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Kritiken und Rezensionen 1932 - 1940

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1932 - 1940 - Kapitel 15
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1932 ? 1940
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Memoiren aus unserer Zeit

Rudolf Schlichter, Das widerspenstige Fleisch. Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1932. 368 S.

Schlichters Buch, das erste eines auf drei Bände angelegten Memoirenwerks, hebt sich scharf gegen den Hauptbestand der in den letzten hundert Jahren an den Tag getretenen Autobiographien ab. Es trägt die deutlichen Symptome der Krise, die das Ideal ergriffen hat; Symptome, die interessanter sind als die literarischen Veranstaltungen, welche hier hin und wieder sie zu vertuschen getroffen werden. Mehr als man annimmt, unterliegt der autobiographische Bericht kanonischen Vorstellungen über Natur und Sinn der Lebensalter. Grade der erste Lebensraum, die Jugend – die der Verfasser hier von sich erzählt – erschien dem Humanismus als bevorzugt; es ist bekannt, wie zwanglos in seinem Ideenhimmel sich der Jüngling bewegt; wie sehr dagegen der Greis aus seinem Gestaltenreiche herausfällt. In idealischer Frische entsteigt im neunzehnten Jahrhundert – in den Bildungsromanen so gut wie in den autobiographischen – das anmut-, unschuldsvolle Kind dem Nichts, um erst im Spiel, sodann im Dichten und im Denken, Welt und Erfahrung gleichsam an sich zu ziehen. Wenn irgendwo der Geist des deutschen Humanismus lebensnah, dem Kantischen entrückt gewesen ist, so war es in der konkretesten Moral der Lebensalter, derzufolge denn auch, als die Krisis heraufzog, die Jugendbewegung als letztes Fort des Idealismus geblieben ist. Im übrigen ist nur natürlich, daß, je weiter sein Verfall gediehen ist, umso ausschließlicher durchformte Memoirenwerke Epigonensache wurden. Einem ganz andern Typus aber ist angehörig, was hin und wieder vor der klassischen Epoche derart auftaucht. Kommt man von der Lektüre Schlichters beispielsweise zu Karl Philipp Moritzens »Anton Reiser«, so fühlt man sich sofort auf bekanntem Boden; ja, man glaubt nun erst zu verstehn, was eigentlich in diesem neuesten autobiographischen Versuch ans Licht will. Ans Licht – und zwar aus tiefster Finsternis. Denn dies vor allem ist die Signatur dieser vorklassischen, heute antiklassischen Autobiographie, daß nicht die Menschwerdung des zeit- und raumentbundenen Genius – »Dichtung und Wahrheit« darf man so umschreiben – das Thema ist, sondern die Rettung der Kreatur, welche aus einem vorgeburtlichen Schlachten- und Schreckensraum gleichsam ins Helle der Geburt geflüchtet scheint. Fügt man hinzu, daß das chaotische Gemächt, das noch im Raum von Anton Reisers oder Schlichters Kindheit waltet, mit tausend hergeschneiten Einzelheiten – Musik und Prügeln, Mobiliar und Wetter, Ameisen und Vokabeln – innigste Verbindung eingeht, so hat man auf das wichtigste mindestens hingedeutet. Bekanntlich stellen Frömmelei und Sexualität das Muster dieser seltsamen Legierung jeder Moderne mit der ihr zubestimmten Vorwelt dar. Und so entspricht dem, was für Reisers Kindheit der Pietismus war, in Schlichters recht genau der Fetischismus. Mit einem Wort: die Psychologie des Kindes ist nichts Fixiertes. Grade das kindliche Verhalten ist bezeichnet durch unerschöpfliche Vermittelungen des zeit- und urgeschichtlichen Moments. Aufs innigste ist Schlichters Kinderwelt verschweißt mit jenen finstren und skurrilen Seiten des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, seinem »Lebensstil«. Da gibt es eine Tante