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Kritiken und Rezensionen 1932 - 1940

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1932 - 1940 - Kapitel 35
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1932 ? 1940
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1935

Brechts Dreigroschenroman

Bertolt Brecht, Dreigroschenroman. Amsterdam: Verlag Albert de Lange 1934. 494 S.

Acht Jahre

Zwischen Dreigroschenoper und Dreigroschenroman liegen acht Jahre. Das neue Werk hat sich aus dem alten entwickelt. Aber das geschah nicht in der versponnenen Weise, in der man sich das Reifen des Kunstwerks gewöhnlich vorstellt. Denn diese Jahre waren politisch entscheidende. Ihre Lektion hat der Verfasser sich zu eigen gemacht, ihre Untaten hat er beim Namen genannt, ihren Opfern hat er ein Licht aufgesteckt. Er hat einen satirischen Roman großen Formats geschrieben.

Zu diesem Buch hat er weit ausgeholt. Weniges ist von den Grundlagen, weniges von der Handlung der Oper geblieben. Nur die Hauptpersonen sind noch dieselben. Sie waren es ja, die vor unseren Augen begannen in diese Jahre hineinzuwachsen und ihrem Wachstum so blutig Platz schufen. Als die Dreigroschenoper zum ersten Mal in Deutschland über die Bühne ging, war ihm der Gangster noch ein fremdes Gesicht. Inzwischen hat er sich dort heimisch gemacht und die Barbarei eingerichtet. Erst spät weist ja auf Seiten der Ausbeuter die Barbarei jene Drastik auf, die das Elend der Ausgebeuteten schon zu Beginn des Kapitalismus kennzeichnet. Brecht hat es mit beiden zu tun; er zieht darum die Epochen zusammen und weist seinen Gangstertypen Quartier in einem London an, das den Rhythmus und das Aussehen der Dickenszeit hat. Die Umstände des Privatlebens sind die früheren, die des Klassenkampfes die heutigen. Diese Londoner haben kein Telephon, aber ihre Polizei hat schon Tanks. Am heutigen London, hat man gesagt, zeigt sich, daß es für den Kapitalismus gut ist, wenn er sich eine gewisse Rückständigkeit bewahrt. Dieser Umstand hat für Brecht seinen Wert gehabt. Die schlechtgelüfteten Kontore, feuchtwarmen Badeanstalten, nebligen Straßen bevölkert er mit Typen, die in ihrem Auftreten oft altvaterisch, in ihren Maßnahmen immer modern sind. Solche Verschiebungen gehören zur Optik der Satire. Brecht unterstreicht sie durch die Freiheiten, die er sich mit der Topographie von London genommen hat. Das Verhalten seiner Figuren, das er der Wirklichkeit abgelauscht hat, ist, so darf sich der Satiriker sagen, um vieles unmöglicher als ein Brobdingnag oder London, das er in seinem Kopf erbaut haben mag.

 

Alte Bekannte

Jene Figuren traten also von neuem vor ihren Dichter. – Da ist Peachum, der immer den Hut aufbehält, weil es kein Dach gibt, von dem er nicht gewärtigt, daß es ihm über dem Kopfe zusammenstürzt. Er hat seinen Instrumentenladen vernachlässigt und ist einem Kriegsgeschäft mit Transportschiffen nähergetreten, in dessen Verlauf seine Bettlergarde in kritischen Augenblicken als »erregte Volksmenge« Verwertung findet. Die Schiffe sollen im Truppentransport während des Burenkriegs eingesetzt werden. Da sie morsch sind, gehen sie mit der Mannschaft unweit der Themsemündung zugrunde. Peachum, der es sich nicht nehmen läßt, zu der Trauerfeier für die ertrunkenen Soldaten zu gehen, hört dort mit vielen anderen, unter denen auch ein gewisser Fewkoombey ist, eine Predigt des Bischofs über die biblische Mahnung, mit dem anvertrauten Pfunde zu wuchern. Vor bedenklichen Folgen des Lieferungsgeschäfts hat er sich zu diesem Zeitpunkt bereits durch Beseitigung seines Partners gesichert. Doch begeht er den Mord nicht selbst. Auch seine Tochter, der Pfirsich, streift kriminelle Verwicklungen – aber nur so, wie es für eine Dame sich machen läßt: in einer Abtreibungssache und einem Ehebruch. Wir lernen den Arzt kennen, dem sie den Eingriff zumutet, und aus seinem Mund eine Rede, die ein Gegenstück zu der des Bischofs ist.

