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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 47
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drei Bücher: Viktor Schklowski – Alfred Polgar – Julien Benda

Viktor Schklowski, »Sentimentale Reise durch Rußland«; Alfred Polgar, »Ich bin Zeuge«; Julien Benda, »Der Verrat der Intellektuellen«

Gemeinsam ist den drei Büchern, die wir hier vor den Leser legen, dieses: es sind in der Form essayistischer oder tagebuchartiger Aufzeichnungen ebenso scharfe Abbilder des heutigen Europa wie lebendige Porträts ihrer Autoren. Schklowski, der Russe, schreibt die Chronik der Revolution im äußersten Osten des Riesenreiches, der Wiener Polgar stellt die Diagnose des fiebernden Erdballs mit der zärtlichen Akribie eines Arztes und der Franzose Benda nimmt im Augenblick der schwersten Krisis aller im Humanismus ehemals gesicherten Begriffe von Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit die besten Traditionen seines Landes auf, um die Intelligenz, die diese Losungen verraten hat, von neuem unter ihnen zu sammeln. Der bolschewistische Epiker, der deutsche Meister der kleinen Form, der gallische und gründliche Polemiker – sie alle sind politische Autoren. Ohne die begriffliche Sprache der Zeitungen und Broschüren zu reden, stellen sie dar, wie grade das geschulteste, strengste Denken heut in politische Aktivität umzuschlagen gezwungen ist. Und nicht von jeher?

Viktor Schklowski gehört der Vereinigung der Serapionsbrüder an. Mit Wsewolod Iwanov und Konstantin Fedin bildete er die Gruppe der Führer. Er hat mehrere Schüler gehabt, von denen Michael Slonimski der bekannteste ist. Man kann in der »Sentimentalen Reise« lesen, wie Schklowski in dem Frost- und Hunger-Winter 1921 in Leningrad am kunstgeschichtlichen Institut Kurse über die Schriftstellerei abgehalten hat. Damals kam er aus der verwilderten Ukraine zurück. Es ist nicht leicht zu sagen, was dazu gehörte, nach Schreckensjahren, wie sie hinter ihm lagen, im Nu (wie man von einem Pferd aufs andere springt) die Herrschaft über seine eigenen Theorien und über seine Hörer zu gewinnen. An diesen Theorien gibt es nichts Banales. Man stößt auf Stellen wie die folgende: »In ihrem Ursprung ist die Kunst destruktiv und ironisch. Ihr Ziel ist die Erzeugung von Ungleichheiten. Dahin gelangt sie mittels des Vergleichs. Durch die Kanonisierung subalterner Formen erschafft sie sich neue. So geht Puschkin von der Dichtform im Poesiealbum aus; Nekrassow vom Vaudeville; Blok von der Romanze der Zigeuner; und Majakowski von der humoristischen Dichtung. Das Schicksal der Helden, die Zeit der Handlung, alles dient nur der Motivierung der Form.« Schklowski bekennt hier und sonst sich zum Formalismus. Aber das muß eine neue Form sein, so gut wie eine neue Sentimentalität, denen er dieses formlose, unsentimentale Buch, »Die Sentimentale Reise«, Victor Chklovski, Voyage sentimental. (Traduction de Vladimir Poszner.) Paris: Simon Kra 1926. 274 S. unterstellt hat. Man versteht, was er meint, wenn er »Feuer« von Barbusse ablehnt; das Buch ist ihm viel zu gut komponiert. Schklowskis Kriegsbuch hat keine Komposition; seine Form liegt nicht in der Darstellung sondern liegt vorher im Erfahrenen, im Wahrgenommenen selber. In ihnen ist die neue Disziplin erstaunlich. Gewöhnlich wollen autobiographische Aufzeichnungen einen mehr oder weniger hohen Begriff von der Wirksamkeit ihres Autors geben. Anders bei Schklowski. Als Kommissar der provisorischen Regierung von Kerenski kam er an die Front, um die Truppen zum Widerstand zu bewegen, hatte dann monatelang in Persien den Rückzug der Armee in seine Bahn zu leiten, setzt in Pogromen für die Perser sein Leben ein, zieht vor Cherson auf Patrouille gegen die Weißen und geht zu guter Letzt, wie mans ihm prophezeit hat, bei einem Sprengversuche in die Luft. Und er sagt sich, in alledem, wo keiner wirken konnte, nichts gewirkt zu haben. »Ich ging wie eine Nadel ohne Faden durch das Gewebe.« Das Genie seiner Beobachtung kommt aus der tiefsten skeptischen Besonnenheit, aus einer Selbstkontrolle ohne alle Eitelkeit. Und wenn er recht hat und die Energie, der Mut, die Liebe, die er dem Chaos gegenüber einsetzt, nichts gewirkt haben, so ist die klare, überzeugte Geste dieses Mannes sein Buch: eine unvergeßliche Geste voll rücksichtsloser Trauer und voll herrischer Zartheit. Um es mit einem Worte auszusprechen: den Geist des dix-huitième siècle atmet dies Buch. Es liest sich in seiner französischen Übersetzung vielleicht deshalb so gut, weil es der männlichen, der passionierten Skepsis der großen Revolutionäre so nahe ist, die 1792 in den Kellern der Conciergerie saßen. Man sieht vor sich, wie leer die Zimmer waren, in denen dieses Buch geschrieben wurde. Aus dem pragmatischen Bericht von Fakten heben sich Anekdoten so heraus wie aus den Texten eines Xenophon. Sie sind mehr als ein Dokument dieser Vorgänge: sie sagen, was für Menschen sich in ihnen formen. Es sind Menschen, die alle Arten des Duldens, die stoische und die epikuräische, die christliche, die aufgeklärte und die zynische zum eigensten Gebrauche neu entdecken mußten. Vielleicht heißt darum diese Reise durch das Rußland der Schreckensjahre die »sentimentale«. Und sicher konnte nur ein solches Wort, das seine Kraft in zwei Jahrhunderten gesammelt hat, den Titel dieses Buches abgeben. Es ist so schnell wie möglich deutsch herauszubringen.

