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Kritiken und Rezensionen 1932 - 1940

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1932 - 1940 - Kapitel 38
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1932 ? 1940
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110110
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Probleme der Sprachsoziologie
Ein Sammelreferat

Ist von der Sprachsoziologie als einem Grenzgebiet die Rede, so denkt man zunächst wohl nur an ein Gebiet, das jenen Wissenschaften gemeinsam ist, an die das Wort unmittelbar erinnert: der Sprachwissenschaft und der Soziologie. Tritt man dem Problemkreis näher, ergibt sich, daß er auf eine ganze Anzahl anderer Disziplinen übergreift. Um hier nur solche Fragen zu erwähnen, die die Forschung letzthin besonders beschäftigt haben und daher Gegenstand des folgenden Berichts sind, so gehört die Einwirkung der Sprachgemeinschaft auf die Sprache des Einzelnen als Kernproblem der Kinderpsychologie an; die immer noch zur Verhandlung stehende Frage des Verhältnisses von Sprache und Denken ist, wie sich zeigen wird, ohne die Materialien der Tierpsychologie kaum in Angriff zu nehmen; die neuen Auseinandersetzungen über Hand- und Lautsprache sind der Ethnologie verpflichtet; und endlich hat die Psychopathologie mit der Lehre von der Aphasie, der schon Bergson weittragende Aufschlüsse abzugewinnen suchte, auf Fragen, die für die Sprachsoziologie von Bedeutung sind, Licht geworfen.

Am ungezwungensten und sinnfälligsten berühren die Kardinalprobleme der Sprachwissenschaft so gut wie der Soziologie einander in der Frage nach dem Ursprung der Sprache. Und unbeschadet der methodischen Vorbehalte, welche vielfach ihr gegenüber erhoben werden, konvergieren in diesem Punkt zahlreiche ihrer wichtigsten Untersuchungen. Zumindest wird sich diese Fragestellung als Fluchtpunkt erweisen, auf den die verschiedensten Theorien sich ungezwungen ausrichten lassen. Zunächst ein Wort über die Vorbehalte. Wir entnehmen es dem Standardwerk von Henri Delacroix »Le langage et la pensée«, das eine Art Enzyklopädie der allgemeinen Sprachpsychologie darstellt. »Ursprünge pflegen, wie man weiß, im Dunkel zu liegen... Die Sprachgeschichte führt nicht zu den Ursprüngen zurück, da Sprache ja die Vorbedingung der Geschichte darstellt. Die Sprachgeschichte hat es immer nur mit sehr entwickelten Sprachen zu tun, die eine gewichtige Vergangenheit, von welcher wir nichts wissen, hinter sich haben. Der Ursprung von bestimmten Sprachen ist nicht identisch mit dem Ursprung der Sprache selbst. Die ältesten bekannten Sprachen ... haben nichts Primitives. Sie zeigen uns nur die Veränderungen, denen die Sprache unterworfen ist; wie sie entstanden ist, das lehren sie uns nicht... Die einzige Grundlage, über welche wir verfügen, ist die Analyse der Bedingungen der Möglichkeit der Sprache, sind die Gesetze sprachlichen Werdens, die Beobachtung über die Entwicklung der Sprache... Das Problem muß also vertagt werden.« Henri Delacroix, Le langage et la pensée. Paris 1930, S. 128/129. An diese vorsichtigen Überlegungen schließt der Autor ein kurzes Resume der Konstruktionen, mit denen seit jeher die Forscher diese Kluft des Nichtbekannten zu überbrücken versucht haben. Unter diesen ist es die populärste, die ungeachtet ihrer primitiven Form, die längst der wissenschaftlichen Kritik erlag, den Zugang zu zentralen Fragen der gegenwärtigen Forschung darstellt.

»Der Mensch erfand sich selbst Sprache! – aus Tönen lebender Natur« sagt Herder. Und damit greift er nur auf Überlegungen des siebzehnten Jahrhunderts zurück, dessen geschichtliche Bewegtheit er als erster ahnte und das in seinen Spekulationen über die Ursprache und den Ursprung aller Sprache von Hankamer Paul Hankamer, Die Sprache, ihr Begriff und ihre Deutung im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Bonn 1927.] in einem beachtenswerten Werk behandelt wurde. Man braucht nur Gryphius und die anderen Schlesier, Harsdoerffer, Rist und ihre Nürnberger Gefolgsleute aufzuschlagen, um zu erkennen, welche Resonnanz in jenem Zeitraum die rein phonetische Seite der Sprache gefunden hat. Von jeher ist im übrigen für jede weniger kritische Überlegung die onomatopoetische Theorie vom Ursprung der Sprache die nächstliegende gewesen. Demgegenüber hat die wissenschaftliche Kritik die Bedeutung des onomatopoetischen Faktors wesentlich einzuschränken gesucht, ohne damit freilich in jedem Betracht schon das letzte Wort zum Ursprungsproblem überhaupt gesprochen zu haben.

Eine besondere Abhandlung ist dieser Frage unlängst von Karl Bühler gewidmet worden. Dort heißt es von der Sprache: »Herder und andere haben behauptet, daß sie ehemals dem Malen diente.« Karl Bühler, L'onomatopée et la fonction représentative du langage (in: Psychologie du langage, par H. Delacroix u. a. Paris 1933, S. 103); siehe auch: Karl Bühler, Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena 1934, S. 195-216. Diese Behauptung hat Bühler zu seinem Gegenstand gemacht und sich bemüht, diejenigen Umstände aufzuweisen, die den gelegentlichen onomatopoetischen Anwandlungen der Sprachen einen gewichtigen Riegel vorschoben. Wenn er dabei im Vorübergehen auf sprachgeschichtliche Tatsachen verweist und Lazarus Geigers Behauptung aufnimmt, daß die Sprache »erst in ziemlich späten Schichten einer gewissen Neigung, den Objekten schildernd nahezutreten«, L[azarus] Geiger, Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft. Stuttgart 1868, Band I, S. 168. überführt werden kann, so ist Bühlers Beweisführung doch vor allem systematischer Art. Es kommt ihm nicht in den Sinn, die onomatopoetischen Möglichkeiten der menschlichen Stimme zu leugnen. Er schlägt sie vielmehr so hoch wie irgend denkbar an. Nur daß die Liste dieser Möglichkeiten ihm im ganzen als eine von »versäumten Gelegenheiten« erscheint. Die onomatopoetische Aktivität der historischen Sprache ist, wie Bühler feststellt, von einer Einwirkung auf die Totalität des Wortes verbannt. Nur an einzelnen Stellen seines Innern kann sie zum Ausdruck kommen. So heute. Und so war es auch früher: »Denken wir uns links den Weg, der zur Herrschaft des onomatopoetischen Prinzips führt, rechts den zur symbolischen Repräsentation leitenden. Niemand bestreitet, daß alle bekannten Sprachen, selbst die der heutigen Pygmäen, onomatopoetische Elemente nur eben dulden. Mithin ist es durchaus unwahrscheinlich, daß man etwa eine gewisse Zeit lang die linke Straße verfolgt habe, um dann umzukehren, so daß – wie man es nach dem Zeugnis aller bekannten Sprachen anzunehmen gezwungen wäre – die Spuren der ersten Tendenz vollkommen verwischt worden wären.« Bühler, L'onomatopée, a. a. O., S. 114. So gelangt Bühler zur Ansicht, die Charles Callet in einem ansprechenden Bilde festgehalten hat: »Onomatopoetische Prägungen erklären keine einzige Sprache; höchstens erklären sie die Empfindungsweise, den Geschmack einer Rasse oder eines Volkes... Sie finden sich in einem durchgebildeten Idiom, wie Lampions und Papierschlangen sich am Tage eines Volksfestes im Laub eines Baumes finden können.« Charles Callet, Le mystère du langage. Les sons primitifs et leurs évolutions. Paris 1926, S. 86. (Paléolinguistique et préhistoire.)

Stimulierender als die vorsichtigen Überlegungen Karl Bühlers haben auf die wissenschaftliche Debatte gewisse Varianten der onomatopoetischen Theorie gewirkt, die Lévy-Bruhl in seinen Untersuchungen zur Geisteshaltung der Primitiven zu begründen gesucht hat. Nachdrücklich verweist er auf die Drastik ihrer Sprache; er spricht von deren zeichnerischem Habitus, auf dessen Ursprünge noch zurückzukommen sein wird. »Das Bedürfnis zeichnerischer Beschreibung kann seinen Ausdruck ... in dem Verfahren finden, das die deutschen Entdeckungsreisenden das der ›Lautbilder‹ nannten, das heißt in Zeichnungen und Abbildungen des Gemeinten, die mit der Stimme zustande kommen. Die Sprache der Ewe, sagt Westermann, verfügt über außerordentlich zahlreiche Mittel, einen Eindruck unmittelbar durch Töne wiederzugeben. Dieser Reichtum rührt von ihrer fast unwiderstehlichen Neigung, alles Hörbare nachzumachen. Desgleichen alles, was man sieht, und überhaupt, was wahrgenommen wird ... in erster Linie die Bewegungen. Aber diese stimmlichen Nachahmungen oder Reproduktionen, diese ›Lautbilder‹ erstrecken sich ebenfalls auf Töne, Farben, Geschmackswahrnehmungen und taktische Eindrücke... Man kann hier nicht von onomatopoetischen Schöpfungen im strengen Sinn reden. Es handelt sich mehr um beschreibende Stimmgebärden.« Lucien Lévy-Bruhl, Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures. Paris 1918, S. 183. Die Auffassung der primitiven Sprachen als beschreibender Stimmgebärden eröffnet nach der Überzeugung dieses Forschers erst das Verständnis für die magischen Qualitäten, die ihr im Sinn der Primitiven eignen und deren Darlegung das Zentrum seiner Theorie der primitiven Sprachen ausmacht.

