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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 54
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Spielzeug und Spielen

Randbemerkungen zu einem Monumentalwerk

Karl Gröber, Kinderspielzeug aus alter Zeit. Eine Geschichte des Spielzeugs. Berlin: Deutscher Kunstverlag 1928. VII, 68 S., 306 Abb., 12 farbige Tafeln.

Es wird lange dauern, bis man dazu kommt, in diesem Buche zu lesen, so faszinierend ist der Anblick der unabsehbaren Spielzeugwelt, die der Tafelteil vor dem Leser ausbreitet. Regimenter, Karossen, Theater, Sänften, Geschirre – alles ist liliputanisch noch einmal da. Es mußte endlich der Stammbaum der Schaukelpferde und Bleisoldaten versammelt, die Archäologie der Kaufmannsläden und Puppenstuben geschrieben werden. Das ist in aller wissenschaftlichen Zuverlässigkeit und ohne archivalische Pedanterie in dem Textteil dieses Buches geschehen, der ebenbürtig neben dem Bilderteile besteht. Es ist ein Werk aus einem Guß, dem man nirgends von den Mühen seiner Herstellung etwas anmerkt, und von dem man nun, da es vorliegt, nicht mehr versteht, wie es fehlen konnte.

Im übrigen liegt die Neigung zu solcher Forschung im Zuge der Zeit. Das Deutsche Museum in München, das Spielzeugmuseum in Moskau, die Spielzeugabteilung des Musée des Arts Décoratifs in Paris – Schöpfungen jüngster Vergangenheit oder der Gegenwart – zeigen an, daß überall und wohl aus guten Gründen das Interesse am rechtschaffenen Spielzeug erwacht. Die Ära der Charakterpuppen, da die Erwachsenen kindliche Bedürfnisse vorschoben, um ihren eigenen kindischen zu genügen, ist abgelaufen; der schematische Individualismus des Kunstgewerbes und das individualpsychologische Bild vom Kinde, die im Grunde einander so gut verstanden, wurden von innen gesprengt. Gleichzeitig wagte man die ersten Schritte aus dem Bannkreis der Psychologie und des Ästhetizismus heraus zu tun. Die Volkskunst und das kindliche Weltbild wollten als kollektive Gebilde begriffen werden.

Diesem jüngsten Stande der Forschung entspricht im ganzen das vorliegende Werk, wenn anders man ein Standardwerk von dokumentarischem Charakter auf eine theoretische Haltung verpflichten kann. Denn in der Tat muß diese Stufe den Obergang zu einer genaueren Fixierung der Dinge bilden. Wie nämlich die Merkwelt des Kindes überall von Spuren der älteren Generation durchzogen ist und mit ihnen sich auseinandersetzt, so auch in seinen Spielen. Unmöglich, sie in einem Phantasiebereiche, im Feenlande einer reinen Kindheit oder Kunst zu konstruieren. Das Spielzeug ist, auch wo es dem Gerät der Erwachsenen nicht nachgeahmt ist, Auseinandersetzung, und zwar weniger des Kindes mit den Erwachsenen, als der Erwachsenen mit ihm. Wer liefert denn zu Anfang dem Kinde sein Spielgerät wenn nicht sie? Und mag ihm ein gewisses Belieben bleiben, die Dinge anzunehmen oder zu verwerfen: nicht weniges vom ältesten Spielzeug (Ball, Reifen, Federrad, Drachen) wird ihm als kultisches Gerät, das erst Spielzeug geworden ist, und freilich dank seiner Bildkraft auch werden durfte, gewissermaßen oktroyiert worden sein.