Freuen wir uns, daß es übersetzbar ist. Und daß wir Polgar Alfred Polgar, Ich bin Zeuge. Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1928. XVI, 288 S. im Deutschen besitzen. Denn was in Übersetzung von ihm bleiben würde, ergäbe nicht den mindesten Begriff von seiner Kunst, wenn schon noch immer einen klaren von ihrem Ursprung. Der liegt nämlich nicht in seinem bezaubernden Können oder der blendenden Leichtigkeit, sondern in der Gerechtigkeit, einer, die umso schwermutvoller ist, je mehr aller Fanatismus ihr fern bleibt. Wäre die Philosophie der Kunst weniger von ästhetischen Floskeln überwuchert als es seit 50 Jahren der Fall ist, man könnte sichrer auf ein Verständnis für diesen einfachen, gewichtigen Tatbestand rechnen: daß aller Humor in Gerechtigkeit seinen Ursprung hat. Freilich in einer, die den Menschen nicht wichtig nimmt, sondern die Sachen, sodaß ihr die sittliche Ordnung statt als Gesinnung oder als Handlung in einer rechten, geglückten Verfassung der Welt oder vielmehr im nicht minder entscheidenden Aufbau des einzelnen Falles – des Zufalls – erscheint. »Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram / Daß ich zur Welt, sie einzurenken, kam« – um dieses Leid weiß jeder echte Bajazzo, auch dieser Wiener. Nur weil eben der Humor die Dinge – nicht aber dieses Aussichtslose: die Menschen – ins Lot zu bringen sich vorsetzt, sieht er scheel, mißtrauisch auf deren sittliches Pathos. Daher Polgars moralische Skepsis, die Ironie, die nur die Außenseite von jenem Takt ist, den die strengen, zarten, gesichtslosen Dinge verlangen. Der ist ein andrer als der Kavalierstakt: der revolutionäre, der je und je aus dem Volk kommt und der aus seiner Wiener Tradition, aus Abraham a Santa Clara, Stranitzky, Nestroy hier wieder frei wird. Aus ihm versteht man erst ganz und gar die schöne Bescheidenheit dieses Autors. Auch sie keine private Haltung sondern verantwortliches, in Form gebanntes Verhalten. Und zwar in jene »Kleine Form«, die Glosse, von der es einmal bei Polgar heißt: »Ich nehme meine Arbeit ernst ... aber ich nehme sie nicht wichtig; zumindest nicht für die andern. Und das mache ich als Tugend geltend, als Qualifikation zum Schriftsteller.« Denn: »Das Leben ist zu kurz für lange Literatur, zu flüchtig für verweilendes Schildern und Betrachten, zu psychopathisch für Psychologie, zu romanhaft für Romane, zu rasch verfallen der Gärung und Zersetzung, als daß es sich in langen und breiten Büchern lang und breit bewahren ließe.« Und endlich: »Ich halte episodische Kürze für durchaus angemessen der Rolle, die heute der Schriftstellerei zukommt.«