Die Lehrmeinungen Lévy-Bruhls haben weit über Frankreich hinaus gewirkt und auch in Deutschland einen Niederschlag gefunden. Es genügt, hier an die Sprachphilosophie Ernst Cassirers Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen. 3 Bde. Berlin 1923-1929. zu erinnern. Ihr Versuch, die primitiven Sprachbegriffe, statt sie der Form der logischen Begriffe zu vergleichen, vielmehr mit der Form der mythischen Begriffe zusammenzufassen, ist offenbar von Lévy-Bruhl beeinflußt. »Was beide, die mythischen und die sprachlichen Begriffe, von den logischen Begriffen unterscheidet und was sie zu einer selbständigen ›Gattung‹ zusammenzunehmen gestattet, das ist zunächst der Umstand, daß in ihnen beiden ein und dieselbe Richtung der geistigen Auffassung sich zu bekunden scheint, die der Richtung, in der unsere theoretische Denkbewegung verläuft, entgegengesetzt ist... Hier herrscht ... statt der Erweiterung der Anschauung vielmehr deren äußerste Verengung; statt der Ausdehnung, die sie allmählich durch immer neue Kreise des Seins hindurchführt, der Trieb zur Konzentration; statt ihrer extensiven Verbreitung ihre intensive Zusammendrängung. In dieser Sammlung aller Kräfte auf einen Punkt liegt die Vorbedingung für alles mythische Denken und alles mythische Gestalten.« Ernst Cassirer, Sprache und Mythos. Ein Beitrag zum Problem der Götternamen. Leipzig, Berlin 1925, S. 28/29. Es ist die gleiche Konzentration und Zusammendrängung, die Lévy-Bruhl veranlaßt hat, den Sprachen der Primitiven einen besonderen Zug ins Konkrete zuzuschreiben. »Da hier alles in Bildbegriffen zum Ausdruck kommt,... so muß der Wortschatz dieser ›primitiven‹ Sprachen über einen Reichtum verfügen, von dem die unsrigen uns nur noch einen sehr entfernten Begriff geben.« Lévy-Bruhl, a.a.O., S. 192. Und wiederum die gleichen Komplexe sind es, in denen die Sprachmagie der Primitiven wurzelt, welcher Cassirer seine Aufmerksamkeit besonders zugewandt hat. »Man hat ... die mythische Auffassung als ›komplexe‹ Auffassung bezeichnet, um sie durch dieses Kennzeichen von unserer theoretisch-analytischen Betrachtungsweise zu scheiden. Preuß, der diesen Ausdruck geprägt hat, weist z.B. darauf hin, daß in der Mythologie der Cora-Indianer ... die Anschauung des Nachthimmels und des Taghimmels als Ganzes der Anschauung der Sonne, des Mondes und einzelner Sternbilder vorausgegangen sein müsse.« Cassirer, Sprache und Mythos, a. a. O., S. 10/11. So Cassirer; so aber auch Lévy-Bruhl, der in der gleichen Richtung weitergeht und von der Welt des Primitiven sagt, sie kenne keine Wahrnehmung, »die nicht in einem mystischen Komplex begriffen sei; kein Phänomen, das nur ein Phänomen, kein Zeichen, das nur Zeichen sei: wie könnte ein Wort nichts als ein Wort sein? Jede Gegenstandsform, jedes plastische Bild, jede Zeichnung hat mystische Qualitäten: der sprachliche Ausdruck, der ein mündliches Zeichnen ist, hat sie mithin notwendig ebenfalls. Und diese Macht kommt nicht nur den Eigennamen zu, sondern allen Wörtern, gleichviel von welcher Art sie sind.« Lévy-Bruhl, a. a. O., S. 198/199.

Die Auseinandersetzung mit Lévy-Bruhl hatte zwischen zwei Ausgangspunkten die Wahl. Man konnte die Unterscheidung, die er zwischen der höheren und der primitiven Mentalität zu fundieren sucht, durch die Kritik an jenem überkommenen Begriff der höheren erschüttern, der die Züge eines positivistischen trägt; man konnte aber auch die besondere Prägung in Zweifel ziehen, die der Begriff der primitiven Mentalität bei diesem Forscher gefunden hat. Den ersten Weg ging Bartlett in seiner »Psychology and primitive culture«; F. C. Bartlett, Psychology and primitive culture. Cambridge 1923. den zweiten Leroy in seiner »Raison primitive«. Leroys Schrift ist von vornherein dadurch interessant, daß er die induktive Methode mit höchster Präzision handhabt, ohne sich die positivistische Denkweise zu eigen zu machen, die für Lévy-Bruhl den nächstliegenden Maßstab zur Beurteilung der Erscheinungen abgibt. Seine Kritik weist zunächst auf die Schwankungen hin, mit welchen die sprachlichen Äquivalente einer »primitiven« Geisteshaltung im Laufe der ethnologischen Forschung bestimmt worden sind. »Es ist noch nicht lange her, daß der Begriff des Primitiven in Umriß und Gebaren einen sagenhaften Pithekanthropus vor Augen stellte, dem die Sorge um seine Nahrung näher lag als ›mystische Partizipationen‹. Diesem Wilden, dessen Sprache den onomatopoetischen Äußerungen des Gibbon nahestehen mußte, wollte man nur beschränkte sprachliche Ausdrucksmittel zugestehen; und in der angeblichen Dürftigkeit seines Wortschatzes erblickte man ein Kennzeichen der primitiven Mentalität... Heute dagegen weiß man, daß die Sprachen der Primitiven sich durch Reichtum des Vokabulars sowie durch Formenfülle auszeichnen; und nun gilt wieder dieser Reichtum als ein Zeichen, gewissermaßen als ein Brandmal des ›primitiven‹ Verhaltens.« Olivier Leroy, La raison primitive. Essai de réfutation de la théorie du prélogisme. Paris 1927, S. 94.

Im übrigen ist es Leroy in diesem sprachtheoretischen Zusammenhang weniger darum zu tun, die tatsächlichen Aufstellungen bei Lévy-Bruhl als ihre Interpretation durch diesen Autor anzufechten. So sagt er über den Versuch, die auffallende Konkretion der Sprache einer primitiven Geisteshaltung zur Last zu legen: »Wenn der Lappe besondere Wörter hat, um ein-, zwei-, drei-, fünf-, sechs- und siebenjährige Rentiere zu bezeichnen; wenn er zwanzig Wörter für Eis, elf für Kälte, einundvierzig für die verschiedenen Arten von Schnee hat; sechsundzwanzig Verben für die verschiedenen Arten von Frost und Tauwetter, so ist dieser Reichtum nicht das Ergebnis einer besonderen Absicht, sondern der vitalen Notwendigkeit einen Wortschatz zu schaffen, der den Erfordernissen einer arktischen Zivilisation entspricht. Nur weil in Wirklichkeit für sein Verhalten harter, lockerer oder schmelzender Schnee verschiedenwertige Umstände darstellen, unterscheidet der Lappe sie sprachlich.« Leroy, a. a. O., S. 100. Leroy wird nicht müde, das Bedenkliche eines Vergleichs von bloßen Sitten, Vorstellungsweisen, Riten mit den entsprechenden zivilisierterer Völker ins Licht zu rücken; er drängt darauf, die ganz besonderen Verhältnisse der Wirtschaftsform, der Umwelt, der Sozialverfassung zu untersuchen, in deren Rahmen manches, was auf den ersten Blick im Gegensatz zu einem rationalen Verhalten zu stehen scheint, als zweckentsprechend sich zu erkennen gibt. Er tut: dies mit um so viel größerem Recht, als das Bestreben, in sehr divergenten sprachlichen Erscheinungen von vornherein Symptome prälogischen Verhaltens nachzuweisen, den Blick auf einfachere, darum aber nicht minder aufschlußreiche Verhaltungsweisen versperren kann. Demnach zitiert er gegen Lévy-Bruhl, was Bally über die besondere Sprache sagt, die Kaffernfrauen sprechen, wenn sie unter sich sind: »Ist es so sicher, daß dieser Fall anders liegt als der eines französischen Gerichtsvollziehers, der, wenn er zu Haus ist, so spricht, wie alle andern Leute sprechen, wenn er aber ein Protokoll aufsetzt, ein Kauderwelsch schreibt, das viele seiner Mitbürger nicht verstehen?« Charles Bally, Le langage et la vie. Paris 1926, S. 90.

