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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 57
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Paris als Göttin
Phantasie über den neuen Roman der Fürstin Bibesco

Marthe Bibesco, Catherine-Paris. Roman. (Deutsch von Käthe Illich.) Wien, Leipzig: F. G. Speidel'sche Verlagsbuchhandlung (1928). 365 S. (Die Übersetzung ist gut.)

Eine bibliographische Allegorie: Die Göttin der Hauptstadt von Frankreich, in ihrem Boudoir, träumerisch ruhend. Ein Marmorkamin, Gesimse, schwellende Polster, Tierfelle über Diwan und Estrich. Und Nippes, Nippes überall. Modelle vom Pont des Arts und von der Tour Eiffel. Auf Sockeln, um die Erinnerung an so viel Verschollenes wachzurufen, in winzigem Maßstab Tuilerien, Temple und Château d'Eau. In einer Vase die zehn Lilien des städtischen Wappens. Doch all dies malerische bric-à-brac gesteigert, übertrumpft, begraben durch die unübersehbare Menge tausendgestaltiger Bücher – Sedeze, Duodeze, Oktavos, Quartos und Folios aller Größe und Farbe – von unbelesenen Amoretten aus den Lüften dargeboten, von Faunen aus dem Füllhorn der Portieren ausgeschüttet, von Genien kniend vor ihr ausgebreitet: Die Huldigungen des dichtenden Erdballs. Keusche, mit Schließen versicherte, in geschrumpftes Leder gewandete Straßenverzeichnisse aus der Jugend der Stadt, dem wahren Kenner weit verführender als die schwelgerisch sich entblätternden Bilderatlanten; schamlos in aller schwarzen Pracht der Kupferdrucke erschlossene »Mystères de Paris«; eitle Bände, die dieser Stadt einzig von ihrem Verfasser reden, von seinem Scharfblick, seiner Distinktion, wenn nicht gar von den glücklichen Augenblicken, die er bei ihr genossen, und Bücher von der adligen Demut kristallener Spiegel, in denen die hohe Gefeierte sich in allen Gestalten zugleich erblickt, die sie im Lauf der Jahrhunderte annahm. Das wichtigste Kennzeichen des barocken Emblems, das wir hier post festum entwerfen, nicht zu vergessen: wie im Vordergrund die Bücherflut, über die wölbige Rampe des Boudoirs sich ergießend, zu Füßen eines Rezensentenkollegiums aufschlägt, das alle Hände voll zu tun hat, sie zu teilen und abzufangen.

Von allem, was hier angespült werden mag, hat das Buch der Fürstin Bibesco die Grundsubstanzen. Dieser Roman hat Geschichte, Statistik, Topographie von Paris auf gute Art in sich integriert. Spröder und phantasievoller ist der Stadt selten gehuldigt worden. Eine Leidenschaft bricht hindurch, wie nur die Fremden sie kennen. Denn die Fürstin Bibesco ist Rumänin. Ihre Heldin übrigens auch. Legt das schon nahe, Geständnisse hier zu sehen und den Schlüssel für die Personen zu suchen, so sind die inneren Gründe dafür noch besser. Die göttliche Impertinenz der Heldin könnte sie wohl, wenn sie sich einmal zum Schreiben entschlösse – und wer sagt, daß sie es hier nicht getan hat? – zur Verfasserin eines Schlüsselromanes machen. Und vielleicht käme man sogar dem Charme und Wert des Buches genauer auf die Spur, entschlösse man sich einmal, hypothetisch, den Schlüsselroman als Kunstform zu sehen. Man brauchte dann nicht, wie der erste Gatte der Verfasserin, ein hochgeborener polnischer Magnat zu sein, um gestehen zu müssen, daß er geglückt ist. In Polen hat man sich denn aber bei kunsttheoretischen Subtilitäten nicht aufgehalten, und die Moral der Erzählung, im Einklang mit einer Lebenserfahrung der Verfasserin, in den schlichten Worten gesehen: On n' épouse pas un Polonais. Gegenstück zu der resignierten Überschrift des vierten Kapitels: On n' épouse pas une ville – nämlich Paris, das sie denn schließlich doch in Gestalt eines Fliegerleutnants sich antraut.

Wie dem nun sei, der Schlüsselroman ist eine echt romantische Variante der Romanform. Es stimmt dazu vorzüglich, daß die Fürstin ganz offenbar bei dem romantischsten Romancier unter den Heutigen sich geschult hat. Wenn man ihr Werk sich vornimmt, sieht man erst, was dieser Giraudoux für ein großer literarischer Prinzenerzieher ist. Von rechtswegen. Niemand praktiziert den romantischen Absolutismus virtuoser als er. Von Giraudoux stammt jener merkwürdige Facettenreichtum, der vorher im Roman ganz unbekannt war. Es lohnt die Mühe, ihn zu betrachten. Er hat nichts mit der Geschliffenheit der Redeweise Wildescher Figuren zu tun; ist vielmehr die geschliffene Kantigkeit und die tausendflächige Transparenz der Figuren selbst. Der Verfasser hat es in ihnen mit Prismen zu tun, an denen seine Gefühle in den feurigsten Farben sich brechen. So weit der Lyrismus dieser neuen Romanform. In welchem Glänze er sich geltend macht, zeigt eins seiner letzten, exzentrischsten Bücher, die »Eglantine«. In anderem Sinne aber ist hier »Bella« heranzuziehen. Nicht umsonst auch sie ein Schlüsselroman oder, wie Horatio sagen würde, »ein Stück von ihm«. Denn das ist das andere Element: die Aktualität, die Präsenz des Sportlichen, des Politischen, des Mondänen. Von hier droht diesen Büchern die Gefahr des Snobismus wie vom Lyrischen die des Preziösen. Zwischen diesen beiden Polen sind die Romane dieses neuen Typs der fulminante Ausgleich. Oder, weil in diesem Bild die Autoren zu kurz kommen: Leitartikel und Liebeslied sind die beiden Pfosten, zwischen denen das Seil gespannt ist, und welchem die Verfasser mit der Balancierstange ihrer Gescheitheit sich hin und her zu bewegen haben. Und die Fürstin Bibesco ist wirklich klug. Die Weisheit des Herzens und die Erfahrungen des Hoflebens durchdringen sich ihr in einem barocken Ensemble, das von fern an die großen schreibenden Praktiker, Krieger und Kirchenfürsten, des siebzehnten Jahrhunderts erinnert. »Er wußte vielleicht, was alle Ehrgeizigen, wenn sie ihr Ziel erst erreicht haben, wissen, daß der Besitz der Macht nur eine einzige Wollust kennt: die Macht zu verachten« – ist das nicht eines Vauvenargues würdig?

So mag sich denn die Verfasserin auch eine barocke Apotheose gefallen lassen: Gegenbild eines beliebten Vorwurfs der alten Meister. Wie oft zeigen sie uns nicht den siegreichen Feldherrn, wenn er mit repräsentativer Gebärde die Schlüssel einer eroberten Stadt in Empfang nimmt? Hier überreicht mit gleich großer Geste ein erobertes Herz der Stadtgöttin seine Schlüssel.

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