Daß aber diese Rolle so wenig von dem klassischen Text, der Sprache der Gerechtigkeit und Wahrheit beibehielt, die einst im Drama europäischer Geschichte der Literatur war anvertraut worden (so wenig, daß sie zu den großen Spaßmachern und Aufrührern sich hat flüchten müssen), davon handelt in seinem neuesten Buche Julien Benda, La trahison des clercs. Paris: Bernard Grasset 1927. 308 S. der französische Literat Julien Benda. Und zwar beschäftigt er sich mit der Stellung, die im Laufe der letzten Jahrzehnte die Intellektuellen zur Politik einzunehmen begannen. Benda behauptet: Von jeher ist, seitdem es Intellektuelle gibt, ihr weltgeschichtliches Amt gewesen, die allgemeinen und abstrakten Menschheitswerte: Freiheit und Recht und Menschlichkeit zu lehren und die Hierarchie der Werte zu künden. Und nun begannen sie mit Maurras und Péguy, mit d'Annunzio und Marinetti, mit Kipling und Conan Doyle, mit Rudolf Borchardt und Spengler die Güter zu verraten, zu deren Wächter Jahrtausende sie bestellt haben. Zweierlei bezeichnet die neue Wendung. Einmal die beispiellose Aktualität, die das Politische für die Literaten bekommen hat. Politisierende Romanciers, politisierende Lyriker, politisierende Historiker, politisierende Rezensenten, politisierende Metaphysiker wohin man blickt. – Aber nicht nur die politische Leidenschaft selbst ist hier das Unglaubwürdige, Unerhörte. Befremdender, unheilvoller erscheint sie, erfährt man den Inhalt ihrer Entscheidung, die Parolen einer Intelligenz, die die Sache der Nationen gegen die Menschheit, der Parteien gegen das Recht, der Macht gegen den Geist führt. Wenn so der Literat die politischen Aspirationen des Augenblicks zu seinen eigenen macht, bringt er ihnen, ist er Künstler, den ungeheueren Zuwachs seiner Phantasie, ist er Denker, den seiner Logik, und sein moralisches Prestige in beiden Fällen. Vielleicht liegt darin das Entscheidende. Denn die bitteren Notwendigkeiten des Wirklichen, die Maximen der Realpolitik sind auch früher schon von den »clercs« vertreten worden, aber mit dem Pathos der sittlichen Vorschrift hat nicht einmal ein Machiavell sie hinstellen wollen. – Diese politische Streitschrift gewinnt ihre besondere Intensität dadurch, daß sie die Gedankenwelt ihrer Gegner mit einer Folgerichtigkeit und Schärfe darlegt, die deren ursprüngliche eigene weit übertrifft. Die souveräne Gruppierung aller ihm widerstrebenden Lehren durch dieses Buch ist freilich Grund nicht nur für die Annehmlichkeit seiner Lektüre und jenen aufsehenerregenden Erfolg, der beim Erscheinen einer Übersetzung gewiß auch hierher übergreifen würde, sondern auch für seine augenfälligste Schwäche. In der Tat, es fehlt diesem großartigen polemischen Gedankenzuge jedwede Gegenströmung, und die Exposition der heutigen Lage ist zu klar, zu drastisch, zu blendend, um so unmittelbar, wie Benda es glaubt, zu deren Abfertigung zu führen. Er erkennt zwar ganz gut, daß das unwiderstehlichste Motiv der von ihm denunzierten Gesinnung in dem Entschluß der Intelligenz liegt, aus dem Stadium der ewigen Diskussionen heraus und um jeden Preis zur