und erklärte unausgesetzt den Leuten, wie sie es zu machen hätten.

Man wird sich vielleicht wundern, daß so reiche Leute wie Löwenbergs kein Dienstmädchen haben. Aber die alte Köchin war gerade während des Umzugs zu ihrer todkranken Mutter gerufen worden, die, – um der Wahrheit die Ehre zu geben, – nicht nur todkrank, sondern schon seit vierzehn Jahren tot war, aber trotzdem jedes Jahr noch zweimal von heftigen und geradezu lebensvernichtenden Leibesübeln befallen wurde, die die alte Frau doch immer wieder mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit überstand. Und das Hausmädchen hatte Frau Löwenberg Knall und Fall entlassen müssen, weil sie sich nicht entblödet hatte, ihrem Gemahl nachzustellen. Das neue Mädchen aber kam vor heute abend nicht. Und so erzählte Frau Löwenberg nun schon seit fünf Tagen jedem, der es hören und nicht hören wollte, daß sie ohne Mädchen wie im Himmel wäre. In Wahrheit aber verstand Frau Löwenberg von der Wirtschaft so viel wie ein Kuhkalb von der Trigonometrie und war vollkommen rat- und hilflos, war einem Schiff mit gebrochenem Steuer im wilden Sturm vergleichbar. Wirklich, Frau Betty Löwenberg war in allen Dingen des Lebens von einer nicht mehr rührenden, sondern schon mehr beängstigenden Ahnungslosigkeit. Ja, wenn man Frau Betty Löwenberg länger kannte, so mußte man sich immer wieder und wieder fragen, was sie denn überhaupt in den siebenundzwanzig Jahren ihrer bewußten Anwesenheit auf der Weltenbühne bisher gelernt hatte!

Und die Dunkelheit brach herein, eine warme, milde Dunkelheit. Oben lag die Nacht mit weichem Dunst und matten, flimmernden Sternen; und unten gewannen die elektrischen Bogenlampen die Macht über die Straße und überglänzten die Dame mit dem Merkurstab, die über dem Portal saß, und zeichneten die Äste und Zweige der Bäume auf dem Bürgersteig ab. Und in den Staub von all den Straßenbahnen und von den rollenden Wagen mischte sich doch etwas von dem frischen, bitteren Geruch der steigenden Säfte in den Ulmen und Linden. So belebt aber war die Straße den ganzen Tag nicht gewesen. Die Bahnen, die oft fast leer entlanggepoltert waren, waren jetzt ganz schwarz von Menschen. Auf den Plattformen standen sie nur so gekeilt. Und wenn ehedem in langen Pausen Bahn auf Bahn gefolgt war, so schienen jetzt ihre erhellten Kästen gleich zu vieren, zu sechsen hintereinander heranzurollen; und leere Bauwagen klapperten mit johlenden Kutschern nebenher; und Droschken, die für die Nacht Schicht machten, trotteten mit müden Pferdchen ganz langsam nach Haus; und die anderen, die jetzt erst begannen, kamen ihnen entgegen. Und die Autoführer erspähten jede Lücke, durch die sie gerade ihre knatternden Karosserien hindurchwinden konnten, um dann für zweihundert Schritt freie Fahrt zu bekommen. Und alles, fast alles floß jetzt heraus: die Mädchen kamen zu zweien und dreien von den Geschäften, oder sie gingen einzeln in wippenden Schritten, mit dem neuen Strohhut und der weißen Federboa. Nicht gar zu schnell. Wirklich – man sah ihnen an, daß ihnen nichts daran lag, so bald nach Hause zu kommen.