Das bedeutende Werk von Leroy ist von rein kritischer Natur. Sein Einspruch zielt, wie schon bemerkt, zuletzt gegen den Positivismus, zu dem ihm der »soziologische Mystizismus« der Schule Durkheims nur das unvermeidliche Korrelat zu sein scheint. Besonders greifbar wird diese Haltung in dem Kapitel über »Zauberei«, das der psychologischen Auswertung gewisser magischer Vorstellungen bei den Primitiven mit einer ebenso einfachen wie überraschenden Reflexion sich widersetzt. Der Autor fordert Feststellungen über den Grad von Wirklichkeit, beziehungsweise von Evidenz, den die Objekte des Zauberglaubens für die Gemeinschaft, die ihm anhängt, haben. Für diese Gemeinschaft – doch vielleicht nicht nur für die allein. Leroy macht das Zeugnis geltend, das Europäer von gewissen magischen Begebenheiten geliefert haben. Mit Recht hält er es hier für schlüssig. Denn wenn auch dieses Zeugnis auf entstellten, etwa durch Suggestion veränderten Wahrnehmungen beruhen mag, so wäre damit die spezifisch primitive Bedingtheit solchen Glaubens widerlegt. Wenn also Leroy nichts ferner liegt, als eine eigene Lehre zu umreißen, so blickt an mehr als einer Stelle sein Bestreben durch, die ethnologischen Befunde vorerst gegen jedwede Interpretation offen zu halten, einschließlich der romantischen und von gewissen Theologen begünstigten, derzufolge die sogenannten »Primitiven« nichts sind als eine abgesunkene Spezies des ursprünglich integren Menschenwesens oder – vorsichtiger gesagt – verkommene Nachfahren hoher Kulturepochen.

Indessen ist nicht anzunehmen, daß mit Leroys scharfsinniger und oft begründeter Kritik die Lehren Lévy-Bruhls spurlos aus der Debatte verschwinden werden. Mit keinem ihrer Gegenstände kann sich die Soziologie methodisch abkapseln; an ihrer jedem sind eine Reihe von Disziplinen interessiert. Und an dem hier verhandelten der Wortmagie nicht zum wenigsten die Psychopathologie. Nun aber ist unleugbar, daß Lévy-Bruhls Auffassung – daher auch die große Beachtung, welche sie gefunden hat – mit den wissenschaftlichen Problemstellungen dieses Gebietes die denkbar engste Fühlung unterhält. Die Lehre von der Wortmagie ist ja bei ihm nicht abzulösen von dem Hauptsatz seiner Lehre, die Geltung des Identitätsbewußtseins sei bei den Primitiven eingeschränkt. Einschränkungen des Identitätsbewußtseins – wie immer man sie auch erklären mag – sind in Psychosen häufig anzutreffen. Und wenn bei Lévy-Bruhl von einer Zeremonie die Rede ist, in der von Angehörigen ein und desselben Stamms zu gleicher Zeit ein und derselbe Vogel geopfert werde – ein Vogel, der ausdrücklich als der gleiche an den verschiedenen Stellen bezeichnet wird –, so ist das eine Art von Überzeugung, die weder im Traum noch in der Psychose vereinzelt dasteht. Die Identität – nicht Gleichheit oder Ähnlichkeit – von zwei verschiedenen Objekten oder Situationen ist ihnen vollziehbar. In dieser Feststellung bleibt ein Vorbehalt freilich eingeschlossen. Sind wir nicht wie der Psychose die psychologische, so der primitiven Mentalität (und damit vielleicht mittelbar auch der Psychose) die historische Erklärung schuldig? Diese hat Lévy-Bruhl nicht versucht. Und bedenklicher als seine Konfrontation zwischen primitiver und geschichtlicher Geisteshaltung, die Leroy rückgängig machen will, dürfte bei Lévy-Bruhl das Fehlen der Vermittlung zwischen beiden erscheinen. Die verhängnisvollste Einwirkung der Schule Frazers auf sein Werk liegt darin, daß sie ihm die geschichtliche Dimension verschlossen hat.

In der Kontroverse der beiden Forscher ist ein Punkt von besonderer Tragweite. Es handelt sich um das Problem der Gebärdensprache. Ihr wichtigstes Vehikel ist die Hand: die Sprache der Hand, nach Lévy-Bruhl die älteste, auf die wir stoßen. Leroy ist hier viel zurückhaltender. Nicht nur erblickt er in der Gebärdensprache eine weniger pittoreske als konventionelle Ausdrucksform, sondern er sieht ihre Verbreitung selbst als Folge sekundärer Umstände an, so der Notwendigkeit, auf weite Strecken, über die der Schall nicht trägt, sich zu verständigen oder sich angesichts des Wildes auf der Jagd lautlos mit einem Partner ins Benehmen zu setzen. Nachdrücklich macht er geltend, daß die Gebärdensprache nicht ausnahmslos verbreitet sei, als Glied in einer Kette frühester Ausdrucksbewegung, welche zur Sprache führt, demnach nicht dienen könne. Den Aufstellungen Lévy-Bruhls gegenüber, die vielfach zu weit zu gehen scheinen, hat Leroy leichtes Spiel. Nicht ganz so läge es, wenn man mit Marr die einfachere und nüchternere Überlegung anstellt: »Tatsächlich war der Urmensch, der keine artikulierte Lautsprache beherrschte, froh, wenn er irgendwie auf einen Gegenstand hinweisen oder ihn vorzeigen konnte, und dazu verfügte er über ein besonders diesem Behufe angepaßtes Werkzeug, über die Hand, die den Menschen so sehr von der übrigen Tierwelt auszeichnet... Die Hand oder die Hände waren die Zunge des Menschen. Handbewegungen, Mienenspiel und in einigen Fällen überhaupt Körperbewegungen erschöpften die Mittel sprachlichen Schaffens.« N[ikolaus] Marr, Über die Entstehung der Sprache (in: Unter dem Banner des Marxismus I [1926], S. 587/588). Von hier aus kommt Marr zu einer Aufstellung, welche die phantastischen Elemente der Theorie von Lévy-Bruhl durch konstruktive ersetzen will. Es sei nämlich, so meint er, »völlig undenkbar, daß die Hand, ehe Werkzeuge sie als Erzeugerin materieller Güter ablösten, als Erzeugerin eines geistigen Werts, der Sprache, ersetzt werden und daß damals schon eine artikulierte Lautsprache an die Stelle der Handsprache treten konnte.« Es mußte vielmehr »der Grund zur Schöpfung der Lautsprache« »durch irgendeinen produktiven Arbeitsprozeß« gelegt werden. »Ohne die Art der genannten Arbeit genauer zu bestimmen, kann man schon jetzt ganz allgemein den Satz verfechten, daß die Entstehung der artikulierten Sprache selbst nicht erfolgen konnte vor dem Übergang der Menschheit zur produktiven Arbeit mit Hilfe künstlich bearbeiteter Werkzeuge.« Marr, a. a. O., S. 593.

Marrs Schriften haben eine Anzahl neuer, zum größten Teil befremdender Ideen in die Sprachwissenschaft einzuführen gesucht. Da diese Ideen einerseits von zu großer Tragweite sind, um übergangen werden zu dürfen, auf der andern Seite jedoch zu umstritten erscheinen, als daß ihre Debatte an dieser Stelle am Platz wäre, so ist es zweckmäßig, die straffe Skizze, die Vendryes von ihnen gegeben hat, heranzuziehen. »Diese Theorie«, sagt Vendryes, »ist im Kaukasus entstanden, dessen Sprachen Marr besser als irgendein anderer kennt. Er hat versucht, sie zu gruppieren und ihre Verwandtschaften zu ermitteln. Diese Arbeit führte ihn über den Kaukasus hinaus, und er hat feststellen zu können geglaubt, daß diesen Sprachen eine überraschende Verwandtschaft mit dem Baskischen eignete. Daraus hat er geschlossen, daß die Sprachen des Kaukasus und das Baskische, die in bergigen, Einfällen wenig ausgesetzten Gegenden sich erhalten haben, heute die isolierten Reste einer großen Sprachfamilie darstellen, die vor der Einwanderung der Indoeuropäer in Europa gesessen hat. Er hat vorgeschlagen, diese Sprachfamilie als die japhetitische zu bezeichnen... In unvordenklichen Zeiten hätten die Völkermassen dieser Sprachfamilie als ununterbrochene Kette verwandter Stämme sich von den Pyrenäen ... bis in die entferntesten Gegenden von Asien gezogen. In diesem gewaltigen Gebiet seien die japhetitischen Sprachen die Vorgänger der indoeuropäischen gewesen... Die Tragweite dieser Hypothese ist offenkundig.« J. Vendryes, Chronique (in: Revue celtique. Band XLI, 1924, S. 291/292).