Es ist also ein großer Irrtum in der Annahme, daß schlankweg die Kinder selber mit ihrem Bedürfnis alles Spielzeug bestimmen. Töricht, wenn ein sonst verdienstliches neueres Werk vermeint, beispielsweise die Klapper des Säuglings mit der Behauptung deduzieren zu können: »In der Regel verlangt zunächst das Ohr nach Beschäftigung« – da doch von altersher die Rassel ein Instrument zur Abwehr böser Geister ist, das man gerade dem Neugeborenen in die Hand geben muß. Und sollte nicht mit folgender Bemerkung selbst der Verfasser dieses Werkes irren? »Nur was das Kind bei den Großen sieht und kennt, will es bei seiner Puppe. Deswegen war bis ins 19. Jahrhundert die Puppe nur im Kleid der Erwachsenen beliebt, das Wickelkind oder das Baby, wie es heutzutage den Spielzeugmarkt beherrscht, fehlte früher ganz.« Nein, nicht auf die Kinder geht das zurück; dem spielenden Kinde ist seine Puppe bald groß, bald klein, und gewiß als ein untergebenes Wesen oft eher das letztere. Vielmehr war eben bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein der Säugling als geistgestaltes Wesen völlig unbekannt und andererseits der Erwachsene dem Erzieher das Ideal, nach dem er die Kinder zu bilden gedachte. Und in diesem heut so gern belächelten Rationalismus, der im Kinde den kleinen Erwachsenen sah, ist jedenfalls dem Ernst als der Kindern gemäßen Sphäre sein Recht geworden. Dagegen tritt der subalterne »Humor« im Spielzeug als ein Ausdruck jener Unsicherheit, die der Bourgeois im Umgang mit Kindern nicht los wird, zugleich mit den großen Formaten auf. Die Lustigkeit aus Schuldbewußtsein kommt bei den albernen Verzerrungen ins Große, Breite vorzüglich auf ihre Rechnung. Wer Lust hat, dem Warenkapital in die Fratze zu sehen, braucht nur an eine Spielzeughandlung zu denken, wie sie bis vor fünf Jahren typisch gewesen und in kleinen Städten noch heute die Regel ist. Höllische Ausgelassenheit ist die Grundstimmung. Von den Deckeln der Gesellschaftsspiele, aus dem Kopf der Charakterpuppen grinsten Larven, lockten aus dem schwarzen Kanonenrohr, kicherten in den sinnreichen »Katastrophenwagen«, die beim fälligen Eisenbahnunglück in die vorgesehenen Teile zerfielen.

Kaum aber hatte hier die militante Bosheit sich verkrochen, so kam der Klassencharakter dieses Spielzeugs an anderer Stelle zum Durchbruch. Die »Einfachheit« wurde ein kunstgewerbliches Schlagwort. Die liegt nun aber in Wahrheit für Spielzeug nicht in den Formen sondern in der Durchsichtigkeit seines Herstellungsprozesses. Sie kann also nicht nach einem abstrakten Kanon beurteilt werden, variiert vielmehr in den verschiedenen Regionen und hat mit formaler um so weniger zu tun, als manche Verarbeitungsarten – besonders das Schnitzen – alle spielende Willkür an einem Objekt entfalten können, ohne darum im mindesten unverständlich zu werden. Wie denn auch ehemals die echte und selbstverständliche Einfachheit von Spielsachen keine Angelegenheit formalistischer Konstruktion sondern eben der Technik war. Denn ein charakteristischer Zug aller Volkskunst – Nachbildung feiner Technik in Verbindung mit kostbarem Material durch primitive Technik in Verbindung mit gröberem – läßt sich gerade am Spielzeug deutlich verfolgen. Porzellane aus den großen zaristischen Manufakturen, die auf russische Dörfer verschlagen wurden, gaben das Vorbild zu Puppen und Genreszenen in Holzschnitzerei. Die neuere Folkloristik ist längst von dem Glauben zurückgekommen, das Primitivere sei unter allen Umständen auch das Ältere. Oft ist die sogenannte Volkskunst nur gesunkenes Kulturgut einer herrschenden Klasse, das, in ein breiteres Kollektivum aufgenommen, sich erneuert.