Ja, – es war so der erste Tag, an dem man den Frühling fühlte. Ja, – es war so ein Tag, an dem alle Mädchen und Frauen hübsch aussahen. Es schwebte der prickelnde Hauch von Abenteuern in der Luft, und erregte die Seelen, daß sie ihre Wünsche entflattern ließen gleich hungrigen Vögeln, die nach Nahrung suchen. Und selbst die würdigen Eheherren, die in der Bahn saßen, konnten ihre Blicke nicht von der schönen Nachbarin losreißen, und immer wieder suchten ihre Augen über die Zeitung fort die Augen der Nachbarin. Und sie fuhren ein, zwei, drei Haltestellen weiter, ehe sie sich ganz mühselig hochrissen und herauswankten. Ja, sie schauten noch wie festgewurzelt der Bahn nach, wenn sie kaum einen Kopf mehr darin unterscheiden konnten. Die jungen Herren aber, die lustigen Finken, die Junggesellen, die dachten an das Gehalt vom Ultimo und sprachen gleich von Abendessen und Ins-Restaurant-gehen, und sie taten, als ob es der einzige Wunsch ihres Lebens wäre, unter recht vielen Menschen zu sein, während sie doch mit allen Fasern sich danach sehnten, mit der neuen Freundin allein und ganz allein zu bleiben. Ja selbst der Gymnasiast rückte seinen Kneifer zurecht, und er faßte Mut, und er fragte die ihm unbekannte Trägerin jenes braunen Zopfes mit der roten Schleife, jene Dame, die er nun schon seit bald drei Wochen in unsterblichen, paarweis gereimten Trochäen feierte, ob er ihr vielleicht das Paketchen abnehmen dürfte, da zwischen so zarten Händen und einer so schweren Last ein zu großer Widerspruch bestehe.

Und durch all das Getümmel wutschen die Dienstmädchen mit Körben, Netzen und Taschen; etwelche mit Häubchen, doch meist barhaupt mit ihren vollen Frisuren. Alle in Waschkleidern, mit bloßen Armen und den Hals frei. Blonde, braune, schwarze und rote; kleine trendelnde, rund wie Borsdorfer Äpfel, und andere breit, groß, kräftig, auf zierlichen Halbschuhen. Alles an ihnen ist Hast und Eile und Frische und Lachen. Jetzt haben wir natürlich keine Zeit, sagen ihre Blicke, jetzt müssen wir zum Kolonialwarenhändler und zum Schlächter und in den Grünkramladen, jetzt müssen wir noch Soda und Seife holen und Öl und Suppengrünes ... aber nachher ..., wenn wir abgewaschen haben, um halbzehn, dann kommen wir noch einmal. Und dann – wenn ihr noch da seid – drüben unterm Torweg oder an der Ecke, in den dunklen Nebenstraßen, – dann werden wir ja sehen, ob ihr der Rechte für uns seid.

Und als Emil Kubinke kurz vor Ladenschluß auf die Straße hinaustrat – denn er wollte noch schnell drüben beim Posamentier einen Autoschal kaufen, weil er doch auf die Kundschaft einen recht guten Eindruck machen mußte, und Herr Tesch hatte ihm versichert, daß er ruhig gehen könnte, da keine Rede davon sei, daß der Chef vor Mitternacht wiederkäme – als Emil Kubinke also auf die Straße trat, da wogte und brodelte noch alles, und er war ganz befangen von all dem Lärmen und dem Leben und dem Hin und Her von Blicken und Worten; und die Luft der Abenteuer machte sein Blut singen; und ganz gegen seine Art – denn er vergab sich nicht gern etwas – begann er sogar mit melodischen Trillern das Viljalied aus der ›Lustigen Witwe‹ zu pfeifen. Aber wie er dann zurückkehrte, mit den flatternden grünen Enden seines neuen Autoschals, da war ihm doch sehr unternehmungslustig zu Sinn, – und wenn er noch heute mittag ein kleines, verschüchtertes Kerlchen gewesen war, das sich seiner abgeschabten Armseligkeit schämte, so fühlte er jetzt seine ganze Person durch diesen neuen Halsschmuck gehoben und verziert. Und ehe er wieder in den Laden zurückging, da stellte er sich noch einen Augenblick bei dem großen gelben Automobil hin, das da wie festgerammt stand, knatterte und ballerte, fauchte und spuckte, ruckte und ratterte, Dampf ließ, daß die Benzinwolken flogen, aber nicht von der Stelle kam. Der Chauffeur sah das eine Weile mit an und kletterte dann von seinem Sitz herunter, kniete sich vorn vor den Kasten und drehte an irgendwelchen Schrauben und Kurbeln, die zitterten und zischten, ohne daß der Chauffeur doch die geheime Ursache des plötzlichen Versagens ergründen konnte. Immer mehr Menschen sammelten sich um den gelben Kasten und betrachteten ihn nachdenklich, mit einem Gemisch von Interesse und Neugier, Schadenfreude und Achtung.