Der Held Macheath stand in der Dreigroschenoper seinen Lehrjahren noch sehr nahe. Der Roman rekapituliert sie nur kurz; er ehrt das Schweigen über ganzen »Gruppen von Jahren ..., das die Biographien unserer großen Geschäftsleute auf vielen Seiten so stoffarm macht«, und er läßt es dahingestellt, ob am Anfang der Verwandlungen, in deren Abfolge aus dem Holzhändler Beckett der Großkaufmann Macheath geworden ist, der Raubmörder Stanford Sills, genannt »Das Messer«, gestanden hat. Klar ist nur so viel, daß der Geschäftsmann treu zu gewissen früheren Freunden steht, die den Weg in die Legalität nicht gefunden haben. Das trägt seinen Lohn in sich, da diese durch Diebstahl die Warenmengen beschaffen, die der Ladenkonzern von Macheath konkurrenzlos billig vertreibt.

Macheath' Konzern bilden die B-Läden, deren Inhaber – selbständige Existenzen – nur zur Abnahme seiner Ware und zur Zahlung der Ladenmiete an ihn verpflichtet sind. In einigen Zeitungsinterviews hat er sich über »seine entscheidende Entdeckung des menschlichen Selbständigkeitstriebes« geäußert. Allerdings stehen sich diese selbständigen Existenzen schlecht, und eine von ihnen geht in die Themse, weil Macheath aus geschäftlichen Gründen die Warenzufuhr zeitweilig einstellt. Es kommt Mordverdacht auf; es entsteht eine Kriminalsache. Aber diese Kriminalsache geht bruchlos in den satirischen Vorwurf ein. Die Gesellschaft, die nach dem Mörder der Frau sucht, welche Selbstmord begangen hat, wird niemals imstande sein, ihn in Macheath zu erkennen, der nur seine vertraglichen Rechte ausgeübt hat. »Die Ermordung der Kleingewerbetreibenden Mary Swayer« steht nicht nur in der Mitte der Handlung, sie enthält auch deren Moral. Die ausgemergelten Ladeninhaber, die Soldaten, die auf lecken Schiffen verstaut werden, die Einbrecher, deren Auftraggeber den Polizeipräsidenten bezahlt – diese graue Masse, die im Roman den Platz des Chors in der Oper einnimmt – stellt den Herrschenden ihre Opfer. An ihr üben sie ihre Verbrechen aus. Ihr gehört Mary Swayer an, die man zwingt, ins Wasser zu gehen, und aus ihrer Mitte ist Fewkoombey, der zu seinem Erstaunen wegen Mordes an ihr gehängt wird.

 

Ein neues Gesicht

Der Soldat Fewkoombey, dem im Vorspiel in einem Verschlage Peachums »die Bleibe« angewiesen und dem im Nachspiel in einem Traum »das Pfund der Armen« offenbart wird, ist ein neues Gesicht. Oder vielmehr kaum eines sondern »durchsichtig und gesichtslos« wie die Millionen es sind, die Kasernen und Kellerwohnungen füllen. Hart am Rahmen ist er eine lebensgroße Figur, die ins Bild zeigt. Er zeigt auf die bürgerliche Verbrechergesellschaft im Mittelgrund. Er hat in dieser Gesellschaft das erste Wort, denn ohne ihn würde sie keine Profite machen; darum steht Fewkoombey im Vorspiel. Und er steht im Nachspiel, als Richter, weil sie sonst das letzte behalten würde. Zwischen beiden liegt die kurze Frist eines halben Jahrs, die er hintrödelt, während deren aber gewisse Angelegenheiten der Oberen sich so weit und so günstig entwickelt haben, daß sie mit seiner Hinrichtung enden, die von keinem »reitenden Boten des Königs« gestört wird.

