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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 26
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ramon Gomez de la Serna, Le cirque.

Paris: Simon Kra 1927. 214 S.

Die Krisis des europäischen Theaters rückt alle außertheatralischen Formen des Schauspiels in neue Beleuchtung. Eine große Literatur über den Zirkus gab es längst; sie war aber Fachliteratur, wollte nur ihrem Gegenstand dienen und legte weniger Wert darauf, für ihn zu werben. Seit einigen Jahren hat sich das geändert. Der Zirkus wurde erforscht; man suchte nach dem großen Kunstgriff, der aus dem billigsten volkstümlichen Amüsement etwas gemacht hat, was unerschüttert wie Römerbauten durch die Jahrhunderte dauerte. Man interessierte sich für die wirklichen, die nicht gespielten Dinge, die im Inneren einer Arena, der ältesten Form, in der je Publikum ist angeordnet worden, vor sich gingen. Man sah auch die sinnliche Atmosphäre des Zirkus seit Seurat und Picasso mit neuen Augen. Der spanische Romancier Gomez de la Serna hat ein Buch mit Notizen über den Zirkus erscheinen lassen, das dies erneuerte Interesse dokumentarisch bezeugt, aber auch dessen Herkunft aus der prekären Situation der Massen, ihrer verminderten Todesfurcht, ihrer zunehmenden Skepsis gegen Anstalten der Vergeistigung und der Verdummung sehr deutlich macht. Weiter ist dieses Buch deshalb sympathisch, weil es – ein außerordentlich seltener Fall – keinen Schritt über die Einsicht des Autors hinausgeht. Es ist daher kein Traktat über den Zirkus als »Symbol« neueren Lebensgefühls, sondern eine Notizensammlung geworden, die der Wirklichkeit allerdings etwas knapp wie dem Clown sein Frack sitzt. Liebhaber der Psychologie gehen hier selbstverständlich leer aus. Im Zirkus muß ja selbst dem Borniertesten aufgehen, um wie viel näher am Wesentlichen, wenn man will am Wunder, gewisse physische Leistungen stehen als die Phänomene der Innerlichkeit, die manchmal nur die banale Erscheinungsform sind, die solche Innervationen in den Augen des Idealisten besitzen. Es ist also ganz sachgemäß, daß Serna seine Aufmerksamkeit unter die Nummern einer Zirkusvorstellung aufgeteilt hat und sein Buch Kapitel über Magnetiseure, Illusionisten, Schlangenmenschen, Amazonen u. s. w. enthält. Es geht aber noch weit besser ins Einzelne. Über das Küchengeschirr und den Garderobenständer des Zauberers, die Matte, auf der der Elephant sich die Füße abtritt, die Schemel, Pyramidenstümpfe und Tonnen, die von dressierten Tieren bestiegen werden, die samtverbrämte Polsterung, auf welche die Athletin während ihrer Nummer sich bettet, kurz über das gesamte Inventar des Zirkus sagen seine Notizen das Wichtigste: nämlich wie sehr es unserer Phantasie vertraut, im Grunde abgenutztes Trauminventar ist. Es gibt noch keine geistreiche Konvention, die anleitet, über Dinge des Zirkus zu schwatzen. Sein Publikum ist weit respektvoller als das irgend welcher Theater oder Konzertsäle. Das hängt damit zusammen, daß im Zirkus die Wirklichkeit das Wort hat, nicht der Schein. Es ist immer noch eher denkbar, daß während Hamlet den Polonius totsticht, ein Herr im Publikum den Nachbar um das Programm bittet als während der Akrobat von der Kuppel den doppelten Salto mortale macht. Eben deshalb ist freilich das Zirkuspublikum im Ganzen auch das unselbständigste: in alle Schranken gepferchtes Kleinbürgertum, das selbst als Artist, als Clown oder Kunstreiterin diese Schranken nur jeweils auf Stunden, um sie mit denen der Manege zu vertauschen, verläßt. Der Zirkus ist vielleicht ein soziologischer Naturschutzpark, in dem das Ineinanderspiel einer Herrenkaste von Pferdezüchtern und Dompteuren mit einem gefügigen Proletariat, der plebs der Clowns und der Stalljungen noch ohne Mißton, ohne revolutionäres Grollen sich vollzieht. Er ist ein (etwas unheimlicher) Ort des Klassenfriedens. Aber er ist auch ein Ort des Friedens in anderm Sinne: mit Recht hat Serna in einer berühmten Rede, die er in einem Mailänder Zirkus, vom Trapez herab, hielt, gesagt, der wahre Völkerfriede werde einst in einem großen Zirkus besiegelt werden. Mir scheint, es gibt nur zwei Professionen, die von Natur aus Vertraute des Friedens sind, und gar nicht die, von denen man es denken sollte. Nicht die sehr zweifelhaften barmherzigen Schwestern (die schließlich auf den Krieg, nur anders als die Generale, warten) noch auch die Pazifisten (die von Kriegsgefahr, nur anders als die Rüstungslieferanten, leben) sondern die Mathematiker und die Clowns: die Meister des abstrakten Denkens und der abstrakten Physis. Der Frieden, der von ihren Unterschriften garantiert wäre, wäre der einzige, dem ich vertrauen würde. Dieser im großen Zirkus besiegelte Friede wäre auch Friede im Zeichen der Tierwelt, die das Patronat über die Menschheit genommen hat. Denn das ist ja das Geheimnis des besonderen Gefühls, mit dem ein jeder den Zirkus betritt: Im Zirkus ist der Mensch ein Gast des Tierreichs. Die Tiere stehen doch nur scheinbar unter der Botmäßigkeit des Dompteurs, die Kunststücke, die sie machen, sind ihre Art den jüngeren Bruder zu unterhalten und zu zerstreuen, da sie ja Besseres mit ihm nicht anfangen können. Die Zirkusleute haben von ihnen gelernt. Wie Vögel von Ast zu Ast, so fliegen von Trapez zu Trapez Akrobaten, die Hände des Zauberers schießen durch den Raum wie zwei Wiesel, als Schmetterling läßt auf den Pferderücken die Schulreiterin sich nieder, der dumme August schnuppert wie ein Tapir sich durch den Sand der Manege und nur der Stallmeister mit der Peitsche fällt als der Herr der Schöpfung aus dem anarchischen Tierparadiese heraus. Wie sie so ist im Zirkus auch alles andere bis in die Umgänge, Passagen, Tore hinein von animalischem Leben erfüllt. In den Pausen drängt sich das Publikum zum Büffet, denn nichts macht Appetit wie ein Abend im Zirkus.

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