»Sie müssen ihm neues Öl geben, die Welle ist janz heiß gelaufen«, meinte ein Monteur im blauen Kittel.

Ein Arbeiter mit der Blechkanne trat sehr bedächtig an das gelbe zischende Wesen heran und legte ihm sachverständig und väterlich die Hand auf den Kopf.

»Juten Tag«, sagte er freundlich, »dir is wohl schlecht jeworden?«

Und dann trat der Mann in den Kreis zurück, als ob damit seine Sendung erfüllt wäre.

Aber der Chauffeur drehte immer noch, ohne ein Wort, an einer Kurbel und das Auto ratterte und spuckte.

Ein leerer Leichenwagen schob sich im Zuckeltrab an dem Menschenhaufen, der das gelbe Automobil umstand, vorüber. »Na, Kinder«, rief der fröhliche Leichenkutscher, »soll ich vielleicht einen mitnehmen?«

»Ach wat, Männeken«, antwortete der freundliche Mann mit der Blechkanne, »legen Sie sich man rin und ick wer mer uff'n Bock setzen.«

»Na, denn ein ander Mal«, rief der fröhliche Leichenkutscher zurück, denn seine Pferde waren schon indessen ein Stückchen weiter getrabt.

Ganz vorn – gleich neben dem Chauffeur, stand ein großes blondes Dienstmädchen mit einer weißen Schürze und lutschte an einer Apfelsine, die ihr der Kolonialwarenhändler zugegeben hatte. Die Apfelsine hatte eine dicke Schale, wenig Saft und viel Kerne. Und das Mädchen vergnügte sich damit, die Kerne nach dem Briefträger zu knipsen, der neben Emil Kubinke stand, und wie das so geht, traf sie natürlich den falschen. Aber das machte ihr gerade Freude. »Na, Herr Schultze«, rief das Mädchen, »haben Se denn jarnischt mehr für mich? Sie sind auch zu schlecht zu mir; nie mehr bringen Se mer was!«

»Was kann ich'n denn dafür? Warum schreibt denn Ihr Bräutjam Ihnen jarnich mehr?«

»Warum er nich schreibt?« versetzte Fräulein Emma, in einem Ton, dem man deutlich entnehmen konnte, daß sie hiermit jeder Mythenbildung ein für alle Mal entgegentreten wollte. » Ick hab ihn abjeschrieben!«

»So, Sie haben ihn abjeschrieben?!« fragte Herr Schultze, mit einem Interesse, das schon nicht mehr als rein dienstlich zu bezeichnen war. »Warum denn?«

»Ach Jott, Herr Schultze, er war ja soweit vielleicht een janz netter Mann, und sein jutes Einkommen soll er ja auch jehabt haben, aber er war mer doch zu kleen und zu nuttig. De Leute uff de Straße haben uns ja nachjelacht, wenn wir zusammen jegangen sind.«

»Na?« fragte der Briefträger und machte sich so groß, wie es ihm bei seinen nur leicht gekrümmten Beinen irgend möglich war. »Und nu suchen Se wohl einen, der größer is?!«

»Nischt zu löten an de hölzerne Badewanne!« rief Emma und warf nach dem Briefträger eine ganze Hand voll Apfelsinenkerne, von denen auch Emil Kubinke sein Teil bekam.

» Ihr Männer, ihr taugt ja alle nischt!«

Und damit lief sie schnell übern Damm, denn sie mußte noch zu morgen früh Kaffee holen, und drüben polterten schon die Jalousien herunter.