Entscheidung zu kommen. Aber den grimmigen Ernst dieser Haltung versteht er ebensowenig wie ihren Zusammenhang mit der Krisis der Wissenschaft, der Erschütterung des Dogmas einer »voraussetzungslosen« Forschung, und er scheint nicht zu sehen, wie die Verhaftung der Intelligenz an die politischen Vorurteile der Klassen und Völker nur ein meist unheilvoller, meist zu kurz gegriffener Versuch ist, aus den idealistischen Abstraktionen heraus und der Wirklichkeit wieder nah, ja näher als je auf den Leib zu rücken. Gewalttätig und krampfhaft genug fiel diese Begegnung denn freilich aus. Statt aber ihr beherrschtere, gemäßere Formen zu suchen, sie rückgängig machen, den Literaten wieder der Klausur des utopischen Idealismus überantworten wollen, das verrät – darüber kann auch die Berufung auf die Ideale der Demokratie nicht täuschen – eine streng reaktionäre Geistesverfassung. Man kann Benda sonst den Vorwurf nicht machen, er suche sie zu vertuschen. Die These, die er seinem Buch zugrunde legt, behauptet eine doppelte Moral in aller Form: die der Gewalt für die Staaten und Völker, die des christlichen Humanismus für die Intelligenz. Und er beklagt viel weniger, daß die christlich humanitären Normen keinen entscheidenden Einfluß auf das Weltgeschehen üben, als daß sie sich mehr und mehr dieses Anspruchs begeben, weil die Intelligenz zur Partei der Macht überging. Hier aber, wo man ein Recht hat zu hören, wie der Verfasser Rede stehen würde und wie er seinen paradoxen Satz vertritt, werden die logischen Konturen unscharf. Ist nicht das alles schon vor Jahrtausenden ausgesprochen worden? »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.« Und was hat es der Welt geholfen? Dazu kommt, daß Benda den Katholizismus, der ihm diese Grundhaltung vorschreibt, vielleicht absichtlich mehr zurückstellt als in früheren Schriften. Dies gesagt, muß man die Virtuosität bewundern, mit der er sich im Vordergrunde der Probleme hält und, um nur eines zu erwähnen, wortlos am Kommunismus vorübergeht, der die Politisierung der Intelligenz in weit größerem Format und auf viel weniger anfechtbare Art, als die Bourgeoisie tat, vollzogen hat. Der Untergang der freien Intelligenz ist eben wenn nicht allein so doch entscheidend wirtschaftlich bedingt. Und wenn in Frankreich ihre repräsentativsten Geister den Anschluß an die extremen Nationalisten, in Deutschland aber an die linksradikalen gewonnen haben, so hängt das nicht nur mit nationalen Unterschieden sondern auch mit dem wirtschaftlich etwas widerstandsfähigeren Kleinbürgertum Frankreichs zusammen.

Diese Bücher, jedes beherzt und tüchtig auf seine Art, haben miteinander das beste gemein: eine illusionslose Anschauung europäischer Dinge. Ihre Perspektive auf Zeit und Welt ist in sich selber finster genug und stellt man sie zusammen so beschatten sie noch einander. Dem sei wie ihm wolle: einen denkenden Leser lehren sie mehr als die verdächtigen Fernblicke auf eine europäische Kultur, von welcher nicht viel mehr heut abzusehen oder wirklich ist als ihre namenlose Gefährdung.

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