Wilhelmine Nirk. In ihrem »Reitkostüm von dunkelblauer Farbe mit Wespentaille, die vorne herunter mit einer Reihe Perlmutterknöpfen besetzt war ... hochschäftige gelbe Schnürstiefel aus feinem Chevreauleder mit dünnen hohen Pompadourabsätzen« an den Füßen, mit weißen Glacéstulpenhandschuhen und Reitpeitsche ausgestattet, trug sie dem jungen Schlichter etwas von jener Welt zu, für welche sich Marcel Proust durch Odette entflammte. Man darf nicht fragen, was Stuttgart mit Paris zu schaffen hat. Denn sicher ist, daß in beider Kindheit, der des württembergischen Kleinbürgersohns und jener des Pariser Elegants, die Städte sich aufs seltsamste verpuppen, so daß beim Klang der rue de Parme Proust Veilchenduft entgegenschlug, Schlichter aber – von der Stuttgarter Festtafel her – nach Jahren noch »der Geruch von Salzkartoffeln ... das Symbol der Großstadt« gewesen ist. Der Reichtum des Lokalkolorits ist es, von dem dergleichen Stellen einen Vorschmack geben können. Und welcher Lokale: das Dörfle des Karlsruher Apachenviertels, das Nonnengäßle, wo die Armut seiner Heimatstadt ansässig war, Zuffenhausen und Bieringen, die Glaiche und G'staire der Flößerei auf der Nagold, die Trassen der Pforzheimer Bahn und die Quartiere des Bäckermeisters Heugle und des Posamentiers Dirrlam stehen in der Prallheit ihres Dialekts, im Gewimmel ihrer Bewohner, in der Drastik ihrer Gerüche da. Und neben dem Volkstümlichen mobilisieren diese Schilderungen einen gelehrten oder auch quacksalberischen Wortschatz. Diese Welt ist mit ihren suspekten Konzeptionen, ihren prekären Aspirationen soweit wie möglich von aller Heimatkunst entfernt, und was bleibt dem »widerspenstigen Fleisch« da übrig, als auch seinerseits ein Fremdwörterbuch zu studieren, in welchem Exhibitionismus und Sodomie, Sadismus und Koprophilie keine geringe Rolle spielen. Es ist ein vielspältiges, ja ein wimmelndes Leben, das hier beschrieben ist. Und wenn der Ekel, wie man behauptet hat, die tiefsten atavistischen Verwandtschaftsformen aufzeigt, versteht man den sehr gut, den der Verfasser vor dem tausendfachen Tiergewimmel im Unterholz der Wälder gefühlt zu haben bekennt. Und auch dies entspricht der Form des Gewimmels, daß die gleichen Figurationen – in diesem Fall die sexuellen – immer wieder an den heterogensten Stellen auftauchen. Es ist überhaupt ein Buch, in dem alle Elemente im Widerstreit, einander trennend, pressend, quetschend an den Tag treten. Es krabbelt und wuselt wie auf Breughelschen Höllenbildern, es schwillt und strotzt wie Hexenbrüste und Hurenschenkel bei Hans Baldung Grien. Die Ketzer – Manichäer und Karpokratianer – sind Zeitgenossen dieses württembergischen Gärtnersohnes. Sein Mittagstisch wird dem angehenden Fabrikarbeiter im Handumdrehen zur »Freßhölle« und in den Fenstern seiner mütterlichen Straße sitzen Gestalten vom Blocksberg. So also in einer finstren Wolke von Trabanten tritt hier die Kindheit auf den Plan. Weniger der nächtliche Wald als die französische Revolution ist hier die Geisterlandschaft, in der die Weisungen der Kolportage die einzige Rettung sind. Karl Marx wird Ahnherr von Karl May. So weit der junge Schlichter. Der erwachsene aber baut vor, wenn auch nur mit Worten: Mit vorgebauten Worten: dem Motto. »Per Evangelica dicta deleantur nostra delicta. Meßbuch der katholischen Kirche.« Mag das Bekenntnis lauten wie's will. Die Haltung eines Buches, das mit so schonungslosen Angaben über die dem Verfasser Nächststehenden zu deren Lebzeiten erscheint, entspricht immer noch besser dem Kommunistischen Manifest als dem Missale.

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