Marrs Lehre verleugnet nirgends ihre Beziehungen zum dialektischen Materialismus. Entscheidend ist in dieser Hinsicht ihr Bestreben, die Geltung des Rassen-, ja des Volksbegriffs in der Sprachwissenschaft zugunsten einer auf den Bewegungen der Klassen begründeten Sprachgeschichte außer Kraft zu setzen. Die indoeuropäischen Sprachen, meint Marr, seien überhaupt nicht die Sprachen irgendeiner besonderen Rasse. Sie stellen vielmehr »den historischen Zustand, die japhetitischen den vorhistorischen ein und derselben Sprache dar... Wo auch immer die indoeuropäische Sprache entstanden ist, ihre Träger waren nur eine bestimmte herrschende Klasse ... und mit ihr, mit einer derartigen herrschenden Klasse verbreitete sich allem Anschein nach nicht eine konkrete fertige indoeuropäische Sprache, oder eine gemeinsame Ursprache, die es nie gegeben hat, sondern eine neue typologische Formation der Sprachen, die den Übergang vermittelte von den vorgeschichtlichen, japhetitischen zu den geschichtlichen indoeuropäischen Sprachen.« Marr, a. a. O., S. 578/579. Somit erscheint als das Wesentliche im Leben der Sprache die Verbindung ihres Werdens mit bestimmten sozialen, wirtschaftlichen Gruppierungen, die den Gruppierungen von Ständen und Stämmen zugrunde liegen. Es entfällt die Möglichkeit, von ganzen Volkssprachen in der Vergangenheit zu reden. Vielmehr sind typologisch verschiedene Sprachen bei ein und demselben nationalen Gebilde zu beobachten. »Mit einem Wort, es ist unwissenschaftlich und entbehrt des realen Bodens, wenn man an die eine oder andere Sprache einer sogenannten nationalen Kultur herantritt als an die von der Masse gebrauchte Muttersprache der gesamten Bevölkerung; die nationale Sprache als eine von Ständen und Klassen unabhängige Erscheinung ist vorerst noch Fiktion.« Marr, a. a. O., S. 583.

Die landläufige Sprachwissenschaft, darauf kommt der Autor immer wieder zurück, sei wenig geneigt, die soziologischen Probleme aufzusuchen, die in den Sprachen unterdrückter Bevölkerungsschichten verborgen liegen. In der Tat ist bemerkenswert, wie selten die Sprachwissenschaft, einschließlich der jüngsten, dem Studium der Argots sich zugewandt hat, es sei denn mit rein philologischen Interessen. Ein Werk, das solchem Studium die Wege wiese, liegt, wenig beachtet, seit nun zwanzig Jahren vor. Wir sprechen von Alfredo Niceforos »Génie de l'argot«. Der methodische Grundgedanke des Werkes besteht in der Abgrenzung des Argots gegen die Umgangssprache des niederen Volkes; den soziologischen Kern der Schrift aber macht gerade die Charakteristik dieser letzteren aus. »Die Umgangssprache des gemeinen Volks ist in gewissem Sinne ein Klassenmerkmal, auf das die Gruppe, der es eignet, stolz ist; sie ist gleichzeitig eine von den Waffen, mit deren Hilfe das Volk, das unterdrückt ist, die Herrscherklasse angreift, an deren Stelle es sich setzen will.« Alfredo Niceforo, Le génie de l'argot. Essai sur les langages spéciaux, les argots et les parlers magiques. Paris 1912, S. 79. »Mehr als in anderen Zusammenhängen kommt gerade in dem Ausdruck, den der Haß hier findet, die ganze strotzende, gesammelte Kraft in der Sprache des gemeinen Volkes zur Geltung. Von Tacitus hat Victor Hugo gesagt, daß seine Sprache eine tödliche Ätzkraft hat. Aber liegt nicht in einem einzigen Satze der niederen Volkssprache mehr Ätzkraft und mehr Gift als in der gesamten Prosa des Tacitus?« Niceforo, a. a. O., S. 74. Die niedere Umgangssprache erscheint demnach bei Niceforo als ein Klassenmerkmal und ist eine Waffe im Klassenkampf. »Methodisch ist ihr beherrschendes Kennzeichen einerseits in der Verschiebung der Bilder und der Worte in der Richtung der materiellen Drastik zu suchen, andrerseits in der Neigung, analogisch Übergänge von einer Idee zur anderen, von einem Wort zum anderen zu bahnen.« Niceforo, a. a. O., S. 91. Schon 1909 hat ja Raoul de la Grasserie Raoul de la Grasserie, Des parlers des différentes classes sociales. Paris 1909. (Etudes de Psychologie et de sociologie linguistiques.) auf die volkstümliche Tendenz hingewiesen, im Ausdruck des Abstrakten Bilder aus der Welt des Menschen, des Tiers, der Pflanze und selbst der unbelebten Dinge zu bevorzugen. Der Fortschritt bei Niceforo liegt darin, daß er den Argot (das Wort im weiteren Sinne verstanden) in seiner Funktion als Instrument des Klassenkampfes erkennt.

Einen vermittelteren Zugang zur Soziologie hat die moderne Sprachwissenschaft in der sogenannten Wort-Sach-Forschung gefunden. Ihrer Einführung galt die von Rudolf Meringer gegründete Zeitschrift »Wörter und Sachen«, die gegenwärtig in ihrem 16. Jahrgang steht. Das Verfahren des von Meringer geleiteten Forscherkreises unterscheidet sich von dem überkommenen durch ganz besonders eingehende Berücksichtigung der von den Wörtern bezeichneten Sachen. Dabei steht oft das technologische Interesse im Vordergrund. Wir haben von dieser Schule sprachwissenschaftliche Studien über die Bodenbestellung und Brotbereitung, über das Spinnen und Weben, über Gespann und Viehzucht – um nur die primitiveren Wirtschaftsvorgänge zu nennen. Walther Gerig, Die Terminologie der Hanf- und Flachskultur in den franko-provenzalischen Mundarten. (Wörter und Sachen, Beiheft 1), Heidelberg 1913.

Max Lohss, Beiträge aus dem landwirtschaftlichen Wortschatz Württembergs nebst sachlichen Erläuterungen. (Wörter und Sachen, Beiheft 2), Heidelberg 1913.

Gustave Huber, Les appellations du traîneau et de ses parties dans les dialectes de la Suisse romane. (Wörter und Sachen, Beiheft 3), Heidelberg 1916.

Max Leopold Wagner, Das ländliche Leben Sardiniens im Spiegel der Sprache. (Wörter und Sachen, Beiheft 4), Heidelberg 1921.
Wenn oft das Augenmerk dabei zunächst weniger der Sprachgemeinschaft als ihren Produktionsmitteln gilt, so ergibt sich der Übergang von diesen zu jener doch zwangsläufig. Abschließend sagt Gerig in seiner Studie: »Wörter und Sachen wandern zusammen... Durch Vermittlung der wandernden Arbeitskräfte kann auch das Wort getrennt von der Sache weiterdringen... Diese wandernden Arbeitskräfte sind zum Teil und waren schon früher ein so bedeutender Faktor im Wirtschaftsleben jedes Landes, daß eine Fülle technischer Ausdrücke mit ihnen von Land zu Land wandern mußte. Alle Studien landwirtschaftlicher und handwerklicher Terminologien werden sich mit dem Umfang dieser Einwirkung näher zu befassen haben... Mit den Arbeitern verpflanzen sich nicht nur Wörter ihrer Heimat in die fremden Gegenden, sondern fremde Ausdrücke kehren mit ihnen in die Heimat zurück.« Gerig, a. a. O., S. 91.

Den Gegenständen und Problemen, die in solchen Arbeiten historisch erörtert werden, begegnet die Forschung aber auch in deren heutiger aktueller Gestalt. Diese erhalten sie nun nicht allein durch die Wissenschaft, sondern entschiedener noch durch die Praxis. An erster Stelle stehen hier die Normungsbestrebungen der Techniker, die an der Eindeutigkeit ihres Vokabulars besonders interessiert sind. Um 1900 nahm der Verband deutscher Ingenieure die Arbeit an einem umfassenden technologischen Lexikon auf. In drei Jahren waren über dreieinhalb Millionen Wortzettel gesammelt. Aber »1907 berechnete der Vorstand, daß vierzig Jahre erforderlich seien, um bei derselben Besetzung der Schriftleitung das Manuskript des Technolexikons druckfertig zu machen. Die Arbeiten wurden eingestellt, nachdem sie eine halbe Million verschlungen hatten.« Eugen Wüster, Internationale Sprachnormung in der Technik, besonders in der Elektrotechnik. Berlin 1931. Es hatte sich ergeben, daß ein technologisches Wörterbuch die Ausrichtung auf die Sachen in Gestalt einer systematischen Ordnung zugrunde zu legen hat; die alphabetische ist für diesen Gegenstand überholt. Weiter ist erwähnenswert, daß diese neuesten Grenzprobleme der Sprachwissenschaft in deren jüngstem Abriß ausführlich zu Worte gekommen sind. In der Abhandlung »Die Stellung der Sprache im Aufbau der Gesamtkultur« Leo Weisgerber, Die Stellung der Sprache im Aufbau der Gesamtkultur. 2. Teil, II. Sprache und materielle Kultur (in: Wörter und Sachen. Kulturhistorische Zeitschrift für Sprach- und Sachforschung, Bd. XVI, 1934, S. 97-138). hat Leo Weisgerber derzeitiger Herausgeber der »Wörter und Sachen« – den Zusammenhängen zwischen Sprache und materieller Kultur eingehende Beachtung zukommen lassen. Übrigens gehen von den Normungsbestrebungen der Technik die ernsthaftesten Bemühungen um eine Weltsprache aus, deren Idee freilich einen Jahrhunderte alten Stammbaum hat. Dieser wiederum stellt, zumal in seinen logistischen Ästen, einen Gegenstand dar, der einer gesonderten Betrachtung auch für den Soziologen wert wäre. Der Wiener Kreis der »Gesellschaft für empirische Philosophie« hat der Logistik neue Antriebe gegeben.

