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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 30
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Pierre Girard, Connaissez mieux le cœur des femmes.

Paris: Simon Kra (1927). VIII, 168 S. (Collection européenne. 27.)

Das Komische ist wie eine Pflanze, die im Flachland überall vorkommt, je höher man aber in der geistigen Landschaft hinaufsteigt desto seltener wird, um dafür tiefere Farben und charaktervollere Formen anzunehmen. Alle europäischen Literaturen sind an Komischem dieser höheren Regionen arm, und jedes Werk, das es einbringt, ist sozusagen ein Geschenk an Europa. Und es ist angenehm zu denken, daß ein Buch, in dem solch seltenes Exemplar der Gattung gepreßt ist, wie andere europäische Geschenke (wir meinen aber das Asylrecht, nicht den Völkerbund!) aus der Schweiz kommt. Das Unbeschwerte, Heitere in ihrem Schrifttum ist nicht so häufig, daß es nicht eine freundliche Überraschung wäre. Es gibt zur Zeit nur zwei schweizerdeutsche Autoren, bei denen man sich deren immer wieder zu versehen hat. Das sind Robert Walser und Pierre Girard. Walsers Humor liegt das Verschachtelte, Spröde des schweizerdeutschen Charakters zu Grunde. Bei Girard dagegen handelt es sich um eine Emanzipation französischer Anmut von romanischen Formen und Konventionen. Bei Walser kommt ein geschwätziger Tiefsinn zu Tage, der an alte Schnurren und Scherze wie die Lügenmärchen erinnert; Girard drängt zu einer moralisch didaktischen Fabelwelt, die keine andere ist als die der schönsten contes de fées. Der »Prinz Liebling« seiner neuen Geschichte ist ein Genfer Bürgersöhnchen, das man im Zustand der Verzauberung unter der Hörigkeit der bösen Feen »Schüchternheit« und »Bravheit« kennen lernt. Man nimmt an allen Mißgeschicken seiner Liebe teil, will auch die Hoffnung aufs Entzaubertwerden bis zur letzten Seite nicht aufgeben. Da läßt ihn denn freilich der Autor im Stich. Und dieser Augenblick – da es aufhört – ist der einzig unangenehme des Buches. Ein Märchen, selbst ein didaktisches, das traurig ausgeht, will man nicht recht wahr haben. Man erhofft sich, und nicht darum allein, eine Fortsetzung dieses charmanten, liebenswerten Buches.

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