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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 83
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Alfred Polgar, Hinterland.

Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1929. 275 S.

»Natur ist, wo du ohne dich allein bist« – in dieser Definition steckt nicht nur Polgars ganze Sprachkunst; sie ist der archimedische Punkt, von wo aus er die Welt sieht. »Der archimedische Punkt, von wo aus er die Welt sieht« – das ist es eben: er wird die Welt nicht bewegen, sondern beschauen. Wieso aber sein Weltbeschauen dennoch Aktion ist, und er also im Hebelpunkte philosophiert, davon später. Das wollen wir aber an seinem Begriff von Natur gleich festhalten, daß er Partei nimmt. Unbedingt gegen den Menschen, wo er nicht »ohne sich allein« ist, wie Liebende oder Kinder. Diese Natur liebt er, die in sich versunken ist, den welthistorischen Belangen den Rücken kehrt, Wien und das Salzkammergut im Schoß hält, Süßes für ihre Kinder, aber nichts für ihre Erwachsenen übrig hat. In ihrem Schatten hat sich sein Spott gekühlt und seine Trauer ist auf ihren Höhen wetterfest geworden. Und nun ermesse man, was in ihm vorging, als eines Tages alle Menschenschmach begann, über die Gewaltige hinzuspülen. Er blieb ihr aber nur desto eigensinniger treu und erduldete was geschah »aus der Perspektive von damals; aus der Ohnmachts-Perspektive also«. Heute veröffentlicht er »Hinterland«, die Folge im Weltkrieg und im anschließenden Weltfrieden erschienener Skizzen, die sich so scharf von den »Schilderungen« abheben, der gut abgehangenen, durchräucherten Schwarte Weltgeschichte, die vorsorgliche Autoren zur Zeit aus dem Rauchfang holen. Der Leser dieser Polgarschen Skizzen stößt, post festum, auf die Befehle und Direktiven, die damals nur verstohlen über Nacht der großen Formation der Refraktäre, Simulanten, Defaitisten zugestellt wurden, den Korps, die im Rücken des uniformierten Heeres den Heldenkampf auf Seiten der Natur und gegen die Gesellschaft gefochten haben. Der Krieg hat die überraschendsten Avancements gesehen und eines von ihnen war das dieses Epikuräers, des soignierten Herrn, der, was es nur Vertrauenswürdiges, Beruhigendes gibt, die Verläßlichkeit des jüdischen Arztes, des jüdischen Bankiers, des jüdischen Anwalts in sich vereint, zum Wortführer aller Streitkräfte der passiven Resistenz. Daß ein Österreicher dies werden mußte, war vorbestimmt. Es ist nachgerade überhaupt die europäische Rolle des Österreichertums geworden, aus seinem ausgepowerten Barockhimmel die letzten Erscheinungen, die apokalyptischen Reiter der Bürokratie zu entsenden: Kraus, den Fürsten der Querulanten, Pallenberg, den geheimsten der Konfusionsräte, Kubin, den Geisterseher in der Amtsstube, Polgar, den Obersten der Saboteure. Und diese seine österreichische Rolle führt er in jeder erdenklichen Ausstaffierung, vom Ketzer zum Kasperl, vom Terroristen zum Trottel durch und kann dabei in so unscheinbaren Kostümen wie dem des Panoramadieners vor der »Schlacht beim Berge Isel« erscheinen, wo überall Tote liegen, aber »bei den Franzosen viel, viel mehr als bei den Tirolern. Warum? – Nur der Panoramadiener kann das erklären.« Wirklich kann er's. Von der strotzenden Volute des Kanzelredners bis zur idiosynkratischen Reflektionsspirale von Nestroy verschlingen sich in seiner Sprache noch einmal alle Abbreviaturen und Arabesken des Wienerischen. Abraham a Santa Claras Beredsamkeit hat kein großartigeres Bild gefunden als Polgar für den Frieden von Brest-Litowsk. »Das Rad des Geschehens ging über den Friedensvertrag, nahm ihn mit, wie das Wagenrad ein Stück Papier mitnimmt, das auf dem Fahrweg liegt. – Nach ein paar Umdrehungen verschwindet es im Schmutz der Straße.« Dieser emblematische Lakonismus herrscht überall. Wie ein Ausschlag kam am verfallenden Wien eine verborgene Bildwelt zum Vorschein, und an den Häuserwänden, von denen der Kalk sich löste, erschien als weißer Flecken das Siegel unter dem Menetekel, das Polgar längst auf ihnen gelesen hatte. Darum ist diese von seinen wienerischen Schriften die Quintessenz. Endlich beginnt die Stadt, die so lange unter seinem Brennglas gelegen hat, Feuer zu fangen. Und da sitzt er im »Abendlande des Unterganges«, der Heurige treibt ihm die Tränen aus beiden Augen, auf der Estrade wird der letzte Zapfenstreich angezettelt und der Wiener Strudl verschlingt den Gast.

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