Man findet darüber neuerdings bei Carnap Rudolf Carnap, Logische Syntax der Sprache. (Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung. Band 8), Wien 1934. eingehende Auskunft. Der Soziologe, der sich nach den Befunden der Logistiker umsieht, wird von Anfang an im Auge behalten, daß deren Interesse sich ausschließlich auf die Darstellungsfunktionen von Zeichen richtet. »Wenn wir«, heißt es bei Carnap, »sagen, daß die logische Syntax die Sprache als einen Kalkül behandelt, so ist damit nicht gesagt, ... die Sprache sei nichts weiter als ein Kalkül. Es ist nur gesagt, daß die Syntax sich auf die Behandlung der kalkülmäßigen, d.h. formalen Seite der Sprache beschränkt. Eine eigentliche Sprache hat darüber hinaus andere Seiten.« Carnap, a. a. O., S. 5. Die Logistik hat es mit der Darstellungsform der Sprache als einem Kalkül zu tun. Das Eigentümliche ist, daß sie trotzdem beansprucht, ihren Namen – Logistik – zu Recht zu tragen. »Nach üblicher Auffassung sind Syntax und Logik ... im Grunde Theorien sehr verschiedener Art... Im Unterschied zu den Regeln der Syntax seien die der Logik nicht-formal. Demgegenüber soll hier die Auffassung ... durchgeführt werden, daß auch die Logik die Sätze formal zu behandeln hat. Wir werden sehen, daß die logischen Eigenschaften von Sätzen ... nur von der syntaktischen Struktur der Sätze abhängen... Der Unterschied zwischen den syntaktischen Regeln im engeren Sinn und den logischen Schlußregeln ist nur der Unterschied zwischen Formregeln und Umformungsregeln; beide aber verwenden keine andern als syntaktische Bestimmungen.« Carnap, a. a. O., S. 1/2. Die hier angekündigte Beweiskette wählt ihre Glieder allerdings nicht in der Wortsprache. Vielmehr arbeitet Carnaps »Logische Syntax« mit sogenannten Koordinatensprachen, unter denen er zwei so herausgegriffen hat, daß die erste – es ist die »Sprache« der elementaren Arithmetik – nur logische, die zweite – die »Sprache« der klassischen Mathematik – auch deskriptive Zeichen umfaßt. Die Darstellung dieser beiden Kalküle bildet die Grundlage für eine »Syntax beliebiger Sprachen«, die mit der allgemeinen Wissenschaftslogik zusammenfällt. In deren Überlegungen wird die Übersetzbarkeit in die formale Redeweise, also in syntaktische Sätze als »Kriterium« erwiesen, das die echten wissenschaftslogischen Sätze auf der einen Seite natürlich von den Protokollsätzen der empirischen Wissenschaft, auf der andern Seite jedoch von den sonstigen »philosophischen Sätzen« – man mag sie metaphysische nennen – trennt. »Die Sätze der Wissenschaftslogik werden als syntaktische Sätze ... formuliert; aber dadurch wird kein neues Gebiet ... aufgetan. Denn die Sätze der Syntax sind ja teils Sätze der Arithmetik, teils Sätze der Physik, die nur deshalb syntaktische Sätze genannt werden, weil sie auf sprachliche Gebilde ... bezogen werden. Reine und deskriptive Syntax ist nichts anderes als Mathematik und Physik der Sprache.« Carnap, a. a. O., S. 210. Ergänzend gehört zu der so definierten Aufteilung der Philosophie in Wissenschaftslogik und Metaphysik die weitere Bestimmung der Logistiker: »Die vermeintlichen Sätze der Metaphysik... sind Scheinsätze; sie haben keinen theoretischen Gehalt.« Carnap, a. a. O., S. 204.

Die logische Syntax der Sprachen ist nicht erst von den Logistikern zur Debatte gestellt worden; vor ihnen hat Husserl einen ersten, gleichzeitig mit ihnen einen zweiten Ansatz Edmund Husserl, Logische Untersuchungen. Band II. Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. Halle 1901.
Edmund Husserl, Méditations Cartésiennes. Introduction à la phénoménologie. Traduit de l'allemand par Gabrielle Peiffer et Emmanuel Lévines. Paris 1931.
gemacht, diese Probleme zu klären. Was bei Husserl als »reine Grammatik« auftritt, heißt in dem mehrfach auf ihn rückverweisenden Fundamentalwerk Bühlers »Sematologie«. Ihr Programm erheischt »eine Beschäftigung mit den Axiomen, die ... aus dem Bestände der erfolgreichen Sprachforschung ... durch Reduktion zu gewinnen sind. D. Hilbert nennt dies Vorgehen axiomatisches Denken und fordert es... für alle Wissenschaften.« Bühler, Sprachtheorie, a. a. O., S. 20. Wenn Bühlers axiomatisches Interesse zuletzt auf Husserl zurückverweist, so zitiert er als Werkmeister einer »erfolgreichen Sprachforschung« an der Schwelle seines Buches Hermann Paul und de Saussure. Dem ersten gewinnt er die Einsicht ab, welche Förderung selbst der bedeutendste Empiriker von einer sachgerechteren Fundierung der Sprachwissenschaft zu erwarten hätte, als Paul sie zu geben wußte; sein Versuch, dies Fundament auf Physik und Psychologie zu reduzieren, gehört einer überwundenen Epoche an. Der Hinweis auf de Saussure visiert nicht sowohl dessen grundlegende Unterscheidung einer linguistique de la parole von einer linguistique de la langue als dessen »Methodenklage«. »Er weiß, daß die Sprachwissenschaften das Kernstück einer allgemeinen Sematologie ... ausmachen ... Nur vermag er dieser erlösenden Idee noch nicht die Kraft abzugewinnen, um ... zu erklären, daß schon in den Ausgangsdaten der Linguistik nicht Physik, Physiologie, Psychologie, sondern linguistische Fakta und gar nichts anderes vorliegen.« Bühler, a. a. O., S. 9.

Um diese Fakta aufzuweisen, konstruiert der Verfasser ein »Organonmodell der Sprache«, mit dem er gegenüber dem Individualismus und Psychologismus des vergangenen Jahrhunderts die durch Platon und Aristoteles fundierte objektive Sprachbetrachtung wieder aufnimmt, die den Interessen der Soziologie weit entgegenkommt. Am Organonmodell der Sprache weist Bühler ihre drei Urfunktionen als Kundgabe, Auslösung und Darstellung auf. So die Termini seiner im Jahre 1918 erschienenen Arbeit über den Satz. Bühler, Kritische Musterung der neueren Theorien des Satzes (in: Indogermanisches Jahrbuch, Bd. 6, Jg. 1918). In der neuen »Sprachtheorie« heißt es statt dessen: Ausdruck, Appell und Darstellung. Der Schwerpunkt des Werkes liegt auf der Behandlung des dritten Faktors. »Wundt hat vor einem Menschenalter die menschliche Lautsprache mitten hineingestellt unter alles, was bei Tieren und Menschen zum ›Ausdruck‹ gehört ... Wer sich zur Einsicht durchgerungen hat, daß Ausdruck und Darstellung verschiedene Strukturen aufweisen, sieht sich ... vor die Aufgabe gestellt, eine zweite vergleichende Betrachtung durchzuführen, um die Sprache mitten hineinzustellen unter alles andere, was mit ihr zur Darstellung berufen ist.« Bühler, Sprachtheorie, a.a.O., S. 150. Es wird sogleich von dem Fundamentalbegriff, auf den Bühler mit dieser Betrachtung gerät, zu sprechen sein. – Welche Bedeutung hat aber in dem erwähnten Organonmodell der Begriff der Auslösung oder des Appells?

Bühler geht dem im Anschluß an Brugmann Karl Brugmann, Die Demonstrativpronomina der indogermanischen Sprachen. Eine bedeutungsgeschichtliche Untersuchung. Leipzig 1904. (Abhandlungen der philologisch-historischen Klasse der Königl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, Bd. 22, Nr. 6.) nach, der sich die Aufgabe gestellt hatte, analog zu den Aktionsarten, die beim Verbum zu unterscheiden sind, Zeigarten, deren Verschiedenheit an den Demonstrativpronomina zum Ausdruck kommt, nachzuweisen. Diesem Ansatze folgend, weist der Autor der Auslösungs-, Appell- oder Signalfunktion des Sprechens eine eigene Ebene zu, die er als Zeigfeld definiert. In welcher Weise er dessen Zentrum durch die Markierungen des »Hier«, des »Jetzt« und des »Ich« bestimmt, wie er den Weg der Sprache vom realen Gegenstand des Hinweisens zur »Deixis am Phantasma« begleitet – das entzieht sich kurzer Zusammenfassung. Genug, »daß der Zeigefinger, das natürliche Werkzeug der demonstratio ad oculos zwar ersetzt wird durch andere Zeighilfen ... Doch kann die Hilfe, die er und seine Aequivalente leisten, niemals schlechterdings wegfallen und entbehrt werden.« Bühler, Sprachtheorie, a.a.O., S. 80. Auf der anderen Seite ist eine Einschränkung ihrer Tragweite am Platze. »Man begegnet heute da und dort einem modernen Mythos über den Sprachursprung, der... das Thema von den Zeigwörtern so aufnimmt..., daß sie als die Urwörter der Menschensprache schlechthin erscheinen... Es muß aber betont werden, daß Deixis und Nennen zwei scharf zu trennende Wortklassen sind, von denen man z. B. für das Indogermanische nicht anzunehmen berechtigt ist, die eine sei aus der anderen entstanden... Man muß ... Zeigwörter und Nennwörter voneinander trennen, und ihr Unterschied kann durch keine Ursprungsspekulation aufgehoben werden.« Bühler, a. a. O., S. 86 ff.