»St, st, Emma!« rief ein Mädchen hinter ihr her, das erst eben sich herandrängte, um doch auch zu sehen, was es hier eigentlich gäbe. »St, Emma, ist der Schlächter schon bei dir jewesen, fragen?«

Emma wandte sich ganz kurz um. »Du immer mit deinen dußlichen Schlächterjesellen«, rief sie, »ick war mir doch vor den viel zu schade.« Und dann war sie auch schon drüben auf der anderen Seite.

Der Chauffeur war wieder auf seinen Sitz geklettert und drehte an dem Steuerrad, und langsam schoben sich die breiten Gummireifen vor.

»Nu mit een Mal«, meinte der freundliche Mann mit der Blechkanne, »warum denn nich jleich?«

Aber da war der helle Kasten des Autos schon fünfzig Schritt weit und ließ wieder froh und gellend seine Hupe tönen. Die Menschen zerstreuten sich langsam und unschlüssig, und nur der Briefträger machte ganz schnell, daß er nach dem Postamt herunter kam, denn er hatte sich schon verspätet.

Emil Kubinke ging zum Laden zurück.

»Na, sein Se doch nich so stolz«, sagte das Mädchen, das bis dahin scheinbar nach einer Entgegnung gesucht hatte, um sie der anderen, die doch schon längst in irgendeinem Laden verschwunden war, nachbrüllen zu können.

»Ach, – Sie sind es, Fräulein Hedwig«, meinte Emil Kubinke, und er wurde schon wieder rot, aber nicht mehr so sehr wie heute mittag, »ich habe Sie erst gar nicht erkannt.«

»Na, wie jefällt es Ihnen denn hier bei uns?« fragte Hedwig mütterlich besorgt.

»Soweit ganz gut; aber man darf ja nach einem Tag noch nichts sagen.«

»Na, können Se denn so weg – während de Geschäftszeit?« fragte Hedwig nicht nur mehr mütterlich, sondern schon mit persönlicher Anteilnahme.

»Eijentlich nich, ich hab mir bloß was geholt. Der Chef is nich da, der ist heute nachmittag Rechnungen einkassieren gegangen«, versetzte Emil Kubinke ganz harmlos.

»Au Backe!« sagte Hedwig, denn sie war nicht umsonst seit einem Jahr in dem Haus, um nicht alle Geheimnisse seiner Bewohner bis in die letzten Ecken und Winkel zu kennen. »Au Backe!« sagte Hedwig, zwinkerte mit den Augen und puffte Emil vertraulich in die Seiten. »Des sind aber scheene Rechnungen!«

Jetzt war Emil ganz rot geworden. »Ich weiß nich«, stotterte er.

»Ach, Sie werden schon wissen«, rief Hedwig und flitzte in den Hausgang, die Treppe hinunter, daß die Röcke nur so flogen. Und Emil Kubinke blieb einen Augenblick stehen und sah ihr nach, sah den weißen Hals, die Breite der Schultern und das Gliederspiel unter der prallen Bluse und den dünnen Röcken; und ohne daß er sich dessen bewußt wurde, streichelte das doch sehr angenehm seine Sinne. Und als er sich abwandte, da sagte er plötzlich halblaut, – es entfuhr ihm so, – die Worte des Herrn Tesch vor sich hin:

»Es sind wirklich sehr nette Mädchen hier im Haus.«

Und nur mühselig und unfroh kehrte Emil Kubinke in den Laden zurück, und der Anblick Hedwigs, wie sie da mit ihren Schuhen die Stufen herunterklapperte, stand immer noch vor ihm, während er doch schon wieder ganz automatisch dem letzten Kunden mit dem Messer über die dicke Schwarte fuhr. Und als auch der verschwunden war, als alles noch gesäubert und an seinen Platz gebracht war, und Herr Tesch gähnte und sich reckte und sagte, daß er müde wäre und nach oben ginge, da vermochte Emil Kubinke es doch noch nicht über sich zu gewinnen, mit hinaufzugehen. Er hatte große Sehnsucht bekommen, die weiche Luft der Abenteuer, von der er eben nur leise genippt hatte, noch einmal in vollen Zügen einzuschlürfen. Mit kühnem Wurf drapierte er seinen Autoschal um Hals und Schultern, wie der Spanier seinen Mantel, und trat hinaus auf die Straße, das Herz voll von geheimen und schönen Hoffnungen.