Kurz vorher hat er, wie gesagt, einen Traum. Es ist der Traum von einer Gerichtsverhandlung, in der es sich um ein »besonderes Verbrechen« dreht. »Weil niemand einen Träumer davon abhalten kann zu siegen, wurde unser Freund Vorsitzender des größten Gerichts aller Zeiten, des einzig wirklich notwendigen, umfassenden und gerechten ... Nach langem Nachdenken, das allein schon Monate dauerte, beschloß der Oberste Richter, den Anfang mit einem Mann zu machen, der, nach Aussage eines Bischofs in einer Trauerfeier für untergegangene Soldaten, ein Gleichnis erfunden hatte, das zweitausend Jahre lang von allerlei Kanzeln herab angewendet worden war und nach Ansicht des Obersten Richters ein besonderes Verbrechen darstellte.« Diese Ansicht beweist der Richter, indem er die Folgen des Gleichnisses namhaft macht und die lange Reihe von Zeugen vernimmt, die über ihr Pfund aussagen sollen.

»›Hat Euer Pfund sich vermehrt?‹ fragte der Oberste Richter streng. Sie erschraken und sagten: ›Nein.‹ ›Hat er‹ – es ist von dem Angeklagten die Rede – »gesehen, daß es sich nicht vermehrte?‹ Auf diese Frage wußten sie nicht gleich, was sie sagen sollten. Nach einer Zeit des Nachdenkens trat aber einer vor, ein kleiner Junge ... ›Er muß es gesehen haben; denn wir haben gefroren, wenn es kalt war, und gehungert vor und nach dem Essen. Sieh selber, ob man es uns ansieht oder nicht.‹ Er steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, und ... heraus ... trat eine Frauensperson und glich genau der Kleingewerbetreibenden Mary Swayer.« Als dem Angeklagten nun angesichts einer so belastenden Beweisaufnahme ein Verteidiger bewilligt wird – »Aber er muß zu Ihnen passen« sagt Fewkoombey – und Herr Peachum als solcher sich vorstellt, präzisiert sich die Schuld des Klienten. Er muß der Beihilfe bezichtigt werden. Weil er, sagt der Oberste Richter, seinen Leuten dieses Gleichnis in die Hand gegeben hat, das auch ein Pfund ist. Anschließend verurteilt er ihn zum Tode. – Aber an den Galgen kommt nur der Träumer, der in einer wachen Minute begriffen hat, wie weit die Spuren der Verbrechen zurückführen, denen er und seinesgleichen zum Opfer fallen.

 

Die Partei des Macheath

In den Handbüchern der Kriminalistik werden Verbrecher als asoziale Elemente gekennzeichnet. Das mag für deren Mehrzahl zutreffen. Für einige aber hat die Zeitgeschichte es widerlegt. Indem sie viele zu Verbrechern machten, wurden sie zu sozialen Vorbildern. So steht es mit Macheath. Er ist aus der neuen Schule, während sein ebenbürtiger, lange ihm verfeindeter Schwiegervater noch zur alten zu zählen ist. Peachum versteht es nicht aufzutreten. Seine Habgier versteckt er hinter Familiensinn, seine Impotenz hinter Askese, seine Erpressertätigkeit hinter Armenpflege. Am liebsten verschwindet er in seinem Kontor. Das kann man von Macheath nicht sagen. Er ist eine Führernatur. Seine Worte haben den Staats-, seine Taten den kaufmännischen Einschlag. Die Aufgaben, denen er zu entsprechen hat, sind ja die mannigfachsten. Sie waren für einen Führer nie schwerer als heutzutage. Es genügt nicht, Gewalt zur Erhaltung der Eigentumsverhältnisse aufzubieten. Es genügt nicht, die Enteigneten selbst zu deren Ausübung anzuhalten. Diese praktischen Aufgaben wollen gelöst sein. Aber wie man von einer Balletteuse nicht nur verlangt, daß sie tanzen kann, sondern auch, daß sie hübsch ist, so verlangt der Faschismus nicht nur einen Retter des Kapitals sondern auch, daß dieser ein Edelmensch ist. Das ist der Grund, aus dem ein Typ wie Macheath in diesen Zeiten unschätzbar ist.