Die Bühlersche Theorie der Nennwörter ist wie die der Zeigwörter eine Feldtheorie. »Die Nennwörter fungieren als Symbole und erfahren ihre spezifische Bedeutungserfüllung ... im synsemantischen Umfeld. Es ist ... eine Zweifelderlehre, die in diesem Buche vorgetragen wird.« Bühler, a. a. O., S. 81. Dessen Bedeutung liegt nicht zum wenigsten in der besonderen Fruchtbarkeit, die Bühlers in methodischem Interesse ermittelte Kategorien innerhalb der geschichtlichen Betrachtung entwickeln. Es ist der größte Prozeß der Sprachgeschichte, der seinen Schauplatz in jenen Feldern findet. »Man kann sich im großen Entwicklungsgang der Menschensprache Einklassensysteme deiktischer Rufe als das erste vorstellen. Dann aber kam einmal das Bedürfnis, Abwesendes einzubeziehen, und das hieß, die Äußerungen von der Situationsgebundenheit zu befreien ... Die Enthebung einer sprachlichen Äußerung aus dem Zeigfeld der demonstratio ad oculos beginnt.« Bühler, a. a. O., S, 379. Genau in dem Ausmaße aber, wie »sprachliche Äußerungen frei werden ihrem Darstellungsgehalt nach von den Momenten der konkreten Sprachsituation, unterstehen die Sprachzeichen einer neuen Ordnung, sie erhalten ihre Feldwerte im Symbolfeld«. Bühler, a. a. O., S. 372. Die Emanzipierung der sprachlichen Darstellung von der jeweils gegebenen Sprechsituation stellt den Gesichtspunkt dar, unter dem der Verfasser den Sprachursprung einheitlich zu begreifen sucht. Er bricht mit der ostentativen Zurückhaltung, die in der französischen Schule – man denke an Delacroix – diesem Problem gegenüber die Regel ist. Dem modernen »Mythos vom Ursprung der Sprache«, den er auf Grund der Erkenntnisse seiner Sprachtheorie für die nächste Zukunft ankündigt, wird man mit Interesse entgegensehen.

Wenn die dargestellten Forschungen näher oder ferner einer fortschrittlichen Gesellschaftswissenschaft sich zuordnen lassen, so ist es unter den gegenwärtigen Verhältnissen selbstverständlich, daß auch rückläufige Tendenzen sich geltend zu machen suchen. Wir lassen es dahingestellt, ob es ein Zufall ist, daß diese seltener an der Soziologie der Sprache sich versuchen. Man wird kaum leugnen können, daß Wahlverwandtschaften zwischen gewissen wissenschaftlichen Disziplinen auf der einen, politischen Attitüden auf der andern Seite bestehen. Rassenfanatiker zählen unter den Mathematikern zu den Seltenheiten. Und auch am entgegengesetzten Pol des orbis scientiarum, in der Sprachwissenschaft, scheint sich die konservative Haltung, die als solche häufig begegnet, zumeist mit jener vornehmen Gelassenheit zu paaren, deren menschliche Würde die Brüder Grimm so ergreifend ausgeprägt haben. Selbst ein Werk wie das von Schmidt-Rohr »Die Sprache als Bildnerin der Völker« Georg Schmidt-Rohr, Die Sprache als Bildnerin der Völker. Wesens- und Lebenskunde der Volkstümer. Jena 1932. hat sich dieser Tradition nicht ganz entziehen können, wiewohl es nationalistischen Gedankengängen so weit entgegenkommt, als irgend mit ihr vereinbar ist. Der Verfasser hat sein Werk in zwei große Teile gegliedert, deren erster »Das Sein«, deren zweiter »Das Sollen« betitelt ist. Das hindert freilich nicht, daß die Haltung des zweiten Teils, dessen Forderung sich in dem Satz konzentriert, »Volk« – das ist das Naturgegebene – »soll Nation« – das ist sprachlich begründete Kultureinheit – »werden«, die Haltung des ersten Teils auf das nachhaltigste beeinflußt. Und zwar tritt dies in Gestalt jenes Irrationalismus zutage, der in der nationalistisch gerichteten Literatur die Regel ist. Er drängt dem Verfasser eine voluntaristische Sprachphilosophie auf, in der Willkür und Schicksal als Nothelfer eintreten, ehe noch die Erkenntnis aus dem Studium des geschichtlichen Sprachlebens sich für die Aufgaben einer echten Sprachphilosophie vorbereitet hätte. Die vergleichende Analyse des Wortschatzes der verschiedenen Sprachen erweist sich als zu schmale Grundlage der universalen Thematik, die der Verfasser sich vorgesetzt hat. So gelingt es ihm nicht, seine Gesamtansichten zu derjenigen Konkretion zu bringen, die wir in den besten Arbeiten des Archivs »Wörter und Sachen« finden. Der folgende Satz bezeichnet nicht nur die Grenzen der gesellschaftlichen, sondern gleich einschneidend auch die der sprachtheoretischen Erkenntnisse von Schmidt-Rohr, der zwar von Humboldt einiges, von Herder aber nichts gelernt hat: »Im Körper, im Volk vollzieht sich ein höheres Leben als in der Einzelzelle. Menschheit ist demgegenüber in der Tat nichts als die Summe aller Völker, wenn man will aller Menschen, aber nicht Summe im Sinne einer Ganzheit. Menschheit ist wesentlich nur ein Sprachbegriff, ein Sprachbegriff, der seine denkwirtschaftliche Bedeutung hat, ein Sprachbegriff, der die Gesamtheit der Menschen und ihre Eigenart zusammenzugreifen und abzusondern erlaubt vom Reiche der Tiere, von der Tierheit.«

Derart weitmaschige Spekulationen werden an Tragweite durch Spezialstudien auf eng umrissenen Gebieten übertroffen. In die vorderste Phalanx zeitgenössischer Forscher läßt ein Autor wie Schmidt-Rohr sich viel weniger einordnen als Köhler oder Bühler mit ihren Einzeluntersuchungen zur Schimpansensprache. Denn diese Forschungen kommen, mittelbar zwar, aber entscheidend, Hauptproblemen der Sprachwissenschaft zugute. Und zwar ebensowohl der alten Frage nach dem Ursprung der Sprache wie der neueren nach dem Verhältnis von Sprache und Denken. Es ist das besondere Verdienst von Wygotski, den Ertrag dieser Forschungen über die Schimpansen in seiner Bedeutung für die Grundlagen der Sprachwissenschaft dargestellt zu haben. Wir dürfen unmittelbar an die Lehre von Marr anschließen, derzufolge die Handhabung von Werkzeugen der Handhabung von Sprache müsse vorangegangen sein. Da nun die erstere nicht ohne Denken möglich ist, so heißt das, es müsse eine Art von Denken geben, die früher sei als das Sprechen. Dieses Denken ist in der Tat neuerdings mehrfach gewürdigt worden; Bühler belegte es mit dem Namen des Werkzeugdenkens. Das Werkzeugdenken ist unabhängig von der Sprache. Es ist ein Denken, das sich in verhältnismäßig ausgebildeter Gestalt, – über die man das Nähere bei Köhler W. Köhler, Intelligenzprüfungen an Menschenaffen. Berlin 1921. findet – beim Schimpansen nachweisen läßt. »Das Vorhandensein eines menschenähnlichen Intellekts bei gleichzeitigem Fehlen einer auch nur einigermaßen in dieser Hinsicht menschenähnlichen Sprache und Unabhängigkeit der intellektuellen Operationen ... von ihrer ›Sprache‹« L.S. Wygotski, Die genetischen Wurzeln des Denkens und der Sprache (in: Unter dem Banner des Marxismus 3 [1929], S. 454). – das ist die wichtigste Feststellung, die Köhler seinen Schimpansen abgewinnt. Wenn so die Linie der frühesten Intelligenz – des Werkzeugdenkens – von den einfachsten improvisierten Auskunftsmitteln bis zur Erzeugung des Werkzeuges führt, welches nach Marr die Hand für Aufgaben der Sprache freimacht, so entspricht diesem Lehrgang des Intellekts allerdings auf der andern Seite ein Lehrgang des gestischen oder akustischen Ausdrucksvermögens, welches aber als ein vorsprachliches ganz und gar im Banne des reaktiven Verhaltens bleibt. Gerade die Unabhängigkeit der frühesten »sprachlichen« Regungen vom Intellekt führt im übrigen aus dem Bereich der Schimpansensprache in den weiteren der Tiersprache überhaupt. Es kann kaum bezweifelt werden, daß die emotionell-reaktive Funktion der Sprache, um die es sich hier im wesentlichen handelt, »zu den biologisch ältesten Verhaltungsformen gehört und mit den optischen und Lautsignalen der Führer in Tierverbänden in genetischer Verwandtschaft steht«. Wygotski, a.a.O., S. 465. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist die Fixierung des geometrischen Punktes, an dem die Sprache im Schnittpunkt einer Intelligenz- und einer gestischen (Hand- oder Laut-) Koordinate ihren Ursprung hat.