Aber die Straße war seltsam verändert. Sie war ruhig geworden, fast leer und hallend. Das Leben war verebbt; die Bäume dufteten stärker; alle paar Minuten einmal schob sich so eine einsame Bahn mühselig heran; die Läden waren geschlossen; ihr Licht erloschen; und die Häuser wuchsen aus der Dunkelheit, aus dem Schatten der Bäume hervor, oben in die Helle der Bogenlampen hinein. Und aus den kleinen Türchen, hier und da, neben den breiten Torwegen, huschten die Dienstmädchen einzeln, zu zweien, jetzt ohne Körbe und ohne Taschen, mit Schürzen weiß wie Schnee. Aber nicht eine schien auf Emil Kubinke zu achten. Und wenn Emil Kubinke ein paar Schritte irgendeiner folgte, von der er im Schatten der Bäume nur Gang, Haar und Gestalt wahrnahm, dann konnte er versichert sein, daß das Mädchen plötzlich über den Damm ging und drüben aus dem Halblicht eines Hauses hervor irgendein Mann trat, und daß das Mädchen diesen Mann unterfaßte und mit ihm weiterzog; ... schnell weiter, hinaus in die ganz einsamen, letzten Nebenstraßen, dorthin, wo die Häuser aufhörten, dorthin, wo die Lindenwege sich entlangzogen, wo die Anlagen und die jetzt stillen und verödeten Spielplätze der Kinder waren. Und je zierlicher und netter solch ein Mädchen ausschaute, desto roher sahen die Burschen aus, mit denen sie sich trafen, wahre Messerstechergesichter unter ihnen, Kerle mit blauen Mützen und weiten Hosen, mit Stiernacken, ohne Kragen, eine rohe Gleichgültigkeit in den breiten Zügen. Und die Mädchen duckten sich schon beim ersten Gruß ordentlich vor ihren Blicken.

Ach, Emil Kubinke, der sich immer etwas Besseres dünkte – von jeher – und den man ja auch einst zu Besserem bestimmt hatte, – der kleine, zierliche Emil Kubinke, sehnsüchtig und verletzlich, – er fühlte plötzlich, daß er trotz seines stolzen flatternden Schals hier wenig Glück haben würde. Er sah in der lustigen Quadrille der Jugend die Paare um sich herum wirbeln, aber jede Tänzerin hatte ihren Tänzer, jeder Kavalier seine Dame, und keine schien auf ihn zu warten, – alles ging ohne ihn, keine schien für ihn auch nur eine kurze Tour unbesetzt zu haben. Ja, sie sahen sich kaum nach ihm um und flogen einem anderen Tänzer zu, der schon ihrer harrte.

Und wie schon die Straße immer leerer wurde, die Mädchen nur noch ganz einzeln aus den Torwegen sich schlichen, und schon wieder die ersten, die zurückkehrten, unter der Tür von ihren Schätzen Abschied nahmen, ihnen mit den Augen dankten und ihnen ›Auf morgen neun Uhr!‹ zuriefen, ehe sie forthuschten, – da wandte sich auch Emil Kubinke enttäuscht und mutlos zum Gehen. Und er hatte eben das Haus erreicht, als eine offene Droschke herangerollt kam, und das Pferd an jener Stelle anhielt, an der ehedem das gelbe Automobil seinen eigenen Willen gezeigt hatte. In dieser Droschke aber saß eine Dame. Und wenn es des Teufels Großmutter gewesen wäre – Emil Kubinke hätte in diesem wichtigen Augenblick es nicht über sich gebracht, in das Haus zu gehen. Und wieviel weniger gelang ihm das, da diese Dame jung und hübsch war. Sie hatte einen gelben Hut auf, wie einen Zitronenauflauf, mit Hahnenfedern; sie hatte helle Handschuhe, eine helle Bluse, einen freien Hals mit einer dicken Perlenkette, ein schwarzes Jackett und einen karierten Faltenrock. Und sie hatte ein Bein über das andere geschlagen, die Dame, und den einen Fuß mit dem ausgeschnittenen kleinen Lackschuh drüben gegen den anderen Sitz gestemmt. So saß sie wie eine Fürstin beim Einzug. Auf dem Bock neben dem Kutscher aber war ein mächtiger Schließkorb auf die Kante gestellt.