Er versteht es, zur Schau zu tragen, was der verkümmerte Kleinbürger sich unter einer Persönlichkeit vorstellt. Regiert von hunderten von Instanzen, Spielball von Teuerungswellen, Opfer von Krisen sucht dieser Habitue von Statistiken einen Einzigen, an den er sich halten kann. Niemand will ihm Rede stehen, Einer soll es. Und der kann es. Denn das ist die Dialektik der Sache: will er die Verantwortung tragen, so danken ihm die Kleinbürger mit dem Versprechen, keinerlei Rechenschaft von ihm zu verlangen. Forderungen zu stellen, lehnen sie ab, »weil das Herrn Macheath zeigen würde, daß wir das Vertrauen zu ihm verloren haben«. Seine Führernatur ist die Kehrseite ihrer Genügsamkeit. Die befriedigt Macheath unermüdlich. Er versäumt keine Gelegenheit hervorzutreten. Und er ist ein anderer vor den Bankdirektoren, ein anderer vor den Inhabern der B-Läden, ein anderer vor Gericht und ein anderer vor den Mitgliedern seiner Bande. Er beweist, »daß man alles sagen kann, wenn man nur einen unerschütterlichen Willen besitzt«, zum Beispiel das Folgende:

»Meiner Meinung nach, es ist die Meinung eines ernsthaft arbeitenden Geschäftsmannes, haben wir nicht die richtigen Leute an der Spitze des Staates. Sie gehören alle irgendwelchen Parteien an und Parteien sind selbstsüchtig. Ihr Standpunkt ist einseitig. Wir brauchen Männer, die über den Parteien stehen, so wie wir Geschäftsleute. Wir verkaufen unsere Ware an Arm und Reich. Wir verkaufen Jedem ohne Ansehen der Person einen Zentner Kartoffeln, installieren ihm eine Lichtleitung, streichen ihm sein Haus an. Die Leitung des Staates ist eine moralische Aufgabe. Es muß erreicht werden, daß die Unternehmer gute Unternehmer, die Angestellten gute Angestellten, kurz: die Reichen gute Reiche und die Armen gute Arme sind. Ich bin überzeugt, daß die Zeit einer solchen Staatsführung kommen wird. Sie wird mich zu ihren Anhängern zählen.«

 

Plumpes Denken

Macheath' Programm und zahlreiche andere Betrachtungen hat Brecht kursiv setzen lassen, so daß sie sich aus dem erzählenden Text herausheben. Er hat damit eine Sammlung von Ansprachen und Sentenzen, Bekenntnissen und Plädoyers geschaffen, die einzig zu nennen ist. Sie allein würde dem Werk seine Dauer sichern. Was da steht, hat noch nie jemand ausgesprochen, und doch reden sie alle so. Die Stellen unterbrechen den Text; sie sind – darin der Illustration vergleichbar – eine Einladung an den Leser, hin und wieder auf die Illusion zu verzichten. Nichts ist einem satirischen Roman angemessener. Einige dieser Stellen beleuchten nachhaltig die Voraussetzungen, denen Brecht seine Schlagkraft verdankt. Da heißt es zum Beispiel: »Die Hauptsache ist, plump denken lernen. Plumpes Denken, das ist das Denken der Großen.«

Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subtilitäten verstehen. Da ist es ungemein nützlich, daß Brecht auf das »plumpe Denken« den Finger legt, welches die Dialektik als ihren Gegensatz produziert, in sich einschließt und nötig hat. Plumpe Gedanken gehören gerade in den Haushalt des dialektischen Denkens, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis. Auf die Praxis, nicht an sie: Handeln kann natürlich so fein ausfallen wie Denken. Aber ein Gedanke muß plump sein, um im Handeln zu seinem Recht zu kommen.

