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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 79
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der arkadische Schmock

Albrecht Schaeffer, Griechische Helden-Sagen. Neu erzählt nach den alten Quellen. Folge 1. Leipzig: Insel-Verlag, [1929], 248 S.

»Theseus drehte sich zurück und erhob langsam die Klinge. Dann sprang er zu und hieb sie, den Schild spaltend, bis in die Mitte hinein, wo sie stecken blieb und zerbrach. Theseus hob mit einem Lächeln das Heft über die Stirn empor. Leer wie eine Hand, sagte er und ließ das Heft und ließ sich selber mit einem schluchzenden Gelächter kopfüber der Tiefe zufallen.« Oder so: »Einzig der Wechsel – wie drinn in der Lunge Eingang und Ausgang der windigen Lüfte – war ihm das Leben, ein immer verübter, und niemals bemerkter, goldner Betrug.« Oder so: »Unübersehbar ergoß sich grüne rauschende Tiefe zu Kränzen blauender Wälder. Die Glocke des Himmels blühte darüber in hauchender Bläue, wo schwebend Wolken wie Muschel-Inneres rosig leuchteten. Der Westen atmete in flehendem Grün dem versunkenen Gotte nach, und aus Scharen großer Reiher-Vögel, die über der Dämmerung aufblitzend zurückfielen, kam ein Saiten-Schwirren melodisch.«

So stur ist keiner, daß ihm nicht aufging, hier spricht ein Dichter, der aus dem Vollen schöpft, mit der antiken Sinnenfreude auf Du und Du steht und, wenn er den Mund öffnet, da beginnt, wo dem Dichter der »Penthesilea« der Atem ausging. Er hat die Stimme von »Jenseits« gehört, mit welcher Zeus die Europa anspricht, ihm ist sogar das ›innere Licht‹ nicht entgangen, das dem Herakles die Reflexe am Speer »zum Schein eines Gesichts« macht. Er weiß, was die Zitronenfalter im trojanischen Kriege getrieben haben und wie die Götter so anschaulich reden und hört Athene, wie sie gesprächsweis, vom Herakles äußert: »Seine Taten sind so viel, wie über ihm Früchte hängen.« Der Leser aber geht in sich und beginnt sich des Bettels zu schämen, den Grimm und Schwab, Bechstein und Möllenhoff in ihren Sagenbüchern dem Volke hinwarfen. Und sein einziger Trost, in diesem Gefühl mit einem Autor übereinzustimmen, der über seinen Vorgänger, Schwab, sagt: »Eine Darstellung muß es darum verfehlen, die es wagt, auf Heroismus oder Pathos besondere Lichter zu setzen. Wenn etwa Schwab die Antigone ›Heldenjungfrau‹ nennt, so mißfällt uns nicht nur das Gezierte des Ausdrucks, sondern das aufgesetzte Glanzlicht, das die Größe künstlich erscheinen läßt.« Hat man aber alle Anstalt getroffen, diesen Nachfolger mit Ehren in das Regal zu stellen, so stößt man, im nächsten Absatz dieser sonderbaren Selbstanzeige, des Verfassers, auf die Worte: »Dennoch sind wir Kinder unseres Jahrhunderts, wir wollen, auch wenn wir poetische Felder betreten, den bitteren Lehrgang durch Psychologie und Pathologie nicht umsonst geleistet haben.« Ob nicht am Ende das Betreten poetischer Felder verboten ist, ob und wie jemand einen Lehrgang leistet, soll nicht erörtert werden. Befremdliches genug bleibt noch übrig.

Handgreiflich ist am ganzen Programm des Autors am ehesten das Verhältnis zu Schwab. Dem muß man nachgehen. Schwabs »Sagen des klassischen Altertums« sind in der Geschichte der Sage ein Markstein. Keine Neubelebung, sondern der epochale Abschluß. Zum ersten Male wird bei Schwab die Sage als Werkzeug klassischer Bildung kodifiziert. Damals aber legitimierte der Humanismus sich noch in einer Leistung an die Nation, die bis in die früheste kindliche Bildung hinuntergriff. Die durchsichtige, selbst Kindern zugängliche Fassung der Schwabschen Sagen gibt die Gewähr für die Lauterkeit einer Bestimmung, die sie snobistischem Urteil entrückt. Schwabs Verhältnis zu Tiefe und Umfang der Sagenwelt ist dem der abschließenden Banalitäten der Chorverse zum Ganzen einer griechischen Tragödie vergleichbar. Nur als Banalität, nicht anders, konnte damals das Größte an dieser Sagengestaltung des schwäbischen Pfarrers sich ausprägen: Daß er der Überlieferung die Autorität wahrte. Dies aber ist für jede Niederschrift von Sagen der Prüfstein. Wir besitzen in den »Deutschen Sagen« der Grimm das vollendete Muster, das noch der zwanzig Jahre späteren Sammlung Schwabs die Richtung gewiesen hat. Der Stil der Sage, wie diese Großen ihn nicht sowohl geschaffen wie geborgen haben, liegt im Lakonismus. Mit jedem Satze bringt die Sage ein neues Geschehen. Sie meidet die Überschneidungen, aus denen die Stimmung kommt. Sie schließt den Dialog aus, der ihre epische Besinnung herabmindert. Sie haßt die Nuance, die der Tod aller Autorität ist.

Stimmung, Dialog und Nuance machen bei Schaeffer die Sage. Eine verweichlichte, jedem Einfall hörige Prosa gibt sich für Überlieferung. Wo einer klassisch war, können tausend romantisch sein. Einer von diesen tausend ist Schaeffer. Ein Nichts. Eine lächerliche Minorität. Wer glaubt ihm seine »epera pteroenta«, seine Wolkenschimmer und Vogeltriller? Was soll uns diese nagelneue Kunde vom Alten? Glücken konnte dies Buch nicht. Daß es aber so schlecht werden mußte, als es nur irgend werden konnte, das ist das Werk der Kräfte, welche strenger als je die weltgeschichtliche Brache der Sage hüten. Bachofens Studium hätte sie dem Verfasser vernehmlich gemacht. Kann aber dem geholfen werden, den das Studium antiker Quellen nicht vor dem Modischsten: der Mischung von Impressionismus und Symbolik bewahrte, die den Schmock definiert? Die Danaidenarbeit dieser Nachschöpfung trägt ihre Strafe in sich.

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