»Kutscher«, sagte die junge Dame mit dem garnierten Zitronenauflauf auf dem Kopf, »Sie müssen mir schon den Korb mit rauftragen helfen.«

Aber der Kutscher drehte ihr nur den roten Kopf zu und fragte rhetorisch, ohne eine Antwort zu erwarten:

»Wer soll denn bei's Pferd bleiben, Fräulein?!«

»Aber Männeken«, meinte die Dame unwillig, »Ich muß doch meinen Korb raufhaben! Das Pferd wird schon nicht weglaufen!«

»Kennen Sie den Schimmel?!« versetzte der Kutscher und klatschte mit den Zügeln auf den mageren Rücken.

Emil Kubinke war herangetreten.

»Wie hoch soll denn der Korb, Fräulein?« fragte er sehr freundlich.

»Man nur bis Löwenbergs, bis zum ersten Stock«, meinte die Dame.

»Oh, Fräulein, da mach ich mir 'n Verjnüjen und fasse mit an. Ich wohne auch hier im Haus. Den Korb werden wir schon rauf bekommen!«

»Na sehn Se«, sagte der Kutscher, »da haben Se doch jleich eenen! Von's Pferd, Fräulein, von's Pferd darf een richtiger Droschkenführer nie wechjehn!« Und damit kippte er den Korb auf den Bürgersteig herunter, daß das Rohrgeflecht in all seinen Maschen nur so knackte und knarrte.

Die Dame aber entstieg dem Wagen, gab dem Kutscher seinen Lohn und faßte sehr resolut in einen Henkel des Schließkorbs. Und Emil Kubinke ergriff den anderen. Und zuerst ging es wirklich ganz gut – sehr viel Sachen waren wohl nicht darin.

»Sind Sie vielleicht mit Löwenbergs verwandt?« fragte Emil Kubinke, während sie beide den Korb doch schon etwas keuchend durch den Hausgang schleppten.

»Nee, nee, ick bin man bloß das neue Hausmädchen.«

»Ach so«, sagte Emil Kubinke, und er war doch etwas enttäuscht.

»Wissen Sie, wie die Herrschaft is?« fragte das neue Hausmädchen von Löwenbergs, während sie jetzt mit der linken Hand den Henkel packte.

»Nein, Fräulein, ich bin ja auch erst seit heute hier im Haus.«

»So, seit heute erst? Was sind Sie denn hier?«

»Ich bin unten beim Friseur.«

»Ach, beim Barbier sind Se?! Da können Se mir jleich am Achtzehnten frisieren. Da jeh ick mit meine Freundin hier in' Hohenzollernjarten auf 'n Maskenball als Ritterin.«

»Jewiß, Fräulein, das wer' ich gern tun, Ballfrisuren sind überhaupt meine Spezialität«, sagte Emil Kubinke nicht ohne Stolz und knickte mit dem Korb eines von den Tannenbäumchen um, die beim Apollo von Belvedere Wache hielten.

Nun gings die Korkenziehertreppe hinauf; und das Mädchen, das voran ging, hatte den Henkel fest mit ihren großen, weißen Handschuhen umfaßt und zog den schweren Korb, rückwärts emporsteigend, Schritt für Schritt nach. So kräftig zog sie, daß Emil Kubinke an der anderen Seite kaum die Last spürte. Und sie lächelte dabei unter dem garnierten Zitronenauflauf Emil Kubinke freundlich zu; der aber war ganz verlegen und doch im geheimsten sehr traurig darüber, daß der Schließkorb so viel unüberwindlichen Zwischenraum zwischen ihm und seiner Partnerin schuf.