Die Formen des plumpen Denkens wechseln langsam, denn sie sind von den Massen geschaffen worden. Aus den abgestorbenen läßt sich noch lernen. Eine von diesen hat man im Sprichwort, und das Sprichwort ist eine Schule des plumpen Denkens. »Hat Herr Macheath Mary Swayer auf dem Gewissen?« fragen die Leute. Brecht stößt sie mit der Nase auf die Antwort und setzt über diesen Abschnitt: »Wo ein Fohlen ersoffen ist, da war Wasser.« Einen anderen könnte er überschreiben: »Wo gehobelt wird, gibt es Späne.« Es ist der Abschnitt, in dem Peachum, »die erste Autorität auf dem Gebiet des Elends«, sich die Grundlagen des Bettelgeschäfts vor Augen führt.

»Es ist mir auch klar«, sagt er sich, »warum die Leute die Gebrechen der Bettler nicht schärfer nachprüfen, bevor sie geben. Sie sind ja überzeugt, daß da Wunden sind, wo sie hingeschlagen haben! Sollen keine Ruinierten weggehen, wo sie Geschäfte gemacht haben? Wenn sie für ihre Familien sorgten, sollten da nicht Familien unter die Brückenbögen geraten sein? Alle sind von vornherein überzeugt, daß angesichts ihrer eigenen Lebensweise allüberall tödlich Verwundete und unsäglich Hilfsbedürftige herumkriechen müssen. Wozu sich die Mühe machen zu prüfen. Für die paar Pence, die man zu geben bereit ist!«

 

Die Verbrecher-Gesellschaft

Peachum ist seit der Dreigroschenoper gewachsen. Vor seinen unbetrüglichen Blicken liegen die Bedingungen seiner erfolgreichen wie die Fehler seiner mißglückten Spekulationen. Kein Schleier, nicht die mindeste Illusion verhüllt ihm die Gesetze der Ausbeutung. Damit beglaubigt sich dieser altmodische, kleine weitabgewandte Mensch als ein höchst aktueller Denker. Er könnte sich ruhig mit Spengler messen, welcher gezeigt hat, wie unbrauchbar die humanitären und philanthropischen Ideologien aus den Anfängen des Bürgertums für den heutigen Unternehmer geworden sind. Die Errungenschaften der Technik kommen eben in erster Linie den herrschenden Klassen zugute. Das gilt von den fortgeschrittenen Denkformen so gut wie von den modernen Bewegungsformen. Die Herren im Dreigroschenroman haben zwar keine Autos, aber sie sind sämtlich dialektische Köpfe. Peachum zum Beispiel sagt sich, daß Strafen auf Morden stehen. »Aber auf dem Nichtmorden«, sagt er sich, »stehen auch Strafen und furchtbarere ... Ein Herunterkommen in die Slums, wie es mir mit meiner ganzen Familie drohte, ist nicht weniger als ein Inszuchthauskommen. Das sind Zuchthäuser auf Lebenszeit!«

Der Kriminalroman, der in seiner Frühzeit bei Dostojewski viel für die Psychologie geleistet hat, stellt sich auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung der Sozialkritik zur Verfügung. Wenn Brechts Buch die Gattung erschöpfender verwertet als Dostojewski, so kommt das unter anderem daher, daß darin – wie in der Wirklichkeit – der Verbrecher sein Auskommen in der Gesellschaft, die Gesellschaft – wie in der Wirklichkeit – ihren Anteil an seinem Raub hat. Dostojewski ging es um Psychologie; er brachte das Stück Verbrecher, das im Menschen steckt, zum Vorschein. Brecht geht es um Politik; er bringt das Stück Verbrechen, das im Geschäft steckt, zum Vorschein.