Die Frage nach dem Ursprung der Sprache hat ihre ontogenetische Entsprechung im Umkreis der Kindersprache. Die letztere ist im übrigen geeignet, Licht auf die phylogenetischen Probleme zu werfen, wie das Delacroix in seiner Arbeit »Au seuil du langage« sich zu Nutze gemacht hat. Delacroix geht von einer Bemerkung des englischen Schimpansenforschers Yerkes aus, der gemeint hat, wenn der Schimpanse außer seinem Intelligenzgrad einen akustisch-motorischen Nachahmungstrieb besäße, wie wir ihn bei den Papageien kennen, so würde er sprechen können. Delacroix wendet sich gegen diese Aufstellung mit Hinweis auf die Psychologie der Kindersprache. »Das Kind«, erklärt er, »lernt nur darum sprechen, weil es in einer Sprachwelt lebt und jeden Augenblick sprechen hört. Der Spracherwerb setzt einen sehr umfassenden und stetigen Anreiz voraus. Er hat die menschliche Gesellschaft zur Bedingung. Im übrigen entspricht das Kind dem in gleich umfangreichem Maße. Es lernt nicht nur die Sprache, die man zu ihm, sondern ebensowohl die, welche man in seiner Gegenwart spricht... Es lernt in der Gesellschaft, und es lernt allein. Diese Bedingungen fehlen dem Experiment von Yerkes ... Und wenn sein Tier, das sogar bisweilen in einer menschlichen Umwelt lebt, im Gegensatz zum Kind gleichgültig gegen die Laute verbleibt, welche die Menschen in seiner Gegenwart vernehmen lassen, und die Sprache nicht bei sich im Stillen lernt, so muß das seinen guten Grund besitzen.« Henri Delacroix, Au seuil du langage (in: Psychologie du langage, a. a. O., S. 14/15). Kurz: »Der menschliche Gehörsinn ist ein intellektueller und sozialer, welcher auf dem bloß physischen fundiert ist. Den größten Bezirk, auf welchen der Gehörsinn sich bezieht, stellt beim Menschen die Welt der sprachlichen Beziehungen dar.« Woran der Autor die aufschlußreiche Bemerkung knüpft: »Daher ist der Gehörsinn so besonders leicht den Auswirkungen des Beziehungswahns ausgesetzt.« Delacroix, a. a. O., S. 16. Die akustisch-motorische Reaktion, die dem Spracherwerb beim Menschen zugrunde liegt, ist demnach von der des Papageien grundverschieden. Sie ist eine sozial gerichtete. »Sie besteht in einer Ausrichtung auf das Verstandenwerden.« Delacroix, a. a. O., S. 16. Schon Humboldt hat ja die Absicht, verstanden zu werden, an den Beginn der artikulierten Verlautbarung gestellt.

Die Einsicht in die Kindersprache wurde in den letzten Jahren entscheidend durch die Forschungen von Piaget Jean Piaget, Le language et la pensée chez l'enfant (1. Bd.) Neuchâtel (1923). gefördert. Die sprachpsychologischen Untersuchungen an Kindern, die Piaget mit Umsicht und Ausdauer vorgenommen hat, sind für eine Reihe von Streitfragen von Bedeutung geworden. Nur im Vorübergehen sei auf die Ausführungen hingewiesen, mit denen Weisgerber in seinem schon erwähnten Überblick die Ermittelungen Piagets gegen Cassirers Sprachmythologie Weisgerber, a. a. O., S. 32. verwertet. Der gegenwärtige Zusammenhang verlangt vor allem, auf Piagets Begriff der egozentrischen Kindersprache einzugehen. Die Kindersprache, so behauptet Piaget, bewegt sich in zwei verschiedenen Bahnen. Sie existiert als sozialisierte Sprache auf der einen, als egozentrische auf der andern Seite. Diese letztere ist eigentliche Sprache nur für das sprechende Subjekt selbst. Sie hat keine mitteilende Funktion. Vielmehr haben Piagets Protokolle bewiesen, daß diese Sprache in ihrem stenographisch aufgezeichneten Wortlaut solange unverständlich bleibt, als nicht die Situation, in welcher sie veranlaßt wurde, mitgegeben wird. Weiter aber ist diese egozentrische Funktion nicht ohne enge Beziehung zum Denkvorgang aufzufassen. Dafür spricht der bedeutsame Sachverhalt, daß sie am häufigsten bei Störungen im Ablauf eines Verhaltens, bei Hindernissen in der Lösung einer Aufgabe sich bemerkbar macht. Das hat Wygotski, der seinerseits mit ähnlichen Methoden wie Piaget an Kindern Versuche vornahm, zu wichtigen Schlüssen geführt. »Unsre Untersuchungen«, sagt er, »zeigten, daß der Koeffizient egozentrischer Sprache bei ... Erschwerungsfällen rasch fast auf das Doppelte des normalen Koeffizienten Piagets ansteigt. Unsere Kinder zeigten jedesmal, wenn sie auf eine Schwierigkeit trafen, eine Steigerung der egozentrischen Sprache... Wir halten deshalb die Annahme für berechtigt, daß die Erschwerung oder Unterbrechung einer glatt verlaufenden Beschäftigung ein wichtiger Faktor bei der Erzeugung der egozentrischen Sprache ist... Das Denken tritt erst in Aktion, wenn die bis dahin störungslos verlaufende Tätigkeit unterbrochen wird.« Wygotski, a.a.O., S. 612. Mit andern Worten: die egozentrische Sprache nimmt im Kindesalter genau den Platz ein, der späterhin dem eigentlichen Denkvorgang vorbehalten bleibt. Sie ist Vorläuferin, ja Lehrerin des Denkens. »Das Kind lernt die Syntax der Sprache früher als die Syntax des Denkens. Die Untersuchungen Piagets haben unzweifelhaft bewiesen, daß die grammatikalische Entwicklung des Kindes seiner logischen Entwicklung vorangeht.« Wygotski, a.a.O., S. 614.

Von hier aus ergeben sich Korrekturen der Ansätze, die der Behaviorismus zur Lösung des Problems »Sprache und Denken« unternommen hat. In dem Bemühen, eine Theorie des Denkens im Rahmen ihrer Lehre vom Verhalten zu konstruieren, haben die Behavioristen begreiflicherweise auf das Sprechen zurückgegriffen und im Grunde ohne etwas Neues zutage zu fördern, vielmehr im wesentlichen sich darauf beschränkt, die umstrittenen Theorien Lazarus Geigers, Max Müllers und anderer sich zu eigen zu machen. Diese Theorien laufen darauf hinaus, das Denken als eine »innere Rede« zu konstruieren – eine Rede, die in einer minimalen Innervation des Artikulationsapparats bestünde, welche nur schwer und nicht ohne Hilfe besonders präziser Meßinstrumente sich feststellen ließe. Von der These, daß Denken objektiv lediglich ein inneres Sprechen sei, ist Watson dazu übergegangen, ein Mittelglied zwischen Sprache und Denken zu suchen. Dieses Mittelglied erblickt er in einer »Flüstersprache«. Dagegen hat Wygotski darauf hingewiesen, alles, was wir vom Flüstern der Kinder wissen, spreche »gegen die Annahme, daß das Flüstern einen Übergangsprozeß zwischen äußerer und innerer Sprache darstelle«. Wygotski, a. a. O., S. 609. Es ergibt sich aus dem oben Gesagten, in welchem Sinne die behavioristische Theorie durch die Untersuchungen über die egozentrische Kindersprache zu berichtigen sind. Wertvolle Auseinandersetzungen mit dem Behaviorismus sind, wie hier kurz angemerkt sei, neuerdings bei Bühler Bühler, Sprachtheorie, a. a. O., S. 38. zu finden. Im Anschluß an Tolmans »Purposive behavior in animals and men« E. C. Tolman, Purposive behavior in animals and men. New York 1932. besteht er darauf, im Sprachursprung neben dem Reiz dem Signal eine entscheidende Stelle einzuräumen.