Und als sich die Tür öffnete, da sah man im matten Licht der Flurlampe, die auf dem Küchenspind stand, – denn die Gasarbeiter hatten gesagt, daß sie morgen früh noch einmal wiederkämen – eine heillose Verwirrung. Nichts stand da, wo es stehen sollte; alle Tische und die Abwaschbank waren mit Geschirr und Kupferkesseln beladen. Frau Piesecke schrubberte und putzte, und Herr Max Löwenberg stand in Hemdsärmeln und reichte aus einem Waschkorb seiner Frau die schönen eckigen Gefäße mit dem blauen Fadenornament zu, jene für Grieß, Mehl, Zucker, Reis, Zwiebeln und Graupen – jene, in denen doch nur immer geriebene Semmel ist; – während Frau Löwenberg selbst ihren Geschmack bewies und für diese Dinge nach einer malerischen Anordnung auf dem Küchenbord strebte.

»Ach, Sie sind das neue Dienstmädchen! Na endlich! Wir haben schon den ganzen Nachmittag auf Sie gewartet«, rief Frau Löwenberg und stieg von dem Leiterstuhl.

»Ich brauche eigentlich überhaupt erst morgen zuzuziehen, jnädije Frau«, sagte die junge Dame schnippisch und sehr bestimmt, denn sie wußte aus Erfahrung, daß es jetzt am ersten Tag darauf ankam, sich nichts bieten zu lassen.

»Das Mädchen hat ganz recht, Betty«, sagte Herr Löwenberg beschwichtigend. »Wissen Sie, meine Frau meint das auch nicht so. Sie ist nur durch den Umzug etwas nervös geworden«, und damit verklärten sich Herrn Löwenbergs Züge zu heller Freundlichkeit, und er sah das neue Hausmädchen nicht ohne begründetes Interesse und ernsteres Wohlgefallen an. »Wie heißen Sie denn, mein Kind?«

»Ich heiße eigentlich Bertha, aber meine vorige Herrschaft hat mich immer Pauline gerufen.«

»Also, Pauline«, sagte Herr Löwenberg, »nun bringen Sie mal erst mit Ihrem Bräutigam Ihren Korb ins Mädchenzimmer; und dann helfen Sie uns noch ein wenig!«

»Das is nich mein Bräutjam; das is der junge Mann vom Friseur hier aus dem Haus, – er hat nur mein' Korb mit anjefaßt«, und damit suchte Pauline nach einem Fünfgroschenstück in ihrem Geldbeutel, um es Emil Kubinke zu reichen, – denn lumpen ließ sich Pauline nicht.

»Das lassen Se man, Fräulein!« sagte Emil Kubinke, und die Stimme zitterte ihm, »das hab ich gern getan.«

»Na, dann danke ich Ihnen auch«, sagte Pauline und warf Emil Kubinke aus ihren großen braunen, feuchtschimmernden Augen einen Blick zu, in dem deutlich zu lesen war, daß dieser schlichte Dank nicht alles wäre, was er zu erwarten hätte.

Und beseligt stolperte Emil Kubinke zur Tür hinaus.

Man wird es vielleicht freudig bemerkt haben, daß Herr Max Löwenberg, trotz seines Londoner Zylinders und trotz des Stocks mit dem Silbergriff, mit denen er sich dem bewundernden Volke stets zeigte, in seinen vier Pfählen dem Dienstpersonal gegenüber keineswegs stolz war, und es wird angenehm aufgefallen sein, daß Herr Löwenberg das neue Hausmädchen sogar nicht allein freundlich, sondern wohlgefällig betrachtet hatte.

Aber Herr Max Löwenberg war – trotzdem eigentlich die afrikanische Straußenfeder seine Branche war – keineswegs nun etwa ein einseitiger Mensch, nein, er hatte auch für andere Dinge Interesse, und kurz gesagt: Herr Löwenberg war gerade lange genug verheiratet, um sich in seiner Ehe unerhört zu langweilen, und er war wieder noch nicht lange genug verheiratet, um sein Junggesellenleben in allen Punkten wieder aufgenommen zu haben. Und nun ging er eben daran, wieder Fühlung zu gewinnen.