Bürgerliche Rechtsordnung und Verbrechen – das sind nach der Spielregel des Kriminalromans Gegensätze. Brechts Verfahren besteht darin, die hochentwickelte Technik des Kriminalromans beizubehalten, aber dessen Spielregel auszuschalten. Das Verhältnis zwischen bürgerlicher Rechtsordnung und Verbrechen wird in diesem Kriminalroman sachgemäß dargestellt. Das letztere erweist sich als ein Sonderfall der Ausbeutung, die von der ersteren sanktioniert wird. Gelegentlich ergeben sich zwischen beiden zwanglose Übergänge. Der nachdenkliche Peachum stellt fest, »wie die komplizierten Geschäfte oft in ganz einfache, seit urdenklichen Zeiten gebräuchliche Handlungsweisen übergehen!... Mit Verträgen und Regierungsstempeln fing es an und am Ende war Raubmord nötig! Wie sehr bin gerade ich gegen Mord!... Und wenn man bedenkt: daß wir nur Geschäfte miteinander gemacht haben!«

Es ist natürlich, daß in diesem Grenzfall des Kriminalromans der Detektiv nichts zu suchen hat. Die Rolle, die ihm der Spielregel nach als Sachwalter der gesetzlichen Ordnung zufällt, übernimmt hier die Konkurrenz. Was sich zwischen Macheath und Peachum abspielt, ist ein Kampf zweier Banden und ein gentlemen's agreement das happy end, das die Verteilung der Beute notariell festlegt.

 

Die Satire und Marx

Brecht entkleidet die Verhältnisse, unter denen wir leben, ihrer Drapierung durch Rechtsbegriffe. Nackt wie es auf die Nachwelt gelangen wird, tritt das Menschliche aus ihnen heraus. Leider wirkt es entmenscht. Aber das ist nicht dem Satiriker zuzuschreiben. Den Mitbürger zu entkleiden ist seine Aufgabe. Wenn er ihn seinerseits neu ausstaffiert, ihn wie Cervantes im Hund Berganza, wie Swift in der Pferdegestalt der Houyhnhnms, wie Hoffmann in einem Kater vorstellt, so kommt es ihm im Grunde dabei doch nur auf die eine Positur an, wo derselbe nackt zwischen seinen Kostümen steht. Der Satiriker hält sich an seine Blöße, die er ihm im Spiegel vor Augen führt. Darüber geht sein Amt nicht hinaus.

So begnügt sich Brecht mit einer kleinen Umkostümierung der Zeitgenossen. Sie reicht im übrigen gerade aus, um die Kontinuität mit jenem neunzehnten Jahrhundert herzustellen, das nicht nur den Imperialismus sondern auch den Marxismus hervorgebracht hat, der so nützliche Fragen an diesen zu stellen hat. »Als der deutsche Kaiser an den Präsidenten Krüger telegraphierte, welche Aktien stiegen da und welche fielen?« »Natürlich fragen das nur die Kommunisten.« Aber Marx, der es zuerst unternahm, die Verhältnisse zwischen Menschen aus ihrer Erniedrigung und Verneblung in der kapitalistischen Wirtschaft wieder ans Licht der Kritik zu ziehen, ist damit ein Lehrer der Satire geworden, der nicht weit davon entfernt war, ein Meister in ihr zu sein. In seine Schule ist Brecht gegangen. Die Satire, die immer eine materialistische Kunst war, ist bei ihm nun auch eine dialektische. Marx steht im Hintergrund seines Romans – ungefähr so wie Konfuzius und Zoroaster für die Mandarine und Schahs, die in den Satiren der Aufklärung unter den Franzosen sich umsehen. Marx bestimmt hier die Weite des Abstandes, den der große Schriftsteller überhaupt, besonders aber der große Satiriker seinem Objekt gegenüber einnimmt. Es war immer dieser Abstand, den die Nachwelt sich zu eigen gemacht hat, wenn sie einen Schriftsteller klassisch nannte. Vermutlich wird sie sich im Dreigroschenroman ziemlich leicht zurechtfinden.

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