So führt bei Watson die improvisierte Reflexion auf Sachverhalte der Phonetik nicht weiter. Dagegen sind der gleichen Reflexion beträchtliche Aufschlüsse abzugewinnen, wo sie methodisch vorgenommen wird. Das ist durch Richard Paget geschehen. Dieser Forscher geht von einer zunächst recht überraschenden Definition der Sprache aus. Er faßt sie als eine Gestikulation der Sprachwerkzeuge. Primär ist hier der Gestus, nicht der Laut. Auch ändert sich der erstere nicht mit Verstärkungen des letzteren. In den meisten europäischen wie in den indischen Sprachen kann alles im Flüsterton gesprochen werden, ohne an Verständlichkeit einzubüßen. »Die Verständlichkeit des Gesprochenen erfordert keineswegs eine Inanspruchnahme des Kehlkopfmechanismus und die Erschütterung der Luft in den vokalischen Resonnanzböden des Gaumens, des Mundes oder der Nase, wie das beim Sprechen mit erhobener Stimme der Fall ist.« Richard Paget, Nature et origine du langage humain. Paris 1925, S. 3. Nach Paget ist das phonetische Element ein auf dem mimisch-gestischen fundiertes. Daß er mit dieser Anschauung sich in einem Brennpunkt der gegenwärtigen Forschung befindet, ergibt sich aus dem Werk des Jesuitenpaters Marcel Jousse. Es kommt zu durchaus verwandten Ergebnissen: »Der charakteristische Ton ist nicht notwendigerweise onomatopoetischer Art, wie man dies allzu oft behauptet hat. Die Aufgabe des Tons ist es vielmehr zunächst, die Bedeutung einer bestimmten mimischen Gebärde zu vervollkommnen. Aber er ist lediglich Begleiterscheinung, akustische Unterstützung einer optischen, in sich verständlichen Gebärdensprache. Allmählich trat zu jeder charakteristischen Gebärde ein ihr entsprechender Ton. Und wenn solche durch Mund und Kehle vermittelte Gestikulation weniger ausdrucksvoll war, so war sie auch minder anstrengend, forderte weniger Energie als die Gebärde des Körpers oder selbst der Hand. So kam sie mit der Zeit zur Vorherrschaft... Das vermindert aber nicht ... die außerordentliche Bedeutung, die in der Erforschung des Ursprungssinnes dessen liegt, was man bisher als die Wurzeln bezeichnete. Wurzeln nämlich wären in diesem Sinne nichts anderes als akustische Transponierungen alter spontaner mimischer Ausdrucksbewegungen.« Frederic Lefèvre, Marcel Jousse, une nouveile Psychologie du langage (in: Les cahiers d'Occident, Band I, 10, S. 77).Aufschlußreich versprechen in diesem Zusammenhang eingehende Protokolle über das sprachliche Verhalten dreier Kinder zu werden, die Bühler in Aussicht stellt und denen er den sehr bezeichnenden Befund entnommen hat, daß »die to-Deixis Brugmanns ... wirklich von Dentallauten übernommen wird«. Bühler, a. a. O., S. 219. Hierzu vergleiche man Paget: »Das unhörbare Lächeln wurde zu einem ausgestoßenen oder geflüsterten ›haha‹, der Gestus des Essens wurde ein hörbares (geflüstertes) ›mnya mnya‹, der des Einschlürfens kleiner Mengen Flüssigkeit wurde der Ahnherr unseres heutigen Wortes ›Suppe‹! Endlich trat die wichtige Entdeckung hinzu, daß die brüllenden oder grunzenden Kehllaute sich mit der Mundbewegung verbinden ließen, und die geflüsterte Sprache wurde, wenn sie mit einem Kehllaut verbunden war, auf zehn- bis zwanzigmal so großen Abstand als vorher hörbar und verständlich.« Paget, a. a. O., S. 12/13. So schließt sich, nach Paget, die Artikulation als Gestus des Sprachapparates großen Umkreis der körperlichen Mimik an. Ihr phonetisches Element ist der Träger einer Mitteilung, deren ursprüngliches Substrat eine Ausdrucksgebärde war. Mit den Aufstellungen von Paget und Jousse tritt der überholten onomatopoetischen Theorie, die man als eine mimetische im engeren Sinne bezeichnen kann, eine mimetische in sehr viel weiterem Sinne entgegen. Es ist ein großer Bogen, den die Theorie der Sprache von den metaphysischen Spekulationen Platons bis zu den Zeugnissen der Neueren wölbt. »Worin also besteht die wahre Natur der gesprochenen Sprache? Die Antwort, vorgebildet bei Piaton, angeregt... von dem Abbé Sabatier de Castres 1794, formuliert von Dr. J. Rae aus Honolulu 1862, im Jahre 1895 von Alfred Russell Wallace erneuert... und schließlich vom Verfasser der gegenwärtigen Abhandlung wieder aufgenommen, geht dahin, daß die gesprochene Sprache nur eine Form eines fundamentalen animalischen Instinktes ist: des Instinkts mimischer Ausdrucksbewegung durch den Körper.« R. A. S. Paget, L'évolution du langage (in: Psychologie du langage, a. a. O., S. 93). Hierzu ein Wort von Mallarmé, das als Motiv Valérys »L'âme et la danse« zugrunde liegen mag: »Die Tänzerin«, heißt es bei Mallarmé, »ist nicht eine Frau, sondern eine Metapher, die aus den elementaren Formen unseres Daseins einen Aspekt zum Ausdruck bringen kann: Schwert, Becher, Blume oder andere.« Mit solcher Anschauung, die die Wurzeln des sprachlichen und tänzerischen Ausdrucks in ein und demselben mimetischen Vermögen erblickt, ist die Schwelle einer Sprachphysiognomik beschritten, die weit über die primitiven Versuche der Onomatopoetiker hinausführt, ihrer Tragweite wie ihrer wissenschaftlichen Dignität nach. An dieser Stelle muß es genügen, auf das Werk hinzuweisen, das diesen Problemen ihre derzeit vorgeschrittenste Gestalt abgewonnen hat: die »Grundfragen der Sprachphysiognomik« von Heinz Werner. Heinz Werner, Grundfragen der Sprachphysiognomik. Leipzig 1932. Es läßt erkennen, daß die Ausdrucksmittel der Sprache so unerschöpflich wie ihre Darstellungsfähigkeit sind. In gleicher Richtung hat Rudolf Leonhard Rudolf Leonhard, Das Wort. Berlin-Charlottenburg [1932]. (Entr'act-Bücherei. 1/2.) gearbeitet. Diese physiognomische Phonetik eröffnet Ausblicke auch in die Zukunft der Sprachentwicklung: »Merkwürdig«, heißt es bei Paget, »und ein Zeichen dafür, wie außerordentlich langsam die menschliche Entwicklung vonstatten geht, ist, daß der zivilisierte Mensch bisher nicht gelernt hat, auf Kopf- und Handbewegungen als Ausdruckselemente seiner Meinungen zu verzichten ... Wann werden wir lernen, auf jenem wunderbaren Instrument der Stimme so kunstvoll und so rationell zu spielen, daß wir eine Reihe von Tönen von gleicher Reichweite und gleicher Vollkommenheit besitzen werden? Fest steht: wir haben diesen Lehrgang noch nicht durchgemacht... Noch sind alle bestehenden Produktionen der Literatur und Beredsamkeit nur elegante, einfallsreiche Gestaltungen formaler oder phonetischer Sprachelemente, die ihrerseits völlig wild und unkultiviert sind, wie sie sich auch auf natürlichem Wege ohne jedwede bewußte Einwirkung der Menschheit gebildet haben.« Paget, Nature et origine du langage humain, S. 14/15.

Dieser Ausblick in eine Ferne, in der die Einsichten der Sprachsoziologie nicht dem Begreifen der Sprache allein, sondern ihrer Veränderung zugute kommen, mag den vorliegenden Überblick abschließen. Im übrigen ist es bekannt, daß mit Bestrebungen, wie Paget sie zum Ausdruck bringt, die Sprachsoziologie auf alte und bedeutungsvolle Neigungen zurückgreift. Die Bemühungen um eine technische Vervollkommnung der Sprache haben seit jeher in den Entwürfen einer lingua universalis ihren Niederschlag gefunden. In Deutschland ist Leibniz ihr bekanntester Repräsentant, in England gehen sie bis auf Bacon zurück. Was Paget auszeichnet, ist die Weitherzigkeit, mit der er die Entwicklung der gesamten sprachlichen Energien ins Auge faßt. Wenn andere über der semantischen Funktion der Sprache den ihr innewohnenden Ausdruckscharakter, ihre physiognomischen Kräfte vergessen haben, so scheinen diese Paget einer ferneren Entfaltung nicht minder wert und fähig als jene erste. Er bringt damit die alte Wahrheit zu Ehren, die erst vor kurzem Goldstein um so eindrücklicher formulieren konnte, als er ihr auf dem Umweg induktiver Forschung in seinem abgelegenen Spezialgebiet begegnete. Die Sprache eines von der Aphasie betroffenen Patienten gilt ihm als lehrreichstes Modell für eine Sprache, die nichts als Instrument wäre. »Man könnte kein besseres Beispiel finden, um zu zeigen, wie falsch es ist, die Sprache als ein Instrument zu betrachten. Was wir gesehen haben, ist die Entstehung der Sprache in den Fällen, in denen sie nur noch zum Instrument taugt. Auch beim normalen Menschen kommt es vor, daß die Sprache nur als Instrument gebraucht wird... Aber diese instrumentale Funktion setzt voraus, daß die Sprache im Grunde etwas ganz anderes darstellt, wie sie auch für den Kranken ehemals, vor der Krankheit, etwas ganz anderes dargestellt hat ... Sobald der Mensch sich der Sprache bedient, um eine lebendige Beziehung zu sich selbst oder zu seinesgleichen herzustellen, ist die Sprache nicht mehr ein Instrument, nicht mehr ein Mittel, sondern eine Manifestation, eine Offenbarung unseres innersten Wesens und des psychischen Bandes, das uns mit uns selbst und unseresgleichen verbindet.« Kurt Goldstein, L'analyse de l'aphasie et l'étude de l'essence du langage (in: Psychologie du langage, a. a. O., S. 495/496). Diese Einsicht ist es, die ausdrücklich oder stillschweigend am Anfang der Sprachsoziologie steht.

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