Aber Frau Betty Löwenberg war trotzdem – vorgreifend, oder sagen wir: prophylaktisch – noch nicht zu der Erkenntnis gekommen, daß die ältesten Dienstmädchen für den Hausherrn gerade häßlich genug sind. Denn, wie schon berichtet, Frau Betty Löwenberg war eben eine von den Naturen, deren Entwicklung etwas schwer und langsam vor sich geht.

Pauline war jedoch, wie sie den Zitronenauflauf mit den Hahnenfedern aufs Bett geworfen hatte, eine ganz andere geworden, und sie wirtschaftete umher für drei. Noch bis um zwölf Uhr nachts. Und schon nach einer Viertelstunde duzte sie sich mit Frau Piesecke, zankte sich mit dem Tapezier, der immer noch vorn an seinen Faltenwürfen baute, und hatte außerdem dem Monteur, der an den Kronen arbeitete, für nächsten Sonntag eine Ansichtskarte versprochen.

Emil Kubinke aber war ebenso beseligt, wie er aus der Tür stolperte, auch die Treppen heraufgestolpert, und er sah erst im letzten Augenblick auf, – als er oben auf der höchsten Insel gerade unter dem Boden im Halbdunkel auf eine weiße Gestalt stieß, deren breiten Armen sich mit einem leisen Aufschrei eine zweite weiße Gestalt entwand.

»Na, was ist det hier? Können Se denn nich kieken«, sagte ein tiefer Schlächterbaß.

Emil Kubinke ging ruhig weiter, ohne Gegenrede, ohne sich umzublicken. Als er an der Vorbodentür war, – bevor er in den langen Gang trat, mit seinen unheimlichen breiten Querbalken im Dämmerlicht, – hielt er einen Augenblick an.

»Nicht doch«, kam es von einer hellen Stimme herauf, »der kann uns ja noch sehen.«

»Ach wat, lass'n doch, Hedwig! Der Jüngling mit de Barbiertolle, der is ja bloß neidisch.«

Und dann war's ganz still.

Emil Kubinke aber lag noch eine geraume Zeit mit offenen Augen im Bett, hatte die Decken fest um sich gezogen, hörte Herrn Tesch leise den Atem durch die Nase blasen, sah durch das schräge Fenster ein Stück tiefdunklen Himmel, auf dem gerade mit hellen Punkten der Wagen des Großen Bären stand. Und während seine Gedanken so von Emma zu Hedwig, von Hedwig zu Emma und von diesen beiden immer wieder zu Pauline wanderten, schlief er ein.

Und seltsam, Emil Kubinke träumte weder von Hedwig, noch von Emma, noch von Pauline; sein Traum war weit weniger üppig und angenehm: er saß wieder ganz hinten in der großen grauen Stube, er sah die drei Kaiserbilder, die Schultafel, die Heizröhren, und oben saß der Klassenlehrer Doktor Mieleff, krabbelte und zauste sich in seinem kurzen grauen Bart, sah mit höhnischen Augen über die Brille fort und rief »Kubinke!« Und Kubinke kroch vor Angst ganz in sich zusammen.

»Maitre corbeau sur un arbre perché, tenait dans son bec un fromage«, stotterte er.

Aber was das hieß, war Emil Kubinke ganz und gar entfallen, er wußte nicht ein Wort, und er rief nur immer wieder ganz hoch und ängstlich:

»Poma sunt jucunda – poma sunt jucunda!«

Und Doktor Mieleff rückte seine Brille noch weiter herunter und betrachtete den armen, kleinen Emil Kubinke mit Augen, die ihn ganz starr machten, ähnlich wie eine Schlange, die ein zitterndes Kaninchen ansieht.

»Kubinke«, sagte er mit jener tiefen Verachtung, die der Lehrer dem Nichtkönner ein für alle Mal entgegenbringt. »Kubinke! Warum dein Vater immer noch für dich das Schulgeld wegwirft, das verstehe ich beim Zeus nicht!« Und die ganze Klasse lachte wie auf Befehl über diesen Witz.

Emil Kubinke aber duckte sich wieder zitternd auf sein Bänkchen hernieder.

 

... Ja, – mit solch einem gräßlichen Traum schloß für Emil Kubinke dieser schöne und ereignisreiche erste April des Jahres 1908.

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