Es ist nicht das kleinste Verdienst des Gröberschen Werkes, diese Bedingtheit des Spielzeugs durch die ökonomische und ganz besonders durch die technische Kultur der Kollektiva schlagend gezeigt zu haben. Hatte man aber Spielzeug bis heute allzu sehr als Schöpfung für das Kind, wenn nicht als Schöpfung des Kindes betrachtet, so wird das Spielen wiederum noch immer allzu sehr vom Erwachsenen her, allzu ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Nachahmung angesehen. Und es läßt sich nicht leugnen, daß es nur dieser Enzyklopädie des Spielzeugs bedurfte, um die Theorie des Spiels, die, seit Karl Groos im Jahre 1899 seine bedeutenden »Spiele der Menschen« erscheinen ließ, nie wieder im Zusammenhang behandelt worden ist, neu zu beleben. Sie hätte sich zuvörderst mit jener »Gestaltlehre der Spielgesten« zu befassen, von denen hier vor kurzem (18. Mai 1928) Willy Haas die drei wichtigsten aufführte: Erstens: Katze und Maus (jedes Fangspiel); zweitens: die Tiermutter, die ihr Nest mit Jungen verteidigt (z.B. der Goal Wächter, der Tennisspieler); drittens: der Kampf zwischen zwei Tieren um die Beute, den Knochen oder das Liebesobjekt (um den Fußball, den Poloball usw.). Sie hätte weiterhin die rätselhafte Zweiheit Stock und Reifen, Kreisel und Peitsche, Murmel und Schieber, den Magnetismus, der sich zwischen beiden Teilen bildet, zu erforschen. Wahrscheinlich ist es so: bevor wir im Außerunssein der Liebe in das Dasein und den oft feindlichen, nicht mehr durchdrungenen Rhythmus eines fremden menschlichen Wesens eingehen, experimentieren wir früh mit ursprünglichen Rhythmen, die in dergleichen! Spiel mit Unbelebtem in den einfachsten Formen sich kundtun. Oder vielmehr, es sind eben diese Rhythmen, an denen wir zuerst unserer selbst habhaft werden.

Endlich hätte eine solche Studie dem großen Gesetz nachzugehen, daß über allen einzelnen Regeln und Rhythmen die ganze Welt der Spiele regiert: dem Gesetze der Wiederholung. Wir wissen, daß sie dem Kind die Seele des Spiels ist; daß nichts es mehr beglückt, als »noch einmal«. Der dunkle Drang nach Wiederholung ist hier im Spiel kaum minder gewaltig, kaum minder durchtrieben am Werke als in der Liebe der Geschlechtstrieb. Und nicht umsonst hat Freud ein »Jenseits des Lustprinzips« in ihm zu entdecken geglaubt. In der Tat: jedwede tiefste Erfahrung will unersättlich, will bis ans Ende aller Dinge Wiederholung und Wiederkehr, Wiederherstellung einer Ursituation, von der sie den Ausgang nahm. »Es ließe sich alles trefflich schlichten, /Könnte man die Sachen zweimal verrichten«, nach diesem Goetheschen Sprüchlein handelt das Kind. Nur gilt ihm: nicht zweimal, sondern immer wieder, hundert- und tausendmal. Das ist nicht nur der Weg, durch Abstumpfung, mutwillige Beschwörung, Parodie, furchtbarer Urerfahrungen Herr zu werden, sondern auch Triumphe und Siege aufs intensivste immer wieder durchzukosten. Der Erwachsene entlastet sein Herz von Schrecken, genießt ein Glück verdoppelt, indem er's erzählt. Das Kind schafft sich die ganze Sache von neuem, fängt noch einmal von vorn an. Vielleicht ist hier die tiefste Wurzel für den Doppelsinn in deutschen »Spielen«: Dasselbe wiederholen wäre das eigentlich Gemeinsame. Nicht ein »So-tun-als-ob«, ein »Immer-wieder-tun«, Verwandlung der erschütterndsten Erfahrung in Gewohnheit, das ist das Wesen des Spielens. Denn Spiel, nichts sonst, ist die Wehmutter jeder Gewohnheit. Essen, schlafen, anziehen, waschen, müssen dem kleinen zuckenden Balg spielhaft, nach dem Rhythmus begleitender Verschen eingeimpft werden. Als Spiel tritt die Gewohnheit ins Leben, und in ihr, ihren starrsten Formen noch, überdauert ein Restchen Spiel bis ans Ende. Unkenntlich gewordene versteinerte Formen unseres ersten Glücks, unseres ersten Grauens, das sind die Gewohnheiten. Und noch der trockenste Pedant spielt, ohne es zu wissen, kindisch nicht kindlich, am meisten, wo er am meisten Pedant ist. Er wird sich seiner Spiele nur nicht erinnern; ihm allein bliebe ein Werk wie dieses hier stumm. Wenn aber ein moderner Dichter sagt, es gebe für jeden ein Bild, über dem die ganze Welt ihm versinkt, wie vielen steigt es nicht aus einer alten Spielzeugschachtel auf?

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